Johannes Chrysostomus · Epistula ad Innocentium papam et ad Olympiadem · Buch 2 · Kapitel 3
478 Es sollte zwar schon der erste Brief an dich genügen, um das Geschwür deines Kummers zu heilen. Da dir aber die tyrannische Herrschaft der Traurigkeit sehr zugesetzt hat, habe ich für nöthig gehalten, dem frühern noch einen zweiten hinzuzufügen, damit du daraus Trost in reicher Fülle schöpfest und deine Gesundheit für die Zukunft sicher gestellt sei. Nun wohlan, ich will auch von einer andern Seite aus die Überreste deiner Trauer zu zerstreuen versuchen; aber ich hoffe, daß von der bedenklichen Wunde und Entzündung nur noch etwas Staub zurück geblieben ist. Doch darfst du dich auch wegen diesen nicht gleichgiltig verhalten, da ja auch ein wenig Staub, wenn man ihn nicht sorgfältig entfernt, an dem vorzüglichsten unter allen Gliedern diese Vernachläßigung rächen kann, indem er die Sehkraft schwächt und das Auge des Unvorsichtigen ganz in Unordnung bringt. Damit nicht in unserm Falle etwas Ähnliches geschehe, laßt uns mit großer Sorgfalt auch den Rest des Übels hinwegräumen. Richte dich aber auf und reiche mir die Hand! Denn wenn die Ärzte zwar ihre Sache thun, die Kranken es aber an ihrem Theil fehlen 479 lassen, wird der Vortheil für den Gesundheitszustand wieder zerstört; so pflegt es bei den Krankheiten des Leibes, so auch bei den Krankheiten der Seele zu gehen. Damit Dieß nun nicht eintrete, suche auch deinerseits recht vernünftig, wie man von dir erwarten darf, deine Pflichten in diesem Falle gegen mich zu erfüllen, damit wir gemeinsam großen Nutzen erzielen. Doch du sagst vielleicht: ich möchte wohl, aber ich kann nicht; ich bin trotz der größten Anstrengung nicht im Stande, das dichte und düstere Gewölk der Niedergeschlagenheit zu zerstreuen. Das ist ein Vorwand und eine leere Entschuldigung; denn ich kenne ja die edle Art deiner Gesinnung, die Stärke deiner Frömmigkeit, die Größe deiner Einsicht, die Kraft deiner vernünftigen Überlegung; ich weiß, du brauchst nur dem aufgeregten Meere deiner entmuthigenden Gedanken zu gebieten, so wird Alles still und ruhig sein; damit dir Das aber leichter werde, will ich auch das Meinige dazu thun. Wie kannst du Das nun leicht zu Stande bringen? Indem du einerseits den Inhalt meines vorigen Briefes wieder erwägst (denn Vieles habe ich darin gerade um dieses Zweckes willen gesagt) und andererseits zugleich Dasjenige thust, was ich dir jetzt auflegen will. Nämlich: Wenn du hörst, daß hier eine Kirchengemeinde zu Grunde gegangen, dort eine im Wanken ist, eine andere von drohenden Fluthen umwogt wird, wieder eine andere an unheilbarer Krankheit leidet, indem der einen ein Wolf statt des Hirten, der andern ein Seeräuber statt des Steuermanns, der dritten ein Scharfrichter statt des Arztes zu Theil geworden: dann sollst du dich zwar betrüben (denn dergleichen darf und soll man nicht ohne schmerzliche Bewegung ertragen), aber du sollst in deiner Traurigkeit Maß halten. Denn nicht einmal über unsere eigenen Sünden, über die wir doch Rechenschaft abzulegen haben, sollen wir uns gar so heftig betrüben; Das wäre weder nothwendig noch ungefährlich, sondern sehr schädlich und verderblich; und nun gar wegen fremder Vergehen sich entmuthigen und fast aufreiben vor Schmerz —, Das ist noch weit mehr überflüssig und thöricht, überdieß 480 aber eine Eingebung des Teufels und das Verderben der Seele.
