Die Kindheit (Kindlichkeit) im religiös-sittlichen Sinn (57). Christus das Vorbild des Kindes (58). Die Kinder der Kirche die wahren Gotteskinder (59). Aus mystischen- und aus Pietätsgründen wehrten die Apostel den Kindern (60). Kräftige und schwächliche Kinder (61). Vom Ärgernis der letzteren (62). Vom ,Eselstein‘ in der Hand und am Hals der ungläubigen Heiden (63). Die größere Strafwürdigkeit des ungläubigen Judenvolkes (64).
§ 57
Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret es ihnen nicht; denn solcher ist das Reich Gottes. Und doch ist diese Altersstufe schwach an Kraft, unvermögend im Denken, unreif an Einsicht. Es kann sich also nicht um den Vorzug einer Altersklasse vor einer anderen handeln; da würde sonst die Jugend ein Hindernis sein. Oder was hätte es des Wunsches nötig zur Altersreife zu gelangen, wenn sie mir das Verdienst des Himmelreiches nehmen würde? Gab also Gott das fortschreitende Leben zum Sündigen, nicht zum Wachstum in der Tugend? Und warum erwählte er seinerseits die Apostel nicht im jugendlichen, sondern im fortgeschritteneren Alter? Warum aber bezeichnet er gerade die Kinder für die zum Himmelreich Tauglichen? Vielleicht weil sie nichts von Bosheit wissen, sich nicht auf Trug verstehen, einen Schlag nicht zu erwidern wagen, kein Grübeln kennen, nicht nach Reichtum, Ehre und Gunst haschen. Doch nicht im Nichtwissen liegt solche Tugendhaftigkeit, sondern im Verzicht; und kein Lob verdient die Enthaltsamkeit, wenn die Unschuld ihren Grund im Unvermögen [zu sündigen] hat. Nicht das Kindesalter ist sonach gemeint, sondern jene sittliche Güte, die nach kindlicher Einfalt strebt. Nicht das nämlich ist Tugend: nicht sündigen können, sondern nicht [sündigen] wollen und in der Weise standhaften Willen zu bewahren, daß der Wille des Kindlichen, daß ein jeder des Natürlichen sich befleißigt. Das brachte denn auch der Heiland selbst mit den Worten zum Ausdruck: „Wenn ihr euch nicht bekehrt und werdet wie dieses Kind hier, so werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen“
§ 58
Wer nun ist das Kind, das die Apostel nachahmen sollten? Etwa ein nächstbestes aus den Kleinen? Soll also darin die Tugend der Apostel bestehen? Wer also ist das Kind? Ob nicht jenes, von dem Jesaias spricht: „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt?“. Das Kind selbst nämlich hat zu dir gesprochen: Nimm dein Kreuz und folge mir!. Und damit du das Kind erkennst: „Da es gescholten ward, schalt es nicht wieder; da es geschlagen ward, gab es den Schlag nicht zurück“. Das ist die vollkommene Tugend. Es gibt sonach in der Kindheit gleichsam ein ehrwürdiges Alter an Gesittung, und im Alter eine unschuldige Kindheit; „denn das Alter ist ehrwürdig, nicht von der langen Dauer bedingt, nicht nach der Jahre Zahl berechnet: der Menschen Einsicht gilt für Greisenhaar und ein makelloses Leben für Greisenalter“. Daher das Schriftwort: „Lobsinget, Kinder, dem Herrn! Lobsinget dem Namen des Herrn!“. Denn nur der Vollkommene lobsingt dem Herrn. „Niemand sagt ja ‘Herr Jesus’ außer im Heiligen Geist“.
§ 59
Es scheint sich nun dieses prophetische Wort auf die Kirche zu beziehen: wiewohl jünger, überflügelte sie durch ihr Tugendstreben das ältere Volk der Juden. Daher das Wort: „Sieh, ich und meine Kinder, die Du mir gegeben hast!“. Es sind das die Kinder, die dem Herrn, da er auf dem Füllen einer Eselin saß, mit prophetischen Stimmen huldigten und riefen, es sei die Erlösung der Heiden gekommen. Es sind das die Kinder oder Kindlein, die mit vollen Zügen jene über Wein erhabenen Brüste Christi sogen; denn „aus dem Munde der Kinder und Säuglinge hast Du Dein Lob bereitet“.
§ 60
Hart und grausam nun könnte es dem einen oder anderen dünken, daß die Apostel den kleinen Kindern es wehrten zum Herrn heranzukommen, wollte man nicht das Geheimnis bez. die Gesinnung ins Auge fassen. Nicht nämlich aus rauher, den Kindern übelwollender Gesinnung handelten sie so, sondern suchten nur dem Herrn die aufmerksame Dienstbeflissenheit zu erweisen, daß er nicht von den Scharen bedrängt würde. So steht denn auch an einer anderen Stelle geschrieben: „Herr, die Volksscharen umdrängen Dich“. Wo Unbilden wider Gott in Frage stehen, muß ja auf unseren Vorteil verzichtet werden. Laßt uns denn Hochmut fliehen! Laßt uns Kindeseinfalt folgen! Denn die Wahrheit ist eine Widersacherin des Hochmutes, Einfalt aber die Gefährtin der Wahrheit, selbst noch in der Niedrigkeit erhaben; denn nicht in einem niedrig gesinnten Herzen wohnt Gott. Wie die Propheten uns überliefert haben, ward vielmehr „der Thron der Tugend erhöht“ - in dem, dessen Weisheit zur Höhe der Wahrheit sich erhebt. Nicht wie Kain soll er hinter der Maske der Brüderlichkeit die Tücke des Mörders bergen, sondern äußerlich und innerlich ein Bruder sein. Soviel nun, was die Gesinnung [der Apostel] anlangte. Im mystischen Sinn aber [geschah es], weil sie zuerst die Erlösung des Judenvolkes, aus welchem sie dem Fleische nach hervorgegangen waren, wünschten. Doch legten sie auch für das kanaanäische Weib Fürsprache ein. Sie kannten sonach das Geheimnis von der notwendigen Berufung der beiden Völker; doch war ihnen vielleicht noch deren genauere Bestimmung unbekannt.
