Eine Erzählung, keine Parabel. Der Grund und die Art der Höllenstrafe des reichen Prassers und des Himmelslohnes des armen Lazarus, bezw. eines echten Aposteljüngers (13). Das Brot des Glaubens. Die Brosamen vom Tische des Reichen die einzelnen Glaubenssätze, bezw. Schriftworte (14—16). Der Häretiker ein reicher Prasser, der Gläubige ein armer Lazarus (17). Von der „großen Kluft“ zwischen dem Reichen und Armen im Jenseits. Die bloße Entbehrung schon eine Strafe für den Prasser (18). Das Alte Testament eine starke Glaubenswehr (19). Die Parabeln vom ungerechten Verwalter und vom reichen Prasser Mahnungen zur Mildherzigkeit (20).
§ 13
Ein reicher Mann aber war in Purpur gekleidet. Es scheint mehr eine Erzählung als eine Parabel zu sein, nachdem ausdrücklich auch der Name [Lazarus] berichtet wird.Nicht umsonst aber zeigte hier der Herr den Reichen, nachdem er die irdischen Genüsse durchgekostet hatte, in ewiger Hungersqual in der Hölle; nicht ohne Grund auch scheinen ihm gleichsam auf Grund eines natürlichen Bruderbandes fünf Brüder, d.i. die fünf Sinne des Leibes beigesellt worden zu sein, die in maß- und zahllosen Begierden entbrannt waren. Den Lazarus hingegen versetzte er in Abrahams Schoß, gleichsam eine Art Ruheschoß und abgeschiedene Heimstätte der Heiligkeit, daß wir nicht von der Lust des Augenblicks verführt, in Lastern bleiben, oder aber von der Unlust an Mühen übermannt, den Beschwerlichkeiten aus dem Wege gehen. Ob nun ein Lazarus, „arm auf der Welt“, doch reich im Besitze Gottes, ob ein Aposteljünger, arm an Wort, „reich an Glauben“ - nicht jede Armut nämlich ist heilig, bez. nicht jeder Reichtum sündhaft: wie vielmehr Genußsucht den Reichtum in Verruf bringt, so empfiehlt Heiligkeit die Armut - ob also ein Aposteljünger, der den wahren Glauben festhält, nicht auf Wortgepränge, Scheingründe, prunkende Gedankeneinkleidung ausgeht: er empfängt Lohn mit reichem Zinszuwachs. Wenn er die Häretiker bekämpft, einen Mani, Marcion, Sabellius, Arius, Photinus - diese sind nämlich nichts anderes als die Brüder der Juden, mit denen sie das Bruderband des Unglaubens verbindet - wenn er desgleichen des Fleisches Begierden bezähmt, welche, wie gesagt, von jenen fünf Sinnen angefacht werden, empfängt er, ich wiederhole es, Lohn, um reichen Zuwachs gemehrt, der übergroße Schätze aufwiegt und ewigen Zinsgenuß abwirft.
§ 14
Unseres Erachtens liegt auch die Annahme nicht so fern, daß die Erzählung vom Glauben handelt: dieser ist vom Tische des Reichen weggeworfen worden, ihn liest Lazarus auf. Wohl hat sich dem Literalsinn zufolge der Reiche voll Ekel zunächst nur von dessen Geschwüren abgewendet und den üblen Geruch der Geschwüre während des köstlichen Mahles und inmitten der salbenduftenden Gäste nicht ertragen können, während die Hunde sie leckten - mußte ihn jedoch so selbst die dufterfüllte Luft und die reine Natur anwidern - gleichwohl kommt hierbei auch in entsprechenden Andeutungen der Übermut und Hochmut der Reichen zum Ausdruck. Sie sind nämlich in dem Grade der natürlichen menschlichen Schwäche uneingedenk, daß sie sich gleichsam über die Natur erhaben dünken; das Elend der Armen reizt sie nur zu ihrer Genußsucht; sie spotten des Notleidenden, höhnen den Dürftigen und saugen sie aus, deren sie sich billigerweise erbarmen sollten.
§ 15
Beides nun lese auf, wer will - ein Lazarus! Den halte ich letzterem für ähnlich, der, von den Juden wiederholt geschlagen zur Bestärkung der Gläubigen im Leiden und zum Zwecke der Berufung der Heidenvölker die Wunden seines Leibes gleichsam Hunden zum Lecken darbot. Es steht ja geschrieben: „Sie werden umkehren gen Abend und Hunger leiden wie Hunde“. Dieses Geheimnis erkannte jenes kanaanäische Weib, zu der gesprochen wird: „Niemand nimmt das Brot der Kinder und wirft es den Hunden vor“. Es erkannte, daß dieses Brot nicht ein sichtbares Brot ist, sondern ein geistig zu verstehendes, und antwortete daher: „Gewiß, Herr! Denn auch die Hündlein zehren von den Brosamen, die vom Tische ihrer Herren fallen“. Diese Brosamen stammen von eben jenem Brot. Und weil das Brot das Wort ist und der Glaube vom Worte kommt, sind die Brosamen gleichsam die Glaubenssätze. Daher versetzte der Herr, um zu zeigen, daß es im Glauben gesprochen war: „O Weib, groß ist dein Glaube“.
