§ 147
1. Denn sie kommen nicht dem Wesen der Sache selbst nahe, so daß sie wahrhaft nach der Weise eines Gnostikers erfassen würden, daß zwar alles, was zu unserem Gebrauch erschaffen wurde, wie z.B. die Ehe und das Kinderzeugen, gut ist, wenn wir es uns mit Sittsamkeit zugute kommen lassen, daß es aber noch besser als das Gute ist, wenn man leidenschaftslos und tugendhaft wird, um so der Gottheit ähnlich zu werden.
2. Was aber ihr Verhältnis zu den Außendingen betrifft, deren Gebrauch teils nützlich, teils schädlich ist, so halten sie sich von den einen fern, von anderen nicht; aber auch bei den Dingen, denen sie fern bleiben, tun sie dies offenbar aus Abscheu, indem sie mißgünstig von der Schöpfung und dem Schöpfer reden; und auch wenn sie gläubig zu wandeln scheinen, so haben sie doch ein unfrommes Urteil darüber.
3. Das Gebot „Du sollst dich nicht gelüsten lassen!“ bedarf aber weder des durch Furcht bewirkten Zwangs, der dazu nötigt, auf das Lockende zu verzichten, noch des Lohnes, der durch seine Verheißung dazu veranlaßt, die Triebe zu unterdrücken.
4. Und diejenigen, die Gott nur wegen der Verheißung gehorcht haben, entschließen sich zum Gehorsam nicht wegen des Gebots, sondern wegen der Verheißung, wobei sie durch das Lockmittel der Lust dazu veranlaßt sind.
§ 148
1. Auch bewirkt gewiß die Abkehr von den Sinnendingen nicht als notwendige Folge die Hingabe an das Geistige; aber umgekehrt wird die Hingabe an das Geistige für den Gnostiker naturnotwendig zur Abkehr von den Sinnendingen, indem er das Schöne auswählt und sich in gnostischer Weise für das Gute entscheidet, die Schöpfung bewundert und den Schöpfer als heilig verehrt und ebenso auch die Annäherung an die Gottheit für etwas Heiliges 100 achtet.
2. „Aber ich will mir die Freiheit erkaufen“ von der Begierde, wird er sagen, wegen der Hingabe an dich, Herr. Denn trefflich ist die Weltordnung der Schöpfung, und alles wird herrlich verwaltet; nichts geschieht ohne Ursache; ich muß in deiner Welt leben, Allmächtiger. Und wenn ich auch noch hier unten bin, so bin ich doch bei dir. Und ich will furchtlos sein, damit ich dir nahen kann, und mich mit wenigem begnügen, indem ich erwäge, daß du gerecht das Gute aus dem auswählst, was ihm ähnlich ist.
§ 149
1. Um uns zu lehren, daß wir die wirklich erwünschte Auswahl nicht durch die Ausscheidung des Schlechten als Schlechten treffen dürfen, sondern indem wir das auswählen, was noch besser als das Gute ist, hat der Apostel, ganz wie es sich für Eingeweihte und Fromme geziemt, darauf mit folgenden Worten hingewiesen:
2. „Daher tut auch, wer seine Jungfrau verheiratet, wohl daran; aber wer es nicht tut, der handelt noch besser, mit Rücksicht auf die gute Sitte und darauf, daß er treu bei dem Herrn bleibt, ohne jede Ablenkung.“
3. Wir wissen aber: Gott hat es in seiner Güte so eingerichtet, daß das schwer zu Beschaffende nicht notwendig, das Notwendige dagegen leicht zu beschaffen ist.
4. Deshalb sagt Demokritos mit Recht: „Naturanlage und Erziehung sind einander ähnlich.“ Und mit wenigen Worten hat er auch den Grund dafür angegeben: „Denn die Erziehung wandelt die Menschen um, und die Natur vollführt ihr Werk durch Umgestaltung.“ Und es macht keinen Unterschied, ob ein Mensch von der Natur gestaltet oder durch die Zeit und das Lernen umgeformt wurde.
5. Beides hat der Herr an uns getan, das eine in der Schöpfung, das andere in der zweiten Erschaffung und der Erneuerung, die er auf Grund des neuen Bundes an uns vollzieht.
6. Man muß aber das bevorzugen, was dem Hervorragenderen nützlich ist; das Hervorragendste ist aber der Geist.
7. Wem daher das wahrhaft Schöne als das Liebste erscheint, gewinnt aus sich selbst die Frucht, die er ersehnt, nämlich die unerschütterliche Ruhe der 101 Seele.
