Rigorismus und Laxismus sind zu verpönen. Freundliche Zurechtweisung erzielt mehr als polterndes Vorgehen (21). Das Sündigen ,wider Gott‛ und ,wider den Menschen‛ (22). Die Siebenzahl die Sabbatzahl: darum das siebenmalige Vergeben, bezw. Wiederkommen des Sünders (Luk. 17, 4) (23—24). Der ,große Sabbat‛ die Auferstehungszeit. Die fünfzig Tage auf Pfingsten lauter Oster- und Herrentage (25). Der Ostersonntag im mystischen Sinn (26—27).
§ 21
Wenn dein Bruder wider dich sündigt, so verweise es ihm. Wie trefflich ließ er auf den in Strafqualen schmachtenden Reichen das Gebot der Vergebung folgen, die zumal jenen zu gewähren ist, die sich von der Sünde bekehren, damit nicht Verzweiflung einen hindert, sich von Schuld abzuwenden! Wie maßvoll aber ist er! Es soll einerseits die Vergebung nicht schwer, andererseits der Nachlaß nicht leicht gewährt werden; es soll weder schroffes Vorgehen zur Entmutigung, noch Nachsicht zur Ermutigung zu Schuldvergehen führen. So heißt es auch an einer anderen Stelle: „Wenn dein Bruder wider dich gesündigt hat, so gehe hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm!“. Mehr nämlich erreicht freundliche Zurechtweisung als polternde Anklage: erstere flößt Beschämung ein, letztere erregt Erbitterung. Man halte lieber an der Regel fest: der Gemahnte soll gewärtigen müssen entlarvt zu werden. Gut ist es überhaupt, daß der Zurechtgewiesene in dir mehr einen Freund denn einen Feind erblickt; denn leichter wird er so guten Ratschlägen sich fügen als verletzender Strenge sich beugen. Daher auch des Apostels Mahnung: „Weiset ihn zurecht als Bruder“, daß er erröte, „betrachtet ihn nicht als Feind!“. Ein schwacher Wächter nämlich ist auf die Dauer die Furcht, eine tüchtige Zuchtmeisterin der Pflicht die Scham; denn wer fürchtet, läßt sich wohl einen Zügel anlegen, nicht bessern; wer sich etwas zu tun schämt, folgt der inneren Natur.
§ 22
Zutreffend aber drückte er sich so aus: „wenn er wider dich gesündigt hat“; denn nicht das gleiche besagt ‘sündigen wider Gott’ und [’sündigen wider] den Menschen’. So mahnt denn auch der Apostel, der wahre Interpret des göttlichen Ausspruches: „Einen Häretiker meide schon nach einer Zurechtweisung!“. Denn der Unglaube ist nicht das gleiche wie eine läßliche Sünde. Weil nun zumeist die Sünde einen aus Unerfahrenheit übermannt, darum das Gebot der Zurechtweisung. Es soll hierdurch sei es eine Verstocktheit in der Sünde vermieden, sei es ein Fehltritt gebessert werden.
§ 23
Doch was will das heißen: „Wenn er siebenmal wiederkommt zu dir, so vergib ihm?“ Wird etwa für die Vergebung eine bestimmte Zahl festgesetzt? Oder aber soll, wie die Übel dieser Welt ruhen und aufhören werden, so auch die Strenge der Strafe einmal ruhen, weil uns, da Gott am siebten Tage von allen seinen Werken ausruhte, nach Ablauf dieser Weltwoche die ewige Ruhe verheißen wird? Es gibt aber nicht bloß Sabbattage, sondern auch Sabbatmonate, darum am zehnten Tage des siebten Monats einen Sabbat des Sabbats: und nicht bloß Sabbat-monate, sondern auch -jahre, und nicht allein -jahre, sondern auch -generationen, endlich den Weltsabbat selbst, dessen Typus der große Sabbat ist, wie im Gesetze die siebte [Jahres-]Woche, auf welche die Feier des Jubeljahres folgt Dieses Geheimnis wollte uns der Herr enthüllen, wenn er spricht: „Nicht nur siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal“; denn in der siebten Generation wurde, wie nach Lukas zu lesen steht, Enoch „entrückt, daß nicht Bosheit sein Herz verkehre“,und zur Ruhe kam in ihm der Stachel des Schmerzes. In der siebenundsiebzigsten Generation aber wurde der Herr aus Maria geboren, nahm die Sünden des Menschengeschlechtes auf sich und gewährte Nachlassung aller Vergehungen.
