Johannes Chrysostomus · Epistula ad Innocentium papam et ad Olympiadem · Buch 2 · Kapitel 4
509 Die Kranken, die mit heftigen Fiebern zu ringen hatten, werden den Schaden, den das Fieber ihrer Gesundheit zugefügt hat, nicht auf einmal los, ebenso wie auf dem Meere, das mit wilden Stürmen kämpfen mußte, nicht mit einem Male die hochgehenden Fluthen beruhigt sind. Beides geht vielmehr nur langsam und allmählig von Statten. Die Kranken bedürfen einer geraumen Zeit, um nach der Befreiung von dem Fieber wieder vollkommen gesund zu werden und die Schwäche zu überwinden, die ihnen in Folge der Krankheit noch anhaftet, und das Meer bleibt auch nach dem Aufhören des Sturmes noch längere Zeit unruhig und aufgeregt, es wogt mit großer Gewalt auf und nieder und bedarf ebenfalls längerer Zeit, um zu einer vollständigen Ruhe zurückzukehren. Diese Einleitung zu dem vorliegenden Briefe an dich ist nicht gerade zwecklos, sondern soll dich überzeugen, daß die Nothwendigkeit mich auch dießmal drängt, dir zu schreiben. Denn habe ich auch durch die frühern Briefe die Herrschaft deines Kummers gebrochen und seine feste Burg zerstört, so ist gleichwohl noch viel Fleiß und Ausdauer vonnöthen, damit mein 510 Zureden dir zu einem tiefen Frieden verhilft, damit es alle Aufregung, die aus deinem Kummer entstanden ist, selbst aus deinem Gedächtniß verbannt, dir eine ungetrübte und sichere Ruhe verschafft und dich in einen Zustand vollkommener Zufriedenheit versetzt. Denn dahin geht mein Streben, dich nicht bloß von deiner Traurigkeit zu befreien, sondern dich auch mit großer und dauernder Fröhlichkeit zu erfüllen. Möglich ist Das, wenn du nur willst. Die Bedingungen zur Fröhlichkeit liegen ja nicht in den unwandelbaren Gesetzen der Natur, die wir nicht aufheben und nicht verändern können, sondern in frei gewollten Überlegungen, denen wir uns nach Belieben entweder hingeben oder entziehen. Du wirst dich noch erinnern, daß ich auch kürzlich (es ist noch nicht lange her) mich darüber weitläufig verbreitet habe, wo ich nämlich zugleich eine Reihe von Beispielen dafür beigebracht habe. So ist es vom Schöpfer gewollt, daß die Bedingungen der Fröhlichkeit nicht so sehr in der Beschaffenheit der äussern Verhältnisse als in den Gesinnungen der Menschen liegen. Weil dem so ist, darum sehen Viele, die in Reichthum und Überfluß schwimmen, das Leben für unerträglich an, während Andere, die in Armuth und Dürftigkeit schmachten, immer sehr guten Muthes sind. Daher kommt es ferner, daß Manche trotz ihres Ehrengeleits, trotz ihres Ansehens und berühmten Namens ihr Leben oftmals verfluchen, während gewöhnliche Leute aus gewöhnlichen Familien, Leute, nach denen Niemand umsieht, sich unter Vielen für die glücklichsten halten. Denn nicht so sehr in der Beschaffenheit der äussern Verhältnisse als vielmehr in den Gesinnungen der Menschen liegen die Bedingungen der Fröhlichkeit — ich werde nicht aufhören, dir dieses Lied beständig vorzusingen. Laß dich nicht niederdrücken, Schwester, sondern richte dich auf, reiche meinen Worten die Hand, und sei mein Bundesgenosse, damit ich meinen schönen Zweck erreiche und dich von dem harten Sklavenjoch, welches jene traurigen Gedanken dir aufgelegt haben, vollständig befreie. Denn wenn du selbst nicht willst und nicht auch so große Anstrengungen machst wie ich, dann 511 wird mein Versuch, dich zu heilen, Nichts fruchten. Was Wunder, daß es unser einem so geht? Selbst der allmächtige Gott wird, wenn er mahnt und zuspricht, der Mensch aber seinen Worten kein Gehör gibt, keinen Nutzen erzielen; im Gegentheil, die Mahnungen Gottes dienen nur dazu, die Strafe für den harthörigen Menschen zu verschärfen. Das hat Christus selbst gelehrt mit den Worten: „Wenn ich nicht gekommen wäre und nicht zu ihnen geredet hätte, dann hätten sie keine Sünde. Nun aber haben sie keine Entschuldigung für ihre Sünde.“
Dasselbe ist auch der Grund, weßhalb er die Stadt Jerusalem beweint und spricht: „Jerusalem, Jerusalem, die du die Propheten tödtest und steinigest Die, welche zu dir gesandt worden sind, wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, und ihr habt nicht gewollt! Siehe, euer Haus wird wüste gelassen.“
Da du Das nun weißt, gottselige Frau, so bemühe dich recht sehr und thue dir Gewalt an, unterstützt von meinen mahnenden Worten, mit voller Entschiedenheit die Gedanken, welche so große Wirren, Stürme und Unruhen in deiner Seele anrichten, auszuschlagen und zu verjagen. Doch daß du Das thun und meiner Mahnung folgen wirst, daran glaube ich gar nicht zweifeln zu dürfen. Aber ich muß dir auch Schwert und Spieß, Bogen und Pfeile, Panzer, Schild und Beinschienen verschaffen, das eine zu deinem Schutze, das andere zum Niederwerfen, Ertödten und Vernichten der aufregenden Gedanken, die dich angreifen. Woher soll ich diese Schutz- und Trutzwaffen für dich nehmen, damit du deine Feinde nicht einmal in deine 512 Nähe kommen lassest, sondern vielmehr mit großer Übermacht in weite Ferne treibst? Ich werde sie von der Traurigkeit selbst hernehmen, indem ich über sie einige Untersuchungen anstelle und zeige, daß sie etwas äusserst Drückendes und Lästiges ist. Die Traurigkeit ist für die Seele eine schwere Plage, ein unsäglicher Jammer, eine Strafe herber als jede andere Strafe und Züchtigung. Denn sie ist wie ein giftiger Wurm, der nicht nur den Leib, sondern auch die Seele angreift; sie ist wie eine Motte, die sich nicht bloß in die Gebeine, sondern auch in die Seele einfrißt; sie ist ein unermüdlicher Henkersknecht, der nicht etwa die Rippen zerschlägt, sondern sogar die Kräfte der Seele mißhandelt; eine fortwährende Nacht, dichte Finsterniß, Sturm und Unwetter, ein unsichtbares Fieber, das ärger brennt als jedes Feuer, ein Krieg ohne Waffenstillstand, eine Krankheit, die uns Vieles, was wir sonst sehen, mit Finsterniß bedeckt; denn selbst die Sonne und die durchsichtige Luft scheint den Menschen bei dieser Stimmung lästig zu werden, und gleicht für sie am hellen Mittag der tiefen Nacht. Das deutet auch jener herrliche Prophet an, wo er sagt: „Untergehen wird ihnen die Sonne am Mittag.“ Er will nicht sagen, das Tagesgestirn werde verschwinden oder seinen gewohnten Lauf unterbrechen, sondern das hellste Tageslicht komme dem trostlosen Menschen wie nächtliches Dunkel vor. Denn das Dunkel der Nacht ist nicht von derselben Art wie die nächtliche Finsterniß der Trauer, die nicht nach den Gesetzen der Natur eintritt, sondern aus der Verdüsterung der Vernunft entsteht. Sie ist fürchterlich und unerträglich, grausamer als irgend ein Tyrann und trotzighart sind ihre Züge. Sie gibt sich so leicht nicht überwunden, wenn man sie zu zertreten sucht; und sie hält die Seele, deren sie sich einmal bemächtigt hat, oft fester als eherne Bande, wenn man nicht mit großer Weisheit gegen sie vorgeht.
513 Man braucht eigentlich nicht viel zu sagen und weit auszuholen, wenn man dieses Thema behandelt; denn es kann ja ein Jeder zu solchen Leuten hingehen, die von der Traurigkeit beherrscht sind, und auf diese Weise ihre ganze Gewalt kennen lernen. Wir wollen jedoch zuvor, wenn du Nichts dagegen hast, eine Weile die Sache von einer andern Seite betrachten. Als Adam jene große Sünde begangen und das gesammte Menschengeschlecht in das Strafurtheil verwickelt hatte, wurde er zu Mühsal und Beschwerden verurtheilt. Das Weib aber hatte schwerer gesündigt, und zwar in einem Grade, daß die Sünde des Mannes, mit der ihrigen verglichen, kaum noch wie eine Sünde aussieht. „Denn Adam,“ heißt es, „wurde nicht bethört; das Weib nämlich wurde bethört und gerieth so in die Übertretung.“ Sie also, die Bethörte, die Übertreterin, die sich und dem Manne den giftigen Trank gemischt hatte, wird auch härter bestraft, und zwar gerade zum Kummer verurtheilt, weil dieser empfindlicher angreift als Mühsal und Beschwerden. „Vermehren will ich,“ sagt der Herr, „vermehren deinen Kummer und deine Seufzer.“ In Traurigkeit wirst du Kinder gebären. Keine Rede von Arbeit, von Schweiß und Mühsal, sondern von Trauer und Seufzern und der Strafe, die darin enthalten ist. Die ist ebenso hart als Mühsal und Beschwerden, als tausendmal sterben; ja sie ist noch weit härter. Und doch, was ist sonst ein ärgeres Übel als der Tod? Gilt er nicht für das größte unter den menschlichen Leiden, als furchtbar und unerträglich und unendlich beklagenswerth? Hat nicht Paulus den Tod als Strafe für das ärgste Verbrechen hingestellt? Er sagt ja, daß Diejenigen, welche unwürdig den heiligsten Geheimnissen nahen 514 und unwürdig an dem wahrhaft furchtbaren Mahle Theil nehmen, diese Strafe zu erleiden haben. „Das ist es,“ sagt er, „weßhalb Viele unter euch schwach und krank sind, und Manche schlafen.“ Pflegen nicht auch alle Gesetzgeber auf die schwersten Verbrechen diese Strafe zu setzen? Auch Gott selbst hat den Tod als die härteste Strafe den großen Sündern zuerkannt.
