Die Antwort Jesu auf die Jüngerfrage (33). Das Nichtwissen des Zeitpunktes der Parusie durch den Sohn, d. i. den Menschensohn oder den Gottessohn (34) keine Instanz gegen die Allwissenheit, bezw. Konsubstanzialität des Gottessohnes (35—36). Keine Verurteilung der Ehe, sondern nur der geschlechtlichen Unenthaltsamkeit (37). Allegorische Deutungen von Judäa, Berge (38—39), Dach (40), Hausgeräte (41—42), Acker (43), Rock (44), Rückwärtsblicken (45). Der Antichrist Finsternis, Christus ein aufleuchtender Blitz (46). Die Vergeltung Gottes nach Verdienst, die Bewertung des Verdienstes nach der Intention (47). Die zwei mahlenden Frauen (Luk. 17, 35) die Synagoge und die Kirche, bezw. die sündhafte und die tugendhafte Seele; die Mühle diese Welt (48). Die zwei Arbeiter auf dem Felde der geistige und fleischliche Sinn des Menschen, entsprechend dem zweifachen Gesetz in uns (49—51), oder aber das zweifache, d. i. gläubige und ungläubige Volk in der Welt (52—53). „Wo ein Leib (Leichnam) ist, werden sich die Adler versammeln“: allegorisch-mystische Reflexionen (54—56).
§ 33
"Wer in jener Stunde auf dem Dache ist und seine Gerätschaften im Hause hat, steige nicht hinab, sie zu holen, und wer auf dem Felde ist, kehre ebenfalls nicht zurück Gedenkt an Lots Weib
Auf die Frage der Jünger, “Wann das Reich Gottes komme”, antwortete der Herr: “Das Reich Gottes ist in euch” - auf Grund der Wahrheit der Gnade, nicht der Knechtschaft der Schuld. Wer darum frei sein will, sei Knecht im Herrn!. Denn wofür wir uns als Knechte entscheiden, darnach entscheidet sich auch unsere Reichszugehörigkeit. “Das Reich Gottes ist in euch” lautete seine Antwort: wann es aber käme, das wollte er nicht sagen, sondern versicherte nur, daß der Tag des Gerichtes kommen werde, um allen Furcht vor dem bevorstehenden Gerichte einzuflößen, niemanden über dessen Aufschub in Sicherheit einzuwiegen.
§ 34
Um nicht den Schein zu erwecken, die Jünger betrüben zu wollen, wenn er ihnen etwas abschlüge, beteuerte er in einem anderen Buch: „Über den Tag aber und die Stunde hat niemand Kenntnis, weder die Engel des Himmels, noch der Sohn“. Sinnig gebraucht er den zweideutigen Ausdruck ‘Sohn’; denn der Menschensohn ist derselbe wie der Gottessohn. Wir können folglich unseres Erachtens den Ausdruck im Sinn von Menschensohn verstehen: er weiß das Ende der Zeiten nicht kraft seiner menschlichen Natur, sondern kraft seiner göttlichen Natur. Doch verstößt es auch nicht wider den Glauben, den Sohn Gottes darunter zu verstehen; denn was gäbe es, das der gütige Vater dem Sohn verheimlichen würde, dem er alles gegeben hat?. Oder wie sollte er ihm nicht auch die Kenntnis von der Zeit [des Gerichtes] gegeben haben, nachdem er ihm auch die Gewalt über eben das Gericht gegeben hat?. Wie aber könnte der Sohn etwas nicht wissen, was der Vater weiß, nachdem doch der Sohn im Vater ist und der Geist selbst die Tiefen der Gottheit erforscht?. Ist doch eben der Sohn die Tiefe der Schätze der Weisheit und der Erkenntnis Gottes. Warum er jedoch das nicht offenbaren will, zeigt er an einer anderen Stelle: „Es steht euch nicht zu Zeit und Jahr zu wissen, welche der Vater in seiner Macht festgesetzt hat“
§ 35
Seht ihr, wohin einer, welcher der Trinität die Einheit der Macht abspricht, hinauskommt? Daß es etwas gebe, was der Sohn nicht weiß. Wie könnte denn der Vater dem eigenen Sohn etwas verheimlichen? Entweder nämlich wollen wir aus Neid anderen, was wir wissen, nicht mitteilen, oder aber in der Absicht, uns nicht etwa zu verraten: doch weder der Verdacht des Neides noch des Verrates kann auf den Vater fallen. E i n e Kenntnis teilen sie sonach, wie sie nur e i n e Macht teilen. Er, der ferner die Zeichen des künftigen Gerichtes kannte, kannte wahrlich doch auch das Ende.
