§ 118
1. An einer solchen Vollkommenheit kann der Mann und das Weib in gleicher Weise teilhaben.
2. So steht Moses nicht einzigartig da. Dieser hatte von Gott die Worte gehört: „Ich habe zu dir einmal und öfter also gesprochen: Ich habe dieses Volk gesehen, und siehe, es ist halsstarrig. Laß sie mich vernichten, und ich will ihren Namen unter dem Himmel austilgen, und aus dir will ich ein großes und bewundernswertes und weit zahlreicheres Volk machen, 81 als es dieses ist.“
3. Da antwortet er mit einer Bitte und denkt dabei nicht an seinen eigenen Vorteil, sondern an das Wohl aller: „Nimmermehr, Herr, sondern vergib diesem Volk seine Sünde oder tilge auch mich aus dem Buch der Lebenden!“ Welche Vollkommenheit zeigt sich darin, daß er lieber zusammen mit seinem Volk sterben als allein erhalten bleiben will!
4. Aber neben ihm ist auch eine Frau, Judith, zu nennen; sie, die unter den Frauen zur Vollkommenheit gelangt war, erbittet sich bei einer Belagerung ihrer Vaterstadt von den Ältesten die Erlaubnis, in das Lager der Fremden hinausgehen zu dürfen, verachtet dabei alle Gefahr und liefert sich im Glauben an Gott für ihr Vaterland den Feinden aus; sie erhält aber sofort den Lohn für ihren Glauben, indem sie als Frau über den Feind des Glaubens triumphierte und sich des Hauptes des Holophernes bemächtigte.
§ 119
1. Wiederum errettete die im Glauben vollkommene Esther Israel aus der Gewalt des Tyrannen und der Grausamkeit seines Statthalters; ganz allein, eine durch Fasten geschwächte Frau, wagte sie den Kampf gegen viele Tausende von bewaffneten Männern und machte durch ihren Glauben den Erlaß des Tyrannen rückgängig.
2. Und den einen (den König) besänftigte sie, und den Plan des Haman vereitelte sie und erhielt durch ihr vollkommenes Gebet zu Gott Israel unversehrt.
3. Denn nicht reden will ich von Susanna und von der Schwester des Moses. Die eine unterstützte den Propheten in seinem Feldherrnamt und steht an erster Stelle unter allen bei den Hebräern durch ihre Weisheit ausgezeichneten Frauen; die andere aber war in ihrer alles Maß übersteigenden Keuschheit bereit, auch in den Tod zu gehen, und blieb, als sie von den zuchtlosen Liebhabern verurteilt wurde, eine unerschütterte Zeugin der Reinheit.
§ 120
1. Ferner erzählt der Philosoph Dion von einer Frau, namens Lysidike, daß sie im Übermaß von 82 Schamhaftigkeit nur bekleidet gebadet habe, und daß Philotera, wenn sie in die Badewanne steigen wollte, langsam das Gewand zurückgezogen habe, soweit das Wasser das Nackte bedeckte, um dann beim Heraussteigen sich allmählich wieder in das Gewand gehüllt habe.
2. Und hat denn nicht auch Foltern tapfer wie ein Mann die Athenerin Leaina ertragen? Obwohl sie Mitwisserin des Harmodios und des Aristogeiton war, verriet sie doch den Anschlag auf Hipparchos durchaus nicht, obwohl sie gar sehr gefoltert wurde.
3. Es wird aber auch erzählt, daß die Frauen von Argolis unter der Führung der Dichterin Telesilla die kriegsgewaltigen Spartaner durch ihr bloßes Erscheinen in die Flucht getrieben haben und daß jene (Telesilla) in ihnen die Freiheit von Todesfurcht geweckt habe.
4. Ähnliches erzählt auch der Dichter der Danais von den Töchtern des Danaos in folgenden Versen: „Und dann ergriffen in Eile die Waffen des Danaos Töchter, Dort am Gestade der herrlichen Fluten des mächtigen Nilstroms“, und wie es weiter heißt.
§ 121
1. Und andere Dichter besingen die Schnelligkeit der Atalante auf der Jagd und die zärtliche Liebe der Antikleia zu ihrem Sohn und die treue Gattenliebe der Alkestis und den mutigen Sinn der Markaria und der Töchter des Hyakonthos.
2. Und kam nicht ferner die 83 Pythagoreerin Theano so weit in der Philosophie, daß sie dem, der sie zudringlich ansah und sagte: „Der Arm ist schön“, erwiderte: „Aber nicht Gemeingut“?
