Moralische Sinnerklärung: Gesetz und Evangelium (1). Nicht jede Ehe stammt von Gott (2—3). Die schlimmen Folgen und die schwere Verantwortung der Ehescheidung (4—6). Der Scheidebrief des Moses (Deut. 24, 1) wie das paulinische Privilegium (1 Kor. 7, 12 ff.) eine Konzession an die menschliche Schwäche, nicht ein göttliches Gebot (7—8). — Mystische Sinnerklärung: Die bräutliche Vereinigung der Seele, bezw. der Kirche mit Christus (9). Die Synagoge das entlassene Weib (10). Die Braut Christi eine Nacheiferin der Hausfrau des sog. Goldenen Alphabetes (Spr. 31, 10 ff.) (11—12).
§ 1
[Forts. v. 462 ] * „Das Gesetz und die Propheten reichen bis auf Johannes‟*, nicht weil das Gesetz sein Ende, sondern weil die Verkündigung des Evangeliums ihren Anfang nahm; denn mit dem Eintritt des Vorzüglicheren scheint das Mindere seine Erfüllung zu finden. So laßt uns denn mit Gewalt nach dem Himmelreich trachten! Denn wer sich Gewalt kosten läßt, beflügelt mit stürmischem Eifer den Fuß, verlangsamt ihn nicht in abflauender Begeisterung. Es gibt im Glauben fromme Gewalttat, schuldvolle Lässigkeit. Das Gesetz trägt vielfach der Natur Rechnung, so daß es uns mehr dadurch, daß es den natürlichen Wünschen entgegenkommt, zum Eifer in der Gerechtigkeit anspornt: Christus schneidet die Natur ein, indem er selbst die natürlichen Genüsse ausscheidet. Laßt uns also der 463 Natur Gewalt antun, daß sie nicht zum Irdischen neige, sondern zum Höheren sich aufschwinge!
§ 2
§ 3
§ 4
Entlaß also das Weib nicht, um nicht Gott, den Urheber deiner Ehe, zu verleugnen! Wenn schon fremde Art und Sitte, dann mußt du um so mehr die deiner Gattin ertragen und veredeln. Höre, was der Herr gesprochen! „Wer das Weib entläßt, macht sie zur Ehebrecherin“. Da sie nämlich zu Lebzeiten des Mannes die Ehe nicht wechseln darf, kann sie leicht die Begierlichkeit zur Sünde übermannen. Er, der Urheber der Verirrung, lädt noch weitere Schuld auf sich, wenn eine Schwangere samt den Kindern entlassen, wenn eine Hochbetagte wankenden Schrittes verstoßen wird. Hartherzig schon ist es, wenn du die Mutter ausweisest, die Kleinen zurückbehältst: du fügst zum Bruch der Gattenliebe eine Verletzung der Kindesliebe. Hartherziger noch ist es, wenn du wegen der Mutter auch die Kinder fortjagst, da doch lieber die Kinder vom Vater Schuldvergebung für die Mutter bewirken sollten. Wie gefährlich, die zarte Jugend eines Mädchens der Verirrung preiszugeben! Wie gottlos, das Alter jener Frau der Stütze zu berauben, deren Jugendblüte du geknickt hast! Soll darnach der Kaiser auch einen ausgedienten Soldaten ohne Ehrensold ehrlos entlassen? Und der Landwirt einen abgerackerten Ackermann von seinem Grund und Boden fortjagen? Oder soll eine Behandlung, die selbst gegen Untergebene unerlaubt ist, einer Gleichgestellten gegenüber erlaubt sein?
§ 5
§ 6
§ 7
Doch vielleicht wendet jemand ein: “Wie hat dann Moses anordnen können, einen Scheidebrief zu geben und das Weib zu entlassen?. Wer so spricht, ist ein Jude; wer so spricht, ist kein Christ. Und weil er das einwendet, was auch dem Herrn eingewendet wurde, mag ihm auch der Herr antworten:”Wegen eurer Herzenshärte hat Moses euch erlaubt, den Scheidebrief zu geben und die Weiber zu entlassen: im Anfang aber war es nicht so“. Ein Zugeständnis des Moses war es, will er sagen, nicht eine Anordnung Gottes.”Im Anfange aber" steht Gottes Gesetz. Welches ist Gottes Gesetz? “Der Mensch wird Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen, und es werden beide in einem Fleische sein”. Wer sonach das Weib entläßt, trennt sein Fleisch, teilt den Leib.
