§ 25
1. Unser heiliger Erlöser gebrauchte aber die Wörter Armut und Reichtum und ähnliche Begriffe sowohl mit Bezug auf das Geistliche als auch auf das Sinnliche. Wenn er nämlich sagt: „Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt sind“, so lehrt er uns damit ganz deutlich, daß wir den Glaubenszeugen in jeder Lage suchen müssen.
2. Wenn dieser der Gerechtigkeit wegen arm ist, so bezeugt er damit, daß die Gerechtigkeit, die er lieb gewann, ein Gut ist; und wenn er der Gerechtigkeit wegen Hunger oder Durst leidet, so bezeugt er damit, daß die Gerechtigkeit das Beste ist.
§ 26
1. Ebenso bezeugt derjenige, der der Gerechtigkeit wegen weint und trauert, dem besten Gesetz, daß es gut sei.
2. Wie die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten, so nennt auch die ihretwegen Hungernden und Dürstenden der selig, der das echte Verlangen anerkennt, das auch der Hunger nicht zu stören vermag.
3. Auch wenn sie nach der Gerechtigkeit selbst hungern, sind sie selig; „selig sind“ aber auch „die Armen“, sei es am Geiste, sei es an äußerer Habe, offenbar um der Gerechtigkeit willen.
4. Er preist also vielleicht nicht schlechthin die Armen selig, sondern diejenigen, die sich entschlossen haben, der Gerechtigkeit wegen völlig mittellos zu werden, das sind die, die die Ehren hienieden im blick auf den Erwerb des (wahren) Gutes gering achteten.
5. Ebenso preist er aber auch diejenigen selig, die um ihrer Keuschheit willen nach ihrem inneren Wesen und ihrer äußeren Erscheinung schön geworden sind, und die Adeligen und Hochgeehrten, die um der Gerechtigkeit willen zur Sohnschaft gelangt sind und deshalb „die Macht erhalten haben, Gottes Kinder zu werden“ und „über Schlangen und Skorpionen hin zu wandeln“ und über Dämonen Herr zu werden und über das Heer des Widersachers.
§ 27
1. Und überhaupt läßt die von dem Herrn gelehrte Selbstzucht die Seele mit Dankbarkeit von dem Körper scheiden, wenn anders sie auch selbst sich durch innere Umwandlung von ihm losreißt.
2. Denn „wer seine Seele findet, wird sie verlieren, und wer sie verliert, der wird sie finden“, wenn wir nur alles, was an uns sterblich ist, an die Unvergänglichkeit Gottes hingeben. Gottes Wille ist aber die Erkenntnis Gottes, und diese ist Gemeinschaft mit seiner Unvergänglichkeit.
3. Wer also auf dem Wege der Buße seine Seele als sündig erkennt, wird sie verlieren weg von der Sünde, von der sie sich losgerissen hat; wenn er sie aber verloren hat, wird er sie wiederfinden in dem Gehorsam, da sie durch den Glauben zu neuem Leben gelangt, der Sünde aber abgestorben ist. Das also ist der Sinn von „seine Seele finden“: sich selbst erkennen.
§ 28
1. Das Umkehren zu den göttlichen Dingen geschieht aber, wie die Stoiker sagen, durch eine Umwandlung, indem sich nämlich die Seele auf die Weisheit hin umwandelt.
2. Nach Platon aber geschieht es, indem die Seele eine Umkehr zum Besseren und ein Umwenden aus einem nachtähnlichen Tage vollzieht.
3. So gestehen denn auch die Philosophen dem Sittlichguten die Möglichkeit eines mit der Vernunft übereinstimmenden freiwilligen Scheidens aus dem Leben zu, wenn er durch irgend etwas in dem Maß der Freiheit, zu handeln, beraubt ist, daß ihm nicht einmal mehr die Hoffnung, handeln zu können, übriggeblieben ist.
4. Der Richter aber, der mit Gewalt dazu zwingen will, den Geliebten zu verleugnen, scheint mir ans Licht zu bringen, wer Gottes Freund ist und wer nicht.
