Jovinian, ein Mönch, ob zu Mailand oder anderwärts, ist unsicher, der längere Zeit ein strenges ascetisches Leben führte, kam um das J. 388 auf eine ganz ähnliche Ansicht über die guten Werke wie Luther und lehrte: Virginität, Viduität und eheliches Leben seien gleich verdienstlich, ebenso Fasten und das mit Dankgebet verbundene Essen; der im vollen Glauben Getaufte könne vom Teufel nicht überwäligt werden; Alle. welche die Taufgnade bewahren, empfangen gleichen Lohn im Himmel; Maria habe Christum zwar als 444 Jungfrau empfangen, aber nicht als Jungfrau geboren, sonst müsse man mit den Manichäern sagen, der Leib Christi sei kein wirklicher, sondern nur ein scheinbarer gewesen. Jovinian, der seiner Lehre gemäß nunmehr ein ausschweifendes Leben begann, erwarb sich unter den weltlichen Frommen Rom’s einen großen Anhang, gerieth aber auch auf großen Widerspruch, und man verlangte vom Papste Siricius die Verurtheilung des Ketzers. Siricius versammelte hierauf im J. 390seinen Klerus zu einer Synode, auf welcher Jovinian und seine Anhänger als Häretiker verurtheilt und aus der Kirche ausgestoßen wurden. Diesen Beschluß sandte der Papst mit gegenwärtigem Schreiben durch drei Priester an den hl. Ambrosius nach Mailand, welcher schon früher ein eifriger Bekämpfer des Jovinian war, um ihn zur Zustimmung einzuladen. So Hefele.Letzteres ist insoweit richtig, als aus der von dem durch Ambrosius versammelten Mailänder Concil erfolgten Antwort gewiß ist, daß unser Schreiben nach Mailand geschickt wurde; aber alle Handschriften bezeugen, daß es an „verschiedene„ oder an „alle“ Bischöfe gesandt wurde.
Ich wünschte, theuerste Brüder, euerer aufrichtigen Liebe und Friedfertigkeit stets Freudiges zu berichten, so daß auch umgekehrt durch die (von euch) eingehenden Briefe 445 (die Freude) durch die Anzeige eueres Wohles erhöht würde. Allein der alte Feind läßt uns keine Ruhe mit seinen Angriffen, der Lügner vom Anbeginn, der Feind der Wahrheit, der Neider des Menschen, den betrügen zu können er sich selbst vorher betrog, der Widersacher der Schamhaftigkeit, der Lehrer der Üppigkeit nährt sich von Grausamkeiten, durch Enthaltsamkeit gestraft hasset er das Fasten, da er durch den Mund seiner Diener es für überflüssig erklärt, weil er auf die Zukunft keine Hoffnung hat und durch den Ausspruch des Apostels zurückgeschlagen ist, welcher sagte: „Lasset uns essen und trinken; denn morgen werden wir sterben."
O unselige Verwegenheit, o Verschmitztheit eines verzweifelten Geistes! Schon kroch die Lehre der Häretiker ungekannt in der Kirche nach Art eines Krebses umher, damit sie, die Brust erfassend, den ganzen Menschen in den Tod stürze. Und wenn nicht der Herr der Heerschaaren die gelegte Schlinge zerrissen hätte, der Anblick eines solchen Übels und die veröffentlichte Heuchelei hätte die Herzen vieler Einfältigen in’s Verderben gezogen, da sich der menschliche Geist leicht zum Schlechteren verführen läßt, indem er lieber auf weiter Straße einherfliegt, statt sich auf engem Wege mühsam durchzubringen.
Daher war es sehr nothwendig, euch, meine Geliebtesten, von dem hier Geschehenen in Kenntniß zu letzen, damit nicht aus Unwissenheit irgend eines Priesters die Pest ganz verworfener Menschen sich unter dem Namen der 446 Frömmigkeit in die Kirche einschleiche und sie verderbe nach dem Worte des Herrn in der Schrift:„Viele kommen in Schafskleidern zu euch, inwendig aber sind sie reissende Wölfe; an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.„ Das sind nemlich die, welche sich schlauer Weise als Christen rühmen, damit sie unter dem Schleier eines frommen Rufes einhergehend das Haus des Gebetes betreten und das Wort ihrer Schlangenlehre ausstreuen können, damit sie im Dunkeln schießen auf die, welche aufrichtigen Herzens sind,“sie von der katholischen Wahrheit abwendig machen und zur Raserei ihrer Lehre nach Teufelsart verführen und die Einfalt der Schafe täuschen. Wir haben wohl die Bosheit vieler Häresien von den Aposteln an bis nun kennen gelernt und erfahren, nie aber haben solche Hunde das Heiligthum der Kirche durch ihr Gebell beunruhigt, wie die, welche jetzt plötzlich als Feinde der Kirche erstehen und durch die von ihnen geoffenbarte Gottlosigkeit, durch die Frucht ihrer Worte zeigen, wessen Schüler sie sind. Denn während andere Häretiker einzelne Fragen in ihrem Mißverstande zu verwerfen und aus der göttlichen Lehre zu entfernen suchten, verwunden diese, des hochzeitlichen Gewandes baar, die Katholiken, verwerfen, wie ich sagte, und verdrehen mit teuflischem Sinne die Enthaltsamkeit des alten und neuen Testamentes und begannen schon durch ihre verführerische und heuchlerische Rede so manche Christen zu verderben und für ihren Wahnsinn zu gewinnen, indem sie das Gift ihrer Schlechtigkeit in sich verbergen. Als sie aber entdeckt 447 wurden, offenbarten sie ihre Gotteslästerungen durch eine vermessene Schrift, und von Verzweiflung und Wuth hingerissen veröffentlichten sie (dieselben) zum Vortheile selbst für die Heiden. Plötzlich aber wurde von sehr treuen Christen, von Männern, die durch Abkunft und Frömmigkeit ausgezeichnet sind,meiner Niedrigkeit ein erschreckendes Schriftstück überbracht, daß die dem göttlichen Gesetze widersprechende entdeckte (Lehre) durch priesterliches Urtheil in einem eigenenAusspruche vernichtet werde. Wir verachten fürwahr das Ehegelöbniß nicht, sondern nehmen es entgegen und betheiligen uns dabei mit dem Schleier;die Jungfrauen aber, welche den Ehen entsprossen und sich Gott weihen, belohnen wir mit größerer Auszeichnung. Vor der versammelten Priesterschaft wurde also constatirt, daß (jene Lehre) unserer Lehre, d. i. dem christlichen Gesetze zuwider sei.
Wisset also, daß wir nach der Vorschrift des Apostels, weil sie etwas Anderes verkündeten, als wir empfangen haben, alle, sowohl Priester und Diakonen, wie auch der ganze Klerus, einmüthig erklärten, daß Jovinianus, Auxentius, Genialis, Germinator, Felix, Plotinus, Martianus, Januarius und Ingeniosus, welche als Anstifter der neuen Häresie und Gotteslästerung befunden wurden, nach göttlichem Ausspruche und unserem Urtheile für ewig verurtheilt und ausserhalb der Kirche bleiben sollen. Indem ich nicht zweifle, daß euere Heiligkeit Dieß beobachten wird, sandte ich dieses Schreiben durch meine Brüder und Mitpriester Crescens, 448 Leopardus und Alexander, damit sie das fromme Amt des Glaubens mit eifrigem Geiste erfüllen können.