§ 111
1. Das würdige und lautere Verhalten, das aus unserer Liebe zu den Menschen erwächst, sucht daher nach Clemens das, was allen nützt. Das kann aber darin bestehen, daß wir Zeugnis ablegen (Märtyrer werden) oder darin daß wir mit Taten und Worten erziehen, sei dies ohne Verwendung der Schrift oder auf schriftlichem Wege.
2. Das ist die Liebe, Gott und den Nächsten zu lieben; sie ist es, die zu der unbeschreiblichen Höhe emporführt.
3. „‘Die Liebe deckt der Sünden Menge zu;’ die Liebe erträgt alles; die liebe ist in jeder Hinsicht langmütig; die Liebe verbindet uns fest mit Gott; sie tut alles in Eintracht; in der Liebe sind alle Auserwählten Gottes vollendet worden; ohne Liebe gibt es nichts, was Gott wohlgefällig wäre.“
4. „Ihre Vollkommenheit kann man nicht erschöpfend beschreiben“, sagt Clemens. „Wer ist fähig, in ihr erfunden zu werden, als die, die Gott für würdig dazu erklärt?“
5. So sagt der Apostel Paulus: „Wenn ich meinen Leib hingebe, aber keine Liebe habe, so bin ich ein klingendes Erz und eine gellende Cymbel.“ Damit will er sagen: wenn ich mein Zeugnis nicht mit auserlesener Gesinnung durch gnostische Liebe ablege, sondern nur aus Furcht.
§ 112
1. Wenn ich also auch wegen des erwarteten Lohnes meine Lippen zur Bezeugung des Herrn bewege und so den Herrn bekenne, so bin ich doch ein gewöhnlicher 77 Mensch, der mit lauten Tönen von dem Herrn redet, ihn aber nicht kennt. Denn es gibt sowohl ein Volk, das nur mit seinen Lippen liebt, als auch ein anderes, das seinen Leib hingibt, auf daß er verbrannt werde.
2. „Und wenn ich meine ganze Habe auf Speisungen (der Armen) verwende“, sagt der Apostel, nicht auf Grund der aus Liebe geborenen Mildtätigkeit, sondern mit Rücksicht auf die Belohnung, sei es seitens des Menschen, dem ich Wohltaten erweise, sei es seitens des Herrn, der solches verheißen hat,
3. „und wenn ich allen Glauben hätte, so daß ich Berge versetzen“ und die (meinem Sinn) verdunkelnden Leidenschaften von mir abwerfen könnte, aber dem Herrn nicht aus Liebe treu ergeben bin, „so bin ich nichts“, nämlich im Vergleich zu dem, der in der Weise eines Gnostikers Zeugnis ablegt, da ich zur Menge und zu denen gezählt werde, die in keiner Weise hervorragen.
4. „Alle Geschlechter von Adam an bis auf den heutigen Tag sind dahingegangen; aber die in Liebe Vollendeten haben durch die Gnade Gottes das Land der Frommen inne; sie werden an dem Tage, da uns die Königsherrschaft Christi heimsucht, offenbar werden.“
§ 113
1. Die Liebe läßt nicht sündigen; und wenn jemand doch wider seinen Willen infolge der hinterlistigen Nachstellungen des Widersachers in eine solche Lage kommen sollte, so wird er David nachahmen und singen:
2. „‘Ich will dem Herrn meine Sünde bekennen, und es wird ihm besser gefallen als ein Mastkalb, das Hörner und Klauen trägt. Die Elenden sollen es sehen und sich freuen.’
3. Denn er sagt: ‘Bringe Gott ein Lobopfer dar und bezahle dem Herrn deine Gelübde! Und rufe mich an an dem Tage deiner Bedrängnis, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen!’ ‘Denn ein Opfer für Gott ist ein zerknirschter Geist.’“
4. Daher ist auch Gott Liebe genannt, da er 78 ja gütig ist. „Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses“, da sie weder Unrecht tut noch je Unrecht vergilt, sondern überhaupt nach dem Vorbild Gottes allen nur Gutes tut.
5. „Erfüllung des Gesetzes also ist die Liebe“, so wie Christus, das heißt die Erscheinung des uns liebenden Herrn, und unsere nach dem Vorbild Christi von Liebe zeugende Lehre und Lebensführung.
6. Durch Liebe wird ja auch das Vermeiden des Ehebruchs und des Begehrens nach des Nächsten Weib erst zu etwas Vollkommenem, während zuvor solche Sünden nur durch Furcht verhindert waren. Die nämliche Tat ist ja etwas Verschiedenes, je nachdem sie aus Furcht geschieht oder aus Liebe vollbracht wird, und je nachdem sie aus Glauben oder auf Grund der Erkenntnis ausgeführt wird.
§ 114
1. Mit Recht sind deshalb auch die Belohnungen dieser Taten verschieden: dem Gnostiker ist bereitet, "was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und was noch in keines Menschen Denken gekommen ist; dem aber, der einfach geglaubt hat, sichert er das Hundertfältige dessen zu, was er verlassen hat, eine Verheißung, die der menschlichen Vorstellung zugänglich ist.
