§ 56
1. Denn nicht nur die Aisopier und Makedonier und Lakedaimonier hielten standhaft aus, wenn sie gefoltert wurden, wie Eratosthenes in seiner Schrift “Über Gutes 44 und Böses” sagt, sondern auch Zenon von Elea blieb unter den Folterqualen standhaft, als man ihn zwingen wollte, ein Geheimnis zu verraten, und gab es nicht preis; ja er biß sterbend noch seine Zunge ab und spuckte sie gegen den Tyrannen aus, den die einen Nearchos, die anderen Demylos nennen.
2. Ebenso verhielt sich auch der Pythagoreer Theodotosund Praylos, der Schüler des Lakydes, wie Timotheos von Pergamon in der Schrift “Über die Standhaftigkeit der Philosophen” und Achaikos in seiner “Ethik” sagen.
3. Aber auch der Römer Postumus gab, als er von Peuketion gefangengenommen worden war, nicht nur nichts Geheimes bekannt, sondern legte sogar seine Hand ins Feuer und ließ sie wie Erz schmelzen, ohne auch nur die Miene zu verziehen.
4. Nicht weiter will ich von dem Verhalten des Anaxarchos reden, der ausrief: “Zerstampfe die Hülle des Anaxarchos; denn den Anaxarchos selbst zerstampfst du nicht”, als ihn der Tyrann mit eisernen Mörserkeulen zerstampfen ließ."
§ 57
1. Weder die Hoffnung auf die Seligkeit noch die Liebe zu Gott läßt sich also durch irgend etwas, was ihrem Träger auch zustoßen mag, erschüttern, sondern bleibt davon unberührt; selbst wenn er den wilden Tieren vorgeworfen oder in das allesverzehrende Feuer gestürzt oder unter tyrannischen Martern getötet wird, so bleibt er doch unlösbar mit der göttlichen Freundschaft verbunden und steigt, frei von allen Fesseln, zum Himmel empor, indem 45 er seinen Leib denen überläßt, die nur diesen festhalten können.
2. Die Geten, ein Babarenvolk, das nicht ganz unbekannt mit Philosophie ist, wählen Jahr für Jahr einen Gesandten zu ihrem Heros Zamolxis. Zamolxis war aber einer der Schüler des Pythagoras.
§ 58
1. Wer nun als der Würdigste auserlesen wurde, der wird getötet, wobei die anderen, die sich zwar auch um die Philosophie bemüht hatten, aber nicht gewählt worden waren, darüber betrübt sind, daß sie eines beglückenden Dienstes nicht für würdig erachtet worden sind.
2. Voll ist nun die ganze Kirche von solchen, die ihr ganzes Leben hindurch all ihr Denken auf den lebenbringenden Tod, der sie zu Christus führt, gerichtet haben, wie von sittsamen Männern so auch von sittsamen Frauen.
3. Denn wer sein Leben nach unseren Grundsätzen führt, der kann auch ohne wissenschaftliche Bildung nach Weisheit streben (philosophieren), mag er ein Barbar sein oder ein Grieche, ein Sklave, ein Greis oder ein Kind oder ein Weib.
4. Denn die sittsame Gesinnung ist für alle Menschen, die sich für sie entscheiden, in gleicher Weise zugänglich. Es ist aber eine bei uns zugestandene Tatsache, daß innerhalb jeder einzelnen Gattung diejenigen, die die gleiche Natur haben, auch die gleiche Tugend haben.
§ 59
1. Es ist aber offenbar nicht so, daß hinsichtlich des Menschseins das Weib eine andere Natur hätte als der Mann; vielmehr haben beide die gleiche Natur, also auch die gleiche Tugend.
2. Wenn aber die Tugend des Mannes doch wohl in Sittsamkeit und Gerechtigkeit und in den übrigen nach allgemeiner Anschauung damit zusammengehörenden Eigenschaften besteht, geziemt es sich da wohl für den Mann allein, tugendhaft zu sein, für das Weib aber zuchtlos und ungerecht? Es ist aber auch unschicklich, einen solchen Gedanken auch nur auszusprechen.
3. Auf Sittsamkeit und Gerechtigkeit und auf jegliche andere Tugend sollen also in gleicher Weise bedacht sein Weib und Mann, Freier und Sklave, da es so eingerichtet ist, daß zu der gleichen Natur auch ein und dieselbe Tugend gehört. Damit behaupten wir nun nicht, daß ein weibliches Wesen die 46 gleiche Natur wie das männliche habe, insoweit es weiblich ist. Denn es geziemt sich durchaus, daß beide ein unterscheidendes Merkmal an sich tragen, dessentwegen das eine weiblich, das andere männlich geworden ist.
