§ 135
1. Derjenige fürwahr, der das Gesetz versteht und fähig ist, seine Bedeutung zu durchschauen, der ist der Gnostiker. Die ihn kennzeichnende Haltung besteht aber nicht darin, daß er das Böse vermeidet (denn das ist nur eine Stufe zum höchsten Fortschritt),
2. aber auch nicht 92 darin, daß er etwas Gutes aus Furcht tut (denn es steht geschrieben: „Wohin kann ich fliehen, und wo kann ich mich vor deinem Angesicht verbergen? Wenn ich zum Himmel hinaufstiege, so bist du dort; wenn ich bis an die äußersten Grenzen des Meeres fortginge, so ist dort deine Rechte; wenn ich in die Tiefe hinabstiege, so ist dort dein Geist“)
3. aber auch nicht darin, daß er es tut wegen der Hoffnung auf verheißene Ehre (denn es ist gesagt: „Siehe der Herr und sein Lohn ist vor ihm, jedem nach seinen Werken zu vergelten“; „was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, und was noch in keines Menschen Denken gekommen ist, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“);
4. sondern die ihn kennzeichnende Haltung besteht allein in dem Vollbringen guter Werke aus Liebe, einer Handlungsweise, die für den Gnostiker des Schönen selbst wegen erstrebenswert ist.
§ 136
1. So sagt der Herr im Namen Gottes: „Bittet mich, und ich will dir Völker zu deinem Erbe geben“, womit er den Menschen lehren will, die königlichste Bitte an ihn zu richten, nämlich das Heil der Menschen zu erbitten ohne eigenen Lohn, damit in der Tat wir selbst den Herrn erben und ihn für uns gewinnen.
2. Andererseits ist für den Gnostiker nicht eigentümlich, wegen irgendeines Zwecks, damit mir dies geschehe und dies nicht geschehe, die Gotteserkenntnis zu erstreben; vielmehr genügt ihm als Anlaß des Schauenwollens die Erkenntnis an und für sich.
3. Ja, ich möchte es wagen, zu behaupten: Nicht weil er selig werden will, wird der die Erkenntnis wählen, der allein wegen des Wissens von Gott der Erkenntnis nachjagt.
4. Denn das Denken erweitert sich durch Übung zum fortwährenden Denken; das unausgesetzte Denken aber, das infolge der unaufhörlichen Verbindung mit dem Erkennenden zu dessen Wesenseigenschaft und zur ewigen Anschauung geworden ist, bleibt lebendige Wirklichkeit.
5. Angenommen also, es würde den Gnostiker jemand vor die Frage stellen, was von beiden er wählen wolle, die Erkenntnis Gottes oder die ewige Seligkeit, und diese beiden wären etwas Verschiedenes (während sie doch vielmehr 93 gleichbedeutend sind) so würde er sich keinen Augenblick besinnen, sondern die Erkenntnis Gottes wählen, in der Überzeugung, daß die Beschaffenheit, die über den Glauben hinaus durch die Liebe zur Erkenntnis fortgeschritten ist, ihrer selbst wegen wählenswert sei.
§ 137
1. Darin besteht also bei dem Vollkommenen der Anfang des Vollbringens des Guten, daß er es nicht wegen eines Vorteils tut, der ihm selbst zugute käme, daß vielmehr infolge seiner Überzeugung, daß das Gutestun an und für sich etwas Schönes ist, seine Tatkraft in angespanntem Schaffensdrang bei allem Handeln recht zu tun bestrebt ist, und zwar nicht in dem einen Fall und in einem anderen nicht, sondern so, daß das Gutestun zu einem Dauerzustand geworden ist, nicht mehr wegen des Ruhmes oder wie die Philosophen sagen, wegen des guten Rufs ((xxx) eíkleia) oder wegen eines von Menschen oder von Gott zu erwartenden Lohnes. Dann dürfte er „nach dem Bild und nach der Ähnlichkeit“ des Herrn sein Leben vollenden.
2. Und wenn ihm auch bei seinem Gutestun etwas Widriges begegnen sollte, wird er leidenschaftslos, ohne rachsüchtig zu sein, auf eine Vergeltung verzichten, indem er sich „gegen Gerechte und Ungerechte“ als gerecht und gut bewährt.