Damit du einsehest, daß Dem so ist, will ich dir eine alte Geschichte erzählen. Es war ein Mann in Korinth, schon theilhaft geworden der Wohlthat des geweihten [Tauf-] Brunnens, gereinigt durch das Sakrament der Taufe, zur Theilnahme zugelassen an dem heiligen Tische, dem man nur mit Bangen naht, überhaupt zur Gemeinschaft all’ unserer Geheimnisse erhoben; Viele behaupten, er habe sogar das Amt eines Lehrers bekleidet. Nach dem Empfang dieser erhabenen Würde, aufgenommen in die Gemeinschaft aller der geheimnißvollen Gnaden, mit einem höhern Vorrang in der Kirche ausgestattet beging er ein überaus schweres Verbrechen. Er warf seine zuchtlosen Augen auf das Weib seines Vaters und begnügte sich nicht mit dieser verbrecherischen Begier, sondern führte auch den unzüchtigen Gedanken bis zur That. Das Vergehen war nicht einfache Fleischessünde, sondern zugleich Ehebruch oder vielmehr noch weit schlimmer als Ehebruch. Darum hat auch der heilige Paulus, als er von dem Verbrechen hörte und ihm keinen Namen zu geben wußte, der seiner Schändlichkeit vollständig entsprach, die Größe dieser Sünde auf andere Weise angedeutet mit den Worten: „Man muß sogar hören, daß Unzucht bei euch vorkommt, und zwar solche Unzucht, von der nicht einmal unter den Heiden Rede ist.“ Er sagt nicht: die nicht geübt wird unter den Heiden, sondern: von der nicht einmal Rede ist, um dadurch die übermäßige Schwere des Vergehens anzudeuten. Und er überliefert den Sünder dem Teufel, stößt ihn gänzlich aus der Kirche aus und verbietet sogar, ihn zu dem gemeinsamen 481 Tische zuzulassen. Mit einem solchen Menschen, sagt er, soll man nicht einmal zusammen essen. So sehr spricht aus ihm die zornige Strenge, daß er ihn zur größtmöglichen Strafe verdammt und als Vollstrecker des Urtheils den Teufel gebraucht, und durch diesen den Leib des Sünders züchtigen läßt. Und dieser nämliche Paulus, der ihn von der Kirche ausgeschlossen, der ihm den gemeinsamen Tisch verwehrt, der Alle zur Trauer um jenen Menschen aufgefordert hatte („und ihr seid aufgeblasen, statt zu trauern, auf daß Derjenige aus eurer Mitte ausgeschieden würde, der diese That verübt hat“), derselbe Paulus, der ihn wie einen Pestkranken aus aller Gemeinschaft hinweggetrieben, ihm das ganze Haus verschlossen, ihn dem Satan überliefert, überhaupt zu einer so unerhört schweren Strafe verurtheilt hatte: dieser nämliche Paulus hat, als er den Reueschmerz des Sünders gewahrte und seinen Widerruf durch gründliche Lebensbesserung, so vollständig seine Rolle gewechselt, daß er jetzt denselben Leuten ganz die entgegengesetzten Weisungen gab. Der da früher gesagt hatte: Stoßt ihn aus, meidet ihn, trauert um ihn, der Teufel soll sich seiner bemächtigen; wie spricht er jetzt? „Bethätiget euere liebevolle Gesinnung gegen ihn, damit der so Geartete nicht von übermäßiger Trauer aufgerieben und wir vom Satan überlistet werden; denn seine Anschläge sind uns nicht unbekannt. Siehst du wohl, daß das Übermaß der Trauer vom bösen Feind kommt, von ihm als Fallstrick benutzt wird, um die heilsame Arznei in schädliches Gift zu verwandeln? Die Trauer wird verderblich und liefert den Menschen dem Teufel in die Hände, wenn sie über das Maß hinausgeht; daher sagt auch der Apostel: damit wir nicht vom Satan überlistet werden. Was er sagen will, ist etwa Dieses: Dieses Schaf war in hohem Grade mit der Krätze behaftet; darum ist es der Heerde fremd geworden, 482 von der Kirche losgetrennt worden; aber es ist von der Krankheit genesen und so ein Schaf geworden wie früher (denn so groß ist die Wirkung der Buße); für die Zukunft gehört es wieder zu unserer Heerde; wohlan, wir wollen es an uns ziehen, mit offenen Armen aufnehmen, umarmen, umklammern, mit uns vereinigen. Denn wofern wir Das nicht thun wollen, wird uns bald der Teufel überlisten, indem er in Folge unserer Nachläßigkeit sich einer Seele bemächtigt, die nicht ihm gehört, sondern wieder unser geworden ist, indem ihre übermäßige Trauer ihm möglich macht, sie gleichsam in das Meer [der Verzweiflung] zu versenken und für die Folgezeit zu seinem Eigenthum zu machen. Deßhalb fügte Paulus auch hinzu: denn seine Anschläge sind uns nicht unbekannt; weil nämlich der Teufel oft auch durch Das, was sonst heilsam ist, die Unbehutsamen zu hintergehen pflegt, wenn sie es nicht in der rechten Weise anwenden.