8. „Wer auf mich hört“, heißt es, „der wird getrost im Frieden ruhen und frei von Furcht vor allem Übel guten Mutes sein.“ „Sei in deinem ganzen Herzen und in deinem Sinn getrost im Vertrauen auf Gott!“ Auf diese Weise ist es möglich, daß der Gnostiker bereits selbst zu Gott wird. „Ich sagte: Götter seid ihr und Söhne des Höchsten.“
§ 150
1. Aber auch Empedokles sagt, daß die Seelen der Weisen zu Göttern werden, indem er etwa so schreibt: „Diese werden zuletzt zu Sehern und Sängern und Ärzten Oder gebieten als Fürsten im Kreise der irdischen Menschen, Und sie erwachen aus ihnen zu Göttern, gar mächtig an Ehren.“
2. An und für sich genommen wird der Mensch nach dem Bild des ihm eingeborenen Geistes gestaltet; denn er wird nicht form- und gestaltlos in der Werkstatt der Natur geschaffen, in der sich auf geheimnisvolle Weise das Werden des Menschen vollzieht, wobei die Kunst und das Wesen gemeinsam sind. Der einzelne Mensch aber bekommt seine unterscheidenden Merkmale, indem seiner Seele das durch die Art seiner Wahl bestimmte Gepräge aufgedrückt wird.
3. Auf Grund dieser Tatsache sagen wir auch von Adam, daß er als Geschöpf vollkommen war; denn es fehlte ihm nichts von dem, was für die Erscheinung und die Gestalt eines Menschen kennzeichnend ist.
4. Was aber bei seiner Entwicklung erst die Vollendung erfahren und durch Gehorsam als richtig erwiesen werden sollte, das war sein freier Wille, der männlich werden sollte; da die Schuld bei dem Wählenden und in noch höheren Grad bei dem das Verbotene Wählenden liegt, trägt Gott keine Schuld. Denn in zweierlei besteht das Werden, einmal in der eigentlichen Entstehung, dann in der weiteren Entwicklung.
§ 151
1. Und die Mannhaftigkeit des Menschen, der seinem Wesen nach, wie man sagt, den Gemütserregungen unterworfen ist, macht ihren Träger furchtlos und 102 unüberwindlich, und Waffenträger des Geistes ist der Mut in Geduld und in Standhaftigkeit und in den ähnlichen Tugenden; zur Beherrscherin der Begierde aber ist sowohl die Selbstbeherrschung als auch die heilbringende Klugheit gesetzt.
2. Gott aber ist frei von jeder Gemütserregung, frei von zorniger Leidenschaft und von Begierde; und er ist nicht in dem Sinn furchtlos, daß er Gefahren nicht ausweicht, noch in dem Sinn sittsam, daß er die Begierden beherrscht; denn seinem Wesen nach kann Gott in keine Gefahr geraten, und Gott kann die Feigheit nicht fliehen, so wie er auch nicht begehren wird, so daß er auch seine Begierde beherrschen müßte.
3. Mit geheimer Bedeutung ist also auch in bezug auf uns jenes Pythagoraswort gesagt, „auch der Mensch müsse ein einziger (eine Einheit) werden“, da auch der Hohepriester selbst nur einer ist, da Gott ein einziger ist, entsprechend dem unveränderlichen Zustand, daß er unausgesetzt das Gute will.
§ 152
1. So hat der Heiland zugleich mit der Begierde auch den Zorn verboten, der Begierde nach Rache ist. Denn überhaupt ist die leidenschaftliche Anlage des Menschen voll von mannigfacher Begierde; wenn der Mensch aber durch Vergöttlichung zur Leidenschaftslosigkeit gelangt, dann wird er in unbefleckter Weise ein Einziger (ein in sich geschlossenes Wesen)
2. Wie nun diejenigen, die sich auf dem Meere an einen Anker hängen, zwar an dem Anker ziehen, ihn aber nicht zu sich heranziehen, sondern vielmehr sich zu ihm hin, so bewegen sich auch die, welche im gnostischen Leben Gott an sich heranziehen wollen, in Wirklichkeit, ohne es zu merken, selbst auf Gott zu; denn wer Gott dient, der dient sich selbst.
3. In einem dem geistigen Schauen dienenden Leben sorgt jeder für sich 103 dadurch, daß er Gott verehrt, und durch seine eigene vollkommene Läuterung kann er Gott als Heiligen auf heilige Weise schauen; denn die Sittsamkeit, die ja an der Seelenverfassung zu beobachten ist, betrachtet und beschaut ohne Unterlaß sich selbst und wird so, soweit es möglich ist, Gott ähnlich.