Heilsgeschichtlicher Zweck der Parabel (91). Moralische und mystische Erklärung der fünf, bezw. zehn Talente und Pfunde (92—94). Typische Deutung der Arbeiter im Weinberg (95), der zehn Städte (Seelen) und ihrer Vorsteher (Priester) (96).
§ 91
Sieh, dein Pfund hat zehn Pfunde dazu erworben. Eine treffliche Anordnung Im Begriffe, die Heiden zu berufen und die Juden töten zu lassen, die Christus nicht als König über sich haben wollten, schickte er noch diese Parabel voraus, damit man nicht sagen konnte: ‘Er hatte dem Judenvolk nichts geboten, um seine Besserung zu ermöglichen’, oder: ‘Was darf von demselben gefordert werden, nachdem es nichts empfangen hat’? Nicht geringwertig ist ein solches Pfund, dessentwegen oben das Weib im Evangelium, weil es dasselbe nicht fand, ein Licht anzündete; das es mit Hilfe des Lichtes suchte und worüber es sich nach der Auffindung freute.
§ 92
Aus dem einen Pfund sodann schuf der eine zehn, der andere fünf andere. Vielleicht sind es Pfunde im moralischen Sinn; denn es gibt fünf leibliche Sinne. Jene zehn bilden das Doppelte hiervon, d.i. den mystischen Inhalt des Gesetzes und den moralischen der Rechtschaffenheit. Daher setzte auch Matthäus „fünf Talente“ und „zwei Talente“: die fünf Talente enthalten das Moralische, die zwei beides, das Mystische und das Moralische. So besagt das numerisch Geringere das sachlich Reichhaltigere. Auch an unserer Stelle können wir unter den zehn Pfund die zehn Aussprüche, d.i. die Gesetzeslehre, unter den fünf Pfunden die Unterweisungen in der Sittenlehre verstehen. Freilich einen Gesetzeskundigen möchte ich in jeder Hinsicht vollkommen wissen; „denn nicht in Worten, sondern in der Kraft besteht das Reich Gottes“.
§ 93
Weil aber von den Juden die Rede ist, überbringen nur zwei das Geld um das Vielfache vermehrt, nicht um den Zinszuwachs an Geld, sondern an Gelehrsamkeit; denn zwischen dem Wucherzins an Geld und dem Zinsertrag der himmlischen Lehre ist ein Unterschied.
§ 94
Endlich fordert der Herr mit den Worten: "Warum hast du mein Geld nicht auf die Wechselbank gegeben? nicht von unserem, sondern von seinem Geld Zinsen.
§ 95
Einer nun bekennt, [das Pfund] in die Erde vergraben zu haben; er ließ nämlich die Vernunft, die nach dem Bild und Gleichnis Gottes uns verliehen ward, in Genußsucht verkommen und vergrub sie gleichsam im Fleische wie in eine Grube. Von den übrigen, die als verschwenderische Schuldner, was sie empfangen, vergeudeten, wird geschwiegen. Jene zwei repräsentieren die wenigen Juden, die in zweifach wechselnder Arbeitsteilung zu Arbeitern im Weinberg bestimmt wurden, die übrigen die Juden insgesamt. Matthäus wollte auch uns die Parabel anpassen. Ähnlich nämlich wie ein Reicher, der von seinem Geld nicht den Armen mitteilt, verfällt auch der, welcher die Segensfrucht seiner Lehre nicht an die Unwissenden austeilt, obschon er es könnte, nicht geringer Schuld. Weil wir aber in den Büchern „Über den Glauben“ hierüber gesprochen haben, war es besser, darüber hinwegzugehen.
§ 96
Was anders aber könnten die zehn Städte bedeuten als vielleicht die Seelen, welchen mit Recht nur einer vorgesetzt wird, welcher das Geld des Herrn, jene lauteren, wie Silber erprobten Aussprüche desselben, an den Menschengeist auf Zinsen leiht? Denn wie von Jerusalem gerühmt wird, es sei „erbaut wie eine Stadt“, so sind es auch die friedfertigen Seelen. Und wie die Engel Vorsteherdienste versehen, so auch die, welche des Lebens der Engel sich würdig machten.