Paulus also erlaubte nicht, daß der Sünder sich wegen seines eigenen — und wie großen! — Vergehens gar zu großer Trauer hingäbe, sondern er läßt es sich sehr angelegen sein und thut alles Mögliche und Erdenkliche, um ihn von der erdrückenden Last dieser Betrübniß zu befreien, indem er ihr Übermaß auf den Teufel zurückführt und des Teufels überwältigenden Einfluß, des Teufels List und seiner bösen Anschläge Werk darin erkennt: wenn es sich nun um fremde Sünden handelt, die Andere verantworten müssen, wie sollte es nicht Thorheit, ja vollendeter Wahnsinn sein, sich so sehr von Schmerz und Trauer niederdrücken zu lassen, daß sie die Seele mit dichter Finsterniß umhüllen, in Unruhe und Verwirrung stürzen, durch heftigen Sturm und Unwetter ängstigen? Wenn du mir aber wieder das Nämliche sagst: Ich will, aber ich kann nicht, — so sage ich dir auch wieder das Nämliche: Das ist ein 483 Vorwand, ist eine leere Entschuldigung; denn ich kenne die Stärke deiner christlich frommen Seele. Damit ich dir aber noch von einem andern Gesichtspunkte aus die Bekämpfung und Überwindung dieser unmäßigen und verderblichen Trauer leichter mache, so thue wiederum, was ich dir jetzt auflege. Wenn du Jemand dieses schreckliche Unheil schildern hörst, so gehe schnell von diesen Gedanken über zu der Vorstellung von jenem furchtbaren Tage [des Gerichtes] und betrachte bei dir den Richterthron, zu dessen Füßen die Sünder zitternd stehen, den unbestechlichen Richter, die feurigen Ströme, die vor seinem Throne sich hinziehen und aufsprudeln in mächtigen Flammen, die wohlgeschärften Schwerter, die harten Strafen, die endlose Züchtigung, die äusserste, keinem Lichte zugängliche Finsterniß, den vergiftenden Wurm, die unzerreißbaren Bande, das Zähneknirschen, das trostlose Heulen, den Schauplatz unserer Erde oder vielmehr beider Welten: der Welt dort oben und der Welt hier unten. „Denn auch die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden,“ sagt der Herr. Wenn sie [die Kräfte als Engel aufgefaßt] sich auch keiner Sünde bewußt sind und keine Rechenschaft abzulegen haben, stehen sie gleichwohl beim Anblick des Gerichtes über das ganze Menschengeschlecht und die unzähligen Völker nicht ohne Furcht: so groß wird dann die Bestürzung sein. Daran also denke, und wie Alles auf unwiderlegliche Weise offenbar wird. Denn jener Richter hat weder Kläger noch Zeugen noch Beweise noch Belege vonnöthen, sondern er bringt Alles, so wie es verübt worden, an’s Licht und vor die Augen der Schuldigen. Dann wird Niemand uns Schutz oder Befreiung von der Strafe erwirken können, sei es Vater oder Sohn oder Tochter oder Mutter oder sonst ein Verwandter, sei es Nachbar oder Freund oder Anwalt; noch können Geldspenden oder die Menge des Reichthums oder angesehene Stellung etwas helfen; Das alles ist wie Staub von den Füßen 484 abgeschüttelt; und nur die Person des zu Richtenden hat einzig von ihrem Thun und Lassen das günstige oder verdammende Urtheil zu erwarten. Dann wird von Niemandem über Dasjenige Rechenschaft gefordert, was ein Anderer verbrochen, sondern von Jedem nur über seine eigenen Sünden. Das alles zusammen stelle dir vor; und indem du dieser Furcht Nahrung zuführst und dadurch gegen die verderbliche, vom Teufel herstammende Trauer eine feste Burg errichtest, stehe ihr also kampfgerüstet gegenüber; und durch dein bloßes Erscheinen wirst du sie leichter als Spinngewebe zerreissen und zerstören können. Denn