§ 61
Jetzt beachte den Unterschied in der Ausdrucksweise! Wo er die Kleinen zu sich herankommen heißt, um sie sei es mit feierlichen Worten, sei es durch Handauflegung zu segnen, nennt er sie Kinder, wo er gebietet, man dürfe ihnen kein Ärgernis geben, nennt er sie Kindlein; denn kein Ärgernis erleiden die, welche von Christus berührt werden, keinen Fall erleiden die, welche Christus nahen, wohl aber fallen jene, welche nicht das zarte Alter, sondern schwächliche Tugend zu Schwächlingen machte. Zugleich auch mahnt er, man solle Schwache nicht in Versuchung führen, daß nicht ihre Sünden wider uns sich kehren; denn wenn sie auch selbst an Tugendverdiensten schwach sind, steigt doch ihr Flehen unter dem Beistand der Engel zum Herrn empor. Niemand spotte denn eines Armen! Denn damit „reizt er den, welcher ihn erschaffen hat“. Niemand versuche einen Schwachen, um nicht die Engel zu beleidigen! Niemand bringe einen Wankenden zu Fall, um nicht das Wohltun des Erlösers zu vereiteln!
§ 62
Darum der Ausruf: „Wehe dieser Welt wegen der Ärgernisse!“. Zumeist erachtet man nämlich das Kreuz des Herrn für ein Ärgernis, da doch die Niedrigkeit des Herrenleidens das Geheimnis unseres Heils ist, auf daß wir die Tugendbahn betreten und ein Beispiel der Demut uns nehmen möchten. Wehe also dem, der nicht an das Kreuz des Herrn glaubt, an dem nur Schwache Ärgernis nehmen! „Es gebührt ihm, daß ein Eselstein [Mühlstein] an seinen Hals gehängt, und er in die Tiefe des Meeres versenkt wird“.
§ 63
In der Heiligen Schrift sollen wir nicht den bloßen Wortlaut, sondern das Gewicht des sachlichen Inhaltes auf die Wage legen: zweckdienlicher nämlich zur Verhütung der Sünden ist es, wenn eine Strafe unerhörter und entehrender Art gleichsam in der drastischen Einkleidung des Tierischen vorgeführt wird. Doch damit nicht auch hieraus einem Schwachen Ärgernis entsteht, ist unseres Erachtens nicht umsonst von Eselstein, Menschenhals und Meerestiefe zugleich die Rede. Nachdem nämlich das Heidenvolk den Esel als Typus erhielt, scheint es dir nicht gleichsam den Eselstein zu drehen, solange es im Irrtum seiner Unwissenheit lebt: zwar mit Naturbanden festgebunden, daß es das Wort mahle, Gott suche, doch mit Blindheit des umflorten Geistes geschlagen, daß es das Angesicht des Geistes nicht zu Gott zu erheben , die Augen des Herzens nicht zu ihm aufzuschlagen versteht? Darum müht es sich ohne munteren Gang auf oftmals in sich zurückmündender Bahn widerwillig nur für fremden Vorteil. Dennoch hat, nachdem es den Mühlstein gedreht, sein Mühen einmal ein Ende, und es darf hoffen, daß seine Blindheit gehoben wird. Doch wem wird der Mühlstein noch an den Hals gehängt? Der trägt den Stein, welcher sich weigert, das Joch des Herrn zu tragen. Ein Esel am Mühlstein, ein Blinder am Steinklotz, ein Heide am Felsblock ist, wer einen Götzen anbetet, den er nicht sieht und kennt; denn „nicht in Gebäuden von Menschenhänden“ wohnt Gott, und nicht im Felsblock, sondern im Geiste wird er erkannt.
§ 64
Beide Völker nun, das Heiden- und Judenvolk, werden unter jener drastischen sprachlichen Einkleidung dargestellt, doch die schärfere Strafe über die Juden ausgesprochen. Denn das Gedächtnis der Heiden wird in den Fluten dieser Zeitlichkeit versinken und von den schmutzigen Wegen dieser Welt weggespült werden: sie wollten im Strome des Nichtseienden treiben und wurden, von der Gotteserkenntnis abgeschnitten, gleichsam in die Tiefe des Meeres versenkt. Die Juden hingegen wurden in den Patriarchen [als Gottesvolk] aufgenommen, durch die Beschneidung besiegelt, durch das Gesetz unterrichtet und werden darum nicht wie Fremdlinge vergehen, sondern wie Ruchlose bestraft werden. Den Athenern ist Gott unbekannt, in Judäa bekannt, doch nicht aufgenommen. Des Unwissenden wird nicht gedacht, der Sünder verdammt werden. Einerseits ist der, welcher seinen Schöpfer nicht gekannt, nicht ausgenommen von Schuld, andererseits der, welcher den Herrn nicht aufgenommen, ausgenommen von Vergebung. Erträglicher jedoch ist es an Christus nicht geglaubt als an ihm sich vergriffen zu haben.