Der Maulbeerbaum geistig zu verstehen (28) von den bösen Geistern (29). Luk. 17, 5 f. eine Mahnung zum Glauben (30). In Demut muß jeder sein Leben lang wirken (31) als Diener Gottes, das Urteil über seinen Dienst Gott überlassend (32).
§ 28
Wenn ihr einen Glauben wie ein Senfkorn habt, so werdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: entwurzle dich und wirf dich ins Meer und er wird euch gehorchen.Vom Senfkorn ist oben die Rede gewesen, jetzt ist vom Maulbeerbaum zu handeln. ‘Baum’ lese ich, doch halte ich’s nicht für einen Baum; denn welcher Grund, welcher Vorteil für uns wäre es, daß ein Baum, der den arbeitsamen Landleuten Frucht abwirft, entwurzelt und ins Meer geworfen wird? Mögen wir das immerhin anbetrachts der Glaubenskraft für möglich halten, daß ein bewußtloses Naturding bewußten Befehlsworten gehorcht: doch wozu sogar auch die Art des Baumes? Wohl habe ich gelesen: „Ein Hirte war ich, der wilde Maulbeerfeigen abpflückte“. Doch ich glaube, der Prophet wollte damit nur anzeigen, daß er, selbst ein Sünder, aus der Herde der Sünder sich bekehrte. Freilich mag auch die Auffassung angängig sein, der künftige Prophet habe anscheinend an Dornen eine Frucht der Heiden gesucht, aus Dornen Nahrung ziehen wollen, von der Absicht beseelt die garstigen und ekligen Herden der Heidenwelt, die Heidenvölker, auf die Weideplätze seiner Schrift zu führen, daß sie kraft der geistigen Erquickung gedeihen möchten, er selbst aber, ein bekehrter Sünder, geistige Milch melke.
§ 29
Doch in einer anderen Evangelienschrift ist von einem Berg die Rede. Von sprossenden Weinstöcken entblößt und an Ölbäumen leer, an Erntefrüchten bar, zu Unterschlupf sich eignend, von Überfällen der Bestien und wilden Tiere bedroht, scheint er ein Bild der „sich überhebenden Hoheit“ der Geister der Bosheit darzustellen, wie geschrieben steht: „Sieh, ich will an dich, du verpesteter Berg, der du die ganze Erde verpestest“. Eben darum nun scheint auch an dieser Stelle die Auffassung am Platz, es sei in dem Sinn gesprochen, daß der Glaube den unreinen Geist austreibt, zudem auch die natürliche Beschaffenheit des Baumes für diese Ansicht spricht. Seine Frucht ist nämlich zunächst in der Blüte weiß, wird sodann nach der Entwicklung rötlich glänzend, in der Reife schwarz. Auch der Teufel wurde aus einer blühenden lichten Engelsnatur und aus glänzender Machtstellung durch die Sünde herabgestürzt und starrte vor widerlichem Sündenschmutz, Sieh, jenes „entwurzele dich und stürze dich uns Meer“ spricht der Herr zum Maulbeerbaum, da er die Legion aus dem Menschen austreibt, ihr gestattet in die Schweine zu fahren, die sich vom teuflischen Geist getrieben uns Meer stürzten.
§ 30
Es enthält sonach diese Stelle eine Mahnung zum Glauben und lehrt im moralischen Sinn, daß selbst, was im Glauben gefestigt ist, in die Brüche gehen kann. Aus dem Glauben aber strömt die Liebe, aus der Liebe die Hoffnung, und beide münden wiederum wie in heiligem Kreislauf in sich selbst zurück.
§ 31
Es folgt die Mahnung, daß niemand sich seiner Werke rühmen soll, weil wir mit Recht dem Herrn dienstpflichtig sind. Denn wenn schon du zum Knechte, der ackert oder die Schafe weidet, nicht sprichst: komm herüber und lege doch zu Tische - hier wird ersichtlich, daß nur einer, der herüberkommt, sich zu Tische legen kann; so mußte denn auch Moses erst herüberkommen um eine große Erscheinung zu schauen - wenn nun schon du nicht nur zum Knechte sprichst: lege dich zu Tische, sondern von ihm noch weiteren Dienst verlangst, ohne ihm auch nur Dank zu wissen: so gibt sich der Herr auch bei dir nicht mit der Betätigung eines einzigen Werkes oder einer einzigen Arbeit zufrieden, weil wir, solange wir leben, stets wirken müssen.
§ 32
So erkenne denn, daß du ein mit vielerlei Dienst tief verschuldeter Knecht bist! Tu dir nichts darauf zugute, daß du Kind Gottes heißest - die Gnade soll anerkannt, doch die Natur nicht verkannt werden - und brüste dich nicht, wenn du den Dienst, den du leisten mußtest, gut vollführtest! Auch die Sonne ist willfährig, der Mond gehorcht, die Engel dienen. Das von Gott auserwählte Gefäß der Heiden bekennt: „Ich bin nicht würdig, Apostel zu heißen, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe“. An einer anderen Stelle endlich, wo er offen erklärte, daß er sich keiner Schuld bewußt sei, fügte er bei: „Doch ich bin darum noch nicht gerechtfertigt“. So wollen denn auch wir unsererseits nicht nach Lob haschen, nicht das Urteil Gottes vorwegnehmen und dem Urteilsspruch des Richters nicht vorgreifen, sondern ihn seiner Zeit seinem Richter überlassen! - Hierauf nun folgt der Tadel wider die Undankbaren. Endlich gelangt man so zur Abhandlung über das künftige Gericht.