§ 163
1. Es ist also nicht vernünftig, wenn man die Schöpfungskraft Gottes schmäht und schlecht vom Körper redet, ohne zu beachten, daß die Gestalt des Menschen aufrecht zum Beschauen des Himmels geschaffen ist, und daß die Einrichtung der Sinneswerkzeuge für das Erkennen bestimmt ist und daß die Glieder und Teile des Körpers für das Schöne, nicht für die Lust geeignet sind.
2. Deshalb ist diese Behausung imstande, die Seele, die bei Gott im höchsten Werte steht, in sich aufzunehmen, und wird des Heiligen Geistes würdig geachtet, entsprechend der Heiligung der Seele und des Leibes, die durch die erziehende Beeinflussung des Heilandes vollendet wird.
3. Und die Wechselbeziehung der drei Tugenden zeigt sich bei dem gnostischen Menschen, der sich auf sittlichem, natürlichem und logischem Gebiet (entsprechend der Sitten-, Natur- und Denklehre) mit der Gottheit beschäftigt.
4. Denn Weisheit ist das Wissen von den göttlichen und menschlichen Dingen, Gerechtigkeit der Zusammenklang der Seelenteile, Frömmigkeit die Verehrung Gottes.
5. Wenn aber jemand für die Behauptung, daß (in der Schrift) ungünstig von dem Fleisch und damit auch von der Schöpfung geredet werde, als Zeugnis das Wort des Jesaias anführen wollte: “Alles Fleisch ist Gras, und alle Herrlichkeit des Menschen ist wie die Blüte des Grases; das Gras verwelkt, und die Blüte fällt ab; das Wort des Herrn aber bleibt in 111 Ewigkeit”, so soll er darauf achten, wie der Geist die fragliche Stelle durch Jeremias auslegt: "Und ich habe sie zerstreut wie Spreu, die vom Winde in die Wüste getrieben wird.
§ 164
1. Das ist euer Los und euer Teil, weil ihr ungehorsam wart, sagt der Herr. Denn du hast mich vergessen und deine Hoffnung auf Lügen gesetzt, und ich will deine Schleppe über dein Gesicht stülpen, und deine Schande soll gesehen werden, deine Unzucht und dein Gewieher" und die folgenden Worte.
2. Denn dies bedeutet “die Blüte des Grases” und “das nach dem Fleische wandeln” und “fleischlich sein”, wie der Apostel sagt; (alle diese Worte beziehen sich auf die,) die in Sünden sind.
3. Denn zugestandenermaßen ist beim Menschen das Bessere die Seele und das Geringere der Leib; aber weder ist die Seele von Natur gut noch andererseits der Leib von Natur schlecht; ferner ist das, was nicht gut ist, deswegen noch nicht sofort schlecht.
4. Denn es gibt ja auch mittlere Zustände und bei ihnen wieder solche, die vorzuziehen sind, und solche, die zu verwerfen sind.
5. Es mußte daher die Zusammensetzung des Menschen, da sie in dem Bereich des Wahrnehmbaren entstanden ist, aus verschiedenen Teilen, nämlich aus Leib und Seele, bestehen, aber nicht aus entgegengesetzten.
§ 165
1. Die guten Taten werden nun immer als etwas Besseres dem besseren Teil, nämlich dem geistigen, zugeschrieben, die von der Lust bestimmten und sündigen Taten dagegen dem niedrigeren Teil, dem, der zu sündigen fähig ist, zur Last gelegt.
2. So verhält sich die Seele des Weisen und Gnostikers, da sie gleichsam zu Gast im Körper ist, diesem gegenüber würdig und achtungsvoll, aber ohne ihm leidenschaftlich zugetan zu sein, weil sie schon bald, wenn die Zeit des Abschieds ruft, ihre Hütte verlassen wird.
3. „Ein Fremdling“, heißt es, „bin ich in dem Lande, und ein Gast bin ich bei euch.“ Und von daher hat Basileides die Behauptung genommen, daß die Auserwählten der Welt gegenüber etwas Fremdes seien, da sie 112 nämlich ihrem Wesen nach über die Welt erhaben seien.
4. Das verhält sich aber nicht so; denn das All gehört einem Einzigen, nämlich Gott, und keiner kann von Natur der Welt gegenüber ein Fremdling sein, da es nur eine einzige Wirklichkeit und nur einen einzigen Gott gibt; es ist vielmehr so, daß der Auserwählte seinen Wandel wie ein Fremdling führt und weiß, daß alles erworben werden kann und alles wieder hergegeben werden muß.