Hat nicht jener Patriarch aus Furcht vor dem Tode und gegen die Stimme der Natur sich sogar entschlossen, sein Weib der Wollust der Barbaren und der Tyrannei der Ägyptier preiszugeben? Ja er hat dieses Trauerspiel voll Sünde und Schmach selbst ersonnen und seinem Weibe zugeredet, mit ihm diese entsetzliche Tragödie aufzuführen, und er hat es nicht einmal für beschämend gehalten, die Ursache der Verstellung hinzuzufügen. „Denn“, sagte er, „wenn sie dich sehen, daß du so ausgezeichnet bist durch Wohlgestalt und ausnehmend schön von Angesicht, dann werden sie mich tödten und dein Leben erhalten. Sage nun, du seiest meine Schwester, damit ich deinetwegen gut behandelt werde und um deinetwillen lebe.“ Siehst du die Furcht? Siehst du die Angst, die diesen erhabenen und weisen Mann zittern macht? Siehst du, wie dieser Mann von Stahl und Eisen durch die Angst vor dem Tode ganz gebrochen ist? Er sagt die Unwahrheit in Betreff seiner Verwandtschaft, läßt sein Weib eine fremde Rolle spielen, liefert das Lamm als bequeme Beute den Wölfen aus; und während es sonst für einen Mann nichts Unerträglicheres gibt, als sein Weib entehrt zu sehen oder auch nur einen solchen Argwohn hegen zu müssen, kann er sich entschließen, das und noch Schlimmeres — denn es handelte sich nicht um einen Argwohn, sondern um die Thatsache der Schändung — nicht nur anzusehen, sondern sogar die Ausführung des Frevels selbst zu veranlassen; und Das scheint ihm 515 leicht und wohl erträglich. Denn der eine Affekt siegte über den andern, der stärkere über den schwächern; die Furcht vor dem Tode überwog die Eifersucht.
Elias, dieser große Mann, wurde aus Furcht vor dem Tode ein Flüchtling, ein Auswanderer und Fremdling, nur weil die Drohung eines unzüchtigen und schuldbeladenen Weibes ihn geängstigt hatte. Er, der den Himmel verschlossen und so große Wunder gewirkt hatte, konnte die Furcht, die ihm jene Worte einjagten, nicht überwinden. Die Furcht vor dem Tode hat seine Seele, die doch schon bis zum Himmel emporragte, dermaßen erschüttert, daß er auf einmal seine Heimath und das große Volk, für welches er sich solchen Gefahren ausgesetzt hat, verläßt, einsam einen Weg von vierzig Tagreisen zurücklegt und in die Wüste übersiedelt, — und Das alles, nachdem er einen solchen Muth, eine solch Unerschrockenheit im Reden, eine solche Herzhaftigkeit bewiesen hat.
Es ist auch wirklich um den Tod etwas sehr Schreckliches. Jeden Tag macht er auf das menschliche Geschlecht seinen Angriff; und dennoch gerathen wir bei jeder Leiche so sehr in Aufregung, Verwirrung und Niedergeschlagenheit, als ob er uns ganz unerwartet vor die Augen träte. Hier vermag weder der Gedanke an die Vergänglichkeit noch die tägliche Gewöhnung an diesen Anblick Trost zu bieten; dieser Schrecken und diese Traurigkeit altert nicht, er bleibt immer neu und immer stark; alle Tage ist ungeschwächt und ungemildert die Furcht, die er einjagt. Wohl begreiflich. Wie sollte man auch nicht von Schrecken und Entsetzen überfallen werden, wenn man auf einmal sieht, daß sprachlos wie ein Stein ein Mann da liegt, dennoch gestern oder vor wenigen Tagen einherging und einherfuhr, tausend Geschäfte besorgte, an der Spitze des Hauses stand, seinem Weibe, seinen Kindern und Knechten, oft auch über ganze Städte gebot, mit Drohungen um sich warf, Furcht einflößte, hier Strafen erließ und dort Strafen verhängte, in 516 der Stadt und auf dem Lande unzähligen Verrichtungen oblag? Daß er Nichts davon wahrnimmt, daß eine Menge von Menschen um ihn jammert, seine besten Freunde sich in Wehklagen ergießen, sein Weib gegen den eigenen Leib wüthet, sich die Wangen zerkratzt, das Haar zerrauft und mit grobem Wehgeschrei die Schaaren der Mägde herbeiruft; wenn man dann sieht, daß Alles mit einem Mal dahin ist, Verstand und Einsicht und Leben, die blühende Schönheit des Angesichts, die Beweglichkeit der Glieder; wenn man endlich an die jammervollen und abstoßenden Erscheinungen denkt, die nun eintreten: an die Unfähigkeit zu reden, die Erstorbenheit des Gefühls; an die Verwesung, das Blut und den Eiter, die Würmer, Staub und Asche, den Gestank, den Zerfall des ganzen Leibes, von dem bald nichts mehr übrig sein wird als unansehnliche häßliche Gebeine.
Gleichwohl ist der Tod, dessen Furchtbarkeit sowohl aus der Erfahrung als aus der Furcht jener heiligen Männer ersichtlich ist, weit leichter zu ertragen als die Traurigkeit. Ich habe es nämlich bei dieser langen Erörterung auf die Traurigkeit abgesehen und dich darüber belehren wollen, wie schwer die Buße ist, die du trägst und wie groß der Lohn, den du zu erwarten hast; denn dieser wird ebenso groß, ja noch weit größer sein als der Lohn für die guten Werke. Um dich von alle Dem recht zu überzeugen, will ich mich nun auf das Beispiel solcher Leute berufen, die von der Traurigkeit überwältigt waren. Das war ja auch das Ziel, dem ich eben schon zueilte. Als Moses zu dem Volke der Hebräer kam und ihm die frohe Kunde von der Freiheit und der Erlösung aus den Drangsalen Ägyptens brachte, mochte das Volk nicht einmal auf ihn hören. Die Ursache wird von dem heiligen Geschichtschreiber auch hinzugefügt, denn er sagt: „Moses sprach zu 517 dem Volke, und das Volk hörte nicht auf Moses — vor Kleinmuth.“ Und wenn Gott gegen dieses Judenvolk wegen ihres hartnäckigen Ungehorsams die schärfsten Drohungen ausspricht, dann folgt nach den andern Strafen, die er androht, nach Gefangenschaft und Exil, Knechtschaft, Hungersnoth, Seuchen und Menschenfraß, schließlich auch die Traurigkeit: „Ein trostloses Herz werde ich ihnen geben; ihre Augen sollen erblinden und ihre Seele sich im Kummer verzehren.
Doch wozu rede ich von diesem unruhigen, unverständigen Volke, das dem Fleische diente und keine rechte Weisheit kannte? Kann ich doch meinen Beweis von großen und erhabenen Männern hernehmen. Ich kann mich nämlich auf den Chor der Apostel berufen; es war schon das dritte Jahr, daß sie sich des Umgangs mit dem Heiland erfreuten; sie hatten Vieles über die Unsterblichkeit und die andern Geheimnisse gelernt, wunderbare und ausserordentliche Zeichen gewirkt, während dieser langen Zeit die Wunder des Herrn gesehen, waren seine Tischgenossen, seine beständigen Gefährten und Zuhörer bei seinen herrlichen Reden gewesen, waren von ihm auf alle mögliche Weise belehrt und sozusagen erzogen worden. Als sie nun aber ein Wort vernahmen, das sie mit Kummer erfüllte, da wurden sie — die vordem so fest an ihm hielten, ihm wie Säuglinge anhingen und fortwährend fragten: Wo gehst du hin? — so sehr von der tyrannischen Herrschaft dieser Traurigkeit niedergedrückt und so sehr vom Kummer übermannt, daß sie diese Frage ganz vergaßen. Der Heiland tadelt sie nämlich deßwegen mit den Worten: „Ihr habt gehört, daß ich hingehe zu Dem, der mich gesandt hat, und zu euch komme, und Niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin? sondern weil ich Das zu euch geredet habe, hat Traurigkeit euer Herz erfüllt.“ Siehst du, daß die Tyrannei, welche 518 die Traurigkeit übt, selbst auf eine solche Liebe ihre Schatten werfen, daß sie die Apostel vollständig überwältigen und ganz in ihre Gewalt bringen konnte.