§ 36
Was könnte es denn geben, das jener nicht wüßte, der wie ein Blitz aufleuchtet, insofern nämlich das Licht, Gottes Sohn, das Innere des himmlischen Geheimnisses aufhellt. „In jener Stunde“ spricht er. Also selbst die Stunde kennt er; doch er kennt sie nur für sich, er weiß sie nicht für mich. Zutreffend aber hebt er hervor, es habe der Grund der Sintflut und des Feuerregens und des Gerichtes in unseren Sünden bestanden; denn Gott hat das Übel nicht erschaffen, sondern unsere Mißverdienste haben es sich heraufbeschworen; denn „sie aßen und tranken, sie führten Frauen heim und nahmen sich zur Ehe“.
§ 37
Nicht als ob die Ehen damit verurteilt würden - denn auch die Speisen werden nicht verurteilt: jene bedingen die Fortpflanzung, diese den Fortbestand der Natur, indem man sonst von dieser Welt scheiden müßte -, sondern nur Maßhalten wird bei allem gefordert: „alles aber, was darüber hinausgeht, ist vom Bösen“. Es soll „eine Einwilligung [zur Enthaltsamkeit] auf eine Zeit statthaben, damit wir uns dem Gebete widmen“; es soll mitten in den weltlichen Sorgen und im Rausche der Unenthaltsamkeit eine Enthaltsamkeit aus religiösem Motiv, ein Ausruhen im Interesse der Keuschheit geben.
§ 38
Weil es nun notwendig ist, daß wegen der Ruchlosen die Rechtschaffenen in dieser Welt Bedrängnis des Herzens und des Geistes erleiden, werden sie, um desto reichlicheren Lohn in der Zukunft ernten zu können, durch Heilmittel hierzu angeleitet: „Die in Judäa sind, sollen auf die Berge fliehen“. Wer ist dieses Judäa? Ich kenne nämlich noch ein weiteres Judäa im geistigen, nicht buchstäblichen Sinn; denn „bekannt ist in Judäa Gott“. Welches aber sind diese Berge, die den Sturm des künftigen Gerichtes aufhalten können, da doch geschrieben steht: „Wird aber Beben die Berge überkommen“?. „Himmel und Erde werden vergehen“; wie soll ein Bestandteil der Erde unversehrt bestehen bleiben oder mich schützen können, nachdem er sich selbst den Fortbestand nicht sichern kann? Wo sollte ich mich denn vor dem Zorne dessen verbergen, der „den Grund des Meeres aufregt“?. „Stiege ich zum Himmel, bist Du dort; stiege ich zur Unterwelt, bist Du da“. Vor dem Allgegenwärtigen kann es sonach kein Entrinnen, sondern nur ein Versöhnen geben.
§ 39
Der Tag des Gerichtes steht bevor. Willst du von ihm nicht überrascht werden, fürchte täglich, flieh täglich! Du fragst: wohin? „Steig auf den Berg, der du Sion Frohbotschaft verkündest“, um auf dem ragenden Gipfel erhabener Verdienste zu stehen! Denn „ein Gott der Berge ist er, nicht ein Gott der Täler“. Steig dorthin empor, wo Christus zur Rechten Gottes thront, „dessen Grundfesten auf heiligen Bergen sind“ und „in dessen Umkreis rings Berge ragen!“. Dein Berg ist Paulus, dein Berg ist Petrus. Auf ihres Glaubens Höhe sollst du den Wandel deines Geistes lenken! Solche, die im Gesetze Gottes und im Erbe des Glaubens feststehen, überrascht der Gerichtstag nicht zur Strafe, sondern zur Verherrlichung.