§ 166
1. Die dreierlei Güter aber, die es nach der Lehre der Peripatetiker gibt, benützt er, aber auch den Körper, so wie jemand, der eine weite Reise macht, die Herbergen und die Gasthäuser am Wege benützt, und auch den Ort, wo er einkehrt, sorgsam behandelt und in Ordnung hält; aber er verläßt auch die Wohnung und den Besitz ebenso wie den Gebrauch wieder, ohne sich darüber aufzuregen, und folgt bereitwillig dem, der ihn aus diesem Leben fortführen will, und wendet sich in keiner Weise aus irgendeinem Anlaß noch einmal um, und er dankt für die gastliche Aufnahme, preist aber auch den Abschied, weil er der himmlischen Wohnung mit Freuden entgegengeht.
2. „Denn wir wissen, daß unser irdisches Haus, diese Leibeshütte, abgebrochen wird, wir einen Bau von Gott erhalten, ein nicht mit Händen gemachtes, ewiges Haus im Himmel. Und in dieser Erkenntnis seufzen wir auch, weil wir uns darnach sehnen, mit unserer himmlischen Behausung überkleidet zu werden; sind wir doch gewiß, daß wir, wenn wir sie einmal werden angezogen haben, nicht unbekleidet erfunden werden. Denn wir wandeln im Glauben, nicht im Schauen“, wie der Apostel sagt.
3. „Wir möchten aber lieber vom Leibe Abschied nehmen und zum Herrn heimkommen.“ Das Wörtchen „lieber“ wird bei einem Vergleich verwendet; vergleichen kann man aber nur ähnliche Zustände oder Ereignisse, wie der Tapferere tapferer als der Tapfere und unter vielen Feigen der Tapferste ist.
§ 167
1. Deshalb fügt er hinzu: „Darum setzen wir, mögen wir nun in der Fremde sein oder daheim, unsere Ehre darein, ihm wohlzugefallen“, nämlich dem einen Gott, dessen Werk und Schöpfung das All ist, die Welt und das 113 Überweltliche.
2. Ich bewundere den Epicharmos, der richtig sagt: „Wenn du fromm im Herzen bleibest, widerfährt kein Unglück dir, Nach dem Tode, und die Seele dauert fort in Himmelshöhn“,
3. und die Verse des lyrischen Dichters: „Die Seelen der Frevler irren umher auf Erden unter dem Himmelszelt, Mit Todesschmerzen unter dem Joch unentrinnbaren Leids; Die der Frommen aber wohnen im Himmel Und singen in Hymnen Lob dem großen, seligen Gott.“
4. Also wird die Seele nicht vom Himmel herab hierher auf die Erde zu dem Schlechteren gesandt (denn Gott lenkt alles zum Besseren), sondern die Seele, die das beste Leben erwählt hat, tauscht auf Grund der Gerechtigkeit Gottes für die Erde den Himmel ein.
§ 168
1. Daher sagt Hiob, als er zur Erkenntnis gelangt war, mit Recht: „Jetzt weiß ich, daß du alles vermagst und daß für dich nichts unmöglich ist. Denn wer verkündet mir, was ich nicht wußte, das Große und Wunderbare, das ich nicht verstand? Ich mußte mich aber schämen, da ich zu der Überzeugung kam, daß ich Erde und Asche bin.“
2. Denn wer in der Unwissenheit bleibt, ist sündig und Erde und Asche; wer aber zur Erkenntnis gelangt ist und Gott, so viel er kann, ähnlich wird, ist bereits geistlich und deshalb auserwählt.
3. Daß aber die Heilige Schrift die Unverständigen und Ungehorsamen Erde nennt, das wird durch die Worte klar werden, die Jeremias über Joakeim und seine Brüder sagt: „Erde, Erde, höre das Wort des Herrn! Schreibe diesen Mann auf als einen verworfenen Menschen!“
§ 169
114 1. Und ein anderer Prophet sagt wieder: „Höre, Himmel, und laß es dir zu Ohren kommen, Erde!“, wobei er das Verstehen ein „Hören“ nennt und „Himmel“ die Seele des Gnostikers, der sich die Betrachtung des Himmels und des Göttlichen zur Aufgabe gemacht hat, und auf diese Weise ein Israelit geworden ist.
2. Andererseits hat er den, der die Unwissenheit und die Verstocktheit gewählt hat, „Erde“ genannt und das Wort (xxx) ènotíßou (laß es dir zu Ohren kommen) mit der Ableitung von dem Sitz des Gehörs, den Ohren, verwendet und so denen, die nur auf die Sinnesdinge achten, nur das fleischliche Aufnehmen zugeschrieben.
