Johannes Chrysostomus · Epistula ad Innocentium papam et ad Olympiadem · Buch 2 · Kapitel 7
556 Was sagst du? Hast du dir nicht ein Siegesdenkmal gesetzt, nicht einen glänzenden Sieg erfochten, nicht mit einem immer grünen Kranz dein Haupt umflochten? Erzählt Das nicht die ganze Welt, die allenthalben von deinen ruhmvollen Werken singt? Denn ist auch die Stätte deiner Kämpfe nur an einem Orte, — dort, wo die Bahn für deinen Wettlauf sich befindet, wo du die Ringkämpfe bestanden hast, die dich statt des Schweißes Ströme von Blut gekostet, — so ist doch der Ruhm und das Lob dafür bis zu den Grenzen der bewohnten Erde gedrungen. Du aber hast, um deine Verdienste zu vergrößern und dir die Kampfpreise zu vermehren, noch die Krone der Demuth dazu gefügt, durch deine Äusserung, daß du ebenso weit von diesen Siegeszeichen entfernt seiest, als die Todten von den Lebenden. Daß nämlich diese Worte in der Demuth ihre Wurzel haben, Das will ich dir gerade aus Dem, was geschehen ist, nachzuweisen versuchen. Du bist aus dem Vaterlande, aus der Heimath, aus dem Kreise deiner Freunde und Angehörigen vertrieben und über die Grenze befördert worden. 557 Du hast nicht unterlassen, jeden Tag zu sterben und dem Willen nach mit großer Kraft und Entschiedenheit zu leisten, wozu deine Natur nicht im Stande war. Denn weil es einmal dem Menschen nicht möglich ist, in Wirklichkeit häufig zu sterben, hast du es wenigstens dem Willen nach gethan. Und was das Größte ist: indem du diese Leiden erduldet und jene erwartet hast, bist du nicht müde geworden, Gott den Herrn, der es zuließ, dafür zu verherrlichen und zugleich dem Teufel einen entscheidenden Schlag zu versetzen. Daß er nämlich einen entscheidenden Schlag erhalten, hat er dadurch verrathen, daß er weiter vorrückte und sich noch bedeutender rüstete. Darum ist auch Das, was später erfolgte, ärger und schlimmer geworden als das Frühere. Wie nämlich ein Skorpion oder eine Natter, wenn sie eine tiefe Wunde empfangen haben, ihre Waffe ungestümer erheben und sich gegen den Angreifer aufrichten und von ihrem großen Schmerz Zeugniß ablegen durch das heftige Losstürmen auf Denjenigen, der sie verwundet hat: so ist auch jenes andere wilde Ungeheuer voll Frechheit, nachdem es von deiner bewundernswerthen und erhabenen Seele tiefe Wunden erhalten hatte, heftiger gegen dich losgefahren und hat noch mehr Anfechtungen verursacht. Denn verursacht hat sie der Teufel, nicht Gott; aber Gott hat sie zugelassen, um deinen Reichthum zu vermehren, deinen Gewinn zu vergrößern, um dir zu einem stattlichern Lohn, einer reichlichern Vergeltung zu verhelfen. Werde also nicht verwirrt und traurig! Denn wer wird es je überdrüssig, reich zu sein? Wer wird bestürzt, wenn er zu den höchsten Ehren emporsteigt? Diese irdischen Dinge sind vergänglich, sind wesenloser als Schatten, verdorren schneller als welkende Blumen; trotzdem pflegen die Menschen, denen sie reichlich zuströmen, vor Freude zu springen und zu tanzen, ja sie möchten fliegen vor Freude — eine Freude, die fast in demselben Augenblicke flieht, wo sie sich eingestellt hat, und vorbeifließt gleich den Wellen eines Stromes. Weit mehr ist es recht und billig, daß du — warst du auch vordem traurig — in den augenblicklichen Zeitverhältnissen 558 eine Quelle der größten Freude findest. Denn dein Schatz, den du gesammelt hast, ist unantastbar; die Ehre, welche diese Leiden dir bereitet haben, kann auf Niemand nach dir übergehen, es wartet ihrer kein Ende; sie ist vielmehr unbegrenzt und wird weder durch Ungunst der Zeiten, noch durch Verfolgungen von Menschen, noch durch Nachstellungen von Teufeln, noch selbst durch den Tod zerstört. Wenn du aber zugleich trauern willst, so betrauere Diejenigen, die dergleichen verüben, die Urheber und Handlanger dieser Bedrängnisse, die nicht nur für die Zukunft die empfindlichsten Züchtigungen sich zuziehen, sondern auch schon hier auf