Elias wiederum (diesen lasse ich nämlich auch jetzt noch nicht fahren) vermochte nach seiner Flucht, und nachdem er Palästina verlassen hatte, die despotische Herrschaft des Kummers nicht zu ertragen. (Er war nämlich sehr traurig; Das deutet der Geschichtschreiber mit den Worten an: Er ging hin nach dem Drange seines Herzens.) Höre, wie er betet: „Herr, Das sei nun genug. Nimm mein Leben von mir; denn ich bin nicht besser als meine Väter.“ Er betet um den Tod, will den Tod als eine Wohlthat annehmen, also das Furchtbarste, was es gibt, die härteste Buße, das größte Übel, die Strafe für die ärgsten Verbrechen. So wahr ist es, daß die Traurigkeit empfindlicher quält als der Tod. Denn um ihr zu entrinnen, will er dem Tode entgegeneilen.
Hier will ich dir aber auch eine Frage beantworten; denn ich kenne deinen Wunsch, die Lösung solcher Fragen zu vernehmen und ich weiß sehr wohl, daß ich dir damit einen großen Gefallen erweise. Was ist das denn für eine Frage? Diese: Wenn Elias den Tod für erträglicher hielt als die Traurigkeit, warum hat er denn sein Vaterland und sein Volk verlassen und sich davon gemacht, um nicht dem Tode zu verfallen? Wie ist es zu erklären, daß er jetzt den Tod herbeiwünscht, während er eben vor dem Tode geflohen ist? Nun, gerade Das soll dir recht einleuchtend machen, daß der Kummer ungleich schmerzlicher ist als der Tod. Als ihn nämlich nur die Furcht vor dem 519 Tode ängstigte, that er begreiflicher Weise alles Mögliche, um ihm zu entrinnen. Als sich aber die Traurigkeit bei ihm einstellte und sich ihm in ihrem wahren Lichte zeigte, indem sie ihn erschöpfte, aufrieb, gleichsam mit ihren Zähnen zerfleischte und ihm unerträglich ward, da erst sah er das Allerschwerste für leichter an als sie.
So wollte auch Jonas, um dem Kummer zu entrinnen, sich dem Tode in die Arme werfen; und auch er bittet um den Tod mit den Worten: „Nimm mein Leben von mir, denn sterben ist mir besser als leben.“ Dasselbe findet sich in einem Psalm Davids, mag er diesen nun in seinem eigenen oder im Namen Anderer, die in Trauer waren, geschrieben haben. „Indem der Sünder mir gegenüber fest stand, verstummte ich und ward erniedrigt und schwieg, vom Guten fern, und mein Schmerz ward aufgefrischt. Es entbrannte mein Herz in mir, und Feuersgluth entzündete sich in meinem Nachsinnen.“ Damit bezeichnet er den Schmerz der Traurigkeit, ein wahres Feuer und noch schmerzlicher als Feuer. Diese Wunden und diese Peinen länger zu ertragen ausser Stande, sagt er deßhalb: „Ich sprach in meiner Sprache:“ und was sprichst du denn? sage es mir! Um den Tod bittet auch er: „Lehre mich, o Herr, mein Ende kennen und welches die Zahl meiner Tage ist, damit ich wisse, warum ich zurückstehe.“ So sagt er mit andern Worten zwar, aber dem Sinne nach ganz Dasselbe wie Elias. Denn was Dieser sagt: „Ich bin nicht besser als meine Väter,“ Das gibt auch er zu verstehen mit den Worten: „Lehre mich, o Herr, mein Ende kennen, damit ich wisse, warum ich zurückstehe,“ nämlich warum gerade ich zurückgelassen bin und zurückstehen muß, d. h. in diesem gegenwärtigen Leben noch zurückbleibe und verweile, während die Andern von hinnen geschieden sind. Und so sehr verlangt es ihn nach dem Tode (ihn selbst oder Diejenigen, 520 in deren Namen er redet), daß er auch, ehe der Tod da ist, die Zeit seiner Ankunft zu wissen wünscht — „lehre mich mein Ende kennen“ — um selbst daraus große Freude zu schöpfen. So wird selbst das Schrecklichste ein Gegenstand der Sehnsucht, wegen der Unträglichkeit der Schmerzen, die aus der Traurigkeit entstehen, und wegen der Feuersgluth, die sie im Herzen entzündet. „In meinem Nachsinnen“, heißt es, „entzündete sich Feuersgluth.“
Da du nun eine so schwere Buße trägst, so erwarte auch einen großen Lohn, und für so heisse Kämpfe viele Kampfpreise, eine unaussprechlich herrliche Vergeltung und einen leuchtenden, prangenden Siegeskranz. Denn nicht allein das Vollbringen von guten Werken, sondern auch das geduldige Ertragen von Leiden bringt reichliche Vergeltung ein. Zu dieser Erwägung will ich nunmehr übergehen. Sie ist für dich und für Jedermann sehr heilsam und recht geeignet, das Herz zur Ausdauer zu stählen, zur Beharrlichkeit zu kräftigen und vor bangem Verzagen in drückenden Leiden zu bewahren.
Daß die Traurigkeit ein schwereres Leiden ist als alle andern, das hauptsächlichste und empfindlichste unter den Leiden, Das ist im Vorhergehenden genugsam bewiesen. Nun erübrigt mir noch, einen Vergleich zwischen den guten Werken und den Leiden anzustellen, damit du klar einsiehst, daß nicht allein die guten Werke, sondern auch die Leiden belohnt und zwar sehr reichlich belohnt werden, und daß die Leiden nicht einen geringern, sondern oft noch höhern Lohn eintragen als die guten Werke. Ich will denn, wenn es dir genehm ist, den großen Helden der Geduld anführen, der durch seine guten Werke nicht minder als durch seine 521 Leiden hervorragt, den Mann von Stahl und Eisen, den Felsenmann, der im Lande Hus lebte, dessen ausserordentliche Tugend aber ihre Strahlen über die ganze Erde verbreitete. Laß uns seine guten Werke und auch seine Leiden betrachten, damit du siehst, ob diese oder jene heller strahlen. Welches waren also seine guten Werke? „Mein Haus“, sagt er, „war Jedem, der kam, geöffnet, und für die Wanderer ein gemeinsamer Hafen;“ und Alles, was er besaß, war sozusagen Eigenthum der Bedürftigen. Denn er sagt: „Ich war Auge den Blinden, Fuß den Lahmen. Ich war Vater den Hilflosen; ich ergründete den Streit, den ich nicht kannte, und zerschmetterte die Zähne der Ungerechten, und entriß ihren Zähnen den Raub. Welche Noth auch immer die Hilflosen drückte, ich wies sie nicht ab und Keiner ging von meiner Thür unbeschenkt hinweg.“ Siehst du die Nächstenliebe in ihren verschiedenen Arten, die Zufluchtsstätte, von welcher Wohlthaten jeglicher Art ausgehen? Siehst du, wie er mit allen Mitteln Denen beisteht, die Unrecht leiden? wie er die Armen unterstützt, die Wittwen und Waisen aufrichtet, die schuldlos Leidenden schützt und sich ihren Bedrückern furchtbar erweist? Seine wohlwollende Gesinnung gegen diese Unglücklichen ging nämlich nicht etwa nur so weit, daß er ihnen Hilfe und Beistand leistete — Das thun Viele —, sondern sogar so weit, daß er ihren Handel bis zu Ende ausfocht und zwar mit thatkräftiger Entschiedenheit. „Ich zerschmetterte die Zähne der Ungerechten,“ sagt er, indem er nämlich ihrer Verfolgungssucht durch seine Fürsorge erfolgreichen Widerstand entgegensetzte. Ja es waren nicht bloß die Bedrückungen von Seiten der Menschen, sondern es war auch die Ungunst der Natur, die er durch seine liebreiche Sorge auszugleichen suchte, indem er die natürlichen Mängel [Anderer] durch seinen weit über 522 das Gewöhnliche hinausgehenden Beistand ersetzte. Denn weil er ihnen die fehlenden Glieder, den Blinden die Augen, den Lahmen die Füße nicht geben konnte, trat er selbst bei ihnen für diese Glieder ein, so daß durch ihn Diejenigen, die das Augenlicht verloren hatten, wieder sahen, und Diejenigen, deren Beine verstümmelt waren, wieder gingen. Wo wäre Etwas zu finden, was dieser Nächstenliebe gleich käme? Du kennest auch (damit ich nicht durch eine erschöpfende Aufzählung allzu weitläufig werde) seine übrigen Tugenden, seine Sanftmuth, seine Milde, seine Weisheit in Gesinnung und That; wie er, furchtbar für ungerechte Dränger, zugleich (und Das ist gerade sehr bewundernswerth) milde und freundlich und süßer als Honig gegen alle Andern war, und namentlich gegen seine Knechte, die ja von ihrer Liebe zu ihm einen sehr kräftigen Beweis lieferten in den Worten: „Wer verleiht uns, daß wir uns an seinem Fleische sättigen?“ Wenn er aber den Knechten so theuer, so an’s Herz gewachsen war, denen man doch oft Furcht einjagen muß, dann war er es noch weit mehr den andern Leuten.