§ 40
Ebenso soll einer, wenn er auf dem Dache sich befindet, d.i. bereits zum Obergemach seines Hauses, zum Gipfelpunkt hervorragender Tugenden, emporgestiegen ist, nicht ins irdische Treiben dieser Welt zurücksinken. Ich kenne nämlich ein Dach, auf welchem Rachab, typisch die bekannte Hure, mystisch die durch die Gemeinschaft der Sakramente dem Heidenvolke angetraute Kirche, die Kundschafter, die Jesus [Josua] abordnete, verbarg. Wären diese in die unteren Räume des Hauses hinabgestiegen, würden sie von den Häschern, die zu ihrer Ergreifung ausgesendet waren, den Tod gefunden haben. Das Dach bedeutet sonach das Wirken eines erhabenen Geistes, das Höhenstreben der Seele, durch welches die Blöße und Schwäche des Leibes verdeckt wird. Deshalb dünkt mir auch jener Gelähmte, der von vier jungen Männern durch das Dach hinabgelassen wurde, ein Heiliger zu sein, weil er sich mit Hilfe der vier Tugenden, der Klugheit, der Stärke, der Enthaltsamkeit und der Gerechtigkeit wie von erhabenem Beweggrund ausgehend zu den Füßen Christi niederwarf; denn nichts ist erhabener als die Demut. Über alles erhaben, kennt sie kein Streben über sich hinaus; denn niemand strebt nach dem, was, wie er sich sagen muß, unter ihm steht.
§ 41
Doch weil wir beim Gerichte weilen, wollen wir vom Dache nicht fortgehen, daß wir nicht, während wir die Geräte im Hause fortzuraffen trachten, festgenommen werden. Nicht nämlich in jedem Hause gibt es goldene und silberne Geräte, sondern in den meisten gibt es nur solche von Holz. Und nicht jedes Haus ist voll eingerichtet, denn es gibt auch leere Häuser. Solche kannte der Prophet, der deshalb die Frage aufwarf: „Was ist dir jetzt geschehen, daß du hinaufstiegst auf leere Häuser? Voll von Lautklagenden ist die Stadt“.Und er fügt hinzu: „Alle deine Fürsten flohen“, die nur immer in dir verwundet wurden und vom Glauben zum Unglauben abfielen. Ein Verwundeter ist Sabellius, ein Verwundeter ist Valentonus, ein Verwundeter ist Arius; denn in einem leeren Hause sind sie betroffen worden.
§ 42
Willst du ein volles Haus sehen? Folge dem Petrus! Da ihn hungerte, stieg er in das Obergemach des Hauses hinauf. Hier erkannte er das Geheimnis der Kirche, die gesammelt werden sollte, so daß er das Heidenvolk nicht mehr für unrein hielt, nachdem der Glaube es von jeder Makel reinigen konnte. Die Gefäße aber sind aus Lehm; folglich bedeutet das Gefäß den Leib. Hüte dich daher im Verlangen nach dem Fleischlichen vom hehren Streben des Geistes zu lassen! Wenn ein Petrus das Geheimnis nicht empfing, solange er unten im Niedrigen weilte, wie wirst du es empfangen? Er aber empfing es, weil er emporstieg, so daß er den Herrn verkündete, vor dem leiblichen Martertod nicht bangte.
§ 43
„Wer also auf dem Dache ist, steige nicht herab, und wer auf dem Felde ist, kehre nicht zurück!“ Wie sollte ich wissen, was das Feld bedeutet, wenn nicht Jesus selbst mich darüber belehrte mit den Worten: „Niemand, der die Hand an den Pflug legt und zurücksieht, ist tauglich für das Himmelreich“?. Der Müßige sitzt zu Hause, der Arbeitsame sät auf dem Felde; der Schwächling sitzt hinter dem Ofen, der Starke steht am Pflug. Wohlgeruch ist der Geruch eines Feldes; denn „der Geruch Jakobs ist der Geruch eines vollen Feldes“. Das Feld ist voll Blumen, ist voll mannigfacher Früchte. So ackere denn dein Feld, willst du für das Reich Gottes bestimmt sein! Es erblühe dir die fruchtreiche Ernte guter Verdienste! Es strotze „der fruchtbare Weinstock an den Wänden deines Hauses und die Sprossen des Ölbaumes rings um deinen Tisch!“. Es spreche deine Seele zu Christus, ihres Fruchtsegens bereits sich bewußt, von Gottes Wort gepflanzt und desgleichen mit geistiger Hege- und Pflegearbeit bebaut: „Komm, mein Bruder, wir wollen hinausgehen aufs Feld!“. Er mag erwidern: „Ich bin in meinen Garten gegangen, meine Schwester-Braut, ich las meine Myrrhe“. Denn welche bessere Lese gäbe es als die Glaubenslese, bei welcher die Erntefrucht der Auferstehung geborgen, bei welcher der sprudelnde Quell ewiger Freude erschlossen wird?
