597 Was den strengen Winter, meinen schwachen Magen und die Einfälle der Isaurier angeht, sei darüber ohne Sorge und gräme dich nicht! Der Winter war zwar so, wie es für Armenien Regel ist — mehr braucht man nicht zu sagen —, allein mir ist er nicht besonders schädlich. Denn weil ich es voraus weiß, treffe ich bei Zeiten viele Maßregeln, um mich vor den drohenden Nachtheilen zu schützen. Ich heize beständig, das Zimmer, in dem ich mich aufhalte, lasse ich von allen Seiten schließen, ich versehe mich mit mehr Decken und Kleidern und bleibe beständig im Hause. Das ist mir zwar lästig, doch wegen des Vortheils, den es mir bringt, erträglich. Denn solange ich drinnen bleibe, werde ich von der Kälte wenig belästigt; wenn ich aber genöthigt bin, ein wenig vor die Thür zu gehen und mit der Aussenluft in Berührung zu kommen, dann ziehe ich mir dadurch nicht geringen Schaden zu. Daher fordere ich auch dich auf, recht sorgfältig darauf bedacht zu sein, daß du deiner körperlichen Schwäche aufhelfest. Das erbitte ich mir als 598 einen großen Beweis deines Wohlwollens gegen mich. Ich weiß, daß schon der Kummer krank macht; wenn nun aber zudem der Körper durch Anstrengungen und Krankheiten hart mitgenommen ist, sehr sorglos behandelt und ihm weder ärztliche Hilfe zugewendet noch reichliche Nahrung zugeführt wird, bedenke, daß dadurch das Übel bedeutend zunimmt. Deßhalb lege ich dir an’s Herz, daß du dich guter und erfahrener Ärzte bedienest und angemessene Arzneien nehmest. So habe auch ich vor wenigen Tagen, als in Folge der Witterung mein Magen zum Erbrechen neigte, an Sorgfalt es nicht fehlen lassen und insbesondere die von meiner sehr verehrten Herrin Synkletium geschickte Arznei genommen; und ich habe sie nicht mehr als drei Tage anzuwenden gebraucht, da war die Schwäche gehoben. Deßhalb möchte ich dich bitten, dasselbe Mittel zu gebrauchen und auch dafür zu sorgen, daß mir wieder davon geschickt wird. Ich habe es nämlich von Neuem angewendet, wenn ich wieder eine Unordnung [im Magen] fühlte, und habe dadurch Alles in Ordnung gebracht; denn es mildert die innere Entzündung, löst den Schnupfen, gibt eine angemessene Wärme, dient nicht wenig zur Stärkung und befördert auch den Appetit; und alle diese Wirkungen habe ich im Laufe weniger Tage an mir erprobt. Laß deßhalb meinen sehr verehrten Herrn, den Comes Theophilus bitten, er möge mir wieder davon zubereiten und schicken. Und betrübe dich nicht, daß ich hier den Winter zubringe: denn es wird mir viel leichter, und ich fühle mich viel gesunder als im vorigen Jahr. Daraus magst du ersehen, daß du dich auch viel besser befinden würdest, wenn du es nicht an der nöthigen Sorgfalt fehlen ließest. Wenn du aber sagst, daß deine Krankheiten aus der Traurigkeit entstanden sind — wie kannst du dann wieder Briefe von mir verlangen, da du doch keinen fröhlichen Muth daraus geschöpft, sondern dich so sehr der tyrannischen Macht des Kummers überantwortet hast, daß du jetzt sogar die Trennung von dieser Welt herbeiwünschest? als ob du nicht wüßtest, welch großen Lohn man auch für eine Krankheit zu erwarten hat, wenn man 599 sie dankbar erträgt! Habe ich dir nicht schon oft sowohl mündlich als schriftlich über dieses Thema gesprochen? Weil aber vielleicht die Last deiner Geschäfte oder eben die Natur deiner Krankheit oder die Menge der Widerwärtigkeiten dich hindert, Das, was ich gesagt habe, in frischem Andenken zu bewahren, so höre mir wieder von Neuem zu, wie ich dir das alte Lied vorsinge, um die Wunden zu heilen, welche die Traurigkeit dir beigebracht hat. „Denn das Nämliche zu schreiben,“ heißt es, „ist für mich nicht lästig, euch aber dient es zur Sicherheit.“