diese Trauer ist nicht nur nutzlos und überflüssig, sondern auch sehr schädlich und unheilvoll; jene Furcht dagegen ist nothwendig, nützlich, heilsam und bringt großen Gewinn. Doch ― ich habe mich unvermerkt im Flusse der Rede zu weit fortreissen lassen und eine Aufforderung an dich gerichtet, die bei dir nicht an der Stelle ist. Mir freilich und Denen, die gleich mir sich schon mit vielen Sünden bedeckt haben, thun dergleichen Gedanken noth: sie schrecken und regen auf; dir aber, die in ihrem Tugendschmuck schon an den Himmel rührt, werden sie schwerlich auch nur die geringste Erschütterung verursachen können. Ich will also andere Saiten aufziehen und mich zu einer andern Weise anschicken, da jene Furcht an dich nicht kommen kann — nur allenfalls, soweit sie auch die Engel trifft. Laß uns also auch nach dieser Seite schauen, folge auch du meinen Gedanken und denke an den Lohn, der deinen Tugenden werden soll; denke an die glänzenden Siegeszeichen, die strahlenden Kronen, den Reigen der Jungfrauen, die heiligen Hallen und das Brautgemach im Himmel, den Antheil mit den Engeln, den traulichen Verkehr mit dem Bräutigam, den wunderbaren Lichtglanz, die Herrlichkeit, die alle Rede und allen Begriff übersteigt.
Und nun nimm an meinen Worten nur keinen Anstoß, 485 wenn ich dich auch in den Chor jener heiligen Jungfrauen eingereiht habe, obgleich du im Wittwenstande lebest. Du hast mich ja oft, sowohl im Zwiegespräch als in öffentlicher Rede, auseinandersetzen hören, welche eigentlich unter den Begriff der Jungfrauen fallen, und es stehe Nichts im Wege, daß Diejenigen, welche sich im Übrigen durch christliche Tugend und Weisheit ausgezeichnet, einst in den Chor der Jungfrauen eintreten und diesen sogar bei Weitem vorgezogen werden. Deßhalb hat auch Paulus, indem er die Jungfrauschaft näher erklärte, nicht schlechthin diejenigen Personen Jungfrauen genannt, die unvermählt bleiben und sich der ehelichen Gemeinschaft des Mannes enthalten, sondern die auf Das denken, was des Herrn ist. Und Christus selbst deutet uns an, wie sehr die Jungfräulichkeit der Wohlthätigkeit nachsteht — in dieser Tugend aber stehst du oben an, diese Krone hast du dir schon längst aufgesetzt. Er weiset ja von dem Chore der Jungfrauen die halbe Zahl zurück, weil sie ohne jene Tugend kommen oder dieselbe vielmehr nicht eifrig geübt haben: denn sie haben ja Öl, aber nicht genug. Diejenigen aber, die ohne die Jungfräulichkeit erscheinen, dagegen mit dieser Tugend bekleidet sind, nimmt er mit großen Ehren auf, nennt sie die Gesegneten seines Vaters, ruft sie zu sich, schenkt ihnen die Erbschaft des Himmelreiches und rühmt sie inmitten der ganzen Welt; und er nimmt keinen Anstand, vor den Engeln und aller Welt zu verkünden, daß sie ihn gespeist und als Fremden beherbergt haben. Diese beseligende Anrede wirst auch du alsdann vernehmen, dieser Vergeltung in überaus reichem Maße dich erfreuen. Schon für deine Almosen hast du also so reichen Lohn zu erwarten, so schöne Kronen, so großen Glanz, Ehre und Herrlichkeit; wie erst, wenn ich auch noch deiner andern Tugenden gedenken wollte? Müßtest du nicht bei so bewandten Umständen schon jetzt Feste feiern, vor Freude aufhüpfen und tanzen und dein Haupt bekränzen? Ist es deßhalb nicht unverzeihlich, wenn du dich von Gram aufreiben läßt, weil Dieser sich wahnsinniger Bosheit hingegeben, Jener sich kopfüber in sein Verderben 486 gestürzt hat? wenn du so den Kampf gegen