§ 44
Wenn dir nun schon verwehrt wird zurückzusehen, viel mehr noch wird dir verwehrt zurückzugehen und den Rock zu holen!. Du hast nämlich vernommen, wie du dem, der den Rock von dir verlangt, auch noch den Mantel lassen sollst: verlange denn für das Reich Gottes bestimmt, nicht Reichtum und Vermögen! Noch von einem anderen Rock steht, wie ich weiß, geschrieben. Auf ihn bezieht sich die Mahnung des Apostels, wir sollten „den alten Menschen mit seinem Tun ausziehen“ und, mit dem neuen angetan, nicht nach dem Rock der vorausgehenden Verirrung verlangen. Darum auch die Frage jener [Braut des Hohen Liedes]: „Ich habe die Nacht meinen Rock ausgezogen, wie sollte ich ihn anziehen?“. Du mußt nämlich nicht bloß den Sünden wiedersagen, sondern auch jede Erinnerung an das frühere Handeln unterdrücken. So hat denn auch Paulus „des Früheren vergessend“ die Schuld abgelegt, die Buße nicht unterlassen.
§ 45
Daher des Herrn Warnung: „Denket an Lots Weib“, die deshalb, weil sie hinter sich blickte, die Ausstattung ihrer Natur verlor!. Denn hinten steht Satan, hinten Sodoma. Flieh darum die Unmäßigkeit, meide die Völlerei! Und damit du dich überzeugst, daß nicht alle auf den Berg zu fliehen Vermögen, so erinnere dich, wie jener [Lot], der sich nicht mehr dem alten Sinnen und Trachten zuwandte - er hatte nämlich früher Sodoma erkoren - nur deshalb glücklich entkam, weil er den Berg erreichte; jene [Lots Frau], welche durch das Zurückblicken auf das, was hinter ihr lag, an Kraft erlahmte, selbst mit Hilfe des Gemahls den Berg nicht erreichen konnte, sondern zurückblieb.
§ 46
„In jener Nacht werden zwei auf einem Lager sein: der eine wird angenommen und der andere zurückgelassen werden“. Zutreffend heißt es ‘Nacht’; denn der Antichrist ist die Stunde der Finsternis; er gießt nämlich Finsternis über die Herzen der Menschen aus, da er sich für Christus ausgibt, während Falschpropheten aufstehen, welche bald behaupten, Jesus weile in der Wüste, bald - um mit dem irreführenden, unbestimmten Meinungen zu täuschen - [er weile] in den Gemächern, so daß jene, die es hören, durch den von ungewöhnlichem Machtglanz überstrahlten Namen sich berücken lassen. Christus aber gießt „wie ein aufleuchtender Blitz“ die Strahlengarben seines Lichtes über die ganze Welt aus und irrt darum weder in der Wüste noch schließt er sich in irgendwelche Räume; denn „Himmel und Erde erfülle Ich, spricht der Herr“. Vielmehr strahlt er im Lichte seines Glanzes, so daß wir in jener Nacht die Herrlichkeit der Auferstehung schauen können.
§ 47
“Was nun will es bedeuten, wenn die Rede ist von”zwei in einem Bett“, von”zwei beim Mahlen“, von”zwei auf dem Felde: der eine wird angenommen, der andere zurückgelassen"?
Ist etwa Gott ungerecht, daß er bei der Vergeltung der Verdienste zwischen zweien unterscheidet, welche die gleiche Strebsamkeit und Lebensgemeinschaft verbunden, dieselbe unterschiedliche Beschaffenheit des Handelns geeint hat? Nicht also ist’s, sondern die Art der Vergeltung richtet sich nach den menschlichen Handlungen. Die tatsächliche Lebensgemeinschaft schafft noch nicht gleiche Verdienste; denn es wird sowohl der Vater wider den Sohn, wie der Sohn wider den Vater aus religiösem Eifer sich erheben. Nicht alle nämlich führen zu Ende, was sie beginnen; wer vielmehr “bis ans Ende ausharrt, der wird selig werden”. Ferner sodann sieht der Herr nicht auf den äußeren Dienst, sondern auf die innere Gesinnung; denn wenn du recht opfern und nicht recht austeilen würdest, wäre das Opfer dem Herrn nicht genehm. So wird denn von dem einen Lager weg - es bedeutet das Lager die menschliche Schwachheit; denn geschrieben steht: “Sein ganzes Lager wandelst du in seiner Schwachheit” - der eine zurückgelassen, der andere aufgenommen. Wer aufgenommen wird, wird “Christo entgegen in die Luft entrückt”, wer aber zurückbleibt, wird verworfen.
