Die Abfassungszeit dieses Briefes ist durch die Erwäh- 456 nung der Synode von Capua als vor Kurzem gehalten festgestellt; da jene Synode zwischen dem 26. November 391 und dem 15. Mai 392 gehalten wurde, gehört unser Schreiben der Mitte des J. 392 an. Allein über den Autor desselben war man nicht einer Ansicht. Entschieden falsch, weil chronologisch unmöglich, ist es, wenn Nicolaus Cusanus und einige Andere dieses Schreiben dem Papste Damasus zuweisen.In den alten Ausgaben des Ambrosius und einigen Handschriften wird es als Brief des hl. Ambrosius aufgeführt; auch die Mauritier nahmen es unter die Briefe des hl. Ambrosius auf. Justellus aber, Lucas Holstein,Launoi,Coustant u. A.vindiciren vorliegendes Schreiben dem Papste Siricius. Die Veranlassung desselben aber war folgende: Die schon erwähnte Synode von Capua, welche vor Allem das antiochenische Schisma beilegen sollte, leider aber Dieß nicht vermochte, hatte auch über die Irrlehre des Bischofs Bonosus von Sardica zu urtheilen, welcher die beständige Virginität 457 Mariens geleugnet und behauptet hatte, sie habe ausser Jesus mehrere Söhne geboren; sie übertrug die genauere Untersuchung und Aburtbeilung dieser Sache den Nachbarn des Bonosus, den Bischöfen Macedoniens, unter dem Vorsitze des Anysius; diese nun befragten hierüber den Papst, welcher sie aber anwies, nach dem Ausspruch der Synode von Capua die Angelegenheit selbst zu untersuchen und zu entscheiden.
Den geliebtesten Brüdern Anysius und den übrigen in Illyrien eingesetzten Nischöfen (sendet) SiriciuS (seinen Gruß).
In der Angelegenbeit des Bischofes Bonosus habt ihr (an mich) ein Schreiben gerichtet,in welchem ihr entweder um der Wahrbeit willen oder aus Bescheidenheit unsere Meinung erfahren wolltet. Da aber der Ausspruch der Synode von Capua dahin lautete, daß die Nachbarn des Bonosus und seiner Ankläger als Richter aufgestellt wurden, und vorzüglich die macedonischen (Bischöfe), welche mit dem Bischofe von Thessalonich über dessen Thaten oder (Schriften) erkennensollen, bemerken wir, daß uns ein richterliches Vorgeben nicht zustehen könne. Denn wäre heute die Synode noch unentschieden, dann würden wir mit 458 Recht über das, was euer Schreiben enthält, entscheiden. Euere Sache also ist es, die ihr diesen Ausspruch empfangen, über Alle das Urtheil zu fellen und weder den Klägern noch dem Geklagten die Möglichkeit des Entfliehens oder Entkommens zu lassen. Denn ihr habt die Vertretung der Synode übernommen, da die Synode euch zur Vornahme der Untersuchung erwählt hat.
Als endlich Bischof Bonosus nach euerem Ausspruche zu unserem Bruder Ambrosiusgeschickt hatte, um ihn zu befragen, ob er die ihm interdicirte Kirche mit Gewalt in Besitz nehmen und betreten solle, wurde ihm geantwortet, er dürfe Nichts voreilig, sondern Alles bescheiden, geduldig und ordnungsmäßig thun und dürfe nicht gegen eueren Ausspruch handeln, damit ihr, was euch gerecht erscheint, festsetzet, da euch die Synode die Ermächtigung hiezu gegeben hatte. Deßhalb müssen vor Allem die richten, welchen die richterliche Vollmacht übergeben wurde; denn ihr entscheidet, wie wir geschrieben, an Stelle der ganzen Synode; wir können nicht als Bevollmächtigte der Synode richten.
Wir können es keineswegs leugnen, daß er wegen der Söhne Mariens mit Recht eueren Tadel verdiente und 459 euere Heiligkeit billig (die Lehre) verabscheute, daß aus demselben jungfräulichen Leibe, aus welchem Christus dem Fleische nach geboren, noch eine andere Nachkommenschaft hervorgieng. Denn der Herr Jesus hätte nicht die Jungfrau zu seiner Mutter erwählt, wenn er sie für so unenthaltsam erkannt hätte, daß jenen Schooß, aus welchem der Leib des Herrn gebildet wurde, jenen Hof des ewigen Königes, die Beiwohnung eines menschlichen Samens beflecken würde. Denn wer Dieß behauptet, lehrt nichts Anderes als den Unglauben der Juden, welche sagen, daß er nicht aus einer Jungfrau geboren werden konnte. Denn wenn sie von den Priestern die Lehre hören, Maria habe mehrere Kinder geboren, so werden sie mit desto größerem Eifer die Wahrheit des Glaubens zu bekämpfen suchen.
Wo bleibt dann das Wort der Schrift, da der Herr zu seiner Mutter von dem Evangelisten Johannes sagte:„Weib, siehe da deinen Sohn" und zu Johannes wieder von Maria: „Siehe da deine Mutter“? Was soll das bedeuten, daß der Herr, als er am Kreuze die Sünde der Welt tilgte, auch die Unversehrtheit seiner Mutter verkündigte? Wozu anders ist es gesagt, als daß der Unglaube seinen Mund schließe und verstumme, damit er nicht die Mutter des Herrn durch irgend eine Schmähung anzugreifen wage? So bezeugt er also als Richter, als Vertheidiger der Keuschheit seiner Mutter, daß sie nur mit dem Manne Joseph verlobt war,die Rechte des Ehebettes im ehelichem Umgänge aber nicht kennen gelernt habe. Denn sollte sie von Joseph Kinder empfangen, so hätte er sie gewiß nicht von der Gemeinschaft des Mannes trennen wollen. Überdies fügte der Evangelist noch das Zeugniß hinzu, indem er sagt, „daß der Jünger sie zu sich nahm.”Nahm er 460 also eine Scheidung vor, entführte und nahm er sie etwa ihrem Manne? Wie also kann, wer Dieß im Evangelium liest, einem Schiffbrüchigen gleich wanken und schwanken? Das also ist das Testament des Sohnes über die Unversehrtheit seiner Mutter, das reiche Erbe der unverletzten Reinheit Mariens, das Ende der ganzen Erfüllung. Endlich sagte er Dieß und gab seinen Geist auf, indem er das ganze Geheimniß mit der Tugend der Kindesliebe vollendete.
Wir lasen und durchgiengen Alles, sowohl daß Senecio unserem Bruder und Mitbischofe Bassus als Genosse zur Regierung der Kirchebeigegeben wurde, als auch das Übrige, worüber wir die Entscheidung eueres Ausspruches erwarten.