deine geheiligte Seele dem Teufel leicht machst, den du bis heute nicht aufgehört hast zu zerfleischen? Denn was soll man erst von deiner vielfältigen und oft bewährten Geduld im Leiden sagen? Wie weit würde es mich führen, und wie umfangreich müßte die Erzählung werden, wenn man aufzählen wollte die Widerwärtigkeiten, die du von früher Jugend an bis jetzt zu ertragen hattest: von Hausgenossen und von Fremden, von Freunden und von Feinden, von Verwandten und von Nichtverwandten, von Vornehmen und von Menschen aus dem gemeinen Volke, von Gewalthabern und von Menschen ohne Amt und Würden, und endlich von Solchen, die zum Klerus zählten! Wollte man davon jedes Einzelne durchgehen, so könnte jedes Einzelne den Stoff zu einer vollständigen Geschichte liefern. Wollte man überdieß noch der Beweise anderer Art gedenken, durch die du diese Tugend bewährt hast, und die Leiden aufzählen, die dir nicht von andern Menschen, sondern von dir selbst sind angethan worden: man würde finden, daß du dich stärker und ausdauernder als Stein und Erz und Stahl bewiesen hast. Deinem Leibe, der von Natur so zart und wehleidig und unter Verweichlichungen jeder Art großgezogen war, hast du durch vielfache Züchtigungen so zugesetzt, daß es kaum besser mit ihm steht, als wenn er schon ganz ertödtet wäre; und du hast dir eine solche Menge von Krankheiten aufgeladen, daß weder die Kunst der Ärzte noch die Kraft der Arzneien noch die sorgfältigste Pflege dagegen ankommen kann, und daß du beständig von Schmerzen geplagt wirst.
Es würde ferner einer weitläufigen Erzählung bedürfen, wenn man deine Mäßigkeit und Abtödtung im Genusse der Leibesnahrung und des Schlafes schildern wollte. Ja eigentlich darf man diese Tugenden bei dir nicht mehr Mäßigkeit 487 und Abtödtung nennen, sondern muß dafür nach einem andern Worte suchen, das weit mehr besagt. Denn daß sie sich mäßigen und abtödten, sagen wir nur von solchen Menschen, die von ungeordneten Begierden angefochten werden und sie bezwingen. Du aber hast Nichts mehr zu bezwingen; denn von Anfang an mit gewaltiger Anstrengung gegen das Fleisch ankämpfend hast du diese seine Begierden zerstört, hast dem Gaul nicht bloß die Zügel angelegt, sondern ihn in die Schlinge verwickelt und zu Boden geworfen und so aller freien Bewegung beraubt. Damals hast du dich durch Abtödtung ausgezeichnet, jetzt bist du frei von allem ungeordneten Verlangen solcher Art. Dich plagt nicht mehr die Begierde nach reichlichen oder ausgesuchten Speisen, du hast keine Mühe vonnöthen, um sie zu bezwingen; sondern hast sie ein für allemal hinweggeräumt und deinen Leib für sie unzugänglich gemacht und hast deinen Magen gelehrt, sich mit dem Maße in Speis und Trank zu begnügen, das nothwendig ist, damit du nicht stirbst und nicht straffällig wirst. Daher nenne ich Dieß nicht mehr Fasten oder Abtödtung; es ist etwas Anderes und etwas Größeres. Ganz ebenso verhält es sich mit deinen wahrhaft heiligen Nachtwachen; denn zugleich mit der ungeordneten Eßlust ist auch das ungeordnete Verlangen nach Schlaf erstorben; wird doch durch Speise und Trank auch Bedürfniß und Lust zu schlafen genährt. Demselben ungeordneten Verlangen hast du noch auf andere Weise ein Ende gemacht, indem du nämlich gleich im Anfang auch die Natur selbst bezwungen und ganze Nächte schlaflos verbracht, später aber durch die anhaltende Gewohnheit dir ein solches Verfahren zur andern Natur gemacht hast. Wie den andern Leuten