3. Zu solchen Leuten sagt der Herr: „Werdet vollkommen wie euer Vater!“ Für einen solchen ist das Fleisch gestorben; er lebt aber selbst allein, indem er das Grab dem Herrn zu einem heiligen Tempel geweiht und die ehemals sündige Seele zu Gott hingewendet hat.
§ 138
1. Nicht enthaltsam ist ein solcher mehr; vielmehr ist bei ihm die Leidenschaftslosigkeit zu einem bleibenden Zustand geworden, und er wartet nur darauf, die göttliche Gestalt anlegen zu dürfen.
2. Wenn du Almosen gibst, so heißt es, soll es niemand erfahren, und wenn du fastest, so salbe dich, damit Gott allein es erfährt, aber kein einziger Mensch; ja nicht einmal der Barmherzige selbst soll es erfahren, daß er barmherzig ist; denn sonst würde er das eine Mal barmherzig sein, das andere Mal nicht.
94 3. Wenn er aber von einem bleibenden Zustand aus seine Wohltätigkeit ausübt, so ahmt er damit das Wesen des Guten nach. Seine Beschaffenheit wird Natur und weitere Übung sein.
4. Es ist aber nicht möglich, daß wir uns gewissermaßen in die Höhe heben und entrücken lassen; wir müssen vielmehr Schritt für Schritt gehen und so zu unserem Ziele kommen, indem wir den schmalen Weg, der zu ihm führt, ganz vom Anfang bis zum Ende zurücklegen. Denn das ist damit gemeint, daß man von dem Vater gezogen wird, daß man würdig wird, die Kraft der Gnade von Gott zu erlangen und ungehemmt emporzusteigen.
5. Und wenn einige den Auserwählten hassen, so weiß dieser, daß sie dies nur aus Unwissenheit tun, und bemitleidet sie wegen ihres Mangels an Einsicht.
§ 139
1. Begreiflicherweise also ist diese Erkenntnis voll Liebe und lehrt die Unwissenden und erzieht sie dazu, die ganze Schöpfung des allmächtigen Gottes zu ehren.
2. Wenn dieser Mensch aber Gott zu lieben gelernt hat, so ist es für ihn in keiner Weise mehr möglich, weder im Wachen noch im Schlafen noch bei irgendeiner Sinnesvorstellung die Tugend je zu verlieren; denn es ist nicht möglich, daß ein Zustand je aus sich selbst heraustritt und so aufhört, ein Zustand zu sein, mag man nun die Erkenntnis einen Zustand oder ein Verhalten nennen.
3. Denn der beherrschende Seelenteil bleibt unverändert, weil in ihn nie Gedanken eindringen, die verschieden von ihm sind, und er nimmt auch keine Veränderungen der Vorstellungen an, etwa dadurch, daß er von den aus den Bewegungen am Tage hervorgehenden Vorstellungsbildern träumen würde.
4. Deshalb mahnt auch der Herr, zu wachen, so daß unsere Seele auch im Traum nie von Leidenschaften ergriffen wird; wir sollen vielmehr, das befiehlt er, auch nachts unser Wesen und Verhalten, wie wenn es sich am Tage vollzöge, rein und unbefleckt bewahren. Denn damit werden wir, soweit wir können, Gott ähnlich, daß wir unseren Sinn in einem sich gleichbleibenden Zustand bewahren.
5. Die ist der Zustand des Geistes als Geistes; der häufige Wechsel im Verhalten entsteht aber durch die Hinneigung zum Irdischen und durch die Abhängigkeit von ihm.
§ 140
95 1. So Scheint mir die Nacht den Namen Euphrone (Denkfreundin) deshalb erhalten zu haben, weil zu dieser Zeit die Seele frei von Sinneseindrücken sich ganz zu sich selbst hinwenden und sich mehr als sonst in das Denken vertiefen kann.
2. Deshalb also werden auch die Mysterienweihen zumeist nachts vollzogen, indem sie auf die in der Nacht erfolgende Loslösung der Seele vom Körper und ihre damit verbundene Einkehr bei sich selbst hinweisen.