§ 24
So sehr du nun dem Literalsinn gemäß lernen solltest häufig zu verzeihen und nicht im Unwillen zu beharren - für einen, der Verzeihen gewöhnt ist, gibt es ja nichts, das ihn beleidigen könnte - so erkenne doch den mystischen Sinn! Nicht umsonst nämlich sprach der Herr am Sabbat zum [gekrümmten] Weibe: „Du bist von deiner Krankheit befreit“. Er wollte damit seinem Volke, das wie jenes Weib seinem Rufe folgte, zeigen, daß er auf Grund seiner Ankunft die Sünden verzeihe. Siebzigmal siebenmal nun wird Lamech verflucht; denn schwerer fehlt, wer ein Verbrechen, das er eben ahndet, selbst begeht: doch jedes noch so ungeheuerliche Verbrechen läßt das Taufsakrament nach. - So lerne denn die Unbilden, die dir widerfahren, vergeben, weil auch Christus seinen Verfolgern verziehen hat!.
§ 25
Auch das geschah nicht ohne Grund, daß sein Leiden auf den großen Sabbat fiel. Er wollte damit zeigen, daß es ein Sabbat sein werde, an welchem Christus den Tod vernichten werde. Wenn nun schon die Juden den Sabbat in der Weise feiern, daß sie sowohl einen ganzen Monat wie ein ganzes Jahr als Sabbat betrachten, wieviel mehr müssen wir die Auferstehung des Herrn feiern! Darum eben haben wir der Überlieferung der Vorfahren zufolge sämtliche fünfzig Tage bis Pfingsten als Ostertage zu feiern, indem der Anfang der achten Woche Pfingsten bringt. Daher sprach auch der Apostel als Christi Schüler, der die Verschiedenheit der Zeiten kannte, in seinem Schreiben an die Korinther: „Ich werde vielleicht bei euch bleiben und überwintern“. Und im folgenden: „Ich werde aber in Ephesus bis Pfingsten bleiben; denn eine große Tür hat sich mir eröffnet“. Bei den Korinthern bringt er den Winter zu, weil er wegen ihrer Verirrungen besorgte, es möchte ihr Eifer in der Gottesverehrung erkalten; mit den Ephesern feiert er Pfingsten und teilt ihnen die Mysterien mit und erfrischt ihr Herz, weil er sie von glühendem Glaubenseifer entbrannt sah. Während jener fünfzig Tage nun kennt die Kirche so wenig ein Fasten wie am Herrentag, an welchem der Herr auferstanden ist; und sämtliche Tage sind wie der Herrentag.
§ 26
Noch einen anderen Herrentag wird es geben, an welchem der Leib des Herrn aufersteht. Paulus kannte ihn, da er sprach: „Ihr aber seid der Leib Christi und Glieder von seinen Gliedern“. Dieser Leib des Herrn und Bein von seinem Bein wird dem Haupte anhangen, „das Haupt der Kirche aber ist Christus“. Dann nun wird das Fasten aufhören; denn in ewige Freude wird Mühe, Sorge und Mattigkeit endigen. Dann wird der Tod vernichtet werden; denn „zuletzt wird der Tod vernichtet werden“. Hörte er auch in Henoch auf und wurde er an ihm nicht befunden, ward er doch nicht vernichtet; denn jener wurde entrückt um ihm zu entgehen, Christus hingeopfert um ihn zu vernichten. Darum das treffliche Wort: „Wo ist, Tod, dein Sieg? Wo ist, Tod, dein Stachel?“. In dieser Auferstehung nun wird Christus wie im eigenen Leibe von neuem auferstehen. „Selig darum, wer teil hat an der ersten Auferstehung!“. Wie nämlich Christus „der Erstling der Entschlafenen“ ist, so werden alsdann die Heiligen seiner Kirche die Erstlinge der Auferstehenden sein.
§ 27
Dieses Geheimnis vermochte selbst ein Petrus nicht zu erkennen. Vielleicht mag er es an Henoch erkannt haben: doch wer hätte mit menschlichem Geist ein in Gott verborgenes Geheimnis begreifen können?. Möchte denn der Herr in meine Seele, in meinen Geist kommen und denselben sich unterwerfen, damit ich, wenn mein Geist ihm unterworfen ist, sprechen kann: „Ich will kein Unheil fürchten, weil du mit mir bist!“.