Dieses also, und was noch mehr als Dieses ist [d. h. seine übrigen Tugenden und guten Werke] fasse in Gedanken zusammen und dann komme und gehe mit mir an die Reihe seiner Leiden; laß uns vergleichen und zusehen, wann er heller erglänzte: als er jene guten Werke ausübte oder als er die harten Leiden erduldete, die ihn mit großem Kummer erfüllten. Wann also verdiente Job mehr Ruhm und Ehre, als er sein Haus für alle ankommenden Wanderer geöffnet hielt oder als er beim Einsturz dieses Hauses kein mißmuthiges Wort sprach, sondern den Herrn pries? Das eine gehört zu den guten Werken, das andere 523 zu den Leiden. Wann umstrahlte ihn ein schönerer Glanz, sage es mir —, als er für seine Kinder Opfer darbrachte und sie einträchtig versammelte, oder als er mit großer Ergebenheit jenes Unglück ertrug, daß sie unter den Trümmern begraben wurden und durch die jammervollste Todesart ihr Leben verloren? Wann zeichnete er sich mehr aus, als er mit der Wolle seiner Schafe die Schultern der Nackten erwärmte, oder als er auf die Kunde, daß Feuer vom Himmel gefallen war und die Heerde sammt den Hirten verzehrt hatte, nicht in Verwirrung und Bestürzung gerieth, vielmehr den harten Schlag mit ruhigem Gleichmuth ertrug? Wann war er größer, als er die Kräfte seines Leibes zur Vertheidigung schuldlos Verfolgter gebrauchte, indem er die Zähne der Ungerechten zerschmetterte und ihren Zähnen den Raub entriß, und als er eine Zuflucht der Unglücklichen war, oder als er die Würmer diesen nämlichen Leib, diesen Schild der Bedrückten, verzehren sah, und selbst auf dem Misthaufen sitzend, mit einer Scherbe über ihn herfuhr? „Ich erweiche Erdschollen,“ sagt er, „indem ich den Eiter abschabe.“ Das eine waren lauter gute Werke, das andere lauter Leiden. Aber gleichwohl haben die letztern ihm einen größern Glanz verliehen als die erstern. Denn die Leiden waren es, die ihn in den heissesten Kampf stürzten; sie erforderten mehr Tapferkeit, ein stärkeres Herz, größere Weisheit und mehr Liebe zu Gott. Deßhalb konnte auch zu der Zeit, wo er seinen guten Werken oblag, der Teufel es wagen — was allerdings auch da eine Verwegenheit und Unverschämtheit war, — Widerspruch zu erheben: „Dient etwa Job dem Herrn umsonst?“ Als aber jene Leiden über ihn gekommen waren, mußte der Teufel sich beschämt zurückziehen und zur Flucht wenden, da er auch bei der größten Unverschämtheit nicht einen Schatten von Grund 524 für einen Widerspruch auffinden konnte. Denn da wird der schönste Siegeskranz erworben; da gelangt die Tugend auf ihren Höhepunkt; da sieht man die Seelenstärke aufs Klarste bewiesen, die Weisheit in ihrer großartigsten Ausdehnung bethätigt. — Wie sehr übrigens die tyrannische Herrschaft des Kummers es an empfindlicher Qual dem Tode zuvorthut, Das gibt uns auch dieser heilige Mann zu erkennen, indem er den Tod als ein Ausruhen bezeichnet. „Der Tod ist dem Menschen eine Rast,“ und indem er um den Tod als um eine Wohlthat bittet, um von dem Kummer erlöst zu werden: „Wenn der Herr es mir doch gäbe und meine Bitte gewährt würde und Gott meine Hoffnung erfüllte! Möge der Herr, nachdem er einmal angefangen, mich schlagen und mich vollends tödten! Möge die Stadt mein Grab sein, auf deren Wällen ich einst umhersprang!“ So drückt denn die Traurigkeit schwerer als Alles andere; aber je schwerer sie drückt, desto größer ist der Lohn, der ihrer wartet.
Erkenne auf der andern Seite auch, wie groß der Nutzen der Leiden selbst dann ist, wenn man nicht um Gottes willen leidet, (Niemand halte Das für Übertreibung!) gleichwohl aber leidet und zwar mit Starkmuth und Ergebenheit, den Herrn für Alles preisend. Hat ja gerade dieser Mann nicht gewußt, daß er Das alles um Gottes Willen litt, und dennoch errang er die Krone des Sieges, weil er nämlich mit starkem Muthe ausdauerte, selbst ohne den Grund seines Leidens zu kennen.
Denke an jenen Lazarus, der von Krankheiten geplagt war — das heißt doch wohl nicht um Gottes willen leiden; 525 weil er aber immerhin litt und mit Ergebenheit litt und den Mangel an Pflege geduldig ertrug wie auch all den andern Jammer: daß ihn die Geschwüre und der Hunger quälten, daß der Reiche ihn verächtlich und grausam behandelte — darum wurde er gekrönt, und du weißt, wie herrlich seine Krone ist. Von ihm ist uns kein gutes Werk bekannt, nicht daß er mildthätig gegen die Armen war, nicht daß er sich der unschuldig Verfolgten annahm, nicht daß er irgend etwas Gutes der Art gethan hätte. Wir wissen aber, daß er an der Thür des Reichen lag, daß er krank war, daß die Hunde seine Geschwüre leckten, daß der Reiche ihn übermüthig behandelte, und Das alles gehört zu den Leiden. Obgleich er aber nichts Großes gethan, sondern nur jenen Kummer mit starker Seele ertragen hat, der aus seinen Leiden entstehen mußte, ist ihm gleichwohl derselbe Lohn zu Theil geworden, wie dem Patriarchen, der so viel Gutes gethan hatte.
Soll ich dir nun noch etwas Anderes sagen, das zwar sonderbar und fast unglaublich scheint, aber wahr ist? Wenn Jemand auch ein gutes Werk, ein großes und edles sogar vollbringt, aber nicht unter Beschwerden, Gefahren und Leiden, dann wird er keinen großen Lohn erhalten. Denn es heißt: „Jeder wird seinen besonderen Lohn empfangen gemäß seinen besonderen Mühen“, also nicht nach der Größe des Werkes, sondern nach dem Maße seiner Beschwerden und Leiden. Daher hat auch Paulus, als er sich einmal rühmte, sich nicht bloß seiner guten Werke und seiner großen Thaten, sondern auch seiner Leiden gerühmt. Denn nachdem er gesagt hat: „Sie sind Diener Christi — ich rede nun weise — ich noch mehr,“ und indem er sich nun zu dem Beweise anschickt, daß er es vergleichsweise mehr sei, sagt er nicht: ich habe so und so Vielen gepredigt, sondern er zählt mit Übergehung seiner guten Werke seine 526 Leiden auf, indem er fortfährt: „[ich bin es noch mehr, nämlich] durch überhäufige Mühsale, durch Schläge übergenug, durch Gefangenschaft überaus oft, durch Todesnöthen manchmal — fünfmal habe ich vierzig Streiche weniger einen von den Juden erhalten, dreimal bin ich mit Ruthen geschlagen, dreimal habe ich Schiffbruch gelitten, einmal bin ich gesteinigt worden, habe einen Tag und eine Nacht in der Meerestiefe zugebracht — durch häufige Wanderungen, durch Gefahren von Flüssen, Gefahren von Räubern, Gefahren von Angehörigen, Gefahren von Heiden, Gefahren in Städten, Gefahren in Wüsten, Gefahren auf dem Meere, Gefahren von falschen Brüdern; durch Mühsal, Anstrengungen und Nachtwachen oftmals, durch Hunger und Durst und Blöße, ungerechnet Das, was sonst noch kommt, was Tag für Tag bei mir zusammentrifft.“
Siehst du die Reihe der Leiden und zugleich die Ursachen, weßhalb er sich rühmt? Dann fügt er auch ein verdienstliches Werk hinzu, aber ein solches, das wiederum mehr von einem Leiden als von einem guten Werke an sich hat. Denn nachdem er gesagt hat: „Was Tag für Tag bei mir zusammentrifft“ — nämlich die immer wiederholten Vertreibungen, Aufstände und Bedrängnisse, denn Das meint er mit dem Worte ἐπισύστασις [episystasis] — da fügt er hinzu: meine Sorgen um alle Gemeinden. Er sagt nicht: meine Bemühungen für die Besserung der Gemeinden, sondern: meine Sorgen, was mehr von einem Leiden als von einem guten Werke an sich hat; und ähnlich ist es mit Dem, was gleich darauf 527 folgt. Er sagt: „Wer ist schwach, und ich werde nicht schwach?“ Er sagt nicht, daß er es bessert, sondern daß er schwach wird. Und wiederum: „Wer wird geärgert, und ich entbrenne nicht?“ Er sagt nicht, daß er das Ärgerniß hebt, sondern daß er an dem Kummer Theil nimmt. Um dann zu zeigen, daß hauptsächlich gerade diese Leiden die Anwartschaft auf Belohnung verleihen, fügt er hinzu: „Wenn es des Rühmens bedarf, will ich mich dessen rühmen, was meine Schwachheit ist.“ Dann erwähnt er wieder Anderes der Art: seine Flucht durch das Fenster, im Korbe, über die Mauer. Das gehört zu den Leiden.