5. Darum sagen wir, daß Schwangerwerden und Gebären eine Eigentümlichkeit der Frau ist, insofern sie ein Weib, nicht insofern sie ein Mensch ist. Wenn es aber gar keinen Unterschied zwischen Mann und Weib gäbe, so würden beide dasselbe tun und erleiden.
§ 60
1. Insofern also das Weib das nämliche ist wie der Mann, nämlich soweit es auf die Seele ankommt, insofern wird es auch zu der gleichen Tugend gelangen. Insofern das Weib aber etwas vom Mann Verschiedenes ist, nämlich hinsichtlich der Eigentümlichkeit des Körpers, wird es zur Schwangerschaft und zur Verwaltung des Hauswesens bestimmt sein.
2. „Denn ich will“, sagt der Apostel, „daß ihr wisset, daß das Haupt eines jeden Mannes Christus ist, das Haupt des Weibes aber der Mann; denn der Mann stammt nicht vom Weibe, sondern das Weib vom Mann. Indes ist weder ein Weib etwas ohne den Mann noch ein Mann etwas ohne das Weib in dem Herrn.“
3. Denn wie wir behaupten, daß der Mann sittsam und über seine Lüste Herr sein soll, so verlangen wir doch auch, daß das Weib ebenfalls sittsam und darauf bedacht sein soll, gegen die Lüste anzukämpfen.
4. „Ich sage aber: Wandelt im Geist, so werdet ihr die Begierde des Fleisches nicht erfüllen!“ So rät das Gebot des Apostels. „Denn die Begierde des Fleisches richtet sich gegen den Geist und die des Geistes gegen das Fleisch. Diese liegen also im Streit miteinander“, nicht wie das Böse mit dem Guten, sondern als solche, deren Kampf Nutzen bringt.
§ 61
1. Er fügt wenigstens hinzu: „Damit ihr das nicht tut, was ihr wollt.“ „Offenkundig sind aber die Werke des Fleisches, als da sind Unzucht, Unreinigkeit, Zügellosigkeit, Götzendienst, Zaubereien, Feindseligkeiten, Streitigkeiten, Handlungen der Eifersucht, Zornausbrüche, Zänkereien, Zwistigkeiten, Spaltungen, Äußerungen des Neides, 47 Saufgelage, Schmausereien und ähnliches derart. Von dem allen sage ich euch vorher, wie ich es euch schon früher sagte, daß, wer sich Derartigem hingibt, das Reich Gottes nicht ererben wird. Die Frucht des Geistes dagegen ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Enthaltsamkeit, Güte, Treue, Sanftmut.“ Dabei hat er, meine ich, mit „Fleisch“ die Sünder, mit „Geist“ die Gerechten bezeichnet.
2. Indessen müssen wir auch Mannhaftigkeit bewähren, wenn es gilt, die Gemütsruhe zu wahren und die Fähigkeit zum Ertragen zu zeigen, so daß wir dem, der uns auf den Backen schlägt, auch den anderen hinhalten und dem, der uns den Mantel nimmt, auch den Rock überlassen, indem wir die Neigung zum Zorn kraftvoll beherrschen.
3. Denn wir wollen die Frauen nicht zu einer Art von Amazonen erziehen, die im Krieg tapfer wie Männer kämpften, da wir doch sogar bei den Männern wünschen, daß sie friedfertig sind.
§ 62
1. Freilich ziehen auch bei den Sauromaten, wie ich höre, die Frauen ebenso wie die Männer in den Krieg und ebenso auch die Frauen bei den Sakern, die sich stellen, als wollten sie fliehen, und dann mit ihren Pfeilen nach rückwärts schießen, genau so wie die Männer.
2. Auch von den in der Nähe Iberiens wohnenden Frauen weiß ich, daß sie Arbeiten und Geschäfte verrichten, die eigentlich den Männern zustehen; und wenn die Zeit der Niederkunft kommt, so unterbrechen sie die notwendigen Arbeiten nicht, sondern die Frau bringt oft mitten im Drang der Arbeit ihr Kind zur Welt, nimmt es auf und trägt es nach Hause.