§ 16
O glückliche Wunden, welche die ewige Pein verhüten! O reiche Brosamen, die ihr den immerwährenden Hunger vertreibt, die ihr den sammelnden Armen mit ewiger Speise sättigt! Euch warf der Synagogenvorsteher von seinem Tische, als er die inneren Geheimnisse der prophetischen Schriften und des Gesetzes verwarf; denn die Brosamen bedeuten die Schriftworte, von denen es heißt: „Und du warfst meine Worte hinter dich“. Euch warf der Schriftgelehrte weg, las dagegen Paulus in seinem Leiden auf das sorgfältigste auf, indem er das Volk sammelte. Deine Wunden leckten jene, welche ihn die Schlange wegschleudern und auf den Schlangenbiß sonder Angst und Bangen sahen und gläubig wurden. Sie leckte jener Kerkermeister, der die Wunden des Paulus wusch und gläubig ward. Selig die Hunde, auf welche der Eiter solcher Geschwüre träufelt, so daß er deren Herz erfüllt und deren Schlund sättigt, damit sie sich daran gewöhnen, das Haus zu hüten, die Herde zu schützen, der Wölfe zu achten!
§ 17
Stelle dir jetzt die auf irdische Interessen gerichteten Arianer vor Augen, welche sich gern mit der Regierungsgewalt verbinden möchten, um mit militärischen Waffen die Wahrheit der Kirche zu bekämpfen! Scheinen sie, die Weichlinge, auf Polstern aus Purpur und Byssus, die den Schein für Wahrheit verteidigen, nicht von reichlichen Phrasen überfließen, wenn sie zwar großmäulig zugeben, es habe unter des Herrn Leib die Erde gebebt, der Himmel mit Finsternis sich überzogen, es seien auf sein Wort die Meere aufgepeitscht und gestillt worden [Mt 8,24 ff; 14,32, dennoch aber den Gottessohn leugnen? Stelle dir auch jenen Armen vor, der, wohlwissend, daß „das Reich Gottes nicht in Worten besteht, sondern in Kraft“, in wenigen Worten ausdrückte, was er fühlte, mit dem Bekenntnisse nämlich: „Du bist der Sohn des lebendigen Gottes“. Scheint dir nicht jener Reichtum dürftig, diese Armut überreich zu sein? Der reiche Irrglaube verfaßte viele Evangelien, der arme Glaube hält allein nur das Evangelium fest, das er empfangen hat; die reiche Philosophie schuf sich mehrere Götter, die arme Kirche kennt nur einen Gott.
§ 18
Zwischen diesem Reichen und Armen nun gähnt eine große Kluft, weil es nach dem Tode keine Änderung der verdienten Vergeltung geben kann. Eben darum wird vom Reichen in der Hölle bemerkt, daß er einige Geisteserquickung von seiten des Armen einzuschlürfen begehrte; denn das Wasser bedeutet Erfrischung für die in Qualen befindliche Seele. Von ihm versichert Jesaias: „Und Wasser wird sprudeln von den Quellen des Heilands“. Warum aber befindet er sich schon vor dem Gerichte in Qualen? Weil es für den Prasser schon Strafe bedeutet der Genüsse entbehren zu müssen; denn auch der Herr spricht: „Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein, wenn ihr Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reiche Gottes sehet“.
§ 19
Spät noch fängt aber dieser Reiche an, den Lehrer zu spielen, da er doch jetzt nur noch Zeit zu lernen, nicht zu lehren hat. Mit dieser Stelle erklärt der Herr ganz deutlich das Alte Testament als die feste Glaubenswehr, welche den Unglauben der Juden abschlägt und die Bosheit der Häretiker fernhält. Nur ein schwächerer Geist läßt sich von ihnen täuschen. Sie selbst nämlich sind Kinder, die noch kein Wachstum in der Tugend kennen.
§ 20
Noch mag man aber beachten, daß in der vorausgehenden Parabel von jenem Verwalter und in der vorliegenden von diesem Reichen ein Ansporn zur Mildherzigkeit liegt, und daß man ihrer Lehre zufolge dort vielleicht gegen die Heiligen, die sie als Freunde bezeichnet und denen sie die Wohngezelte zuspricht hier hingegen gegen die Armen sich wohltätig erweisen soll.