Erden von den härtesten Strafen heimgesucht sind, indem nämlich so Viele sich von ihnen mit Abscheu wegwenden, sie als Feinde betrachten, sie verwünschen und verdammen. Wenn sie Das aber nicht fühlen, dann sind sie auch deßhalb ganz besonders bemitleidens- und beweinenswerth, ebenso wie die Wahnsinnigen, die ohne jeden Grund gegen die Leute, die ihnen in den Weg kommen, oft auch gegen ihre Wohlthäter und Freunde mit Händen und Füßen ausschlagen, aber von dem Wahnsinn, der sie wüthen macht, Nichts wissen. Deßhalb ist ihre Krankheit auch unheilbar; sie lassen sich weder Ärzte noch Arzneimittel gefallen, und wenn man sie heilen oder ihnen sonst etwas Gutes erweisen will, vergelten sie es mit Undank und Beleidigungen. So sind auch deine Feinde zu bedauern, wenn sie eine solche Bosheit nicht fühlen. Wenn sie sich aber auch an das verdammende Urtheil Anderer nicht kehren, so können sie doch unmöglich den Vorwürfen ihres eigenen Gewissens entgehen, vor welchem Niemand fliehen kann, das sich nicht bestechen, nicht durch Furcht einschüchtern, nicht durch Schmeichelworte oder Geldspenden irre machen, nicht durch die Länge der Zeit seiner Kraft berauben läßt.
Der Sohn Jakobs z. B., der dem Vater gesagt hatte, 559 ein wildes Thier habe den Joseph verschlungen, der so frevelhafte Komödie gespielt und durch dieses Märchen den Brudermord zu verheimlichen versucht hatte, der hat damals allerdings den Vater getäuscht, aber sein Gewissen hat er nicht getäuscht noch zur Ruhe gebracht. Es blieb ihm vielmehr als Feind gegenüberstehen, schrie ihm fortwährend zu und ließ sich niemals den Mund stopfen. Nachdem nämlich darauf eine lange Zeit verflossen war, gerieth er einmal in Gefahr, die Freiheit und sogar das Leben zu verlieren. Vor dem Vater hatte er sein Verbrechen geleugnet, hatte es keinem andern Menschen verrathen; jetzt war Niemand da, der ihn verklagt oder überwiesen oder zum Bekenntniß gedrängt oder an jenes heuchlerische Spiel erinnert hätte; da hat er folgende Worte gesprochen, zum Beweis, daß der Ankläger in dem Gewissen in dieser langen Zeit nicht zum Schweigen gebracht und nicht begraben war. „Ja“, sagte er, „wir sind in Sünden wegen unseres Bruders, als er uns flehentlich bat und wir seine Betrübniß und den Kummer seines Herzens für Nichts anschlugen. Und jetzt wird sein Blut von uns gefordert.“ Gleichwohl war es ein anderes Verbrechen, das ihm zur Last gelegt wurde. Wegen Diebstahls wurde er gerichtet. Er sollte einen goldenen Becher entwendet haben; deßhalb war er vor Gericht gestellt. Weil er sich aber nichts dergleichen bewußt war, machte ihm Das keinen Schmerz, und darum sagte er nicht, Das treffe ihn wegen desjenigen Verbrechens, wofür er gerichtlich belangt und in Fesseln geschlagen war; aber für jenes andere Verbrechen, dessen ihn Niemand beschuldigte, wofür Niemand Rechenschaft forderte, Niemand ihn vor Gericht zog, ja wovon Niemand auch nur wußte, — dafür tritt er selbst als sein eigener Kläger und Zeuge auf. Denn das böse Gewissen überwältigte ihn, und er, der so ganz ohne Furcht und ohne Erbarmen das Blut seines Bruders vergossen hatte, er wurde sogar mitleidig, 560 hielt der Schaar seiner Genossen die Blutschuld vor und schilderte treu und anschaulich den hohen Grad gefühlloser Rohheit, der dabei zu Tage getreten war: „als er uns flehentlich bat und wir seine Betrübniß und den Kummer seines Herzens für Nichts anschlugen.“ Es hätte schon, will er sagen, die Stimme der Natur hinreichen sollen, uns zu erweichen und zum Mitleid zu bewegen. Nun aber vergoß er überdieß noch Thränen und begann flehentlich zu bitten, „und auch so vermochte er uns nicht umzustimmen, sondern wir kehrten uns nicht an seine Betrübniß und den Kummer seines Herzens.“ Deßhalb, will er sagen, sind wir vor dieses Gericht gekommen, deßhalb stehen wir in Gefahr, daß es uns an Blut und Leben geht, weil auch wir eine Blutschuld auf uns geladen haben.