3. „Laßt uns also nicht schlafen wie die übrigen, sondern laßt uns wachen und nüchtern sein! Denn die da schlafen, die schlafen nachts, und sie sich betrinken, sind nachts betrunken. Wir aber wollen als Kinder des Tages nüchtern sein und den Panzer des Glaubens und der Liebe und als Helm die Heilshoffnung anlegen!“
§ 141
1. Was man vom Schlaf sagt, das muß man sich als in gleicher Weise auch vom Tode gesagt denken. Denn beide zeigen ein Sichloslösen der Seele, der eine mehr, der andere weniger. Das kann man auch von Herakleitos lernen:
2. „Der Mensch zündet sich in der Nacht ein Licht an, wenn er für sich gestorben ist und seine Augen erloschen sind; solange er lebt, kommt er, wenn er schläft, dem Gestorbenen nahe, da seine Augen erloschen sind; und wenn er wacht, kommt er dem Schlafenden nahe.“
3. Denn selig sind diejenigen, die nach dem Wort des Apostels „die Zeit kennen, weil die Stunde da ist, daß ihr nunmehr aus dem Schlafe erwacht. Denn die Rettung ist jetzt näher, als da wir zu glauben anfingen. Die Nacht ist vorgerückt; der Tag ist herbeigekommen. So laßt uns also die Werke der Finsternis ablegen und die Waffen des Lichts anziehen!“
4. Mit den Worten „Tag“ und „Licht“ bezeichnet er aber sinnbildlich den Sohn, und mit den Worten „Waffen des Lichts“ in übertragenem Sinn seine Gebote. Dementsprechend verlangt man. daß man sich wasche und erst 96 dann zu den heiligen Handlungen und zu den Gebeten komme, rein und geschmückt.
§ 142
1. Und daß man so äußerlich geschmückt und geheiligt ist, das geschieht der sinnbildlichen Bedeutung wegen. „Wirkliche Heiligung ist, Frommes zu haben im Sinn.“ Und ein Vorbild der Taufe mag den Dichtern von Moses in dieser Weise überliefert worden sein:
2. „Und sie badete sich und legte reines Gewand an“, nämlich Penelope, die so zum Gebet ging. Und Telemachos „Wusch sich die Hände im Meere und betete dann zu Athene.“
3. Diese Sitte (sich vor einer gottesdienstlichen Handlung zu waschen) ist jüdisch; ebenso auch, daß man sich nach dem Geschlechtsverkehr oft waschen muß. Schön ist indessen auch jene Mahnung: „Sei nicht durch Waschen des Leibs, sondern im Herzen sei rein!“
4. Denn die vollkommene Reinheit besteht, wie ich meine, in der Lauterkeit der Gesinnung und der Taten und der Gedanken, dazu auch in der Reinheit der Reden und schließlich in der Sündelosigkeit auch in den Träumen.
§ 143
1. Die richtige Reinigung ist aber, meine ich, für einen Menschen gewissenhafte und dauernde Sinnesänderung, wenn wir uns selbst wegen unserer früheren Taten verurteilen und das Vergangene von uns abschütteln, indem wir nachträglich zur Erkenntnis kamen und uns in unserem Herzen von dem freimachten, was die Sinne ergötzt, und von unseren früheren Verfehlungen.
2. Wenn man also das Wort (xxx) epistéme (Wissen) seiner Herkunft nach 97 erklären und sagen soll, daß es seine Bedeutung von dem Wort (xxx) stásis (Hinstellen) erhalten habe, weil die Episteme unsere Seele, die sich zuvor bald hierher, bald dorthin treiben ließ, „fest in die Dinge hineinstellt“,
3. so muß man in der gleichen Weise auch das Wort (xxx) pistis (Glaube) seiner Abstammung nach daraus erklären, daß unsere Seele gegenüber dem wahrhaft Seienden eine Stellung ((xxx) stásis) einnimmt.
4. Wir sehnen uns aber darnach, den kennenzulernen, der immer und in allem gerecht ist und der gerecht bleibt, ohne daß er die vom Gesetz angedrohte Strafe fürchtete oder sich vor dem das Böse verfolgenden Haß derer scheute, mit denen er zusammen lebt und die seine Verfehlungen rügen würden, oder vor den Gefahren seitens derer Angst hätte, denen er Unrecht täte.
5. Denn wer aus solchen Gründen es unterläßt, etwas Unrechtes zu tun, ist nicht aus freiem Willen gerecht, sondern nur aus Furcht gut.