Wenn es nun feststeht, daß die Leiden uns großen Lohn eintragen, daß es aber unter den Leiden kein schwereres und jammervolleres gibt als die Traurigkeit, so soll dich diese Wahrheit überzeugen, daß dir sehr große Belohnungen hinterlegt werden. Ich werde nämlich nicht aufhören, dir fortwährend dieses Lied vorzusingen, um jetzt zu erfüllen, was ich Anfangs versprochen habe: daß ich nämlich Trostgründe für deine Traurigkeit von der Traurigkeit selbst hernehmen würde. Andererseits ist es aber auch etwas besonders Großes, wenn man unter Leiden und Drangsalen ein edles Werk vollbringt, und es ist bei weitem weniger werth, wenn man es mühelos vollbringt. Das lerne an dem Babylonier Nabuchodonosor, der einmal, als er noch Szepter und Krone trug, ein wirklich apostolisches Werk unternommen hat. Nach dem wunderbaren Ereigniß mit den Jünglingen im Feuerofen hielt er nämlich eine Predigt sozusagen an die ganze Welt, nicht bloß durch ein flüchtig gesprochenes Wort, sondern auch durch eine schriftliche Kundgebung, indem er nach allen Weltgegenden folgendes Schreiben erließ: „Der König Nabuchodonosor allen Völkern und Stämmen aller Sprachen, die auf der ganzen Erde wohnen. Wachset im Frieden. Es hat mir gefallen, die Zeichen und Wunder, 528 die bei mir Gott der Allerhöchste gethan hat, euch zu verkünden, wie groß und mächtig sie sind. Sein Reich ist ein ewiges Reich, und seine Macht geht von Geschlecht zu Geschlecht.“ Und er setzte fest, daß jedes Volk und jeder Stamm irgend einer Sprache, die den Gott des Sidrach, Misach und Abdenago lästern würden, dem Untergange geweiht, und ihre Häuser sollten niedergerissen werden. Er fügt hinzu: „Denn es gibt keinen anderen Gott, der also Heil und Rettung senden kann.“ Siehst du die Drohung in dem Briefe? Siehst du, wie er Furcht einjagt? wie er Belehrungen ertheilt, seine erhabene Predigt hält und das Schreiben über die ganze bewohnte Erde verbreitet? Nun, was meinst du, soll er nicht denselben Lohn erhalten wie die Apostel, da er so entschieden Gottes Macht verkündet und so großen Eifer bethätigt, diese Wahrheit allenthalben zu bezeugen? O nein, von diesem Lohne bekommt er höchstens einen ganz geringen Bruchtheil; sein Lohn ist unendlich kleiner. Und dennoch hat er das Nämliche gethan, wie sie; aber weil hier keine Beschwerden und keine Leiden damit verbunden sind, darum wird der Lohn gering bemessen. Der König that es aus der Fülle seiner Macht heraus und ohne irgend etwas befürchten zu müssen; die Apostel aber hatten bei ihrem Werk mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen, wurden vertrieben, geschlagen, gegeißelt dem Elend preisgegeben, kopfüber herabgestürzt, in’s Meer versenkt und vom Hunger fast aufgerieben; sie starben Tag für Tag, erduldeten die schmerzlichsten Seelenleiden; sie wurden schwach, so oft einer der übrigen schwach wurde, entbrannten, so oft Einer geärgert wurde — und für diese Beschwerden und namentlich für diese Kümmernisse empfingen sie größern Lohn. Denn es heißt ja, daß Jeder seinen besonderen Lohn empfangen wird nach seinen besondern Mühen. Ich lasse nicht ab, darauf schließlich immer wieder zurückzukommen. Das war auch der Grund, 529 weßhalb Gott der Herr trotz seiner Güte dem heiligen Paulus seine Bitte abschlug, als dieser zu wiederholten Malen flehte, der Herr wolle ihn von den Leiden, dem Kummer und Schmerz und den Gefahren befreien. „Um Dieses bat ich dem Herrn dreimal,“ sagt er; aber die Bitte ward nicht gewährt. Denn wofür, sag’ an, sollte er dann noch den herrlichen Lohn erhalten? dafür vielleicht, daß er mühelos, ein gemächliches und vergnügtes Leben führend, seine Predigten hielt? oder daß er den Mund aufsperrte und die Zunge in Bewegung setzte, während er ruhig zu Hause hockte? Das ist auch für den ersten Besten nicht schwer, nicht schwer für den lässigsten Menschen, der sich einem ganz bequemen und weichlichen Leben hingibt. Nein, für seine Wunden, sein fortwährendes Sterben, seine rastlosen Wanderungen zu Wasser und zu Land, seinen Kummer, seine Thränen und Schmerzen („drei Jahre lang,“ sagt er, „habe ich bei Tag und bei Nacht nicht aufgehört, einen Jeden von euch zu ermahnen“) ― dafür soll er Belohnungen und Siegeskränze mit großer Zuversicht empfangen.
Nimm dir Das recht zu Herzen und erwäge, wie groß der Gewinn ist, den ein mühseliges und schmerzenreiches Leben einbringt. Dann aber freue dich aus ganzer Seele, daß du von zartester Jugend an auf einem Wege wandelst, auf dem du dir herrlichen Lohn und viele Siegeskronen verdienest, einem Wege nämlich, der mit Leiden ganz dicht besäet ist. Viele und verschiedene Krankheiten, schwerer zu ertragen als hundertfacher Tod, haben dir fortwährend und unaufhörlich zugesetzt. Man ist nicht müde geworden, dich mit Schmähungen, Beschimpfungen, Anschwärzungen — zahllos wie Schneeflocken — zu verfolgen. Häufiger, ja 530 ununterbrochener Kummer, ein ergiebiger Thränenquell, hat dich anhaltend gequält. Jedes einzelne dieser Leiden bringt schon für sich allein Denen, die es ertragen, großen Gewinn. Ist nicht dem Lazarus allein wegen seiner körperlichen Leiden dieselbe Herrlichkeit wie dem Patriarchen zu Theil geworden? Hat nicht die Schmähung des Pharisäers dem Zöllner die Rechtfertigung verschafft, wodurch er vor dem Pharisäer den Vorzug erhielt? Hat nicht der Apostelfürst durch seine Thränen die Wunde geheilt, die ihm seine große Sünde geschlagen hatte? Wenn sich also herausstellt, daß für einen Jeden der Genannten ein einziges dieser Leiden hinreichte, so schließe daraus, wie große Belohnungen dir in Aussicht stehen, da du sie alle zumal und zwar in ausserordentlich hohem Grade und die ganze Zeit hindurch erträgst. Denn Nichts, gar Nichts macht den Menschen so schön, so bewundernswerth, erfüllt ihn mit so vielen Gütern, als auf der einen Seite eine Reihe von Anfechtungen, Gefahren, Beschwerden, Kümmernisse, beständige Verfolgungen (namentlich wenn sie von solchen ausgehen, die dazu nicht im Geringsten ein Recht oder eine Ursache haben), und auf der andern Seite die ausdauernde Geduld in allen diesen Leiden.