5. Da ist dann auch keine Möglichkeit mehr vorhanden, zu vergleichen und zu fragen, wofür man sich entscheiden soll, für (die Rücksicht auf) die Drohung der Menschen oder für die Liebe Gottes.
6. Und die Enthaltung von bösen Taten erweist sich in gewissem Sinn als eine Verringerung und Austilgung der Laster, indem ihre Wirksamkeit dadurch, daß nichts geschieht, aufgehoben wird; und das ist der Sinn der Worte: „Verkaufe, was dir gehört, und gib es den Armen und komm und folge mir nach!“ Das heißt: Folge dem, was von dem Herrn gesagt wird!
§ 29
1. Mit dem, was jemand „gehört“, soll der Herr, wie einige behaupten, das gemeint haben, was in der Seele an Fremdem ist; aber wie das unter die Armen verteilt werden 28 soll, das können sie nicht sagen. Gott aber verteilt alles an alle nach ihrem Verdienst, da seine Weltverwaltung gerecht ist.
2. Achte also, so sagt er, wegen der dir verliehenen Herrlichkeit deine Habe gering, die Gott verteilt; folge dem von mir Gesagten, indem du dem Aufstieg des Geistes zustrebst, nicht nur durch die Enthaltung von Bösem gerechtfertigt, sondern dazu auch durch das vom Herrn gebotene Gutestun zur Vollkommenheit geführt.
3. So warf der Herr dem, der sich rühmte, die Gebote des Gesetzes vollkommen erfüllt zu haben, vor, daß er seinen Nächsten nicht geliebt habe. Gutes zu tun verspricht aber die Liebe, die entsprechend der von ihr erreichten hohen Stufe der Erkenntnis auch über den Sabbat Herrin ist.
4. Man muß aber, wie ich meine, zu der Lehre des Heilands weder aus Furcht vor der Strafe noch wegen der Verheißung eines Geschenkes, sondern um des Guten selbst willen hinzukommen.
§ 30
1. Solche Leute werden zur Rechten des Heiligtums aufgestellt. Diejenigen aber, die meinen, durch die Hingabe der vergänglichen Dinge das Unvergängliche eintauschen zu können, werden in dem Gleichnis von den beiden Brüdern „Taglöhner“ genannt, und vielleicht tritt hier das Wort „nach der Ähnlichkeit und nach dem Bilde“ in Erscheinung, so daß die einen entsprechend ihrer Ähnlichkeit mit dem Heiland selbst mit ihm wandeln, die anderen, die auf der linken Seite stehen, nur nach dem Bilde dieser Leute.
2. Sie stehen also erst an der dritten Stelle nach der Wahrheit, da zwar beide aus der gleichen Wurzel stammen, aber ihre Entscheidung nicht gleich ist oder vielmehr der durch die Entscheidung begründete Unterschied nicht gering ist.
3. Es unterscheidet sich aber, meine ich, die Entscheidung auf Grund der Nachahmung von der auf Grund eigener Erkenntnis wie das vom Feuer Entzündete und das vom Licht Erleuchtete von dem Feuer und dem Licht selbst. Licht also der in der Schrift genannten Ähnlichkeit ist Israel, der andere (Esau) aber ist nur Abbild.
4. Was will aber der Herr mit dem Gleichnis von Lazarus 29 lehren, das das Bild eines Reichen und eines Armen zeigt? Und was bedeutet das Wort: „Niemand kann zwei Herren dienen, Gott und dem Mammon“, wobei der Herr die Habgier so nennt?
§ 31
1. Dementsprechend nehmen die ihren Besitz Liebenden die Einladung zu dem Mahle, zu dem sie geladen sind, nicht an, nicht weil sie überhaupt besitzen, sondern weil sie leidenschaftlich an ihrem Besitz hängen.
2. „Die Füchse haben ihre Erdlöcher.“ Füchse nannte der Herr die niedriggesinnten und am Irdischen haftenden Menschen, die sich um den Reichtum bemühen, der in den Bergwerken gewonnen und aus der Erde gegraben wird.
