Auch ich frage. Inzwischen wollen wir davon absehen, zu wem gesagt sei: „Eine ist meine Taube, die einzige ihrer Mutter“. Wir fragen noch: entweder ist es zu mir gesagt oder zu dir; wir wollen davon absehen, zu wem es gesagt sei. Dies also frage ich: Wenn die Taube einfältig ist, unschuldig, ohne Galle, friedlich in Küssen, nicht grimmig mit Krallen ―, ich frage, ob zu den Gliedern dieser Taube die Geizigen, die Räuber, die Ränkeschmiede, die Trunkenbolde, die Lasterhaften gehören; 98 sind sie Glieder dieser Taube? Das sei ferne, sagt er. Und in der Tat, Brüder, wer möchte das behaupten. Um sonst nichts zu sagen; wenn ich nur die Räuber nenne, Glieder des Habichts können sie sein, Glieder der Taube nicht. Die Geier rauben, die Habichte rauben, die Raben rauben; die Tauben rauben nicht, zerfleischen nicht; also sind die Räuber nicht Glieder der Taube. Gab es bei euch auch nicht einen einzigen Räuber? Warum bleibt die Taufe, welche ein Habicht, nicht die Taube gab? Warum tauft ihr bei euch selbst nicht nach den Räubern, Ehebrechern, Trunkenbolden und Geizigen? Oder sind diese alle Glieder der Taube? So entehret ihr eure Taube, daß ihr derselben Geierglieder gebet. Wie also, Brüder, was sagen wir? In der katholischen Kirche sind Schlechte und Gute, dort aber sind nur Schlechte. Aber vielleicht sage ich das aus feindseliger Gesinnung, und das soll hernach untersucht werden. Gewiß sind auch dort, sagen sie, Gute und Schlechte; denn wenn sie sagen, sie hätten nur Gute, so mögen ihnen das die Ihrigen glauben, und ich unterschreibe es. Bei uns, mögen sie sagen, sind nur Heilige, Gerechte, Keusche, Nüchterne, keine Ehebrecher, keine Wucherer, keine Betrüger, keine Meineidigen, keine Trunksüchtigen; sie mögen das sagen, denn ich achte nicht auf ihre Zungen, sondern berühre ihre Herzen. Da sie aber uns und euch und den Ihrigen bekannt sind, wie auch ihr sowohl euch in der katholischen Kirche wie auch jenen bekannt seid, so wollen weder wir sie tadeln, noch sollen sie sich selbst schmeicheln. Wir unsererseits geben zu, daß in der Kirche Gute und Schlechte sind, aber als Körner und Spreu. Manchmal ist, wer von einem Korn getauft wird, Spreu, und wer von der Spreu getauft wird, Korn. Sonst wäre es, wenn die vom Korn erteilte Taufe gültig und die von der Spreu erteilte Taufe ungültig ist, falsch, daß „dieser es ist, welcher tauft“. Wenn es aber wahr ist, daß „dieser es ist, welcher tauft“, dann ist sowohl das, was von jenem gegeben wird, gültig, als auch tauft er wie die Taube. Denn jener Schlechte ist keine Taube, noch auch gehört er zu den Gliedern der Taube, und er kann 99 weder hier zur katholischen Kirche gezählt werden noch bei jenen, wenn sie behaupten, ihre Kirche sei die Taube. Was also, Brüder, wollen wir damit sagen? Es ist offenbar und allen bekannt, und wider Willen werden sie überführt, daß sowohl dort, wenn Schlechte die Taufe spenden, nach ihnen nicht wieder getauft wird, als auch hier, wenn Schlechte die Taufe spenden, nach ihnen nicht wieder getauft wird. Die Taube tauft nicht nach dem Raben, warum will der Rabe nach der Taube taufen?