3. Diese sind es, von denen der Prophet Micha sagt: „Höret das Wort des Herrn, ihr Völker, die ihr in Schmerzen wohnt!“
4. Und Abraham sagte: „Keineswegs, Herr, der du die Erde richtest!“, da nach dem Wort des Heilands „derjenige, der nicht geglaubt hat, schon gerichtet ist“.
§ 170
1. Es ist aber auch in den Königsbüchern die Art des Urteils und der Entscheidung des Herrn so beschrieben: „Gerechte erhört Gott, Gottlose aber rettet er nicht, weil sie von Gott nichts wissen wollen; denn Widersinniges wird der Allmächtige nicht vollbringen.“
2. Was werden die Irrlehrer gegen diese Stelle noch vorbringen können, da die Schrift verkündet, daß der allmächtige Gott gut und nicht Urheber der Bosheit und des Frevels ist, wenn nämlich die Unwissenheit daraus entsteht, daß man nicht erkennt, Gott aber nichts Widersinniges tut?
3. „Denn dieser ist“, so heißt es, „unser Gott, und außer ihm gibt es niemand, der rettet.“ „Denn es gibt auch kein Unrecht bei Gott“, nach dem Wort des Apostels.
4. Deutlich lehrt aber der Prophet ferner den Willen Gottes und den Fortschritt in der Erkenntnis durch folgende Worte: „Und nun, Israel, was verlangt der Herr, dein Gott, anderes 115 von dir, als daß du den Herrn, deinen Gott, fürchtest und auf allen seinen Wegen wandelst und ihn liebst und ihm allein dienst?“ Dies verlangt er von dir, der du die Möglichkeit hast, die Seligkeit zu wählen.
§ 171
1. Was bezwecken nun die Pythagoreer, wenn sie fordern, daß man laut beten soll? Sie verlangen dies, wie mir scheint, nicht deshalb, weil sie etwa glaubten, daß die Gottheit die still Redenden nicht vernehmen könne, sondern weil sie wollten, daß die Gebete gerecht seien, und glaubten, daß solche Gebete vor vielen Zeugen zu sprechen niemand sich scheuen würde.
2. Wir werden aber seinerzeit ausführlich über das Gebet sprechen, wenn unsere Abhandlung so weit gekommen ist; wir müssen aber „als Leute, die am Tage wandeln“, unsere Taten laut reden lassen.
3. „Denn deine Werke sollen leuchten.“ „Und siehe da, ein Mensch und seine Werke sind vor seinem Angesicht. Denn siehe da, hier ist Gott und seine Werke.“ Der Gnostiker muß Gott, soweit es ihm möglich ist, nachahmen.
4. Mir scheinen aber auch die Dichter die bei ihnen Auserwählten „gottgleich gestaltet“ zu nennen und „göttlich“ und „gottgleich“ und „dem Zeus an Klugheit vergleichbar“ und „Ratschläge gleich wie die Götter besitzend“ und „gottähnlich“, wobei sie sich das Wort „nach dem Bilde und nach der Ähnlichkeit“ keck aneignen.
§ 172
1. Nun sagt zwar Euripides: „Und jetzt werden mir goldene Flügel am Rücken Und der Sirenen liebliche Sohlen werden mit angelegt, Und ich steige empor zu den Höhen des Äthers, Um mich zu Zeus zu gesellen.“
2. Ich aber bete, daß der Geist Christi mich beflügeln möge zum Flug nach meinem Jerusalem; denn auch die Stoiker sagen, daß nur der Himmel im eigentlichen Sinn ein Staat sei, dagegen was hier unten auf der Erde ist, nicht mehr 116 Staaten seien; sie würden zwar so genannt, seien es aber nicht; denn der Staat sei etwas Gutes und das Volk eine würdige Gemeinschaft und eine Menschenmenge, die vom Gesetz gelenkt werde wie diese Kirche vom Logos, die eine Stadt auf Erden ist, die nicht erobert, nicht mit Willkür unterjocht werden kann, der Wille Gottes auf Erden wie im Himmel.
3. Und Bilder dieser Stadt lassen auch die Dichter in ihren Schilderungen entstehen. Denn die Städte der Hyperboreer und der Arimaspen und die Elysischen Gefilde sind die Wohnstätten gerechter Völker. Wir wissen aber, daß auch der Staat Platons ein Vorbild ist, das nur im Himmel vorhanden ist.