Was sage ich und schreibe ich also? Nichts, Olympias, gereicht dem Menschen so sehr zur Ehre, als die geduldige Ausdauer bei körperlichen Schmerzen. Denn wie eben die Geduld unter den Tugenden die erste ist, den schönsten Ehrenkranz verdient und die andern Tugenden überragt, so ist diese bestimmte Art der Geduld wieder herrlicher als die andern. Es ist vielleicht nicht klar, was ich sagen will; ich will es deutlicher machen. Was meine ich also? Nichts ist so schwer zu ertragen als Krankheit des Leibes. Geld und Gut verlieren, auch meinetwegen des ganzen Vermögens beraubt werden, aus einer ehrenvollen Stellung verdrängt, aus der Heimat vertrieben und in die Fremde abgeführt, von Mühe und Schweiß aufgerieben, im Kerker festgehalten und mit Ketten beladen, beschimpft und geschmäht und verunglimpft werden, — halte es nicht etwa für etwas Kleines, solche Mißgeschicke muthvoll zu ertragen; denn Das siehst du an Jeremias, diesem großen und vorzüglichen Mann, der gleichwohl durch diese Anfechtung nicht wenig in Aufregung versetzt ward; aber Das alles und selbst der 600 Verlust der Kinder, sollten sie auch alle auf einmal den Eltern entrissen werden, ferner wiederholte feindliche Angriffe und dergleichen und endlich selbst das ärgste aller scheinbaren Übel, der Tod, der furchtbare und schreckliche — all Das ist minder hart als körperliche Krankheit. Das zeigte sich an jenem großen Helden der Geduld, der den Tod als eine Erlösung aus seinen Leiden ansah, als ihn die Krankheit heimsuchte, während er unempfindlich schien, als er alle die andern Leiden erduldete, obgleich ihn die Schläge unmittelbar nach einander trafen und der letzte tödtlich schien. Denn auch Das ist nicht zu übersehen, vielmehr der grausamen Bosheit des Feindes zuzuschreiben, daß der Hauptschlag gegen ihn erst da geführt ward, wo er nicht mehr frisch bei Kräften, nicht eben erst auf den Kampfplatz hinabgestiegen war, wo ihn vielmehr die vielen nach einander abgeschnellten Pfeile schon hart mitgenommen hatten. Da traf ihn der härteste Schlag, das Unglück mit den Kindern. Seine Kinder beiderlei Geschlechtes, sie wurden alle auf einmal, und zwar im jugendlichen Alter, hingerafft durch einen gewaltsamen Tod, und die Art des Todes bereitete ihnen gleich ein unerwartetes Grab. So hart war dieser Schlag. Er hat sie nicht — auf ihr Lager gebettet—schauen dürfen, hat ihre Hände nicht küssen, ihre letzten Worte nicht hören, ihre Füße und Kniee nicht umfassen, hat ihnen den Mund nicht schließen und die Augen nicht zudrücken dürfen, als sie sterben wollten. Das alles gewährt aber den Vätern, wenn ihnen die Kinder entrissen werden, nicht wenig Trost. Es war ihm auch nicht vergönnt, die einen zum Grabe zu geleiten und dann bei der Heimkehr die andern zum Trost und als Ersatz für die hingeschiedenen vorzufinden. Nein, er mußte hören, daß sie zur Zeit des Gastmahls, wo nicht Trunkenheit, sondern Liebe herrschte, am Tische, den die Geschwisterliebe gedeckt, auf ihren Polstern liegend alle waren verschüttet worden, und daß dabei Alles durcheinander und ineinander vermischt war: das Blut, der Wein, die Becher, die Decke, der Tisch, der Schutt, die Glieder seiner Kinder. Aber trotzdem, als er Dieß erfuhr und das Andere vorher 601 (auch Das war