Der Reiche spricht Christus nur relative, nicht absolute Güte zu. „Niemand ist gut“ ist in Beziehung auf die Menschen, nicht auf den Gottessohn gesprochen (65). Der Gottessohn teilt die* eine* Güte mit dem Vater: Vernunft- (66) und Schriftbeweis hierfür (67—69).
§ 65
„Es fragte ihn aber ein Vorsteher und sprach: Guter Meister, was muß ich tun um das ewige Leben zu erlangen? Jesus aber antwortete ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein
Eine schlaue Frage, darum eine kluge Antwort. Der Vorsteher hier, der ihn versucht, nannte den Meister gut, nachdem er doch Gott hätte gut nennen sollen. Denn wenn auch die Gottheit das Gutsein und das Gutsein die Gottheit einschließt -“niemand ist ja gut als der alleinige Gott„. Jeder Mensch aber lügenhaft“, alles Lügenhafte aber doch nicht gut - so nannte er ihn doch mit dem Beifügen „guter Meister“ nur in einer, nicht in jeder Beziehung gut; Gott nämlich ist der absolut Gute, der Mensch nur beziehungsweise gut. Daher des Herrn Frage: „Was nennst du mich gut“, der du meine Gottheit leugnest? Was nennst du mich gut, nachdem niemand gut ist außer der eine Gott? Er spricht sich also nicht das Gutsein ab, sondern bezeichnet sich als Gott; denn was bedeutet ‘der Gute’ anders als: er besitzt die Fülle des Gutseins? Wenn aber geschrieben steht: „Keiner ist, der Gutsein übte, auch nicht einer“, so bezieht sich doch der Ausspruch auf die Menschen, nicht auf Gott; denn Gott ist der Eine, nicht einer aus der Zahl. So ist auch der Gottessohn ausschließlich der Eine, nicht einer von den vielen; und er ist „der Eingeborene“, nicht einer von den Geborenen. Darum präjudiziert das „Niemand ist gut“ Christo nicht; denn niemand richtet Christus. ‘Niemand’ bezieht sich nämlich allgemein auf uns; doch Christus hat nichts mit uns gemein.
§ 66
Wenn einer sich stößt an dem „Niemand ist gut außer der eine Gott“, dann stoße er sich auch an dem Ausspruch: „Niemand ist gut außer Gott“. Wenn der Sohn sich nicht von Gott trennen läßt, dann läßt sich fürwahr Christus auch von dem Guten [Gott] nicht trennen. Wenn vielmehr der Sohn zwar eine Person in Gott, an Macht aber der eine Gott ist - denn „ ein Gott ist, aus dem alles ist, und ein Herr, durch welchen alles ist“ - Gott und der Herr aber nicht zwei Gottheiten, sondern der eine Gott sind, weil „Gott dein Herr nur ein Herr ist“, dann muß doch fürwahr, nachdem der eine Gott seiner Erhabenheit nach in jeder der beiden Personen ist, auch der eine Gute in jedem der beiden sein. Wie sollte denn nicht aus dem Guten der Gute erzeugt sein? „Der gute Baum bringt ja gute Früchte hervor“. Wie sollte er nicht der Gute sein, nachdem doch die aus dem Vater angenommene wesenhaft Güte, die im Geiste nicht entartete, auch im Sohne nicht entarten konnte? Daher: „Dein guter Geist wird mich führen auf rechten Weg“. Wenn es ein „guter Geist“ ist, der dies vom Sohne empfing, dann muß doch auch jener gut sein, der es hinübergab. Und wenn der Vater gut ist, dann muß doch auch der gut sein, der alles hat, was der Vater hat: oder aber ihr sprecht, wenn ihr dem Sohne das Gutsein absprecht, auch dem Vater es ab.
