§ 130
88 1. Hier stoße ich auf die Tatsache, daß der Begriff „vollkommen“ vielerlei Bedeutungen hat, je nach der Tätigkeit, in der einer etwas Hervorragendes leistet. Es kann ja einer vollkommen werden als ein frommer oder als ein geduldiger oder ein enthaltsamer oder ein arbeitsamer Mensch oder als Märtyrer oder als Gnostiker.
2. Ob aber irgendein Mensch in allem zugleich vollkommen sein kann, insofern er noch Mensch ist, das weiß ich nicht, ausgenommen allein den Herrn, der um unsretwillen Menschengestalt angenommen hat. Freilich auch nach dem Gesetz allein könnte einer vollkommen sein, das (dem, der es befolgt) nur die Vermeidung von Bösem in Aussicht stellt; sie ist aber nur ein Weg, der zum Evangelium und zum Vollbringen des Guten führt.
3. Aber die (wirkliche) Vollkommenheit eines Gesetzesmenschen besteht erst in der gnostischen Hinzunahme des Evangeliums, damit der dem Gesetze nach Vollkommene in Erscheinung treten kann. Denn so sollen wir nach der Weisung des Trägers des Gesetzes Moses dieses hören, daß wir nach dem Wort des Apostels Christus als „die Erfüllung des Gesetzes“ auffassen.
4. Durch das Evangelium macht aber der Gnostiker bereits weitere Fortschritte, wobei er das Gesetz nicht nur als eine nach oben führende Stufe benützt, sondern es auch so versteht und so auffaßt, wie es der Herr, der die beiden Testamente gegeben hat, den Aposteln überlieferte.
5. Wenn er aber auch einen richtigen Lebenswandel führt (es ist ja unmöglich, daß Erkenntnis aus verkehrtem Handeln hervorgehen könnte) und dazu noch nach wahrhaftigstem Bekenntnis aus Liebe Märtyrer wird und so eine höhere Würde (soweit bei Menschen davon geredet werden kann) gewinnt, so wird er auch trotzdem nicht dahin kommen, daß er noch im fleischlichen Leben „vollendet“ genannt wird, weil der Abschluß des ganzen Lebens diese Bezeichnung als Vorrecht für sich in Anspruch genommen hat, für die Zeit, wo der gnostische Märtyrer bereits dahin gelangt ist, daß er das vollkommene Werk in vollgültiger 89 Weise zeigen und vorlegen kann, indem er in gnostischer Liebe sein Blut geopfert hat und seinen Geist aufgibt.
§ 131
1. Alsdann erst dürfte er selig sein und mit recht als vollendet bezeichnet werden, „damit die überschwengliche Kraft Gottes sei und nicht von uns“, wie der Apostel sagt. Für uns wollen wir nur auf den guten Willen und auf die Liebe Anspruch machen, „da wir allenthalben gedrängt sind und doch nicht verzweifeln, da wir verfolgt werden, aber doch nicht im Stiche gelassen sind, da wir niedergeworfen sind, aber doch nicht vernichtet werden“.
2. Denn wer zur Vollendung strebt, darf nach dem nämlichen Apostel „in nichts irgendeinen Anstoß geben, sondern muß sich in allen Dingen bewähren“, nicht den Menschen, sondern Gott gegenüber.
3. Aber die notwendige Folge soll sein, daß man sich auch in die Menschen schickt; denn auch bei ihnen ist das wohlbegründet, damit man die kränkenden Nachreden vermeidet.
4. Unsere Bewährung soll sich aber zeigen „in viel Geduld, in Drangsalen, in Nöten, in Ängsten, unter Schlägen, in Gefängnissen, in Beunruhigungen, in Mühsalen, in schlaflosen Nächten, im erleiden von Hunger, durch Reinheit, durch Erkenntnis, durch Langmut, durch Freundlichkeit, durch Heiligen Geist, durch ungeheuchelte Liebe, durch wahrhaftige Lehre, durch die Kraft Gottes“, damit wir „Tempel Gottes seien, gereinigt von aller Befleckung des Fleisches und des Geistes“.
5. „Und ich“ so heißt es, „will euch annehmen und will euer Vater sein, und ihr werdet meine Söhne und Töchter sein, sagt der Herr, der Allmächtige.“
6. „So laßt uns also“, so heißt es, „unsere Heiligung vollenden in der Furcht Gottes!“ Denn wenn die Furcht auch Betrübnis verursacht, „so freue ich mich doch“, sagt er, „nicht darüber, daß ihr betrübt wurdet, sondern daß ihr betrübt wurdet zur Reue. Denn ihr wurdet dem Willen Gottes entsprechend betrübt, damit ihr in keiner Weise von unserer Seite Schaden erlittet. Denn die Traurigkeit, wie Gott sie will, bewirkt eine Reue zum Heil, die man nie bereuen wird; die Traurigkeit der Welt aber bewirkt den Tod.