hart; denn auch sein Besitzthum war jämmerlich zu Grunde gegangen; verkündigte doch der leidige Bote der traurigen Katastrophe, daß die gesammten Schaf- und Rinderheerden theils durch ein vom Himmel gefallenes Feuer verzehrt, theils von verschiedenen Feinden plötzlich alle weggetrieben und mit ihnen die Hirten erschlagen waren), aber trotzdem, sage ich, als er sehen mußte, wie in der allerkürzesten Frist ein so gewaltiger Sturm über seine Felder daherfuhr und gegen das Haus und die Heerden und die Kinder wüthete, sehen mußte die in rascher Folge anstürmenden Fluthen, die Menge der Klippen, die tiefe Finsterniß, die unerträgliche Brandung der Wogen, da ward er nicht vom Kummer niedergedrückt, ja kaum empfand er diese Schläge — nur insofern er immerhin Mensch und Vater war. Als er sich aber der Krankheit und den Geschwüren preisgegeben sah, da verlangte er nach dem Tode, da klagte und jammerte er — damit du nämlich einsehest, wie sehr dieses Unglück härter als alle andern ist und die höchste Stufe der Geduld erfordert. Das weiß selbst der Teufel sehr wohl. Als er sah, daß der Held sich durch alle jene Anfechtungen nicht in Aufregung und Verwirrung bringen ließ, da rüstete er sich zu diesem Kampf wie zu dem allergrößten, indem er behauptete: sonst sei Alles schon zu ertragen, wenn man auch die Kinder, das Vermögen, selbst alles Andere verliere (Das ist nämlich der Sinn der Worte: „Haut um Haut“); aber Das sei der Hauptschlag, wenn man körperliche Schmerzen zu erdulden habe. Deßhalb konnte er nach diesem Kampf, als er auch hier geschlagen war, das Maul nicht mehr aufthun, wenn er gleich früher noch so viel und noch so frech widersprochen hatte. Hier vermochte er trotz aller Unverschämtheit keine Widerrede mehr zu ersinnen und zog sich schmachbedeckt zurück.
Wenn übrigens jener Mann sich den Tod wünschte, 602 weil ihm die Schmerzen unerträglich waren, so darfst du nicht glauben, darin für dein Verlangen nach dem Tode eine Rechtfertigung finden zu können. Erinnere dich einmal, was Das für eine Zeit war, wo er den Wunsch hegte, und wie damals die Verhältnisse lagen: noch war das Gesetz nicht gegeben, die Propheten nicht erschienen, die Gnade nicht so ausgegossen und verbreitet, und auch sonst stand er ausserhalb der übernatürlichen Wahrheit und Wissenschaft. Daß von uns nämlich mehr verlangt wird als von denen, die damals lebten, und daß wir größere Kämpfe durchkämpfen müssen, Das laß dir von Christus sagen, da er spricht: „Wenn euere Gerechtigkeit nicht vollkommener ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen.“ Glaube also nicht, daß der Wunsch nach dem Tode jetzt keinen Tadel verdiene, sondern höre auf die Stimme des Paulus, der da spricht: „Aufgelöst werden und bei Christo sein ist zwar weit besser, aber im Fleische verbleiben ist nothwendiger euretwegen.“ Denn in demselben Maße, wie die Trübsale zunehmen, mehren sich auch die Siegeskränze; das Gold wird um so lauterer, je mehr es geglüht wird, und der Kaufmann bringt um so mehr Waaren zusammen, je weiter er seine Seefahrt ausdehnt. Glaube also nicht, daß Das ein kleiner Kampf sei, den du jetzt unternehmen mußt; nein er ist bedeutender und reicht höher hinauf als alle, die du schon durchgemacht hast; ich meine nämlich denjenigen, der dir aus deiner Krankheit erwächst. Hatte ja auch Lazarus an diesem Kampf für sein Heil genug — Das habe ich dir zwar schon oft gesagt, aber Nichts hindert mich, es auch jetzt zu sagen —; weil er die