§ 48
„Zwei beim Mahlen in der Mühle“. Der Sinn zwar ist folgender: es scheinen damit solche bezeichnet zu werden, die insgeheim Nahrungsmittel sich verschaffen und aus der Verborgenheit an die Öffentlichkeit bringen. Dennoch bleibt zu untersuchen, was diese Frauen mahlen: ob nicht dies, was wir bei Jesaias lesen: „Wenn ihr Feinmehl herbeibringt, ist es umsonst“. Laßt uns denn prüfen, wer die mahlenden Frauen sind, was sie mahlen, oder was die Mühle bedeutet! Vielleicht bedeutet die Mühle diese Welt. In ihr begegnet uns, wie ich noch passender glaube, das Bild des menschlichen Leibes wieder; in ihr ist unsere Seele gleichsam wie in einem leiblichen Kerker eingeschlossen, um himmlisches Brot, wenn sie damit vorlieb nimmt, zu bereiten. In dieser Mühle nun vermag die der Sündenschuld verfallene Synagoge, bez. die Seele, wenn sie den mürben, durch schwere Nässe verdorbenen Weizen mahlt, dessen inneren Gehalt nicht von der äußeren Kleie zu sondern und wird darum zurückgelassen werden, weil ihr Mehl kein Gefallen fand. Dagegen aber bringt die durch keine Sündenmakel befleckte Kirche, bez. Seele, die solchen Weizen mahlt, der vom warmen Strahl der ewigen Sonne ausgereift ist, den der Herr nach seinem Willen kleidete und die Engel von jedem Stäubchen Unrat reinigten, nur gutes Feinmehl aus dem Inneren des Menschen Gott dar und macht so ihre Opfergaben ihm genehm.
§ 49
Doch es werden nicht bloß zwei beim Mahlen, sondern auch „zwei bei der Arbeit auf e i n e m Felde sein, nur einer von ihnen aber wird aufgenommen werden“, der gute Sämann, der nicht auf die Wege, sondern in den Acker und den gepflügten Boden gesät hat, auf daß die Erde die in Niedrigkeit eingedeckte, nicht in Hochmut ausgestreute Frucht mit doppeltem Maße wiedergebe. Zurückgelassen hingegen wird der Säer von Lolch, aus welchem nur verderbliches Mehl gewonnen wird. Wer aber diese verschiedenartigen Ackersleute sind, können wir erschließen, wenn wir den Grund beachten, warum der Apostel das Vorhandensein eines zweifachen nous, d.i. eines zweifachen Sinnes, in uns hervorhob: vielleicht nämlich deshalb, weil der eine Sinn dem äußeren Menschen, der vergänglich ist, der andere dem inneren, der durch die Sakramente verjüngt wird, hingegeben ist. Und ersterer, der sich überhebt, „ohne Grund aufgeblasen vom Sinn seines Fleisches und nicht festhaltend am Haupte“, ist deshalb vielleicht so nichtsnutzig, weil er sich über die Beobachtung der Heilsvorschriften unseres Herrn Jesus Christus hinwegsetzt; denn dieser ist das Haupt aller, wie er der Schöpfer aller ist. Der andere ist jener vorzüglichere Sinn, der die Demut liebt, nach der Weisheit strebt, die Barmherzigkeit nicht vergißt. Ein guter Sämann! Denn „er streut aus, gibt den Armen, seine Gerechtigkeit währt in Ewigkeit“. Dieser Sinn ist sonach geistig, jener fleischlich. Denn wie jener ausgeblasenen Herzens sich übergebende, verführerische Geist, nach den Worten des Apostels zu schließen, durch den fleischlichen Sinn aufgebläht wird, so wird desgleichen der heilige durch den geistigen Sinn erneut, wie wir es aus den Worten des nämlichen [Apostels] beweisen können: „Erneuert euch aber im Geiste eures Sinnes!“. Einen zweifachen Sinn also gibt es, wie er dartut: einen, der infolge der Überwältigung durch die Sünde zum fleischlichen Sinn wird; einen anderen, der im Verein mit dem Geiste den Lüsten des Fleisches entsagt.