3. Es hüten ja auch Hündinnen nicht schlechter als Rüden das Haus oder helfen bei der Jagd oder hüten die Herden. "Gorgo, die kretische Hündin, verfolgte die Fährte des Hirsches.“
4. Darum sollen auch die Frauen ebenso wie die Männer Philosophie treiben, wenn auch die Männer ihnen 48 überlegen sind und in allen Dingen den Vorrang einnehmen, außer wenn sie verweichlicht sind.
§ 63
1. Unentbehrlich ist also für das ganze Menschengeschlecht Zucht und Tugend, wenn anders es zur Seligkeit gelangen will.
2. Und vielleicht hat Euripides mit seinen verschiedenartigen Äußerungen nicht unrecht, wenn er das eine Mal schreibt: „Denn hinter dem Mann steht die Frau stets zurück, Wenn der Schlechteste selbst Mit der edelsten Frau sich vermählt hat.“
3. und das andere Mal: „Jede Frau, die sittsam lebet, ist doch Sklavin ihres Manns; Ist sie sittsam nicht, an Torheit übertrifft sie den Gemahl.“
4.„Nichts fürwahr ist ja besser und schöner, Als wenn einigen Sinnes ihr Haus in Frieden verwalten Gatte und Gattin vereint.“
5. Haupt nun ist das, was die Leitung hat. Wenn aber „der Herr Haupt des Mannes, Haupt des Weibes aber der Mann ist“, so ist der Mann Herr des Weibes, weil er „Ebenbild und Abglanz Gottes“ ist.
§ 64
1. Deshalb schreibt der Apostel auch in dem Brief an die Ephesier: „Ordnet euch einander unter in der Furcht Gottes! Die Frauen sollen ihren Männern untertan sein wie dem Herrn; denn der Mann ist das Haupt der Frau wie auch Christus das Haupt der Kirche, er, der der Erretter seines Leibes ist. Wie aber die Kirche Christus untertan ist, so sollen es auch die Frauen ihren Männern in jeder Beziehung sein.
2. Ihr Männer, liebet eure Frauen, wie auch Christus die Kirche geliebt hat; so sollen auch die Männer ihre Frauen lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst; denn es hat ja doch noch nie jemand sein eigenes Fleisch gehaßt.“
§ 65
1. Und in dem Brief an die Kolosser sagt der Apostel; „Ihr Frauen, seid euren Männern untertan, wie es sich im Herrn geziemt! Ihr Männer, liebt eure Frauen und laßt euch 49 gegen sie nicht erbittern! Ihr Kindern, seid euren Eltern in allen Stücken gehorsam! Denn das ist dem Herrn wohlgefällig. Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht, damit sie nicht scheu werden!
2. Ihr Knechte, seid euren irdischen Herren in allen Dingen gehorsam, nicht mit Augendienerei wie Leute, die den Menschen zu gefallen suchen, sondern in Herzenseinfalt aus Furcht vor dem Herrn! Und alles, was ihr nur immer tut, das verrichtet mit willigem Herzen, als wäret ihr Knechte des Herrn und nicht von Menschen, da ihr ja wißt, daß ihr vom Herrn das Erbteil als Vergeltung empfangen werdet! Denn ihr dient ja als Knechte dem Herrn Christus; denn wer Unrecht tut, wird den Lohn für das empfangen, was er Unrecht getan hat, und es gibt dabei kein Ansehen der Person.
3. Ihr Herren, gewährt euren Knechten, was recht und billig ist, da ihr ja wißt, daß auch ihr einen Herrn im Himmel habt!“
4. „Dort gibt es nicht Griechen und Juden, Beschnittene und Unbeschnittene, Barbaren und Skythen, Knechte und Freie, sondern alles und in allen Christus.“
§ 66
1. Ein Abbild der himmlischen Kirche ist aber die irdische; darum bitten wir ja, daß der Wille Gottes auch auf der Erde wie im Himmel geschehe.
2. „Zieht also an herzliches Erbarmen, Gütigkeit, Demut, Sanftmut und Geduld! Vertraget einander und verzeiht einander, wenn einer eine Beschwerde gegen einen anderen hat! Wie Christus uns vergeben hat, so wollen auch wir es tun!