So hat auch dem Sohne Jakobs nichts Anderes so viel Glück und Ruhm verschafft als jene falsche Anklage, der Kerker, die Fesseln und all das Elend, das für ihn daraus entstand. Es war allerdings ein großes Werk der Selbstbeherrschung, daß er der unzüchtigen Begierde des ägyptischen Weibes widerstand, und diese Elende, als sie ihn zu dem verbrecherischen Beischlaf reizte, abwies; allein etwas Größeres sind seine Leiden. Denn sag’ an, was war Das für ein Ruhm, nicht zu ehebrechen, in die ehelichen Rechte eines Andern nicht überzugreifen, ein Ehebett, das ihn gar Nichts anging, nicht zu beflecken, dem Wohlthäter ein schreiendes Unrecht nicht anzuthun und dem Herrn des Hauses eine Schmach nicht zuzufügen? Aber was ihn groß gemacht hat, Das ist vornehmlich etwas Anderes: die Gefahr, die 531 Nachstellungen und die glühende Leidenschaft, deren Sklavin das Weib geworden war, die Gewalt, die es ihm anthat, das Gefängniß, das die Ehebrecherin für ihn hergerichtet, und dem zu entrinnen fast unmöglich war — ich meine das Schlafgemach, die Netze, die sie allenthalben für ihn ausgespannt hatte, die falsche Anklage, die Verleumdung, der Kerker, die Bande, ferner daß er nach einem solchen Kampfe, für den er hätte gekrönt werden müssen, Nichts von dem verdienten Lohn erhielt, sondern wie ein verurtheilter Missethäter in’s Gefängniß abgeführt und in Gesellschaft der größten Verbrecher hinter Schloß und Riegel gehalten wurde, dann in dem Gefängniß der Schmutz, die eisernen Ketten und die übrigen Kerkerleiden. Da strahlt sein Glanz in meinen Augen heller, als wo er, auf den Thron von Ägypten erhoben, unter die Dürftigen Korn vertheilte, ihrem Hunger wehrte und Allen eine gemeinsame Zuflucht geworden war. Da sehe ich ihn mit Ehre bedeckt, wo er Fußeisen und Handschellen trug, mehr als wo er in prächtigen Gewändern und mit so großer Macht bekleidet war. Denn jene Zeit — ich meine, wo er im Gefängniß lag — war eine Zeit des Handels und reichen Erwerbes; die andere dagegen war eine Zeit des Überflusses, der Ruhe und der Ehren, eine Zeit, die zwar Genüsse in Fülle, aber nur geringen Gewinn brachte. Deßhalb preise ich ihn auch nicht so sehr darum glücklich, weil er vom Vater ausgezeichnet, als weil er von den Brüdern beneidet wurde und Feinde in seinen Hausgenossen hatte. Schon in seiner frühesten Jugend entwickelte sich nämlich im Schooße seiner eigenen Familie ein schwerer Krieg gegen ihn; die Feinde hatten ihm zwar Nichts vorzuwerfen, aber sie wollten vor Neid fast vergehen und bersten vor Ärger, weil er sich einer zärtlichen Liebe von Seiten des Vaters erfreute. Und was den Grund betrifft, weßhalb sich dieser mehr zu ihm hingezogen fühlte, so sagt zwar der heilige Geschichtschreiber Moses, daß dieser Grund nicht in der Tugend des Knaben, sondern in der Zeit seiner Geburt lag. Denn weil er später als die andern zur Welt gekommen war, zu einer Zeit, wo sein Vater in hohem Alter 532 stand, und weil solche gegen alle Hoffnung erzeugten Kinder den Eltern ganz besonders theuer sind, darum wurde er so sehr geliebt. „Denn der Vater liebte ihn,“ heißt es, „weil er der Sohn seiner alten Tage war.“
Damit hat nun aber nach meiner Ansicht der heilige Geschichtschreiber nicht den wahren Grund, sondern nur einen Vorwand angeben wollen, auf den sich der Vater berief. Als Dieser nämlich merkte, daß die Brüder dem Knaben neidisch waren, suchte er sie dadurch zu beschwichtigen, daß er seiner Liebe eine Ursache unterschob, die nicht dazu angethan war, bedeutenden Neid zu erregen. Denn daß diese Liebe ihren Grund nicht in dem angegebenen Umstande, sondern vielmehr in der Tugend hatte, die in dem Herzen des Knaben so fröhlich gedieh, und sich kräftiger entwickelte, als sein jugendliches Alter erwarten ließ, Das ersieht man aus dem Verhalten des Vaters gegen Benjamin. War jener Umstand nämlich der wahre Grund der väterlichen Liebe, dann mußte der Vater den jüngern Sohn noch weit mehr lieben; nun aber war jener wirklich später als Joseph zur Welt gekommen, also in vollerm Sinne der Sohn seiner alten Tage. Allein wie gesagt, Das war nur ein vorgeblicher Grund, den der Vater geltend machte, um die Feindschaft der Brüder zu dämpfen. Doch er vermochte es auch auf diese Weise nicht; sondern die Flamme ihres Hasses loderte nur noch gewaltiger auf. Und weil sie bis dahin Nichts gegen ihn unternehmen konnten, überhäuften sie ihn mit bittern Vorwürfen und erhoben gegen ihn eine schwere Anklage. So sind die Brüder mit diesem Vergehen dem ägyptischen Weibe schon zuvorgekommen, ja sie haben es ihr an Niedertracht bedeutend zuvorgethan; denn 533 diese ließ ihre Bosheit an einem Fremden, sie an ihrem eigenen Bruder aus. Dabei ließen sie es in ihrer Gottlosigkeit noch nicht bewenden: sie führten den Krieg auf Grund der frühern Vorkommnisse unaufhörlich fort. Sie ergriffen ihren Bruder auf einsamem Felde, um ihn abzuschlachten, und dann verkauften sie ihn. So wurde er durch sie aus dem Freien ein Sklave, und zwar der härtesten Knechtschaft preisgegeben. Denn sie lieferten den Bruder ja nicht an Landsleute, sondern an Barbaren fremder Zunge aus, die in ein fremdes Land reisten. Gott aber, der ihn nur höher erheben wollte, ließ Das geschehen, ließ in seiner Langmuth Gefahren sich an Gefahren reihen. Nach der Mißgunst und der schmählichen Verleumdung war es der Mordanschlag und — was noch schmerzlicher — die Knechtschaft, der Joseph anheimfiel. Gehe nicht achtlos über das eben Gesagte hinweg, sondern erwäge, was Das heissen will, daß ein Knabe aus guter Familie, der im Hause seines Vaters, volle Freiheit genießend, unter dem Einfluß einer so starken väterlichen Liebe war erzogen worden, auf einmal von den Brüdern (die ihm doch im Grunde Nichts vorzuwerfen hatten) verkauft und ausgeliefert wurde an Barbaren mit fremder Zunge und fremden Gewohnheiten, die eher Thieren als Menschen glichen; daß er — bis dahin ein freier Bürger seines Landes — mit einem Mal ein heimathloser Sklave, ein Fremdling und Verbannter wurde, daß er nach so schönen und glücklichen Tagen in das tiefste Elend gerieth, daß er endlich, der Knechtschaft so ungewohnt als möglich, höchst grausamen Herren in die Hände fiel und in ein fremdes, barbarisches Land entführt wurde. Aber auch damit nahm das Unglück noch kein Ende, sondern es folgten wieder Prüfungen auf Prüfungen, und das nach jenen wunderbaren Traumgesichten, die doch prophezeit hatten, seine Brüder würden sich bis zur Erde vor ihm neigen. Diese Kaufleute nämlich, die ihn mitgenommen hatten, behielten ihn nicht, sondern verkauften ihn wieder an andere Barbaren, die noch schlimmer waren. Du weißt, wie sehr ein solcher Wechsel der Herren das Unglück 534 vergrößert. Die Knechtschaft wird härter, wenn die Käufer wieder fremd, und schwerer zu befriedigen sind als die früheren Herren. Und Das trägt sich in Ägypten zu, einem Lande, das damals gegen Gott einen wüthenden Kampf führte und wo die unverschämten Zungen und die gotteslästerlichen Mäuler her sind. Das trägt sich bei den Ägyptern zu, von denen ein einziger genügte, um Moses, den großen Mann, zum Flüchtling und Ausreisser zu machen. Dort kam nun Joseph ein wenig zu Athem. Nach seiner großen Liebe fügte es nämlich Gott der Herr, wie er überhaupt so wunderbar waltet, daß der rohe gewaltthätige Mensch, der den Joseph gekauft hatte, für ihn ungefährlich und lenksam wurde wie ein Lamm. Aber sehr bald eröffnet sich für ihn ein neuer Kampfplatz und ein neues Schlachtfeld, und noch in höherm Grade als früher wiederholten sich der Kampf und Streit und die Beschwerden. Seine Gebieterin schaute auf ihn mit zuchtlosen Blicken und, durch die Schönheit seines Angesichtes besiegt, zur Sklavin einer mächtigen Leidenschaft erniedrigt, wurde sie in Folge dieser unzüchtigen Begierde aus einem Weib ein wildes Thier. Und wieder hatte er den Feind im eigenen Hause, und der Grund der Feindschaft war, mit der frühern verglichen, gerade der entgegengesetzte. Denn die Brüder wurden vom Haß gestachelt, ihn aus dem Hause zu schaffen, dieses Weib von der Gluth der sinnlichen Liebe getrieben. Dieser Krieg war zweifacher, ja dreifacher und vielfacher Art. Du darfst nämlich nicht glauben, daß Joseph, weil er in einem kurzen Augenblick dem Netz entschlüpfte und die Schlinge zerschnitt, diesen Kampf mühelos ausgefochten hat; denn es hat ihn nicht wenig Anstrengung gekostet.