So hat auch Judas die Vorwürfe seines Gewissens nicht ertragen können; darum eilte er, einen Strick zu ergreifen, und machte durch Erdrosseln seinem Leben ein Ende. Als er jenen schändlichen Vertrag zu schließen wagte, wo er sagte: „Was wollt ihr mir geben, und ich will ihn euch verrathen?“ da fiel es ihm nicht ein, sich vor denen, die es hörten, zu schämen, daß er als Jünger solche Pläne gegen seinen Meister schmiedete; und in den Tagen, die inzwischen [bis zur Ausführung des Verbrechens] vergingen, ward er nicht von innerer Pein gequält. Gleichsam trunken in dem zufriedenen Gefühl gesättigter Habsucht empfand er die Anklage des Gewissens nicht besonders heftig. Nachdem er aber das Verbrechen begangen und das Geld erhalten hatte, als die Freude über den Gewinn von ihm gewichen und die innere Anklage wegen der Missethat recht im Gange war, da ging er aus eigenem Antrieb hinweg, — Niemand brauchte ihn zu zwingen, zu nöthigen oder zu ermahnen, — und er warf das Geld denen hin, die es gegeben hatten, und er bekannte sein Vergehen, daß Jene 561 es selbst hörten: „Ich habe gesündigt, indem ich unschuldiges Blut vergossen.“ Er konnte nämlich die Vorwürfe des Gewissens nicht ertragen. Denn so geht es mit der Sünde: ehe sie vollführt ist, macht sie den Menschen, dessen sie sich bemächtigt hat, wie trunken; wenn sie aber vollbracht und vollendet ist, dann ist unter der Hand diese Freude entwichen und erloschen; dann steht unverhüllt der Ankläger da; und das Gewissen macht den Scharfrichter, peinigt den Verbrecher; verhängt über ihn die härtesten Strafen und lastet auf ihm schwerer als jedes Bleigewicht.
So geht es hier auf Erden. Was für Qualen aber in der andern Welt solchen Sündern bevorstehen, ist dir wohl bekannt. Diese also sind zu beweinen und zu beklagen, wie ja auch Paulus thut, indem er den Kämpfenden, Ringenden und Leidenden Glück wünscht, die Sünder aber betrauert. Daher sagte er auch: „Damit nicht etwa, wenn ich zu euch komme, der Herr mich demüthige, und ich trauern muß über viele von denen, die früher gesündigt und keine Buße gewirkt haben für die Ausschweifungen und die Unreinigkeit, die sie begangen haben.“ Zu den Kämpfenden aber: „Ich freue mich und beglückwünsche euch alle.“ Laß dich also durch Nichts verwirren, nicht durch das Geschehene und nicht durch Das, was sich noch vollzieht. Denn die Wellen bringen den Felsen nicht zum Wanken, sondern zerstören sich selbst um so eher, je mehr sie sich mit stärkerm Anprall an dem Felsen brechen. Auch bei diesen Anfeindungen geschieht etwas Ähnliches, aber in weit höherm Grade. Denn den Felsen bringen die Wellen allerdings nicht zum Wanken, dich aber haben sie nicht bloß nicht zum Wanken gebracht, sondern noch fester 562 gemacht. So ist es nämlich mit der Bosheit und so mit der Tugend. Die Bosheit geht zu Grunde, indem sie Kriege unternimmt, die Tugend erglänzt herrlicher, indem sie bekriegt wird, und sie erhält ihre Kampfpreise nicht bloß nach den Kämpfen, sondern auch schon während der Kämpfe, und der Kampf wird ihr zum Kampfeslohn. Die Bosheit wird, wenn sie siegt, nur noch mehr beschämt, gezüchtigt und mit Schmach bedeckt, und wird schon vor derjenigen Bestrafung, die für sie aufgespart ist, durch ihre Werke selbst bestraft, und nicht bloß nach der Vollendung ihrer Werke. Wenn Das eine dunkle Rede ist, so höre den heiligen Paulus, wie