3. Ebenso sagt der Herr auch mit Bezug auf Herodes: „Gehet hin und sagt diesem Fuchs: Siehe, ich treibe böse Geister aus und vollführe Heilungen heute und morgen, und am dritten Tage bin ich am Ziel.“
4. Ferner nannte er „Vögel des Himmels“ die durch das Wort „Himmel“ von den anderen Vögeln Unterschiedenen, die wahrhaft Reinen, die sich zur Erkenntnis der himmlischen Lehre wie mit Flügeln erheben können.
5. Denn nicht nur aus dem Reichtum und aus dem Ruhme und der Ehe, sondern auch aus der Armut erwachsen für den, der sie nicht ertragen kann, unzählige Sorgen; und vielleicht deutete der Herr auf diese Sorgen in dem Gleichnis von der vierfachen Aussaat hin, wenn er sagte, daß der Same des Wortes, der in die Dornen und Hecken fiel, von ihnen erstickt worden sei und keine Frucht habe tragen können.
§ 32
1. Es ist also nötig, zu lernen, wie man sich bei allem, was uns zustößt, verhalten muß, um durch die Übung in dem der Erkenntnis entsprechenden guten Leben zu dem unveränderlichen Zustand ewigen Lebens zu gelangen.
2. „Denn ich sah“, so heißt es, „den Gottlosen sich trotzig erheben und sich stolz ausbreiten wie die Zedern des Libanon, und ich ging vorüber“, sagt die Schrift, „und siehe, er war nicht mehr da. Und ich suchte ihn, und seine Stätte war nicht mehr zu finden. Bewahre die Unschuld und siehe auf Rechtschaffenheit; denn es gibt noch eine 30 Zukunft (eine Nachkommenschaft) für den friedliebenden Menschen.“ 3. Das wird aber der sein, der ohne Heuchelei von ganzem Herzen glaubt und in seiner ganzen Seele ruhig ist.
4. „Denn das andere Volk ehrt mich mit seinen Lippen, sein Herz aber ist fern von dem Herrn.“ „Mit ihrem Munde lobpreisen sie, in ihrem Herzen aber fluchen sie.“
5. „Sie liebten ihn mit ihrem Munde, und mit ihrer Zunge betrogen sie ihn. Ihr Herz aber war nicht redlich gegen ihn, und sie hielten nicht treu an seinem Bunde.“
§ 33
1. Deswegen „sollen verstummen die falschen Lippen, die Gottlos gegen den Gerechten reden!“ und abermals: „Vertilgen möge der Herr alle falschen Lippen und die großsprecherische Zunge, die Leute, die da sagen:
2. Mit unserer Zunge werden wir groß sein; unsere Lippen sind in unserer Gewalt. Wer ist Herr über uns? Wegen der Bedrängnis der Armen und wegen des Seufzens der Bedürftigen will ich mich jetzt erheben, sagt der Herr; Rettung will ich ihm schaffen; offen will ich für ihn eintreten.“
3. Denn den Demütigen gehört Christus, nicht denen, die sich gegen seine Herde erheben.
4. „Sammelt euch also nicht Schätze auf Erden, wo Motte und Rost sie verzehren und wo Diebe einbrechen und stehlen!“ sagt der Herr vielleicht, um die an ihrem Besitz Hängenden zurechtzuweisen, vielleicht aber auch im Hinblick auf die, die sich überhaupt sorgen und um etwas bekümmert sind, ferner auf die, die ihren Leib pflegen.
5. Denn Liebschaften und Krankheiten und die bösen Gedanken „brechen ein“ in das vernünftige Denken und in den ganzen Menschen; unser wahrer Schatz ist aber dort, wo das dem Geiste Verwandte ist.
6. Ferner lehrt er den mit der Gerechtigkeit verbundenen freigebigen Sinn, indem er zeigt, daß man der Gewohnheit des alten Wandels das uns von ihm erworbene zurückgeben und zu Gott emporeilen muß, um Erbarmen von ihm zu erbitten.