2. Bei dieser Gelegenheit muß ich an jemand denken, der sich selbst einen Gnostiker nannte. Als dieser die Schriftstelle erklärte: “Ich aber sage euch, wer ein Weib so ansieht, daß dadurch seine Begierde entzündet wird, der hat schon die Ehe mit ihr gebrochen”, meinte er, daß damit nicht die Begierde an und für sich verurteilt werde, sondern wenn durch die Begierde das ihr entsprechende, über die Begierde hinausgehende Tun in ihr verwirklicht werde; denn wenn die Begierde im Traum das Phantasiebild mißbraucht, so tut sie es bereits auch mit dem Körper.
§ 115
1. So berichten die Geschichtsschreiber von dem gerechten Bokchoris einen Richterspruch folgender Art. Ein junger Mann, der in eine Dirne verliebt ist, verabredet 79 mit dem Mädchen, es solle gegen eine bestimmte Bezahlung am nächsten Tag zu ihm kommen.
2. Da aber seine Begierde im Traum die Umarmung des Mädchens vorwegnahm, ist sein Verlangen wider Erwarten gestillt, und als die Geliebte der Verabredung gemäß kommt, läßt er sie nicht zu sich herein; wie sie nun erfuhr, was geschehen war, verlangte sie die Bezahlung und sagte, sie selbst habe doch auch auf diese Weise gewissermaßen dem Liebhaber seinen Wunsch erfüllt. Sie kamen nun vor den Richter.
3. Dieser hieß den jungen Mann den Beutel mit der ausgemachten Summe hinhalten, und zwar im Sonnenlicht, und das Mädchen forderte er auf, sich den Schatten (des Beutels) zu nehmen; er befahl also zum Scherz, als Entgelt für das Traumbild der Umarmung das Schattenbild der Bezahlung zu geben.
§ 116
1. Der Traum besteht darin, daß die Seele eine bloße Vorstellung für etwas Wirkliches hält; im Wachen aber träumt, wer seine Begierde durch einen Anblick entflammen läßt, nicht nur, wie jener angebliche Gnostiker sagte, dann, wenn er sich bei dem Anblick des Weibes in Gedanken zugleich auch die Umarmung mit ihr vorstellt (denn das ist ja gerade das für die Begierde als Begierde kennzeichnende Tun) sondern wenn jemand auf die Schönheit des Körpers sieht, das ist es, was das Wort des Herrn meint, und ihm in seiner Begierde das Fleisch schön erscheint, dann wird er verurteilt, weil bei seinem bewundernden Schauen sein Sehen fleischlich und sündig war.
2. Denn wer umgekehrt in reiner Liebe auf die Schönheit hinblickt, der hält nicht das Fleisch, sondern die Seele für schön, wobei er den Körper, meine ich, wie ein Standbild bewundert und durch dessen Schönheit seine Gedanken auf den Künstler und auf das wahrhaft Schöne hinlenken läßt; dabei zeigt er den Engeln, die den Aufstieg überwachen, als heilige Erkennungsmarke das leuchtende Gepräge der Gerechtigkeit, ich meine die Salbung des Wohlgefallens, die Eigenart der Anlage, die der Seele eingeprägt ist, die durch die Einwohnung des Heiligen Geistes mit leuchtendem Glanz geschmückt ist.
§ 117
1. Diesen Glanz, der auf dem Antlitz des Moses aufleuchtete, konnten die Augen des Volkes nicht vertragen; deshalb verhüllte er auch sein glänzendes Angesicht mit 80 Rücksicht auf die, die nur fleischlich sehen konnten.
2. Denn diejenigen, die weltliche Dinge mit sich führen, werden von den Engeln zurückgehalten, die den Zoll einzufordern haben, da sie mit ihren eigenen Leidenschaften beschwert sind; wer aber nichts Zollpflichtiges mit sich führt, dagegen mit Erkenntnis und der durch Werke bewiesenen Gerechtigkeit reich ausgestattet ist, den lassen sie mit Segenswünschen ziehen und preisen den Mann samt seinem Werk selig.
3. „Und seine Blätter werden nicht abfallen“, nämlich die Blätter des Lebensbaumes, der „an dem fließenden Wasser“ gepflanzt ist.
4. Der Gerechte wird aber mit Fruchtbäumen verglichen, nicht nur mit denen, die hoch wachsen … Auch bei der Darbringung der Opfer waren durch das Gesetz Leute aufgestellt, die die Opfertiere auf Fehler untersuchen mußten.
5. So machen auch diejenigen, die in diesen Fragen bewandert sind, einen Unterschied zwischen Verlangen und Begierde und stellen die letztere als vernunftwidrig mit den Lüsten und der Zuchtlosigkeit auf eine Stufe, während sie das Verlangen als eine vernunftgemäße Regung mit dem von Natur Notwendigen zusammennehmen.