er Beides unterscheidet. In seinem Briefe an die Römer nämlich, wo er das unzüchtige Leben mancher Menschen mit scharfen Worten geißelt, zeigt er zugleich, daß auch vor der Bestrafung, in der sündhaften Handlung selbst schon der Sünde ihre Strafe zugesellt ist. Indem er die geschlechtlichen Verirrungen jener Weiber und Männer erwähnt, die sich wider die Gesetze der Natur vergingen und eine unerhörte Art von Wollust erdachten, sagt er ungefähr so: „Denn ihre Weiber vertauschten den naturgemäßen Gebrauch mit dem Gebrauch, welcher wider die Natur ist. Gleicherweise entbrannten auch die Männer, den naturgemäßen Gebrauch des Weibes verlassend, in ihrer Begierde gegen einander, Männer an Männern Schande vollbringend, und die Vergeltung, die da gebührte für ihre Verirrung, an sich selber in Empfang nehmend.“ Was sagst du, Paulus? Die solche Frevel begehen, empfinden doch sinnliche Lust dabei, und vollbringen mit wollüstiger Begierde diese abscheuliche Vermischung. Wie kannst du nun sagen, daß sie schon dabei zugleich gestraft werden? Indem ich, sagt er, mein Urtheil nicht nach der Wollust jener Menschen, die einer solchen Krankheit anheimgefallen sind, sondern nach der Natur der Sache abgebe. Wird ja auch der Ehebrecher, schon vor der Bestrafung, im Ehebruch selbst, obschon er seine Lust zu 563 befriedigen scheint, bestraft, indem er seine Seele böser und schlechter macht. Und der Mörder ist schon, ehe er den Gerichtssaal und die geschärften Schwerter sieht, und ehe er für sein Verbrechen zur Rechenschaft gezogen wird, bei dem Morde selbst zu Grunde gegangen, wieder indem auch er sich die Seele schlechter gemacht hat. Und was am Leibe die Krankheit ist, Fieber oder Wassersucht oder dergleichen, und was am Eisen der Rost, an der Wolle die Motte, am Holze der Wurm, am Horn die zerfressenden Insekten, Das ist an der Seele das Laster. Ja es macht sie auch zur Sklavin, zur niedrigen Magd. Doch was sage ich — zur Sklavin und Magd? es macht sie zu einer thierischen Seele, verwandelt sie gleichsam in die Seele eines Wolfes oder eines Hundes oder einer Schlange oder einer Viper oder eines anderen wilden Thieres. Das beweisen die Propheten, und durch solche Aussprüche machen sie die Veränderung, die in Folge des Lasters eintritt, Allen verständlich. Der eine sagt: „Stumme Hunde, die nicht bellen können,“ indem er die tückischen Menschen, und die Andern hinterlistiger Weise nachstellen, mit den wüthenden Hunden vergleicht. Denn wenn diese an der Tollwuth leiden, greifen sie nicht unter Gebell an, sondern kommen ganz lautlos heran, und so pflegen sie Demjenigen, den sie anfallen, übler mitzuspielen als die Hunde, welche dabei bellen. Ein anderer Prophet bezeichnet gewisse Menschen mit dem Ausdruck: Krähe. Wieder ein anderer sagt: „Der Mensch, da er in Ehren war, hat es nicht eingesehen, ist den unvernünftigen Thieren vergleichbar geworden, und ist ihnen ähnlich geworden.“ Der aber mehr war als die Propheten, der Sohn der unfruchtbaren Mutter, hat sogar Einige, als er am Jordan stand, Schlangen und Natterngezücht genannt. Was könnte nun dieser Strafe gleich zu achten sein, wenn Derjenige, der nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, dem eine so große Ehre zu Theil geworden ist, 564 das vernünftige und von Natur der Wildheit am fernsten stehende Wesen so sehr zum wilden Thier herabsinkt?