7. Dieses ist in der Tat „ein Beutel, der nicht alt wird“, eine Wegzehrung zum ewigen Leben, „ein unerschöpflicher Schatz im Himmel“, denn der Herr spricht: „Große Barmherzigkeit werde ich dem erweisen, dessen ich mich erbarme.“
§ 34
31 1. Er sagt dies aber auch zu denen, die um der Gerechtigkeit willen arm sein wollen. Denn sie haben durch das Gebot gehört, daß „eine breite und geräumige Straße zum Verderben führt und viele es sind, die auf ihr gehen“.
2. Von nichts anderem spricht er hier als von Schwelgerei und Weiberliebe, von Ehrgeiz und Herrschsucht und den ähnlichen Leidenschaften. Denn „du Tor“, so sagt er, „noch diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und was du für sie bereitet hast, wem wird das zufallen?“
3. Und das Gebot lautet wörtlich so: „Hütet euch also vor aller Habsucht! Denn nicht darin, daß einer Überfluß an Besitz hat, besteht sein Leben.“.
4. „Denn welchen Nutzen hat ein Mensch, wenn er die ganze Welt gewänne und an seiner Seele Schaden litte? Oder was könnte ein Mensch als Tauschmittel für seine Seele geben?“
5. „Deshalb sage ich: Sorgt nicht für euer Leben, was ihr essen werdet, und nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet! Denn das Leben ist mehr wert als die Speise und der Leib mehr wert als die Kleidung.“
6 Und wieder: „Denn euer Vater weiß, daß ihr all dieser Dinge bedürfet. Trachtet aber zuerst nach dem Himmelreich und nach der Gerechtigkeit! Denn das sind wichtige Dinge; was aber unbedeutend ist“ und zum Leben gehört, „das wird euch noch dazu gegeben werden.“
§ 35
1. Befiehlt er uns nicht ausdrücklich, dem gnostischen Leben nachzustreben, und treibt er uns nicht an, mit Tat und Wort nach der Wahrheit zu trachten? Als reich erachtet daher Christus, der die Seele erzieht, nicht die Gabe, sondern die Gesinnung.
2. Deshalb soll Zakchaios, nach anderen Matthias, ein Oberzöllner, als er gehört hatte, daß der Herr ihn würdigte, zu ihm zu kommen, gesagt haben: „Siehe, die Hälfte meiner Habe gebe ich als Almosen, Herr; und wenn ich etwas von jemand erpreßt habe, so gebe ich es vierfach zurück.“ In bezug auf ihn sagte auch der Heiland: „Der Menschensohn ist heute gekommen und hat das Verlorene gefunden.“
3. Und wieder, als er sah, daß der Reiche in den Opferkasten entsprechend seinem Besitz eingelegt hatte, die Witwe aber zwei Kupfermünzen, 32 da sagte er, die Witwe habe mehr eingelegt als alle anderen; denn jener hatte den Beitrag aus seinem Überfluß, diese aber aus ihrer Armut geleistet.
§ 36
1. Daß der Herr aber bei allem an die Erziehung der Seele dachte, das zeigt sich, wenn er sagt: „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden die Erde erben.“
2. Sanftmütig sind aber diejenigen, die den unversöhnlichen Kampf in der Seele gegen Zorn und Begierde und die als Unterarten zu diesen beiden gehörenden Leidenschaften zu Ende gebracht haben. Er lobt aber als sanftmütig diejenigen, die es aus freien Stücken, nicht aus Zwang sind.