Armuth, Krankheit und Verlassenheit mit willigem Herzen getragen hatte, darum kam er in den Schooß des Mannes, der seine Wohnung mit den vorüber reisenden Wanderern theilte, der aus Gehorsam gegen Gottes Gebot wiederholt ein Fremdling 603 geworden war, der endlich seinen echten und ehlichen, einzigen und erst im spätesten Alter empfangenen Sohn zum Opfer gebracht hatte. Nichts dergleichen hatte Lazarus gethan. Denn solche Leiden, wie die seinigen, sind für starkmüthige Dulder ein so großes Gut, daß sie den größten Sünder, wenn sie ihn treffen, von seiner schweren Sündenlast befreien, und daß sie dem Gerechten, dem Tugendhaften nicht etwa einen geringen, sondern einen sehr namhaften Zuwachs an Gnade und Zuversicht verschaffen. Für den Gerechten eine glänzende, heller als das Sonnenlicht erstrahlende Krone, sind sie zugleich für den Sünder ein mächtig wirkendes Mittel zur Reinigung. Das war der Grund, weßhalb Paulus den Menschen, der sich in seines Vaters Ehe freventlich eingedrängt, seines Vaters Ehebett entweiht hatte, zum Verderben des Fleisches preisgab, um ihn nämlich auf diese Weise zu entsündigen. Daß nämlich diese Maßregel eben zur Reinigung von dem abscheulichen Flecken dienen sollte, Das sagt Paulus selbst; höre nur: „Damit die Seele gerettet werde am Tage unseres Herrn Jesus Christus.“ Ein zweites Beispiel: Andere hatte er eines andern und zwar auch ganz furchtbaren Vergehens zu beschuldigen, daß sie nämlich das heilige Mahl unwürdig genossen und unwürdig an jenen unaussprechlichen Geheimnissen Theil nahmen; nachdem er nun gesagt, daß ein Solcher des Leibes und des Blutes des Herrn schuldig sein würde, — schau, was er nun weiter sagt, wie nämlich auch sie von dieser schweren Sünde gereinigt würden: „Deßhalb sind unter euch viele Schwache und Kranke.“ Und dann zeigt er ferner, daß das Schicksal dieser Christen nicht gerade ausschließlich den Charakter einer Strafe hatte, daß es ihnen vielmehr zugleich einen Gewinn einbrachte, die Befreiung nämlich von dem Gericht für diese Sünde; denn er fügt hinzu: „Denn wenn wir uns selbst richteten, würden wir nicht gerichtet werden. Indem wir nun aber 604 vom Herrn gerichtet werden, werden wir gezüchtigt, damit wir nicht mit der Welt verurtheilt werden.“
Aber auch die hochverdienten Helden der Tugend ziehen aus solchen Leiden großen Gewinn. Das zeigte sich einmal an Job, dessen Glanz sie erhöhten, und dann auch an Timotheus. Dieser ausgezeichnete Mann, der ein so erhabenes Amt verwaltete, und der mit Paulus gemeinsam den Erdkreis durcheilte, der war nicht etwa zwei oder drei Tage, auch nicht zehn oder zwanzig oder hundert, sondern viele viele Tage lang fortwährend von Krankheit heimgesucht, und sein Körper war dadurch ausserordentlich geschwächt. Das verräth uns Paulus in den Worten: „Trinke ein wenig Wein wegen deines Magens und deiner häufigen Schwächen!“ Und Paulus, der Todtenerwecker, hat diese seine Schwäche nicht gehoben, sondern hat ihn in dem Feuerofen der Krankheit belassen, damit dem Jünger auch hierdurch ein großer Reichthum an Gnade und Zuversicht aufgehäuft würde. Denn was er selbst vom Herrn bekommen und was er vom Herrn gelernt hatte, Das lehrte er auch den Jünger. War nämlich Paulus auch nicht von Krankheit, so war er doch von Anfechtungen geplagt, die ihm nicht minder viele und harte Schläge versetzten und dem Fleische großen Schmerz bereiteten. „Denn es ward mir“, sagt er, „ein Stachel für das Fleisch gegeben, ein Engel des Satans, daß er mich mit Fäusten schlage.