§ 99
1. „Mit dem Herzen glaubt man an ihn zur Gerechtigkeit, und mit dem Munde bekennt man ihn zum Heil. Sagt doch die Schrift: ‘Keiner, der auf ihn vertraut, wird 69 zu Schanden werden.’“ „Das ist das Wort des Glaubens, das wir predigen. Denn wenn du mit deinem Munde das Wort bekennst, daß Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, daß ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet werden.“
2. Sie schildert geradezu eine vollkommene Gerechtigkeit, die sich in der Tat und in ernster geistiger Schau vollendet. „Ihr müßt also die segnen, die euch verfolgen; segnet und fluchet nicht!“
3. „Denn darin besteht unser Rühmen: in dem Zeugnis unseres Gewissens, daß wir in Heiligkeit und Lauterkeit“ Gott erkannt haben, indem wir auf diesen geringen Anlaß hin das Werk der Liebe bei uns sehen ließen; denn „nicht in fleischlicher Weisheit, sondern in der Gnade Gottes führten wir unseren Wandel in der Welt.“
§ 100
1. Soviel sagt der Apostel über die Erkenntnis. Die allgemeine (überall verkündete) Glaubenslehre aber nannte er im zweiten Brief an die Korinther „den Wohlgeruch der Erkenntnis“.
2. „Denn bis auf den heutigen Tag bleibt, wenn das Alte Testament vorgelesen wird, für die große Masse dieselbe Hülle noch da, ohne daß sie weggenommen würde“ durch die Bekehrung zum Herrn.
3. Deswegen zeigte er denen, die durchzuschauen vermögen, auch die Möglichkeit einer Auferstehung noch im Fleische aus einem „auf dem Bauche kriechenden“ Leben. Deshalb nannte er solche Leute auch „Otterngezüchte“, nämlich die Wollüstigen, die dem Bauche und den Schamteilen dienen, und die einander wegen „der weltlichen Begierden“ die Köpfe abschneiden.
4. „Kindlein, laßt uns nicht mit dem Wort und mit der Zunge lieben“, sagt Johannes, um zu zeigen, wie man vollkommen werden kann, „sondern mit der Tat und mit der Wahrheit! Daran werden wir erkennen, daß wir aus der Wahrheit sind.“
5. Wenn aber Gott Liebe ist, dann ist Liebe auch die Gottesverehrung. „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt 69 die Furcht aus.“ „Dies ist die Liebe zu Gott, daß wir seine Gebote halten.“
6. Und wiederum ist für den, der ein Gnostiker zu werden wünscht, geschrieben: „Werde aber ein Vorbild der Gläubigen im Wort, im Wandel, in Liebe, in Glauben, in Keuschheit!“ Denn nach meiner Meinung wird hier ein Unterschied zwischen der Vollkommenheit des Glaubens und dem gewöhnlichen Glauben gemacht.
§ 101
1. Und an so vielen Stellen gibt der göttliche Apostel einen Maßstab für den wahren Gnostiker. Das eine Mal schreibt er: „Denn ich habe gelernt mich zu begnügen, in welchen Verhältnissen ich auch sein mag. Ich verstehe es, mich in ärmliche Verhältnisse zu schicken; ich verstehe es auch, im Überfluß zu leben. In alles und jedes bin ich eingeweiht, sowohl satt zu sein als auch zu hungern, sowohl Überfluß zu haben als Mangel zu leiden. Alles vermag ich in dem, der mich stark macht.“
2. Das andere Mal, wo er mit anderen Leuten spricht, scheut er sich nicht, zu ihrer Beschämung zu sagen: „Erinnert euch aber an die vergangenen Tage, in denen ihr, nachdem ihr erleuchtet worden wart, einen heftigen Leidenskampf zu bestehen hattet und teils unter schimpflichen Bedrückungen zur Schau gestellt wurdet, teils an dem Schicksal derer Anteil nahmt, denen es ebenso erging. Denn ihr habt ja Mitleid mit mir gehabt, als ich gefangen war, und ihr habt es mit Freuden hingenommen, als man euch eure Habe raubte, in dem Bewußtsein, daß ihr selbst einen wertvolleren und bleibenderen Besitz habt.
