Über die Abfassungszeit und Empfänger des folgenden, gleichfalls die Ordination der Kleriker behandelnden Briefes lassen sich nur Vermuthungen aufstellen. Coustant meint, er sei ursprünglich an Dieselben gerichtet gewesen, an 439 welche zunächst der vorige geschickt wurde, also an die italienischen Bischöfe, von da zur Kenntniß Anderer gelangt und deßhalb in den Sammlungen von fremder Hand mit der jetzigen Aufschrift versehen worden; auch sei er nicht viel iünger als der vorstehende Brief.
§ 1
Papst Siricius an die orthodoxen (Bischöfe) in den verschiedenen Provinzen.
1. Kein Unwürdiger darf Bischof werden.
Es wurde also zur Kenntniß des apostolischen Stuhles gebracht, daß gegen die kirchliche Satzung gefrevelt wird, und daß man (gegen das), was derart von den Vorfahren angeordnet ist, daß es nicht einmal durch ein leichtes Murren verletzt werden darf, gewisse eigene neue Vorschriften einführt und mit Ausserachtlassung des Fundamentes auf Sand bauen wolle, da der Herr sagt::Du sollst die Grenzen 440 nicht verrücken, welche deine Väter gesetzt haben." Dazu ermahnt auch der hl. Apostel, der Verkündiger des alten und neuen Testamentes, in welchem Christus geredet hat, mit den Worten: „Stehet fest und beobachtet euere Überlieferungen, die ihr gelernt habt, es sei durch das Wort oder einen Brief." Deßhalb erkennt euere Aufrichtigkeit, welch’ große Sorgfalt und gewissenhafte Aufmerksamkeit sie im heiligen Dienste und in eueren Ordinationen zu beobachten habe. Endlich sagt (der Apostel) zu Timotheus: „Lege Niemandem schnell die Hände auf und nimm keinen Theil an fremden Sünden." Das wird deßhalb erinnert, auf daß nach abgehaltener Prüfung sich Derjenige durch Rechtschaffenheit der Sitten und durch Arbeit für die Kirche mehr empfehle für die Berufung zum höchsten Priesterthume, welcher bewährt ist durch das Urtheil, nicht durch Gunst, angenommen der Wahrheit gemäß, nicht aus Gnade, gestützt auf die apostolische Ordnung, nicht auf vorschnellen Willen.
Hierüber gelangte schon früher, meineTheuersten, an euere Aufrichtigkeit ein ähnliches Schreiben unter grosser Zustimmung der Brüder und Mitpriester, das auch durch diese euere Unterschrift bekräftiget wurde,damit die Anordnung des kirchlichen Canons, welcher in Nicäa ver- 441 handelt wurde, bestätigen und nach Gebühr unerschütterlich bleibe, daß nemlich Solche zum kirchlichen Ordo Zutritt erlangen, wie sie die apostolische Auctorität verlangt, nicht Solche, die der Ehrgeiz anreizt, ich meine Beamte oder die im Kriegsdienste nach Ruhm strebten;Diese, nachdem sie in weltlichem Pompe einherstolzirten und entweder Staatsämter bekleideten oder weltliche Geschäfte besorgten, drängen sich mit einer Schaar gewisser Leute und durch die Gunst der Angehörigen geleitet häufig zu unseren Ohren, damit sie Bischöfe sein könnten, da sie es doch nach der Überlieferung und evangelischen Anordnung nicht sein können. Mit welcher Anstrengung wurde da manchmal gekämpft! Nichts aber dergleichen konnte (uns) entlockt werden, was nicht die Regel erfordert. Auch von weither sollen die zu Ordinirenden kommen, damit sie als würdig durch des Volkes und unser Urtheil bewährt werden können.
Wie verpönt aber das sei, kann nicht ermessen werden, 442 daß man Durchziehende (sie mögen nun angebliche oder wirkliche Mönche sein), deren Leben, da deren Taufe wir nicht wissen können, deren Glaube unbekannt und unbewährt ist, nicht mit Geld unterstützen will, sondern sie sogleich zu Diakonen oder zu Priestern in aller Schnelligkeit weiht oder, was noch ärger ist. sie zu Bischöfen einzusetzen keinen Anstand nimmt. Höher steht bei Solchen eine dem Durchziehenden gereichte Gabe als das Priesterthum. Da man sie nicht behält, werden die Einen hochmüthig, die Anderen werden schnell abtrünnig, weil sie, überall Fremdlinge, die wahre Treue im kirchlicken Dienste, wie man versichert, nirgends lernen.
Auch das durften wir nicht übergehen, daß, was ein oder das andere Mal die durch die Häretiker verursachte Noth gegen die apostolischen Vorschriften herbeiführte, als gesetzlich erlaubt betrachtet werde; daß man einen Neophyten oder Laien, welcher kein kirchliches Amt verwaltete, voreilig zum Priester oder Diakon zu ordiniren wage, als ob sie besser als die Apostel wären, deren Vorschrift sie zu ändern wagen; und Einer, der noch nicht gelernt hat. wird zum Lehren gezwungen. Also findet sich kein Tauglicher unter den Klerikern? Weder unter den Diakonen noch unter den anderen Klerikern ist Einer zu finden.,der des Priesterthumes würdig wäre; aber zur Schmach der Kirche verlangt man einen Laien? Ich ermahne, daß Dieß nicht ferner 443 geschehe. Ich lege euch an’s Herz,daß wir, wie wir einen Glauben haben, so auch in der Überlieferung eines Sinnes seien, uns als einmüthig und einträchtig bewähren, in Christus und den apostolischen Verordnungen friedfertig die Liebe bewahren. Durch den Vater also und seinen eingeborenen Sohn und den heiligen Geist und die Dreiheit der einen Gottheit bitte ich, daß hierin der katholische Glaube und unsere Ordnung feststehe. Auch halteNiemand die Weihen für irdisch, da das Priesterthum himmlisch ist, damit den Gläubigen der Ruhm seiner Würde verbleibe und vor dem Richterstuhle Christi hieraus keine Anklage entstehe.