3. Über dem allem aber steht die Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist. Und der Friede Christi soll in euren Herzen regieren, zu dem ihr auch in einem Leibe berufen seid, und werdet dankbar!“
4. Denn nichts kann uns davon abhalten, oft das nämliche Schriftwort anzuführen, um damit einen Eindruck auf Marcion zu machen, ob er sich vielleicht überzeugen läßt und sich dann bekehrt, wenn er eingesehen hat, daß der Gläubige Gott, dem Weltschöpfer, dankbar sein muß, ihm, der uns berufen und uns die frohe Botschaft in irdischer Gestalt verkündet hat.
§ 67
1. Deutlich ist uns damit die durch den Glauben bewirkte Einigkeit gezeigt, und zugleich, wer der wirklich Vollkommene ist, so daß, wenn auch manche es nicht dulden wollen und die meisten Hindernisse in den Weg 50 stellen und wenn von dem Ehemann oder von dem Herrn mit Strafen gedroht wird, doch der Knecht und das Weib sich um die Weisheit bemühen werden.
2. Ja auch der Freie, mag ihm auch von einem Tyrannen der Tod angedroht werden oder mag er vor Gericht geführt und in die äußersten Gefahren gestürzt werden und mit dem Verlust seines ganzen Besitzes bedroht sein, wird doch in keiner Weise von seiner Gottesfurcht ablassen.
3. Und nie wird die Frau den Mut verlieren, wenn sie mit einem schlechten Mann vermählt ist, und ebensowenig der Sohn, der einen schlechten Vater, oder der Knecht, der einen schlechten Herrn hat, da sie hochherzig an der Tugend festhalten.
4. Aber wie es für einen Mann rühmlich ist, für die Tugend und für die Freiheit und für sich selbst zu sterben, so ist das auch für eine Frau rühmlich. Denn nicht der Natur der Männer ist das eigentümlich, sondern der Natur der guten Menschen.
§ 68
1. Gläubig wird also der Greis und der Jüngling und der Knecht im Gehorsam gegen die Gebote leben und, wenn es sein muß, sterben, was so viel ist, wie durch den Tod zum Leben kommen.
2. Wir wissen ja, daß auch Kinder und Knechte und Frauen oft gegen den Willen ihrer Väter und Herren und Männer ganz vortrefflich geworden sind.
3. Diejenigen, die gottesfürchtig leben wollen, dürfen dazu also nicht weniger willig sein, wenn man sie scheinbar daran hindern will, sondern müssen, meine ich, sich noch viel mehr bemühen und mit besonderem Eifer kämpfen, damit sie nicht unterliegen und ihren besten und nötigsten Vorsätzen nicht untreu werden.
4. Denn man darf, meine ich, überhaupt keinen Vergleich anstellen und fragen, was von beidem besser sei, ein Gefolgsmann des Allmächtigen zu werden oder die Finsternis der Dämonen zu wählen.
5. Denn was von uns um anderer willen getan wird, das tun wir doch wohl in jedem einzelnen Fall, indem wir versuchen, auf jene Rücksicht zu nehmen, um derentwillen das, was wir tun, zu geschehen scheint, wobei wir uns das als Maßstab nehmen, was jenen gefällt. Was wir aber mehr um unserer selbst willen als um anderer willen tun, das wird doch wohl mit dem gleichen Eifer ausgeführt werden, ob es nun anderen gefallen mag oder nicht.
§ 69
1. Wenn schon von den Dingen, die sittlich weder gut noch schlecht sind, einige solche Schätzung genießen, daß sie selbst wider den Willen einiger wünschenswert erscheinen, so muß doch die Tugend weit mehr noch für 51 erstrebenswert gehalten werden; und man darf dabei auf nichts anderes Rücksicht nehmen als eben auf das, was gut getan werden kann, ob nun einige anders darüber denken oder nicht.
2. Richtig ist daher auch, was Epikuros an Menoikeus schreibt: „Weder soll jemand, so lange er noch jung ist, zögern Philosophie zu treiben, noch wenn er ein Greis ist, darin müde werden. Denn bei keinem ist es zu früh und bei keinem zu spät, die Gesundheit der Seele zu erlangen.
3. Wer aber sagt, die rechte Zeit zum Philosophieren sei noch nicht da oder sie sei schon vorüber, der ist dem ähnlich, der sagt, zum Glücklichsein sei die rechte Zeit noch nicht oder nicht mehr da.
4. Daher sollen Junge und Alte philosophieren, die einen, damit sie, wenn sie alt werden, jung bleiben durch das Gute, dank dem, was geschehen ist, die anderen, damit sie jung zugleich und alt seien, weil sie von der Furcht vor der Zukunft frei sind.“