Die Abweichungen des Matthäus- und Lukasberichtes über die Blindenheilung sachlich belanglos (80). Allegorische Erklärung der Punkte der Zachäusperikope (81). Zachäus auf dem Feigenbaum, der Blinde am Wege: Verhalten Christi gegen sie (82); unser Verhalten gegen sie (83—84). Nicht am Reichtum, sondern am sündigen Reichen klebt Verbrechen (85). Allegorische Reflexionen über den Oberzöllner, den reichen (86), an Gestalt kleinen Zachäus (87); über die Volksmenge (88), die „Stelle, an der der Herr vorübergehen werde“ (89); über Zachäus „oben“, „auf dem Feigenbaum“: die neue Frucht einer neuen Zeit (90).
§ 80
„Es geschah aber, als er sich Jericho genaht hatte, saß ein Blinder am Weg.“. In der Evangelienschrift nach Matthäus ist von zweien, hier von einem die Rede; dort ging Jesus von Jericho hinaus, hier nahte er. Doch das macht keinen Unterschied aus. Denn da in diesem einen nur ein Typus des Heidenvolkes vorliegt, ist es belanglos, ob dieses das Heilmittel in einem oder in zwei Repräsentanten empfängt. Aus Cham und Japhet, Noes Söhnen, abstammend stellte es nämlich in den beiden Blinden die beiden Stammväter seines Geschlechtes an den Weg.
§ 81
Auch Lukas scheint dies nicht außer acht gelassen zu haben, wenn er im folgenden den Zachäus erwähnt, der an Gestalt klein, d.i. ohne Hoheit des Geburtsadels, arm an Verdiensten gleich dem Heidenvolk, sobald er von der Heilsankunft des Herrn vernommen hatte, ihn, den die Seinigen nicht aufgenommen hatten, zu sehen wünschte. Doch niemand sieht so leicht Jesus, niemand, der an der Erde haftet, vermag Jesus zu schauen. Und weil er nicht im Besitze der Propheten und des Reiches [Gottes] war, sondern nur der natürlichen Lebensnorm sich erfreute, stieg er auf einen Maulbeerbaum. Er trat, will das heißen, in seinem Wandel das eitle Rühmen der Juden mit Füßen, machte auch die Verirrungen seines früheren Lebens gut und durfte daher Jesus ins gastliche Heim seiner Herzenswohnung aufnehmen. Und mit Recht stieg er auf einen Baum. Es sollte der gute Baum gute Früchte bringen. Vom wilden Ölbaum abgeschnitten und wider seine Natur dem veredelten Ölbaum aufgepfropft, sollte er die Frucht des Gesetzes zeitigen. Die Wurzel blieb ja heilig, wenn auch die Zweige ohne Frucht. Über deren unfruchtbare eitle Pracht nun erhob sich das Heidenvolk kraft des Auferstehungsglaubens, als hätte es sich physisch darüber erhoben.
§ 82
„Und sieh, ein Mann war da, mit Namen Zachäus“. Zachäus auf dem Maulbeerbaum, der Blinde am Weg. Den einen von ihnen erwartet der Herr, um sich seiner zu erbarmen; den anderen ehrt er mit der Auszeichnung gastlichen Weilens bei ihm. Den einen fragt er, da er ihn heilen will; bei dem anderen lädt er ungeladen sich selbst zu Gast. Er kannte nämlich den reichlichen Lohn, der seinem Gastgeber werden sollte. Und hatte er auch kein Wort der Einladung aus dessen Mund vernommen, hatte er doch dessen inneren Wunsch vernommen.
§ 83
Doch um nicht den Anschein zu erwecken, als hätten wir gleichsam aus Widerwillen gegen die Armen jenen Blinden rasch verlassen, um zum Reichen überzugehen, wollen wir auf ihn warten, weil auch der Herr auf ihn gewartet hat, wollen ihn fragen, weil auch der Herr ihn gefragt hat! Wir wollen fragen, um den Grund zu erfahren, dem er seine Heilung verdankte: seine Frage bezweckte, daß wir viele in dem einen das Verdienst kennen lernen möchten, durch das wir den Herrn zu schauen vermögen; sie bezweckte, uns im Glauben zu überzeugen, daß nur ein Bekenner das Heil erlangen kann.