§ 8
Diese Stelle aber zeigt, daß das, was um der menschlichen Gebrechlichkeit willen geschrieben steht, nicht von Gott geschrieben ward. Darum, auch des Apostels Wort: „Nicht ich verkündige es, sondern der Herr, daß die Frau sich nicht vom Manne trenne“. Und im folgenden: „Den übrigen sage ich, nicht der Herr: Wenn ein Bruder eine ungläubige Frau hat“ und sie verläßt. Also nur im Fall einer ungleichen Ehe fügte er bei: „Wenn der Ungläubige sich trennt, so trenne er sich“. Der nämliche Apostel betont aber zugleich, daß die Auflösung einer wie immer beschaffenen Ehe nicht auf göttlichem Gesetze beruht, und gab auch seinerseits weder ein Gebot hierzu, noch dem Gatten, der [den anderen[ verläßt, die Vollmacht hierzu, sondern entband nur den verlassenen Teil vom Schuld. Dies der moralische Sinn.
§ 9
Doch wegen der vorausgehenden Erwähnung der Verkündigung des Reiches Gottes und gemäß der Versicherung, es könne nicht ein Pünktlein vom Gesetz in Wegfall kommen, fügte er bei: „Ein jeder, der sein Weib entläßt und eine andere heiratet, bricht die Ehe“. Mit Recht erinnert und betont der Apostel, es sei dies ein großes Geheimnis, das Christus und die Kirche betreffe. Da begegnest du einer Ehe, von der niemand zweifeln kann, daß sie von Gott verbunden wurde, nachdem er selbst versichert: „Niemand kommt zu mir, wenn nicht mein Vater, der mich gesandt hat, ihn zieht“; denn er allein vermochte diese bräutliche Vereinigung herzustellen. Darum auch Salomos mystischer Ausspruch: „Von Gott wird dem Manne die Braut bereitet werden“. Der Mann ist Christus, die Braut die Kirche: an Liebe eine Braut, an Unversehrtheit eine Jungfrau. Wen nun Gott zum Sohn zieht, den soll nicht Verfolgung trennen, nicht Völlerei abwendig machen, nicht die Philosophie verkehren, nicht der Manichäer beflecken, nicht der Arianer beirren, nicht der Sabellianer anstecken. Gott hat ihn verbunden, nicht trenne ihn der Jude! Ehebrecher sind alle, welche die Wahrheit des Glaubens und der Weisheit zu schänden trachten.
§ 10
„Welches ist“, heißt es, „der Scheidebrief euerer Mutter, womit ich sie entließ?“. Du hast von ihrer Verstoßung vernommen, so glaube an ihre Ehe! Du hast vernommen, was der Mann selbst zum Judenvolk spricht: „Sieh, in eueren Missetaten seid ihr verkauft und ob euerer Sünden entließ ich euere Mutter“. Bleib also du im Hause des Vaters! Bleib in der Gemeinschaft mit dem Bräutigam! Bestrebe dich dem Manne zu gefallen!. Gottgläubige Seele, ein starkes Weib sollst du sein, wie jene kirchlich gesinnte Seele, bez. die Kirche, von der Salomo rühmte: „Wer wird ein starkes Weib finden? Ein solches ist köstlicher denn kostbares Gestein. Es vertraut auf sie ihr Mann“.Sehen wir zu, was sie ihrem Manne leistet, was ihr Werk, was ihr Dienst ist, warum Christus auf sie vertraut.
§ 11
Eine gute Gattin kleidet ihren Mann. Möchte unser Glaube Jesus mit dessen Leib kleiden! Möchte die Herrlichkeit seiner Gottheit sein Fleisch kleiden, wie jenes Weib ihrem Manne ein doppeltes Kleid fertigte, um ihn im gegenwärtigen und zukünftigen Zeitalter zu ehren! Kein gewöhnliches Weib ist das, dessen Gewebe solcher Art ist. Nicht beim Spinnen weichlicher Wollfäden, sondern bei der Beschäftigung mit kostbarem Tugendwerke trifft sie der Mann an. Sie erhebt die Hände in den Nächten mißt ihr Werk nach der Wage, legt auf die Wage das Gewicht ihres sittlichen Wandels und weiß auch Maß zu halten im Handeln. Sie webt darein den Einschlag herrlicher Arbeit, ist bekümmert um die Rückkehr des Mannes, ängstlich besorgt darum, und seufzt und verlangt auch schon mit ihm zusammen zu sein, indem sie klagt: Mein Mann zögert mit dem Kommen, ich selbst will ihm entgegeneilen, will ihm von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten, wenn er in seine Herrlichkeit zu kommen anfängt.
§ 12
„Komm, Herr Jesus!“. Du sollst Deine Braut finden nicht befleckt, nicht geschändet: sie hat Dein Haus nicht entweiht, die Gebote nicht vernachlässigt. Sie soll Dir entgegenjubeln: „Ich habe gefunden, den meine Seele liebte“, sie soll Dich führen in das Haus des Weines - „der Wein erfreut ja das Herz des Menschen“ - soll trunken werden im Geiste, das Geheimnis erkennen, Gotteswort sprechen.