3. Werft also euer freudiges Zutrauen nicht weg, dem ja eine große Belohnung in Aussicht steht! Denn ihr habt Geduld nötig, damit ihr den Willen Gottes tut und die Verheißung erlangt. ‘Denn es ist nur noch eine kleine, ganz kleine Spanne Zeit, dann wird der da sein, der kommen soll, und er wird nicht auf sich warten lassen. Mein Gerechter aber wird seines Glaubens wegen das Leben erlangen; und wenn jemand feige zurückweicht, dann hat meine Seele kein Wohlgefallen an ihm.’ Wir aber haben es nicht mit dem Kleinmut zu tun, der zum Verderben führt, sondern mit dem Glauben, der das Leben gewinnen läßt.“
§ 102
1. Dann stellt er dir einen ganzen Schwarm von göttlichen Beispielen vor Augen. Haben denn nicht, so 71 sagt er, infolge ihres Glaubens durch Geduld jene den Sieg errungen, die „Verhöhnung und Geißelung erleiden mußten, dazu noch Fesseln und Gefängnis?“ „Sie wurden gesteinigt, gefoltert, erlitten den Tod durch das Schwert; sie gingen umher in Schaffellen, in Ziegenhäuten und erlitten dabei Entbehrungen, Bedrängnisse, Mißhandlungen; sie, deren die Welt nicht wert war, irrten in Wüsten und Gebirgen, in Höhlen und Erdklüften umher.
2. Und sie alle, die wegen ihres Glaubens ein gutes Zeugnis empfangen hatten, haben die Verheißung Gottes nicht davongetragen.“ Dazu muß man in Gedanken noch das stillschweigend angedeutete Wort „allein“ ergänzen.
§ 103
1. Er fügt wenigstens hinzu: „da Gott etwas Besseres für uns vorgesehen hatte“ (denn er war gütig) „damit sie nicht ohne uns zur Vollendung kämen. So wollen denn auch wir, da wir von einer so großen“, heiligen und leuchtenden „Wolke von Zeugen umgeben sind, alles uns Beschwerende (was uns im Laufe hemmen könnte) und die uns so leicht bestrickende Sünde von uns abwerfen und mit Ausdauer den Wettlauf bestehen, der für uns angesetzt ist, indem wir auf Jesus schauen, den Urheber und Vollender unseres Glaubens!“
2. Daß es also nach seiner Meinung nur ein einziges Heil in Christus für jene Gerechten und für uns gibt, das hat er schon vorher deutlich gesagt; aber dessenungeachtet spricht er auch von Moses und fährt so fort: „Er hielt die Schmach Christi für einen größeren Reichtum als die Schätze Ägyptens; denn er blickte auf die Belohnung. Durch den Glauben verließ er Ägypten und fürchtete sich nicht vor dem Zorn des Königs; denn mit dem Blick auf den Unsichtbaren, gerade als sähe er ihn, hielt er stand.“
3. Die göttliche Weisheit sagt über die Märtyrer: „In den Augen der Unverständigen schienen sie tot zu sein, und ihr Hinscheiden wurde als ein Unglück angesehen und ihr Weggang von uns für Vernichtung; sie aber sind im Frieden. Denn wenn sie auch nach der Anschauung der Menschen gestraft wurden, so war doch ihre Hoffnung von (dem Glauben an) Unsterblichkeit erfüllt.“
§ 104
72 1. Dann fährt sie fort, um zu zeigen, daß das Martyrium eine ehrenvolle Läuterung ist: „Und nachdem sie eine kurze Zeit der Züchtigung überstanden haben, werden sie große Wohltaten erlangen; denn Gott hat sie versucht“ (das heißt: er ließ zu, daß sie zu ihrer eigenen Bewährung und zur Beschämung des Versuchers versucht wurden) „und hat sie seiner würdig erfunden“, daß sie nämlich seine Kinder genannt werden.
2. „Wie Gold im Schmelzofen hat er sie erprobt, und wie die Gabe eines Ganzopfers hat er sie angenommen. Und zur Zeit ihrer Heimsuchung werden sie helleuchten und werden wie Funken durch dürres Schilfrohr hindurchfahren. Sie werden die Heiden richten und über die Völker herrschen, und der Herr wird ihr König sein in Ewigkeit.“