§ 84
„Und sogleich war er sehend“, heißt es, „und folgte ihm, den Herrn, lobpreisend. Und er ging herum in Jericho“
Er würde sonst nicht sehend geworden sein, wäre er Christus nicht gefolgt, hätte er den Herrn nicht gepriesen, wäre er an der Welt nicht vorübergegangen. - Auch mit dem Reichen wollen wir uns wiederum friedlich vertragen. Wir wollen die Reichen nicht beleidigen, nachdem wir womöglich alle zum Heil führen möchten. Sie sollen keinen Anlaß zu gerechtem Unwillen haben, wenn sie zuerst in den Vergleich mit dem Kamel gezogen, sodann in Zachäus schneller als nötig übergangen werden
§ 85
Sie mögen wissen, daß Verbrechen nicht am Reichtum, sondern an denen klebt, die den Reichtum nicht zu gebrauchen wissen! Denn wie der Reichtum in den Händen der Ruchlosen ein Hindernis der Tugend ist, so in den Händen der Guten ein Förderungsmittel derselben. Ein Reicher doch war der von Christus bevorzugte Zachäus; dadurch daß er jedoch die Hälfte seiner Güter an die Armen verteilte und desgleichen vierfach erstattete, was er durch Trug ergattert hatte, - das eine allein nämlich genügte nicht, und es wäre Freigebigkeit Gott nicht wohlgefällig, falls das Unrecht fortdauerte, weil nicht geraubtes Gut, sondern schenkweise gegebenes hierfür in Frage kommt - übertraf der Lohn die hingegebene Summe an Reichhaltigkeit.
§ 86
Und passend wird er als Oberzöllner eingeführt. Denn wer dürfte die Hoffnung für sich aufgeben, wenn selbst der noch zum Ziel gelangte, der sein Vermögen dem Trug verdankte? „Und er war reich“. wird beigefügt, damit du wissest, daß nicht alle Reichen habsüchtig sind.
§ 87
Was bedeutet es, daß die Schrift von keinem anderen als von diesem ausdrücklich die Gestalt angab? „Er war klein von Gestalt“. Sieh zu, ob er nicht infolge seiner Schlechtigkeit klein war? Oder noch an Glauben klein war? Noch hatte er ja nichts versprochen, als er hinaufstieg; noch hatte er Christus nicht gesehen, als er hinaufstieg; noch hatte er Christus nicht gesehen: mit Recht noch ein Kleiner. So war denn Johannes ein Großer; denn er schaute sowohl Christus als auch den Geist, wie eine Taube über Christus weilend, wie er es selbst bezeugt: „Ich sah den Geiste wie eine Taube herabsteigen und über ihm weilen“.
§ 88
Wer anders aber ist das Volk als die Masse des unwissenden Volkes, welches den Gipfel der Weisheit nicht zu schauen vermag? Solange daher Zachäus unter der Menge weilte, sieht er Christus nicht. Da erhob er sich über die Menge und sah ihn, d.i. er erhob sich über die Unwissenheit des Pöbels und verdiente den zu schauen, nach dem es ihn verlangte.
§ 89
Dazu die sinnige Bemerkung: „Denn an dieser Stelle sollte der Herr vorübergehen“, sei es wo der Maulbeerbaum, sei es wo der künftige Gläubige stand. Er wollte ebenso das Geheimnis wahren wie den Samen der Gnade ausstreuen; denn so war sein Kommen, daß er den Weg zu den Heiden durch die Juden nehmen sollte.
§ 90
Da erblickte er nun den Zachäus hoch oben; denn schon ragte er kraft der Erhabenheit des Glaubens inmitten der Früchte des neuen Wirkens wie auf der Wipfelhöhe eines fruchtbaren Baumes stehend auf. Und weil wir nun einmal vom Typischen zum Moralischen abzweigten, so macht es uns Vergnügen, am Herrentag im Kreise so vieler wohlgesinnter Gläubigen dem Geist eine Erquickung zu gönnen, noch einen Festtagsimbiß mitdarzureichen: den Zachäus auf der Maulbeerfeige, d.i. die neue Frucht einer neuen Zeit. Auch an ihm sollte sich jener Ausspruch erfüllen: „Der Feigenbaum setzte seine Erstlingsfrucht an“. Das bezweckte ja Christi Ankunft, daß aus den Bäumen nicht Mehr Obst, sondern Menschen sprossen sollten. Wir Lesen auch an einer anderen Stelle: „Da du unter dem Feigenbaum lagst, habe ich dich gesehen“. Also Nathanael unter dem Baum, d.i. über der Wurzel, weil ein Gerechter - denn die Wurzel ist heilig - aber doch: Nathanael unter dem Baum, weil unter dem Gesetze, Zachäus auf dem Baum, weil über dem Gesetze. Jener ein heimlicher Anhänger, dieser ein öffentlicher Verkündiger des Herrn. Jener noch ein Christussucher aus dem Gesetze, dieser ein Jünger, der bereits über das Gesetz erhaben das Seinige verließ und dem Herrn nachfolgte