Siehst du, wie das Laster auch vor der Bestrafung die Strafe in sich selber trägt? Erkenne, daß es sich mit der Tugend ebenso verhält: daß auch die Tugend selbst vor der Belohnung schon ihr eigener Lohn ist. Mit der Seele hat es nämlich in dieser Beziehung dieselbe Bewandtniß wie mit dem Leibe (es steht ja Nichts im Wege, daß ich mich wieder desselben Vergleichs bediene, der die Sache recht an’s Licht stellt). Ein gesunder, kräftiger und von jeder Krankheit freier Mensch ist eben deßhalb vergnügt auch vor dem Vergnügen, da er sich mit der Gesundheit zugleich eines behaglichen Gefühls erfreut; und ihn kann weder ein Wechsel in der Witterung, noch Hitze oder Kälte, noch die Ärmlichkeit seines Tisches und dergleichen sonderlich anfechten, da seine Gesundheit zur Ausgleichung des Schadens, der ihm daraus erwachsen könnte, hinreicht. So pflegt es auch auf dem Gebiet der Seele zu gehen. Daraus erklärt sich, daß Paulus ― gegeißelt, verfolgt und von tausend Leiden heimgesucht — sich freute und sich also aussprach: „Ich freue mich in meinen Leiden für euch“ nicht bloß im Himmelreich, wo der Tugend ihre Belohnung aufbewahrt wird, sondern auch schon im Leiden selbst, weil eben das Erdulden von Leiden für die Wahrheit ein ausserordentlich großer Lohn ist. Daraus erklärt sich, daß die Schaar der Apostel, aus dem hohen Rath der Juden zurückkehrend, sich freute, und zwar nicht bloß wegen des Himmelreiches, sondern weil sie waren gewürdigt worden, für den Namen Jesu Schmach zu leiden. Denn Das ist schon an und für sich die größte Ehre, der schönste 565 Siegeskranz und Kampfpreis und eine unversiegliche Quelle von Freuden. Freue dich denn und frohlocke; denn nicht klein, sondern recht groß ist dieser [euer] Kampf wegen der falschen Anklage, zumal wenn er durch eine derartige Verleumdung veranlaßt ist, wie man gegen euch nunmehr erhoben hat, indem man euch öffentlich und vor Gericht der Brandstiftung beschuldigt. Wie hart dieser Kampf ist, schildert Salomon mit den Worten: „Ich sah die Verleumdungen, die unter der Sonne vorkommen, und ich sah die Thränen der Verleumdeten, und es war Niemand, der sie tröstete.“ Ist aber der Kampf schwer, wie er denn in der That schwer ist, dann ist klar, daß auch der Siegespreis, der dafür hinterlegt ist, um so größer sein muß. Deßhalb gebietet auch Christus denen, welche diesen Kampf mit der gehörigen Ausdauer durchkämpfen, sich zu freuen und zu frohlocken. „Freuet euch,“ sagt er nämlich, „und frohlocket, wenn man lügenhafter Weise alles Böse wider euch aussagt um meinetwillen, denn groß ist euer Lohn in den Himmeln.“ Siehst du, wie große Freude, wie großen Lohn, wie große Wonne wir den Feinden zu danken haben? Ist es nun nicht thöricht, wenn du dir selbst das Übel zufügst, das sie dir nicht haben anthun können, wovon sie dir vielmehr das Gegentheil zugefügt haben? Was meine ich aber damit? Jene haben dich nicht nur nicht zu einer Strafe heranziehen können, sondern dir vielmehr Ursache zur Freude gegeben und eine Quelle endloser Wonne geboten; du aber belegst dich selbst mit Strafen, indem du dich durch die Trauer ermattest, indem du dich aufregst, verwirrst und mit großem Leid erfüllst. So hätten jene Menschen mit sich selbst verfahren müssen, wenn sie — allerdings spät — endlich einmal ihre Vergehen hätten einsehen wollen. Sie hätten jetzt gerechten Grund zu weinen und zu trauern, sich zu schämen, sich zu verhüllen und sich zu 566 vergraben, selbst den Anblick der Sonne zu meiden und, in Finsterniß eingeschlossen, ihre eigene Bosheit und das Unheil zu beweinen, das sie über so viele Gemeinden gebracht haben. Du aber mußt dich freuen und frohlocken, weil du die größte der Tugenden geübt hast. Du weißt ja, du weißt recht gut, daß der geduldigen Beharrlichkeit Nichts gleich kommt; daß eben sie die Königin ist unter den Tugenden, die Grundlage der guten Werke, der sichere Hafen, der Friede in Kämpfen, die Ruhe auf sturmgepeitschten Wogen, die Sicherheit in feindlichen Nachstellungen; daß sie den Menschen unüberwindlicher macht, als Stahl und Eisen sind; daß sie durch Nichts geschädigt werden kann, mag man gegen sie auch die Waffen schwingen, Heere ausrüsten, Wurfmaschinen vorfahren, Pfeile und Spieße schleudern, mag selbst das Heer der Dämonen, mögen die furchtbaren Schaaren der feindlichen Geister, mag der Oberste der Teufel selbst mit seiner ganzen Kriegsmacht und all seinem Rüstzeug gegen sie in’s Feld rücken. Warum also bist du so furchtsam? Weßhalb quälst du dich, obgleich du gelernt hast, selbst das Leben für Nichts zu achten, wenn einmal die Zeit dazu gekommen? Freilich, du wünschest wohl das Ende der Trübsal zu sehen, die uns jetzt beherrscht? Auch Das wird kommen, und wird schnell kommen, Gott wird es schon fügen. Freue dich also und frohlocke, und laß dir wohl sein im Gedanken an deine Verdienste. Werde nie verzagt; denn ich werde dich wiedersehen und dich an diese Worte erinnern.