7. Denn seht doch: Eben daß ihr so nach dem Willen Gottes betrübt wurdet - welchen Ernst hat 90 das in euch bewirkt; ja noch mehr: den Entschluß, euch zu verteidigen, Entrüstung, Schrecken, Sehnsucht, Eifer, Bestrafung. In jeder Beziehung wolltet ihr euch in der Sache als rein erweisen.“
§ 132
1. Das sind Vorübungen für die gnostische Lebensweise. Da aber der allmächtige Gott selbst „die einen zu Aposteln gegeben hat, die anderen zu Propheten, wieder andere zu Predigern des Evangeliums oder zu Hirten und Lehrern, um die Heiligen für die Aufgaben des Dienstes auszurüsten und den Leib Christi zu erbauen, bis wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zur vollen Mannesreife, zum Maße des Alters der Fülle Christi“, so müssen wir uns beeilen, um nach Art eines Gnostikers männlich und vollkommen zu werden, soweit das möglich ist, solange wir noch hier im Fleische wohnen, indem wir darnach trachten, von dieser Grundlage aus auf Grund der völligen Gesinnungsgleichheit gemeinsam mit dem Willen Gottes dahin zu gelangen, daß die vollkommen Adeligen und ihm Verwandten „in die Fülle Christi“ eingefügt werden, die vermittelst der Zurüstung völlig ausgestaltet ist.
2. Jetzt verstehen wir, in welcher Hinsicht und auf welche Weise und wann der göttliche Apostel von dem Vollkommenen spricht und wie er Unterschiede unter den Vollkommenen aufzeigt.
3. Wiederum „wird jedem die Offenbarung des Geistes verliehen, wie es frommt. Denn dem einen wird durch den Geist die Gabe verliehen, von der Weisheit zu reden, einem anderen die Gabe, von der Erkenntnis zu reden nach Maßgabe desselben Geistes, einem anderen Glaube durch den denselben Geist, einem anderen die Gnadengabe der Heilungen in demselben Geist, einem anderen Kräfte, die Wunder wirken, einem anderen die Gabe der Weissagung, einem anderen die Fähigkeit, Geister zu unterscheiden, einem anderen verschiedene Arten von Zungenreden, einem anderen die Fähigkeit, diese Reden zu deuten. Und das alles wirkt ein und derselbe Geist, indem er jedem einzelnen im besonderen etwas zuteilt, wie er will.“
§ 133
1. Da sich dies so verhält, sind die Propheten in ihrer Weissagung vollkommen, die Gerechten in ihrer Gerechtigkeit und die Märtyrer in ihrem Bekenntnis, andere 91 in der Predigt; dabei fehlt es ihnen nicht an den allen gemeinsamen Tugenden; aber Hervorragendes leisten sie nur auf dem Gebiet, zu dem sie bestellt sind. Denn wie sollte ein Verständiger behaupten, daß der Prophet nicht gerecht sei? Wie ferner? Haben nicht auch die Gerechten wie Abraham geweissagt?
2. „Denn es gewährte die Gottheit dem einen die Werke des Krieges, Anderen gab sie den Tanz und andern das Singen zur Laute“, sagt Homeros.
3. „Aber ein jeder hat seine besondere Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so“; aber die Apostel sind in allen Dingen mit vollem Maß beschenkt.
§ 134
1. Du kannst aber, wenn du willst, aus ihren Taten und ihren Schriften kennenlernen, wie ihre Erkenntnis, ihr Leben, ihre Predigt, ihre Gerechtigkeit, ihre Reinheit, ihre Weissagungsgabe war.
2. Man muß jedoch bei Paulus wissen, daß seine Schriften, wenn er auch der Zeit nach etwas jünger ist, insofern er erst unmittelbar nach der Himmelfahrt des Herrn zu seiner Wirksamkeit kam, doch ganz vom Alten Testament abhängen und aus ihm Geist und Sprache nehmen.
3. Denn der Glaube an Christus und die Kenntnis des Evangeliums sind Auslegung und Erfüllung des Gesetzes.
4. Deshalb ist zu den Hebräern gesagt: „Wenn ihr nicht glaubt, versteht ihr nicht.“ Das bedeutet: Wenn ihr dem nicht glaubt, der durch das Gesetz vorhergesagt und durch das Gesetz verkündet wurde, dann werdet ihr das Alte Testament nicht verstehen, das er selbst durch seine eigene Erscheinung ausgelegt hat.