3. Denn es gibt bei dem Herrn verschiedene Belohnungen und Wohnungen entsprechend der Art des Lebens.
4. Denn es heißt: „Wer einen Propheten mit Rücksicht auf seine Eigenschaft als Prophet aufnimmt, wird den einem Propheten gebührenden Lohn empfangen; und wer einen Gerechten mit Rücksicht auf seine Eigenschaft als Gerechter aufnimmt, der wird den einem Gerechten gebührenden Lohn empfangen; und wer einen von diesen geringen Jüngern aufnimmt, der wird seinen Lohn nicht verlieren.“
5. Und wieder hat er die dem Verdienst entsprechenden Unterschiede, die trefflichen Belohnungen der Tugend, durch die ungleiche Zahl der Arbeitsstunden, dazu aber auch durch den gleichen, jedem Arbeiter ausgezahlten Lohn (das ist das Heil, das mit dem Denar gemeint ist) die gleichartige Gerechtigkeit derer aufgezeigt, die während der an Zahl nicht gleichen Stunden gearbeitet hatten.
§ 37
1. Sie werden also in den Wohnungen arbeiten, die den Ehrengaben entsprechen, deren sie gewürdigt wurden, als Mitarbeiter der unaussprechlich hohen Weltregierung und des heiligen Dienstes.
2. „Die aber, bei denen es sich zeigt, daß sie sich in heiligem Leben besonders ausgezeichnet haben“, sagt Platon, „das sind die, die von dem Leben hier auf der Erde befreit und wie aus einem Gefängnis erlöst werden und nach oben in eine reine Wohnung gelangen.“
3. Und noch deutlicher sagt er das gleiche mit folgenden Worten: „Von eben diesen leben diejenigen, die sich in der Philosophie genügend gereinigt haben, ohne Körper durchaus für alle Zeit.“ Freilich umkleidet er die Seelen mit gewissen Gestalten, die einen mit luftigen, 33 die anderen mit feurigen.
4. Ferner fügt er hinzu: „Und sie gelangen in Wohnungen, die noch schöner als diese sind; sie zu beschreiben, ist nicht leicht; auch ist jetzt nicht Zeit genug dazu vorhanden.“
5. Deshalb heißt es mit Recht: „Selig sind die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.“
6. Denn diejenigen, die ihr früheres böses Leben bereut haben, werden zur Berufung gelangen; das ist mit dem „getröstet werden“ gemeint.
7. Es gibt aber zwei Arten des Bereuens, die gewöhnlichere Art: Furcht wegen dessen, was man getan hat, und die mehr besondere Art: die Unzufriedenheit der Seele mit sich selbst infolge schlechten Gewissens, sei es nun hier, sei es anderswo, da es ja keinen Ort gibt, an dem sich die Güte Gottes nicht wirksam zeigte.
§ 38
1. Wiederum heißt es: „Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden selbst Erbarmen finden.“ Denn Erbarmen (Mitleid) ist nicht, wie einige Philosophen angenommen haben, Trauer über fremdes Unglück, sondern etwas Schönes, wie die Propheten sagen: „Denn Barmherzigkeit“, so heißt es, „will ich und nicht Opfer.“
2. Barmherzig sind aber nach seiner Auffassung nicht nur diejenigen, die Barmherzigkeit durch die Tat erweisen, sondern auch diejenigen, die barmherzig sein möchten, auch wenn sie nicht können, die, bei denen das Handeln der Absicht nach vorhanden ist.
3. Denn manchmal möchten wir durch eine Geldgabe oder durch eine persönliche Hilfeleistung Barmherzigkeit erweisen, z.B. einem Bedürftigen helfen oder einen Kranken pflegen oder einem, der ins Unglück geraten ist, beistehen, aber wir sind, entweder wegen Armut oder Krankheit oder hohen Alters (auch dieses ist ja eine natürliche Krankheit) nicht dazu imstande, unseren Vorsatz auszuführen, zu dem wir uns getrieben fühlen, so daß wir das, was wir wollten, nicht zu Ende führen können.
4. Die gleiche Ehre also wie die, die etwas tun konnten, werden die erlangen, die den Willen dazu hatten, bei denen die Absicht die gleiche war, wenn auch das Vermögen bei anderen größer war.
§ 39
34 1. Da es aber für die, welche zur Vollkommenheit gelangen wollen, zwei Wege des Heils gibt, die Werke und die Erkenntnis, nannte der Herr die selig, die reinen Herzens sind; „denn sie werden Gott schauen“.