Willst du Das klar erkennen, so erwäge, was es heißt, im jugendlichen Alter und gerade in der Blüthezeit der Jugend stehen. Denn er stand eben damals im Frühling des Lebens: eine Zeit, wo die Gluth der sinnlichen 535 Natur stärker entfacht wird, wo der Sturm der Leidenschaften sehr heftig ist und die ruhige Vernunft mehr zurücktritt. Sind ja die jugendlichen Seelen nicht durch besonders großen Verstand umzäunt, und sie lassen sich auch die Tugend nicht sonderlich angelegen sein; dagegen wüthet der Sturm der Leidenschaften stärker, während die Vernunft, die das Steuer führen soll, geringer ist. Aber mit der sinnlichen Natur und den Gefahren der Jugend verbündete sich noch die unzüchtige Begierde des Weibes, die sehr stark war. Wie den babylonischen Feuerofen die Hände jener Perser mit großem Eifer entzündeten, indem sie dem Feuer reichliche Nahrung zuführten und allerlei Brennstoff in die Flammen hineinwarfen, ebenso suchte damals auch dieses unselige, elende Weib die Flamme jenes andern Brandes noch gewaltiger zu entfachen: sie suchte, von Salben duftend, durch die Schminke auf den Wangen, die Färbung der Augenbraunen, den zärtlichen Klang der gebrochenen Stimme, die verführerische Zierlichkeit im Gang und in den Bewegungen, die Üppigkeit in der Kleidung, den goldenen Schmuck und tausend andere ähnliche Zaubermittel den Jüngling zu bethören. Und wie ein tüchtiger Jäger, wenn er ein schwer zu fangendes Wild in seine Gewalt bekommen will, alle Mittel und Werkzeuge seiner Kunst aufbietet, so hielt auch dieses Weib in ihrer festen Überzeugung von der Keuschheit des Jünglings (denn diese blieb nicht lange geheim) umfassende Vorbereitungen zu dem Fange für nothwendig und brachte darum alle Mittel der unzüchtigen Leidenschaft in Anwendung. Und mit diesen allein begnügte sie sich auch noch nicht, sondern sie erspähte für den Fang auch die günstige Zeit und den günstigen Ort. Darum versuchte sie nicht sogleich einen Angriff, als die Begierde sich ihrer bemächtigt hatte, sondern wartete eine geraume Zeit, ging unterdessen mit ihrer Begierde schwanger und traf ihre Anstalten, besorgt, durch schnelles Vorgehen und unvorsichtige Anschläge möge ihr die Beute entwischen. Nachdem sie ihn endlich einmal mit den gewohnten Arbeiten einsam im Hause beschäftigt gefunden, da 536 gräbt sie die gefährliche Grube noch tiefer, spannt nach allen Seiten die Schwingen der Wollust aus und tritt nun an den Jüngling heran, der von ihren Netzen ganz umstrickt ist, und ergreift ihn. Die Beiden sind ganz allein, doch im Grunde steht sie ihrerseits nicht allein, denn sie hat das jugendliche Alter und die sinnliche Natur des Jünglings wie auch ihre eigenen Verführungskünste zu thätigen Bundesgenossen, und nunmehr zieht sie jenen edlen Jüngling mit Gewalt zu der verbrecherischen That. Was konnte schwerer sein als diese Versuchung? Konnte sich jemals eine stärkere Gluth, eine gewaltigere Flamme entzünden, als wo dieser blühende Jüngling, ein Sklave, ein Verlassener, ein Verbannter, ein heimathloser Fremdling von einer so wollüstigen und vor Liebe verrückten, so vermögenden und einflußreichen Gebieterin, in solcher Einsamkeit (denn auch das trägt zu dem Gelingen eines solchen Fanges bei) ergriffen, festgehalten, beschmeichelt und zu dem Bette seines Herrn gezogen wurde, und zwar nachdem er so viele Gefahren und Verfolgungen zu bestehen gehabt hatte? Du weißt ja, daß die meisten Menschen, wenn sie durch Leiden übel zugerichtet sind, dem Ruf zu einem üppigen, bequemen, weichlichen und genußreichen Leben um so bereitwilliger und schneller folgen; Joseph aber nicht also, sondern er bewährte unter allen Umständen die ihm eigene starkmüthige Beharrlichkeit. Ich getraue mich zu behaupten: jenes Schlafgemach war wie der babylonische Feuerofen, wie Daniels Löwengrube, wie der Bauch des Meerungeheuers, in den der Prophet gerathen war, ja es war sogar noch weit verhängnißvoller als Das alles. Denn dort wäre, wenn die Verfolgung siegte, das leibliche Leben zu Grunde gegangen; hier aber drohte der Seele Verderben, Tod und trostloses Unheil. Doch nicht bloß in dieser Art [als gewaltsame Verfolgung aufgefaßt] war jene Grube äusserst gefährlich, sondern es trat zu der List und Gewalt noch eine Fluth von süßen Schmeichelreden, und so sollte denn ein heftiges, vielfältiges Feuer von verschiedener Art nicht etwa den Leib, sondern die Seele selbst in Flammen setze. Eben diese 537 Flammen lehrt uns Salomon kennen, der es am besten und genauesten wußte, was es auf sich hat, mit einem verehelichten Weibe zusammenzukommen. „Wird Jemand,“ sagt er, „Feuer im Busen verschließen, ohne daß es seine Kleider verbrennt? Oder wird Jemand über glühende Kohlen gehen, ohne die Füße zu verbrennen? Ebenso wird, wer zu einem Weibe geht, das einem Manne angehört, und Jeder, der es berührt, nicht ungestraft bleiben.“ Was er sagen will, ist etwa Dieses: wie es nicht möglich ist, mit dem Feuer umzugehen, ohne sich zu verbrennen, so ist es auch nicht möglich, mit den Weibern zusammen zu sein und dabei dem Brande zu entgehen, der daraus entsteht. Joseph aber hat ausgehalten, was noch weit schwerer war. Nicht er selbst hat das Weib erfaßt, sondern er wurde von ihr, während sie ganz allein waren, ergriffen und festgehalten, und zwar nachdem er schon durch so viele und große Leiden ermattet, durch so viele Verfolgungen abgehetzt war, und während er sich nach einem ruhigen, sorgenfreien Leben sehnte.
So viele Netze umspannten ihn. Vor sich sah er das Weib, wie es gleich einem wilden Thier voll Schlauheit einen so gewaltigen Angriff auf ihn machte und ihn durch alle möglichen Waffen zu bewältigen und niederzustrecken suchte: durch die Berührung, durch den Klang der Stimme, durch die Blicke, durch die Schminke, durch die Bemalung der Augenbraunen, durch den Goldschmuck, durch den Salbenduft, durch die Gewänder, durch das leidenschaftliche Gebahren, durch Zureden, durch den Putz, der sie umgab, durch die Einsamkeit, durch das Alleinsein, durch den Reichthum, durch ihren weitreichenden Einfluß; und zu alle Dem kam 538 für sie noch Beihilfe, wie ich schon früher bemerkte, von dem jugendlichen Alter, der sinnlichen Natur, dem Dienstverhältniß und dem Fremdsein des Jünglings — aber trotz alle Dem ging er als Sieger aus dieser mächtigen Gluth hervor. Ich behaupte, daß diese Versuchung etwas weit Schwereres und Härteres war als der Neid der Brüder, der Haß der nächsten Angehörigen, der Verkauf, der Sklavendienst bei den Barbaren, die weite Wanderung, der Aufenthalt im fremden Lande, die Gefangenschaft mit ihren Ketten, ihrer langen Dauer und ihrem Elend; denn hier war das Höchste und Wichtigste gefährdet. Nachdem er aber auch diesen Krieg überstanden, nachdem sich auch hier ein kühlender Thauwind erhoben hatte, der von der Gnade Gottes und auch von der Tugend des Jünglings herkam — hatte er doch so viel Besonnenheit und keuschen Sinn übrig, daß er sogar den Liebeswahn des Weibes zu zerstören sich bemühte — aber davon abgesehen, nachdem er selbst unversehrt davon gekommen war, wie jene Jünglinge bei ihrer Errettung aus den Flammen des persischen Feuerofens („denn nicht einmal der Geruch des Feuers war an ihnen,“ heißt es), und nachdem er sich als heldenmüthiger Kämpfer für die Keuschheit bewährt und sich hart wie Diamant gezeigt hatte: welchen Lohn hat er sofort dafür empfangen, laß uns einmal zusehen, und was erwartet ihn nach diesem ruhmreichen Kampfe? Wiederum Verfolgungen, ein Abgrund von Elend, Tod, Gefahren, Verleumdungen und blinder Haß. Denn nun sucht sich jenes elende Weib für die Liebe durch grimmige Wuth zu entschädigen, verbindet eine Leidenschaft mit der andern, fügt zu der unzüchtigen Begierde den ungerechten Zorn hinzu und wird nach dem Ehebruch zur Mörderin. Sie schnaubt gewaltige Wuth wie ein wildes Thier, und die Mordlust schaut aus ihren Augen. Sie wendet sich an einen Richter, der von vornherein bestochen ist, an Josephs Gebieter, ihren eigenen Mann, den Barbaren, den 539 Ägypter, und sie bringt eine Anklage ohne Zeugen vor. Sie läßt nicht einmal den Verklagten vor den Richterstuhl kommen, sondern klagt ihn zuversichtlich an, vertrauend auf die Beschränktheit des Richters wie auf seine Eingenommenheit für sie selbst, auf die Glaubwürdigkeit ihrer eigenen Person, auf die Stellung des Verklagten als Sklave; und indem sie gerade das Gegentheil von der Wahrheit sagt, bekommt sie den Richter in ihre Gewalt, bringt ihn dazu, daß er ein Urtheil zu ihren Gunsten fällt, den Unschuldigen verurtheilt und mit der schwersten Strafe belegt — und sogleich erfolgt die gewaltsame Abführung und enge Haft in Kerker und Banden. Er hat nicht einmal den Richter gesehen, und dennoch wird er verurtheilt, dieser herrliche Mann, und was noch härter ist, er wird verurtheilt als Ehehrecher, als Einer, der das Weib seines Herrn begehrt und eine fremde Ehe verletzt hat, der dann