“ Da meint er seine Plagen: die Ketten und Bande, die Kerkerhaft, ferner daß er hin und her geschleppt und oft von Henkersknechten mit Geißeln gezüchtigt ward. Die Schmerzen und Leiden, die dem Fleische daraus entstanden, nicht mehr ertragend sprach er daher: „Deßhalb habe ich dreimal zum Herrn gefleht (die Zahl drei bedeutet hier die öftere Wiederholung), um von diesem Stachel befreit zu werden.“ Da 605 er Das jedoch nicht erreichte und nun den Nutzen jener Heimsuchungen erkannte, da beruhigte er sich, ja er freute sich darüber. Also, wenn du auch zu Hause bleibst und an das Bett festgebannt bist, glaube nicht, daß du ein müßiges Leben führst; denn indem du an deiner überaus schweren Krankheit einen Büttel fortwährend bei dir im Hause hast, leidest du mehr als Diejenigen, welche von Henkersknechten fortgeschleppt, hin und her gezerrt, gefoltert und überhaupt auf’s Qualvollste gepeinigt werden.
Daher verlange jetzt nicht nach dem Tode und laß es nicht an der sorgfältigen Pflege deines Körpers fehlen; denn auch Das wäre nicht ohne Gefahr. Paulus ermahnt ja auch den Timotheus, für seine Gesundheit recht angelegentlich zu sorgen.
Nun habe ich über die Krankheit genug gesagt. Wenn dich aber die Trennung von mir so traurig macht, nun dann hoffe zuversichtlich, daß auch diese ein Ende nehmen wird. Und Das habe ich nicht gesagt, um dich nur zu trösten; nein ich weiß, daß es ganz gewiß eintreffen wird. Ja so sollte es sein: sonst, glaube ich, wäre es mit meinem Leben längst aus, soviel wenigstens auf die Drangsale ankommt, die man mir bereitet hat. Ich schweige von alle Dem, was in Konstantinopel geschehen ist; du kannst selbst ermessen, was ich auf dieser langen und beschwerlichen Wanderung ausgestanden habe — die meisten dieser Leiden hätten hingereicht, mich zu tödten —, was ich gelitten habe nach meiner Ankunft, nach meiner Übersiedlung aus Kukusus, nach meinem Aufenthalt in Arabissus. Allein jetzt bin ich über Das alles glücklich hinaus, bin ganz gesund und allen Gefahren entronnen. Die Armenier sind alle höchlich 606 verwundert, daß ich mit meinem hinfälligen, spinnenmäßigen Körper eine solche unerträgliche Kälte ertrage, und daß ich mich erholen kann, während die Leute, die einen solchen Winter gewohnt sind, nicht wenig davon zu leiden haben. Ich bin bis zum heutigen Tage ohne Schaden davon gekommen, trotz der vielen Angriffe von Räubern — ich bin ihren Händen entronnen — und trotz des Mangels an Dingen, die mir sonst nothwendig sind; muß ich doch selbst des Bades entbehren. So lange ich mich dort [in Konstantinopel] aufhielt, bedurfte ich dessen sehr häufig; jetzt aber ist mein Zustand der Art, daß ich nach dieser Erfrischung nicht einmal Verlangen trage, sondern auf diese Weise noch gesunder geworden bin. Weder die Ungunst des Klima’s noch die Öde der Gegenden noch die Spärlichkeit der Lebensmittel noch die Entbehrung angemessener Pflege noch die Unwissenheit der Ärzte noch der Mangel an Bädern noch das beständige Eingesperrtsein in einem und demselben Hause wie in einem Kerker noch der Mangel an Bewegung, die mir sonst immer nothwendig war, noch die stete Gesellschaft von Rauch und Feuer noch die Furcht vor Räubern noch die immerwährenden Belästigungen noch irgend etwas Anderes dergleichen hat etwas über mich vermögen können; meine Gesundheit ist vielmehr besser, als da ich zu Hause war; freilich habe ich auch große Sorgfalt darauf verwendet.