2. Und in der Tat, wenn wir überlegen, wie es sich in Wahrheit verhält, so ist das Erkennen, wenn es eine Reinigung der in der Seele herrschenden Vernunftkraft ist, auch eine gute Betätigung.
3. Gut nennen wir nun das eine um seiner selbst willen, das andere, weil es am Guten Anteil hat, wie die guten Taten. Ohne die in der Mitte liegenden Dinge aber, die eben die Stelle des Stoffes einnehmen, können weder die guten noch die bösen Taten zustande kommen, ich meine z.B. ohne Leben und Gesundheit und ohne die anderen Dinge, die entweder notwendig oder durch die Umstände bedingt sind.
4. Der Herr will also, daß diejenigen, die zur Erkenntnis Gottes gelangen wollen, hinsichtlich ihrer körperlichen Begierden rein und in ihren Gedanken heilig seien, damit der Wirkung der in der Seele herrschenden Vernunft nichts Unechtes hindernd im Wege stehe.
§ 40
1. Wenn daher derjenige, der mit voller Erkenntnis an der heiligen Beschaffenheit Anteil hat, mit der Gottheit in reiner Weise verkehrt und ohne Unterlaß bei dem wissenschaftlichen Schauen verharrt, so kommt er immer näher in den dauernden Zustand leidenschaftslosen Sichselbstgleichseins, so daß er nicht mehr Wissen nur hat und Erkenntnis nur besitzt, sondern selbst Wissen und Erkenntnis ist.
2. „Selig sind“ also „die Friedfertigen.“ Da sie das dem Denken unseres Sinnes widerstreitende Gesetz, die Drohungen des Zornes und die Lockmittel der Begierde und die anderen Leidenschaften, die mit unserem vernünftigen Denken in Streit liegen, bezähmten und zur Ruhe brachten, werden sie, die mit wissenschaftlicher Erkenntnis und mit guten Werken und im Besitz der wahren Lehre ihr Leben führten, in die liebevollste Kindschaft versetzt werden.
3. Als vollkommene Friedfertigkeit darf wohl die gelten, die bei allem, was uns zustoßen mag, die friedliche Gesinnung unwandelbar bewahrt, die die göttliche Weltregierung heilig und gut nennt und die in der Kenntnis der göttlichen und menschlichen Dinge ihren sicheren 35 Stand hat, einer Kenntnis, durch die sie die in der Welt vorhandenen Gegensätze für den schönsten Einklang der Schöpfung halten kann.
4. Sie stiften Frieden aber auch dadurch, daß sie diejenigen, die hier durch die Kriegslisten der Sünde angefochten werden, zur Umkehr bewegen und sie veranlassen, zum Glauben und zum Frieden überzugehen.
§ 41
1. Das Hauptstück jeglicher Tugend ist es aber, wie ich meine, wozu uns der Herr mit der Forderung erzieht, daß wir um der Liebe zu Gott willen mit klarer Erkenntnis den Tod verachten sollen, wenn er sagt:
2. „Selig sind die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden“, oder wie einige von denen, die die Evangelien umgestalten, die Stelle bringen: „Selig sind“ so heißt es, „die für die Gerechtigkeit Verfolgten; denn sie werden vollkommen sein. Und selig sind die um meinetwillen Verfolgten; denn sie werden eine Stätte erhalten, wo sie nicht werden verfolgt werden.“
3. „Und selig seid ihr, wenn die Menschen euch hassen, wenn sie euch aus ihrer Gemeinschaft ausschließen, wenn sie euren Namen als böse verwerfen um des Menschensohnes willen.“
4. Vorausgesetzt ist freilich, daß wir die Verfolger nicht verabscheuen und die von ihnen über uns verhängten Strafen ertragen, ohne sie zu hassen, und dabei bedenken, daß wir später, als wir erwartet hatten, versucht worden sind, aber auch jenes erkennen, daß jegliche Versuchung Anlaß dazu ist, Zeugnis abzulegen.