Johannes Chrysostomus · Epistula ad Innocentium papam et ad Olympiadem · Buch 2 · Kapitel 13
576 Mit genauer Noth habe ich mich endlich nach meiner Ankunft in Kukusus, von wo ich auch diesen Brief an dich richte, etwas erholt, mit genauer Noth nach dem Rauch und den Wolken von allerlei Widerwärtigkeiten, die mich unterwegs geplagt haben, endlich wieder das Licht des Tages zu sehen bekommen. Jetzt nämlich, nachdem der Jammer vorübergegangen ist, kann ich es dir erzählen. Als ich darin saß, wollte ich Das nicht thun, um dich nicht so sehr zu betrüben. Ungefähr dreissig Tage oder auch noch länger hatte ich fortwährend mit den heftigsten Fiebern zu kämpfen, und so mußte ich, zugleich von andern, und zwar sehr lästigen Magenleiden bedrängt, diesen weiten und sehr beschwerlichen Weg zurücklegen. Denke dir die Folgen! Zudem waren weder Ärzte noch Bäder noch Lebensmittel aufzutreiben; es fehlte an Ruhe und Verpflegung; allenthalben ängstigte uns die Furcht vor den Isauriern, dazu kamen die andern Leiden, welche die Schwierigkeit des Weges mit sich zu bringen pflegt, Besorgniß, Unruhe, Niedergeschlagenheit, Mangel an Dienern. Aber jetzt ist Das alles vorbei. Denn nach meiner Ankunft in Kukusus hat mich die ganze Krankheit sammt ihren Nachwehen verlassen, und ich erfreue mich einer vollkommenen Gesundheit. Die 577 Furcht vor den Isauriern ist uns benommen; denn es gibt hier viele Soldaten, die überdieß durchaus gerüstet sind, es mit ihnen aufzunehmen. Auch strömt mir von allen Seiten Überfluß an Lebensmitteln zu, da mich Jedermann mit der größten Freundlichkeit aufnimmt (obgleich übrigens diese Gegend recht öde und abgelegen ist). Aber zufällig war mein Herr Dioskorus hier, der auch nach Cäsarea eigens zu dem Zwecke geschickt hat, mich dringend zu bitten, ich möchte doch nicht etwa einem andern Hause vor dem seinigen den Vorzug geben. So auch mehrere Andere. Allein ich glaubte ihm vor den Andern den Vorzug geben zu müssen und kehrte in sein Haus ein. Er thut Alles für mich, so daß ich ihn fortwährend schelte wegen der verschwenderischen Ausgaben und großen Opfer, denen er sich meinetwegen unterziehen will. So sehr steht er auf alle mögliche Weise zu meinen Diensten, daß er um meinetwillen umgezogen ist und nun ein Landgut bewohnt, daß er mir ein Haus eigens für den Winter ausstattet und zu diesem Zwecke alles Erdenkliche aufbietet, und daß er es überhaupt zu meiner Verpflegung an Nichts hat fehlen lassen. Auch viele andere Verwalter und Hausmeister, von ihren Herren brieflich beauftragt, kommen hier fortwährend zu mir und erklären sich bereit, auf jede Weise zu meiner Pflege und Erholung mitzuwirken. Das alles erzähle ich deßhalb, damit mich Niemand voreiliger Weise von hier wegzubringen suche. Darum habe ich euch jetzt jene Leiden geklagt und auch diese günstige Wendung mitgetheilt. Wenn Diejenigen, die mir den Gefallen erweisen wollen, mich selbst die Wahl meines Aufenthaltsortes treffen lassen, und nicht wieder nach ihrer Willkür einen andern Ort für mich wählen wollen, dann nimm die Vergünstigung an. Wenn sie mich aber von hier entfernen und [nach eigenem Gutdünken] an einen andern Ort schicken wollen, und für mich also wieder eine Reise, wieder eine Wanderung zu überstehen ist, so ist mir Das weit beschwerlicher. Denn fürs erste muß ich befürchten, daß sie mich an einen noch mehr entlegenen und unwirthlichen Ort schicken. Und dann ist das Reisen für 578 mich tausendmal beschwerlicher als das Verbanntsein. Denn bis an die Pforten des Todes haben mich die Leiden dieser Reise gebracht. Jetzt aber, bei meinem Aufenthalt in Kukusus, komme ich durch fortwährende Rast und beständiges Ausruhen wieder zu Kräften, indem ich mich durch die Ruhe von den Strapazen, die ich in der langen Zeit zu bestehen hatte, erhole, und meine zerschlagenen Knochen und meinen abgehetzten Leib wieder in Ordnung bringe.
Am Tage meiner Ankunft ist auch (meine Herrin) die Diakonissin Sabiniana angekommen, ermattet zwar und erschöpft, da sie ja in einem Alter steht, wo schon jede Bewegung lästig wird, nichtsdestoweniger aber voll jugendlich frischen Muthes, und sozusagen ohne Empfindung für alle die Verdrießlichkeiten. Denn sie sagte, sie sei auch zur Reise nach Skythien bereit (es ging nämlich die Rede, als ob ich dahin sollte transportirt werden); sie ist auch bereit, wie sie sagt, gar nicht mehr zurückzukehren, sondern da zu wohnen, wo ich bin. Auch sie wurde von den Mitgliedern der Gemeinde mit großer Bereitwilligkeit und herzlichem Wohlwollen aufgenommen. Mein Herr, der fromme Priester Konstantius war vorlängst ebenfalls zu wiederholten Malen hier. Er hatte mich nämlich auch brieflich um die Erlaubniß gebeten, hierher kommen zu dürfen; denn ohne meine Zustimmung, so schrieb er, wage er nicht zu kommen, obgleich er sich außerordentlich darnach sehnte und, wie er sagt, auch dort nicht bleiben kann. Denn er muß sich durchaus verborgen halten. So sehr ist er geplagt, wie er schreibt. Ich bitte dich also, in Betreff meines Aufenthaltes nicht anders zu verfahren. Wenn du es aber für gut halten solltest, hinsichtlich ihres Beschlusses wieder einmal einen Versuch zu machen, dann äussere nicht aus eigenem Antrieb einen Wunsch, sondern erforsche, wohin sie mich zu schicken beschlossen haben. Das kannst du ja, deine Klugheit wird dich leiten. Wenn du dann hörst, daß sie mich irgendwo hier in der Nähe in einer Seestadt, sei es in Cyzikus oder nahe bei Nikomedien unterbringen wollen, so gehe darauf 579 ein. Wenn aber in einem entlegenern Ort als diese, oder als mein jetziger Aufenthaltsort ist, oder in einem ebenso entlegenen als dieser ist, dann nimm es nicht an. Denn Das würde große Lasten und Beschwerden für mich absetzen. Hier erhole ich mich bis jetzt in sehr erfreulicher Weise; habe ich doch in zwei Tagen alle schlimmen Folgen der Reise verwunden.