3. Als ein Zeichen der gleichen Sittsamkeit wird auch jener Ausspruch von ihr erzählt: Als sie gefragt wurde, am wievielsten Tage nach dem Verkehr mit einem Mann eine Frau zum Thesmophorienfest gehen dürfe, antwortete sie: „Wenn es ihr eigener Mann war, sofort, wenn es ein fremder war, niemals.“
4. Ferner beschäftigte sich auch die Themisto, die Tochter des Zoilos von Lampsakos, die Gattin des Leonteus von Lampsakos, mit der Epikureischen Philosophie, so wie Myia, die Tochter der Theano, und gleichfalls Arignote, die die Schrift über Dionysos verfaßte, mit der Pythagoreischen.
5. Ferner waren alle Töchter des Diodoros, der den Beinamen Kronos hatte, in der Dialektik bewandert, wie der Dialektiker Philon in seiner Schrift Menexenos sagt, wobei er auch ihre Namen mitteilt, nämlich Menexene, Argeia, Theognis, Artemisia, Pantakleia.
6. Ich erinnere mich auch an eine Anhängerin der Kynischen Philosophie; sie hieß Hipparchia und stammte aus Maroneia und war die Frau des Krates, mit der er auch die sogenannte „Hundehochzeit“ (die öffentliche Vermählung) in der Bunten Halle vollzog.
§ 122
1. Und die Anhängerin der Kyrenaischen Philosophie Arete, die Tochter des Aristippos, unterrichtete ihren Sohn Aristippos, der deswegen der „Muttergelehrte“ hieß.
2. Bei Platon trieben Philosophie die Lastheneia aus Arkadien und die Axiothea aus Phlius.
3. Ferner lernte von der Aspasia aus Milet, über die ja auch die 84 Lustspieldichter vielerlei erzählen, Sokrates manches für seine Philosophie und Perikles für seine Redekunst.
4. Ich übergehe nun, um das Buch nicht allzulang werden zu lassen, alle übrigen und will weder die Dichterinnen aufzählen, die Korinna und Telesilla, die Myia und Sappho, noch die Malerinnen wie Eirene, die Tochter des Kratinos, und Anaxandra, die Tochter des Jealkes, die beide Didymos in seinen Symposika (Gastmahlgesprächen) nennt.
§ 123
1. Ferner hielt sich die Tochter des Klebulos, eines der Sieben Weisen, der Herrscher von Lindos war, nicht für zu gut, den Gästen ihres Vaters die Füße zu waschen. Auch die selige Sara, die Frau Abrahams, bereitete ja selbst den Engeln die Aschenbrote, und Königstöchter hüteten bei den Hebräern die Schafe; nach ihrem Beispiel ging auch Nausikaa, von der Homeros erzählt, zu den Waschplätzen.
2. Eine sittsame Frau wird sich also zuerst vornehmen, ihren Mann dazu zu überreden, daß er mit ihr an dem teilnimmt, was zum wahren Glück führt; wenn ihr das aber nicht möglich ist, so soll sie allein für sich der Tugend zustreben, und zwar, indem sie dabei in allem ihrem Mann gehorcht, so daß sie nie irgend etwas gegen seinen Willen tut, mit Ausnahme dessen, was nach allgemeiner Überzeugung für Tugend und ewiges Heil entscheidend ist.
3. Wenn aber jemand seine Frau oder eine Dienerin, die ohne jede Heuchelei einen solchen Weg gehen, von einem derartigen Verhalten abbringen will, dann scheint ein solcher Mann zu dieser Zeit nichts anderes zu tun, als sie mit Absicht von Gerechtigkeit und Sittsamkeit abzuhalten, in dem Entschluß, seine eigene Familie ungerecht und zugleich zuchtlos zu machen.
§ 124
1. Es ist also nicht möglich, daß ein Mann oder eine Frau sich in irgend etwas hervortue, wenn sie nicht Lernen, Nachdenken, Üben anwenden; von der Tugend aber behaupten wir, daß sie (ihr Erlangen) nicht in der Macht anderer stehe, sondern mehr als alles andere in unserer eigenen Macht.
2. Alles andere kann nun jemand durch 85 Gegenwirkung verhindern, das aber, was in unserer eignen Macht steht, auf keine Weise, mag er sich auch noch so sehr anstrengen; denn dieses Geschenk (die Tugend) ist von Gott gegeben und unterliegt keiner anderen Macht.
3. Daher kann die Zuchtlosigkeit nicht als die Verfehlung irgendeines anderen angesehen werden denn als die des Zuchtlosen, und andererseits Sittsamkeit nur als der Vorzug eben dessen, der sittsam sein kann.