6. Epikuros sagt allerdings, der Weise, wie er ihn auffasse, wolle nicht um eines Gewinnes willen Unrecht tun; denn er könne keine Gewähr dafür erlangen, daß er dabei verborgen bleibe. Demnach würde er nach seiner Ansicht Unrecht tun, wenn er die Überzeugung gewinnen könnte, daß er dabei unbemerkt bleiben werde.
§ 144
1. Solcherart sind die lichtscheuen Grundsätze. Und wenn jemand auch unterläßt, Unrecht zu tun, in der Hoffnung auf die von Gott für gerechtes Handeln verheißene Belohnung, so ist auch er nicht aus freiem Willen gut. Denn wie jenen die Furcht, so macht diesen nur der Lohn gerecht, oder vielmehr er zeigt, daß jener gerecht nur scheinen will.
2. Daß aber die Guten nach dem Tode etwas Schönes zu erwarten haben, die Schlechten aber das Gegenteil, das wissen nicht nur die Anhänger der barbarischen Weisheit, sondern auch die Pythagoreer. Denn auch sie sagten, daß für die Weisheitsfreunde die gute Erwartung das Endziel sei. So sagte auch Sokrates im Phaidon, daß die guten Seelen von der Erde „mit guter Hoffnung“ scheiden; und umgekehrt sagt er im Gegensatz dazu Schlimmes über das Schicksal der Schlechten mit den Worten: „Denn sie leben mit der Erwartung von Schlimmem.“
3. Mit ihm 98 stimmt, wie sich zeigt, auch Herakleitos in den Worten überein, die er in bezug auf die Menschen sagt: „Den Menschen steht nach dem Tode bevor, was sie nicht erwarten und was sie nicht ahnen.“
§ 145
1. Göttlich ist daher, was Paulus ganz offen an die Römer schreibt: „Die Drangsal bewirkt Geduld, die Geduld aber Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung, die Hoffnung aber läßt nicht zuschanden werden.“ Denn wegen der Hoffnung auf Zukünftiges ist die Geduld; das Wort „Hoffnung“ wird aber auch in der Bedeutung gebraucht „Erfüllung und Erstattung der Hoffnung“, die „nicht zuschanden werden läßt“, weil man sie nicht mehr schmähen kann.
2. Wer aber auf die bloße Berufung hört, so, wie er berufen ist, eilt weder aus Furcht noch aus Hoffnung auf Freuden auf die Erkenntnis zu. Denn er schaut sich nicht um, ob ein äußerer Gewinn oder Genuß zu seinem Vorteil in Aussicht steht, sondern er ist fromm, indem er von der Liebe zu dem wahrhaft Liebenswerten angezogen und zu dem, was geschehen muß, hingeführt wird.
§ 146
1. Ja, nicht einmal, wenn er, wie wir einmal annehmen wollen, von Gott die Möglichkeit erhielte, das Verbotene ungestraft zu tun, ja nicht einmal, wenn er dazu noch die Verheißung bekäme, er werde dafür als Lohn das Glück der Seligen erlangen, aber auch, wenn er sicher sein könnte, daß er mit seinem Tun vor Gott verborgen sein werde, was freilich unmöglich ist, würde er sich doch nicht dazu entschließen, etwas gegen die rechte Lehre zu tun, nachdem er einmal das wahrhaft Schöne gewählt hat, das seiner selbst wegen wählenswert und deshalb liebenswert ist. Denn wir haben gelernt, daß „in des Leibes Speise nicht Das Gute liege“.
2. Jener Dichter hat aber das Wort gehört, daß „uns nicht das Essen Gott nahebringen wird“ und ebensowenig die Ehe oder die Enthaltung von der Ehe, wenn dieses nicht mit Erkenntnis verbunden ist, sondern das tugendgemäße, aus Erkenntnis geborene Werk. Denn sonst müßte man auch den Hund, das unvernünftige Tier, enthaltsam nennen, 99 wenn es aus Furcht vor dem drohend erhobenen Stock eine Speise nicht anrührt.
3. Wisse wohl, daß bei solchen die eigentliche Gesinnung offenbar werden wird, sobald man die vorher angekündigte Verheißung aufhebt oder den angedrohten Schrecken beseitigt oder die verhängte Strafe wegnimmt.