ertappt und überführt worden ist. Denn die Person des Richters und der Anklägerin, wie auch die bald erfolgende Strafe verlieh dem Lügengewebe bei Vielen, welche die Wahrheit nicht kannten, einen Schein von Glaubwürdigkeit. Allein Nichts von alle Dem konnte den Joseph verwirren. Er sagte nicht: „Sind Das die Belohnungen, die mir die Träume verkündigt haben? Ist Das die Erfüllung jener Traumgesichte? Ist Das der Preis der Keuschheit? Ein sinnloses Gericht, ein ungerechtes Urtheil und wieder ein schlechter Leumund. Als ob ich mich durch Hurerei vergangen hätte, so bin ich vor Kurzem aus meines Vaters Hause hinausgeworfen worden, als Ehebrecher und Angreifer auf die Keuschheit eines Weibes werde ich jetzt in den Kerker geführt, und in diesem Urtheil über mich sind alle Leute einig. Die Brüder, die sich vor mir bis zur Erde neigen sollten, — Das kündigten ja die Träume an — führen ein freies, freudenreiches Leben ohne Sorgen in der Heimath und im väterlichen Hause; und ich, der über sie herrschen sollte, ich bin hier gefesselt in Gesellschaft von Leichendieben, Räubern und Beutelschneidern. Nicht einmal, nachdem ich die Heimath habe verlassen müssen, bin ich von Wirren und Bedrängnissen frei, sondern 540 auch im fremden Lande hat wieder ein Abgrund von Unglück, haben geschärfte Schwerter meiner gewartet. Und das Weib, das ein solches Verbrechen verübt und die falsche Anklage wider mich erhoben hat, das wegen beider Missethaten werth ist, enthauptet zu werden, dieses Weib tanzt und springt jetzt, als könnte es Trophäen aufweisen und wäre gekrönt mit herrlichen Siegespreisen; ich aber, der ich doch nichts Böses gethan habe, ich büße die schwerste Strafe ab.“ Nichts davon hat Joseph gesagt noch gedacht; wie ein Kämpfer, der zwischen Siegeskränzen hergeht, so war er fröhlich und wohlgemuth, weder den Brüdern noch der Ehebrecherin ihr Unrecht nachtragend. Woraus geht Das hervor? Aus den Worten, die er selbst zu einem der dortigen Gefangenen damals redete. So wenig ließ er sich nämlich von der Traurigkeit übermannen, daß er sogar Andern ihren Kummer verscheuchte. Als er dort Einige verstört, bestürzt und bekümmert sah, ging er sogleich hinzu, um den Grund zu erfahren, und als er vernahm, daß die Verwirrung eine Folge von Traumgesichten war, legte er die Träume aus. Darauf hat er, beim Könige in Betreff seiner Befreiung Fürsprache einzulegen (denn war er auch ein hochgesinnter, bewundernswerther Mann, so war er doch immerhin Mensch und wollte nicht gern in diesem Elend des Kerkers bleiben), er bat also, seiner beim König zu gedenken und auf den König einzuwirken, damit dieser ihn seiner Fesseln entledige. Da war er denn genöthigt, auch die Ursache seiner Haft anzugeben, damit nämlich sein Fürsprecher einen rechtschaffenen Grund hätte, für ihn einzutreten. Hierbei aber sprach er von Keinem, der ihm Unrecht zugefügt hatte; er erklärte nur die Beschuldigungen, die gegen ihn waren erhoben worden, für grundlos, und damit begnügte er sich, ohne noch Derjenigen, die sich gegen ihn vergangen hatten, zu gedenken. „Denn,“ sagte er, „gestohlen hat man mich aus dem Lande der Hebräer, und hier habe ich Nichts begangen, und man hat mich in diesen Kerker geworfen.“ Und weßhalb sagst du Nichts von der Buhlerin, 541 der Ehebrecherin, den Brudermördern, der Mißgunst, dem Mordanschlag, dem Verkauf, dem Liebeswahn der Gebieterin, dem Angriff, dem unzüchtigen Ansinnen, ihren Netzen und Schlingen, der falschen Anklage, dem ungerechten Gericht, dem bestochenen Richter, dem ungesetzlichen Richterspruch, der grundlosen Verurteilung? Weßhalb verschweigst und verhehlst du Das? Weil ich mich, sagt er, nicht darauf verstehe, des zugefügten Unrechts zu gedenken, weil Das für mich lauter Siegeskränze und Kampfpreise werden, und weil es mir nur größern Gewinn einbringt.
Siehst du, wie seine Gesinnung sich nur von der Stimme der Vernunft beherrschen läßt, unberührt von Rachsucht und erhaben über das Unglück? Siehst du, wie er Denen, die sich gegen ihn vergangen haben, nicht sowohl die Beleidigungen nachträgt, als vielmehr von Mitleid für sie erfüllt ist? und zwar so sehr, daß er weder seine Brüder erwähnt noch jenes blutgierige Weib? „Gestohlen hat man mich aus dem Lande der Hebräer, und hier habe ich Nichts begangen.“ Und nirgends gedenkt er einer Persönlichkeit, nicht der Cisterne, nicht der Ismaeliten noch irgend eines Andern. Aber dessen ungeachtet stellte sich auch jetzt eine nicht geringe Prüfung für ihn ein. Der Mann nämlich, der durch ihn so sehr getröstet, der nach seiner Vorhersagung der Fesseln entledigt und in seine frühere hohe Stellung zurückberufen worden war, Der hat diese Wohlthat und hat auch die Bitte des Schuldlosen vergessen. So befand sich nun der Sklave wieder am königlichen Hofe und verlebte sehr schöne Tage; Derjenige aber, dessen Tugend so glänzend erstrahlte und heller als die Sonne leuchtete, der wohnte noch im Kerker; und es war Niemand, der beim König seiner gedachte. Denn es mußten für ihn noch mehr Kränze gewunden, noch herrlichere 542 Kampfpreise zurecht gemacht werden. Daher wurde jetzt die Bahn seines siegreichen Laufes noch verlängert, indem Gott ihn auf dem Kampfplatze beließ, allein ihn nicht ganz verließ, sondern den Verfolgern die Ausführung ihrer Pläne insoweit gestattete, daß sie den Kämpfer nur nicht umbringen, diesen ihren Gegner, den Tugendhelden, nur nicht aus dem Wege räumen sollten. Gott ließ es zu, daß er in die Cisterne geworfen und daß sein Kleid in Blut getaucht wurde, aber bis zum Morde ließ er es nicht kommen. Die Veranlassung dazu war allerdings der Rath des Bruders; aber das Ganze beruhte auf einen Rathschluß der göttlichen Vorsehung. Ähnlich ging es bei dem Ereignis mit dem ägyptischen Weibe. Denn sag’ an, warum hat der so hitzige, aller Scham und Scheu entbehrende — ihr kennt ja das Volk der Ägyptier —, der grimmige und zornmüthige Mensch — auch diese Leidenschaft ist ihnen in hohem Grade eigen — warum hat er Denjenigen, den er des Ehebruchs und zwar des Angriffs auf sein eigenes Weib schuldig glaubte, nicht sofort todtgeschlagen oder dem Feuer überliefert? Er ließ sich doch so wenig von der Vernunft leiten, daß er nach der Aussage des einen [klagenden] Theiles allein das Urtheil fällte und den Verklagten nicht einmal zu Worte kommen ließ: warum hat er zur Zeit der Bestrafung eine so große Nachsicht bewiesen, und zwar bewiesen trotzdem, daß er das Weib wüthen, rasen, über Gewalt schreien, die zerrissenen Kleider hin und herschleppen, dadurch noch ärger in Aufregung gerathen, heulen und jammern sah? Dessen ungeachtet hat ihn Nichts von alle Dem zur Ermordung getrieben; sag’ an, woher kam Das? Ist es nicht klar genug, daß Derselbe, der die Löwen gebändigt und die Hitze des Feuerofens abgekühlt, daß dieser auch bei jenem wilden Menschen die gewaltige Aufwallung niedergeschlagen, den übermäßigen Zorn in seine Grenzen gewiesen hat, damit das Maß der Strafe nicht gar zu hoch gegriffen würde? Man sieht leicht, daß es auch im Gefängnisse ganz ebenso ging. Gott ließ es zu, daß Joseph in Ketten gelegt und den Verurtheilten zugesellt wurde, 543 aber er bewahrte ihn dort vor Mißhandlungen. Sein Kerkermeister war ihm freundlich und wohlwollend (und man weiß doch, was man in der Regel von Kerkermeistern zu erwarten hat). Nicht nur, daß er ihn nicht mit Arbeiten anstrengte, er stellte ihn sogar an die Spitze Aller, die sich dort befanden, obgleich er ihn als einen verurtheilten Ehebrecher, und zwar als einen nicht gewöhnlichen Ehebrecher hatte empfangen müssen. Denn Joseph sollte ja nicht gegen eine Familie aus niederm Stande, sondern gegen eine vornehme und hoch angesehene Familie dieses schwere und unheilvolle Verbrechen verübt haben. Aber gleichwohl hat Nichts von alle Dem den Kerkermeister irre gemacht, noch bewogen, gegen ihn hart zu werden.
Doch es wurden auch die Siegeskränze für die Leiden gewunden, und Gottes Beistand strömte ihm in reicher Fülle zu.
Ich hätte zwar gewünscht, den Brief noch länger zu machen; allein da mir scheint, daß ich schon das gewöhnliche Maß weit überschritten habe, will ich hier abbrechen. Um das Eine nur bitte ich dich, um was ich immer gebeten habe, daß du dich der Traurigkeit entledigest, und für alle diese Bedrängnisse und Bitterkeiten immerdar Gott dem Herrn Lob und Dank sagest ― was du ja auch stets gethan hast und noch thust. Denn so wirst du für dich großen Vortheil erzielen, dem Teufel einen entscheidenden Schlag versetzen, mir großen Trost gewähren, die Wolken der Traurigkeit mit leichter Mühe verscheuchen und eines ungetrübten Friedens genießen. Daß du nur nicht ermattest! Vielmehr entziehe dich diesem Rauch und Dunst — denn leichter als Rauch wirst du, wenn du willst, diese ganze Traurigkeit zerstieben — und dann theile es mir wieder mit, auf daß auch ich, obgleich fern von dir, durch einen solchen Brief einmal recht erfreut werde.