Indem du nun Das alles erwägest, entschlage dich der Traurigkeit, die dich jetzt deßhalb beherrscht, und strafe dich nicht selbst so hart und zugleich so unnöthig! Ich schicke dir hiemit das Buch, das ich kürzlich geschrieben habe, des Inhalts: daß Dem, der sich selbst kein Leid anthut, Keiner schaden kann. Diese These wird in der Abhandlung verfochten, die ich dir jetzt zusende. Nimm sie denn fleissig zur Hand; und wenn deine Gesundheit es erlaubt, lies sie durch! Denn wenn du willst, wird sie dir eine heilsame Arznei sein. Wenn du mir aber widerstrebst und dich nicht kuriren willst und trotz der tausendfachen Ermunterungen und 607 tröstenden Zureden, die dir zu Theil werden, aus dem Sumpf der Traurigkeit dich nicht erheben willst, dann werde ich dir auch schwerlich willfahren, d. h. schwerlich viele und lange Briefe an dich richten, wenn du doch keinen Nutzen daraus ziehen und nicht heiter werden willst. Wie werde ich denn darüber Gewißheit erlangen? Nicht wenn du es behauptest, sondern wenn du es durch die That beweisest. Du hast nämlich selbst zugestanden, daß Nichts als deine Traurigkeit dir diese Krankheit zugezogen hat; da du Das nun selbst eingeräumt hast, so werde ich nicht eher glauben, daß du dich der Traurigkeit entledigt hast, biß du von der Krankheit befreit bist. Denn wenn die Traurigkeit es ist, die dich krank macht (wie du auch selbst geschrieben hast), dann muß offenbar mit dem Wegfall der Traurigkeit zugleich die Krankheit gehoben sein. Ist die Wurzel ausgerissen, so sterben auch die Zweige ab. Wenn diese aber fortfahren zu blühen, gesund und kräftig zu sein und ihre nichtsnutzigen Früchte zu bringen, dann kann mir Niemand einreden, daß du dich ihrer Wurzel entledigt hast. Zeige mir also nicht Worte, sondern Thaten, und wenn du gesund bist, dann wirst du sehen, daß du wieder Briefe bekommst, länger als Reden. Das sollte dir auch kein geringer Trost sein, daß ich noch lebe und gesund bin, daß ich unter diesen so ungünstigen Umständen von Krankheit und Gebresten frei bin, was meine Feinde, wie ich erfahren habe, sehr wurmt und verdrießt. Also müßt ihr folgerichtig einen sehr großen, einen ganz vorzüglichen Trost darin finden. Sage nicht, deine Genossenschaft sei vereinsamt; sie ist in Folge der Leiden, die sie erduldet, nunmehr im Himmel noch besser angeschrieben.
Über den Mönch Pelagius habe ich mich sehr betrübt. Wenn sich also herausstellt, daß Männer von so strenger und abgetödteter Lebensweise auf Irrwege gerathen, wie groß muß dann der Lohn sein, den die standhaften und ausharrenden Kämpfer verdienen! Das magst du aus diesem Falle entnehmen.