§ 50
Nicht allein ein zweifacher Sinn, sondern auch ein zweifaches Gesetz ist in uns vorhanden. Über beide gibt uns der Apostel näheren Aufschluß, wenn er spricht: „Denn ich freue mich am Gesetze Gottes dem inneren Menschen nach; ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das dem Gesetze meines Geistes widerstreitet und mich zum Sklaven des Gesetzes der Sünde macht, die in meinen Gliedern ist“. Es gibt sonach ein Gesetz des inneren Menschen, es gibt aber auch ein Gesetz des äußeren Menschen: jenes verbietet die Sünde, dieses verleitet dazu; jenes verdammt die Verirrung, diese verführt hierzu; jenes unterweist den Geist, dieses versucht ihn. Noch zwei andere, stärkere Gesetze, das [Gesetz] Gottes und das der Sünde, herrschen in uns nach dem gleichen Lehrer, der versichert: „Somit diene ich selbst mit dem Geiste dem Gesetze Gottes, mit dem Fleische aber dem Gesetze der Sünde“. Und es geht deutlich daraus hervor, daß die Bezeichnung ‘Geist’ allein den offensichtlichen Gegensatz zu ‘Fleisch’ ausdrückt; denn wenn Paulus betont, er diene mit dem Geiste dem Gesetze Gottes, zeigt er, daß der Geist an sich, ohne Überwältigung durch die Sünde, gut und von Natur so erschaffen ist, daß er der Verirrung widerstehen kann. Läßt er sich nun überwältigen, ist er ein fleischlicher Geist, der den Grund seines Falles nicht in der Natur, sondern im Fleische hat und besiegt, Namen und Eigenart des Siegers annimmt; die Natur hingegen bleibt eine Widersacherin des Fleisches. So dienen wir denn mit dem Geiste Gott, mit dem Fleische der Sünde. Am Besten aber wird der Geist sein, wenn er in Verbindung mit dem Heiligen Geiste wirkt und von der religiösen Pflicht nicht läßt.
§ 51
Das sind also die Arbeiter auf unserem Felde. Der eine erzielt vermöge seines Fleisches gute Frucht, der andere geht ihrer ob seiner Nachlässigkeit verlustig. ‘Blut’ nennt ihn der Gesetzgeber, wenn er beteuert: „Die Seele alles Fleisches ist dessen Blut“. Gar manche beziehen auch dieses Schriftwort hierher: „Du sollst nicht Fleisch im Blut essen!“. Wir, deren Erquickung Gottes Wort sein muß, sollten die von der wunden Seele besudelten fleischlichen Genüsse nicht so sehr als Erquickung denn als Blutschuld betrachten. Es gibt sonach eine Speise der Erquickung, es gibt eine Speise des Blutes; denn wie das Fleisch des Herrn wahrhaft eine Speise ist, so ist sein Blut wahrhaft unser Trank. Laßt uns denn eine gute Speisefrucht aus unseren Werken dem Herrn darbieten, daß er nicht umgekehrt, wenn er kommt und, wie an jenem Feigenbaum, keine Frucht findet, der Frucht unserer Verdienste entraten und so das Erbarmen, das er beabsichtigte, uns abwenden muß, indem er zu jener Seele, die er fruchtleer und blutbesudelt findet, spricht: „Nimmer komme von dir Frucht in Ewigkeit!“. So ist also die „Seele alles Fleisches dessen Blut“. Es gibt aber auch eine vorzüglichere Seele. Von ihr sprach Gott: „Alle Seelen sind mein; wie die Seele des Vaters, so ist auch die Seele des Sohnes mein“.