§ 67
Ein einleuchtender Grund bedarf der Belege nicht. Haltet euch gleichwohl doch an die Autorität der Schrift. Es steht nämlich geschrieben: „Der Herr ist ein guter Richter dem Hause Israel“. Bezieht sich der Ausspruch auf den Sohn oder auf den Vater? Doch „der Vater richtet niemanden“; denn „alles Gericht gab er dem Sohn“. So ist also der Sohn der gute Herr. Vernimm etwas anderes! Es legen doch die, welche zur Taufe gelangen, ein Bekenntnis der Trinität ab, indem sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft werden. Ihr Bekenntnis gilt sonach sowohl dem Vater wie dem Sohne und dem Heiligen Geiste. Wenn es daher heißt: „Bekennt dem Herrn, daß er gut ist!“, so ist doch der Vater gut, der Sohn gut und auch der Heilige Geist gut - und doch nur ein Gott. Ferner: „Gut ist der Herr denen, die auf ihn harren“. Oder soll der nicht gut sein, der „der Seele, die ihn sucht“, Gutes verleiht? Soll der nicht gut sein, „der deine Seele im Guten sättigt“?. Soll der nicht gut sein, der spricht: „Ich bin der gute Hirte“?.
§ 68
Doch ihr wähnt, Gott sei deshalb gut, weil ihm kein Gericht zukommt, das notwendig Strafe verhängen müßte. Wiewohl bereits im vorausgehenden betont wurde, daß der Herr “ein guter Richter dem Hause Israel ist”, liest du doch auch an einer anderen Stelle: “Wie gut ist der Gott Israels gegen die, so rechten Herzens sind!”. Von wem nun glaubt ihr dies ausgesagt, vom Vater oder vom Sohne? Wenn vom Vater: dann ist er folgerichtig nicht gegen alle gut: warum wollt ihr also den Sohn als minderwertig hinstellen? Wenn vom Sohn, dann bekennt ihr folgerichtig auch den Sohn als den guten Gott; denn er ist “der gepriesene Gott Israels, der heimsuchend kam und die Erlösung seines Volkes bewirkte”. Er ist der König und Gott Israels, dem das Bekenntnis gilt: “Meister, Du bist der Sohn Gottes, Du bist der König Israels”. So will [der Herr] auch hier sagen: Nachdem du, ein Versucher, keinen Sinn hast für mein Gutsein: was nennst du mich gut? Wohl bin ich, dem das Gutsein von Natur, nicht nur vorgeblich eignet, gut, doch nur denen, “die rechten Herzens sind”. Gut also ist der Sohn; “denn er ist der Abglanz des ewigen Lichtes, der makellose Spiegel der Erhabenheit Gottes und das Bild seiner Güte”. Wie sollte der nicht gut sein, der “das Bild der Güte” ist? Wie nämlich das Bild Gottes Gott ist, aber der eine Gott, so ist auch das Bild der göttlichen Güte gut, aber die eine Güte. Mir aber kann es gewiß nur frommen, wenn ich Gott für gut halte, den ich zum Richter über meine Sünden haben werde. Jene mögen zusehen, die ihn nicht für gut halten wollten! Weil nun der Versucher ein Gesetzeskundiger war, wie in einem anderen Buche dargetan wurde, versetzte [der Herr] zutreffend: “Niemand ist gut außer der eine Gott”. Er wollte daran gemahnen, daß geschrieben steht: “Du sollst den Herrn deinen Gott nicht versuchen!. Er sollte vielmehr lieber”dem Herrn bekennen, daß er gut ist".
§ 69
So weist er nun den Gesetzeslehrer noch oftmals zurecht. Da derselbe sich nämlich des Gesetzes rühmte, er habe von seiner Jugend an alles beobachtet, zeigte er ihm, um sein eitles Prahlen aufzudecken, wie ihm das, was des Gesetzes ist, noch mangele. Darüber traurig geworden, wird er nun angeleitet zu vorschriftsmäßiger Mildherzigkeit und ihm so gleichsam eine naturrechtliche Verhaltungsmaßregel gegeben.