§ 52
Auch das entgeht mir nicht, daß wir das zweifache Volk darunter verstehen können; denn diese Welt, die so häufig mit einem Ackerfeld verglichen wird, trägt zwei Völker, das der Gläubigen und das nichtgläubige, welche die Vergeltung ihrer Verdienste ernten werden: das eine, das gläubige, soll aufgenommen, das andere, das ungläubige, zurückgelassen werden. Die zwei mahlenden Frauen aber bedeuten die zweifache Seele, oder gewiß auch die Kirche und die Synagoge; denn nicht bloß e i n e, sondern eine vielfache figürliche Bedeutung pflegt der Göttlichen Schrift innezuwohnen: ein einziger Ausspruch kann folglich einen mehrfachen Sinn enthalten. So sammeln denn der fleischliche Sinn und die fleischliche Seele und die Synagoge jenen Weizen und mahlen jenes Mehl, die vergeblich dargebracht werden; der mit der Seele geeinte Geist hingegen und die heilsempfängliche Seele, bez. die Kirche Gottes bereiten und mahlen das geistige Feinmehl des wahren Gesetzes. Daraus werden auch die Schaubrote hergestellt, welche nur die Priester verzehren, die vorschriftsgemäß das reinere Brot essen, jenes fürwahr, das vom Himmel gekommen ist. Alle aber sind wir, wenn es unsere Verdienste gestatten, Priester der Gerechtigkeit, die wir mit der Salbung der Freude zu einem Reich und Priestertum geweiht werden
§ 53
So laßt uns denn hinausgehen und, mit solcher Feldarbeit betraut, unseren Acker bestellen, auf daß wir in jenem oberen Jerusalem, woselbst die wahre Gesetzesbeobachtung geübt wird, Feinmehl besitzen von unseren Garben, wie sie nur die Seligen einzuernten vermögen, auf daß sie „kommen, kommen mit Frohlocken und ihre Garben mitnehmen!“. Geistiger Art sind diese Früchte, der glückliche Ertrag wahren Mühens, unter keinem schädlichen Regen faulen sie. Die Frucht des Fleisches aber wird der Fäulnis verfallen; darum wird, wer Fleischliches sät, Fleischliches ernten. Was soll ich aber vom wahren Ackerfeld reden? Ist’s doch allbekannt, daß die Arbeit des Landmannes sei es Lob, sei es Schuld in sich birgt.
§ 54
„Und sie antworteten und sprachen: Wo, Herr?“. Dies redeten die Jünger. Der Herr aber faßte, sobald er die vorausgehenden Mahnungen, wohin man fliehen, wo man sich aufhalten und wovor man sich in acht nehmen soll, beendet hatte, den Hauptgedanken in einen allgemeinen Satz zusammen mit den Worten:
§ 55
„Wo ein Leichnam ist, dort werden sich die Adler sammeln“. Wir wollen nun zuerst erwägen, wer die Adler sind, um dann festzustellen, was der Leichnam bedeutet. Die Seelen der Gerechten nämlich werden mit Adlern verglichen, weil diese den Flug zur Höhe richten, das Niedrige verlassen und ein hohes Alter erreichen sollen. Darum spricht auch David zu seiner Seele: „Erneuern soll sich deine Jugend gleich der des Adlers“. Haben wir nun die rechte Auffassung über die Adler gewonnen, so können wir über den Leichnam nicht mehr im Zweifel sein, namentlich wenn wir uns erinnern, daß Joseph von Pilatus den Leichnam empfing. Scheinen dir nicht die Adler um den Leichnam Maria Kleophä und Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Herrn, sowie der Kreis der Apostel zu sein? Scheinen sie dir nicht Adler um den Leib zu sein, wenn der Menschensohn mit den Wolken im geistigen Sinn kommen wird „und jegliches Auge ihn schauen wird und die, welche ihn durchbohrt haben“?.
§ 56
Es gibt auch einen Leib, von welchem gesprochen ward: „Mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank“. Um diesen Leib schweben Adler, die mit geistigen Fittichen ihn umkreisen. - Auch das sind Adler rings um den Leib, welche glauben, das Jesus im Fleische gekommen ist; denn „jeder Geist, welcher bekennt, daß Jesus Christus im Fleische gekommen ist, ist von Gott“. Wo also der Glaube, da ist das Sakrament, da die Heilstätte der Heiligkeit. - Ein Leib ist auch die Kirche, in welcher wir durch die Taufgnade im Geiste erneuert werden, und der untergehende Abend des Alters zu neuem Lebensmorgen sich verjüngt.