das Schlafen, so ist dir das Wachen natürlich. Das ist bewunderungswürdig und staunenswerth, schon an und für sich betrachtet. Zieht man aber zudem die Zeit in Betracht, daß du Dieß nämlich im jugendlichen Alter zuwege brachtest; ferner den Mangel an Belehrung, die Menge der bösen Beispiele, daß überdieß dein Geist kaum erst aus einem gottlosen Hause zur Wahrheit hinübergeflohen und daß 488 endlich dein Leib, schwach schon dem Geschlechte nach, bei dem vornehmen Rang und der Üppigkeit der Alten verweichlicht war, — wenn man Das alles erwägt, so sieht man bei jedem dieser Umstände wieder gleichsam ein Meer von Wundern sich aufthun. Daher will ich von den übrigen Tugenden, die deine heilige Seele zieren, von der Demuth, Liebe und den andern gar nicht reden. Indem ich dieser nur gedenke und ihre Namen ausspreche, entspringen mir aus dem Gedanken wieder tausend Quellen, und wie ich es eben gemacht habe [wo von der Mäßigkeit die Rede war], kann ich mich auch hier kaum enthalten, wenigstens zum Theil die Arten dieser Tugenden zu beschreiben oder vielmehr ihren Grundriß zu zeichnen; denn das Erstere würde schon eine sehr ausführliche Erörterung fordern. Aber ich will dieser Versuchung nicht nachgeben, um nicht, wenn ich in dieses unabsehbare Meer hinausfahre, von meinem vorgesetzten Thema abzuschweifen. Hätte ich mir nicht dießmal zur Aufgabe gestellt, deine Traurigkeit mit der Wurzel auszureissen, so würde ich gern bei diesen Gedanken verweilen und das endlose Meer befahren — oder die Meere vielmehr; denn ich könnte jede deiner Tugenden auf ihren verschiedenen Wegen verfolgen, und jeder Weg würde sich zu einem neuen Meer erweitern. So könnte ich reden von deiner Geduld, deiner Demuth, deiner vielgestaltigen Wohlthätigkeit, die sich bis zu den Enden der Erde ausbreitet, deiner Liebe, die es tausend Gluthöfen an feuriger Gewalt zuvorthut, deiner staunenswerthen christlichen Klugheit, die zugleich durch liebevolle Freundlichkeit gewürzt ist und über das Maß der Natur hinausgeht. Wollte aber Jemand auch die guten Handlungen aufzählen, die aus diesen Tugenden hervorgegangen sind, der könnte es ebenso gut versuchen, die Wellen des Meeres zu zählen.
Daher will ich an diesem endlosen Meere vorbeifahren 489 und, weil man bekanntlich den Vogel an seinen Federn erkennt, nur einiges Wenige über deine Bekleidung sagen, über die Einfachheit und löbliche Gleichgiltigkeit, die du in der Wahl und im Gebrauche deiner Gewänder an den Tag legst. Dieser Vorzug scheint zwar geringer zu sein als die übrigen; allein genau besehen ist er sehr groß und erfordert eine Seele, die, in der Weisheit erstarkt, alles Irdische unter die Füße tritt und sich frei zum Himmel schwingt. Deßhalb sprach Gott durch den Mund des Propheten folgende Worte, indem er nicht bloß im neuen, sondern auch im alten Testament die Liebe zur Kleiderpracht auf’s Strengste untersagte. Dabei ist [nämlich zur Erklärung der angedrohten Strafe] zu erinnern, daß in jener Zeit die Führung des Menschengeschlechtes durch Gott den Herrn sozusagen in Vorbildern und Gleichnissen geschah; daß das bürgerliche Leben in einer den Sinnen mehr fühlbaren Weise geordnet, von den himmlischen Dingen noch nirgends Rede war, des Zukünftigen nicht gedacht, jene höhere Weisheit, die uns nunmehr beherrscht, nicht einmal angedeutet wurde und das jüdische Gesetz mehr auf das Fleisch, den Leib und das irdische Leben sich bezog. Damals also sprach Gott durch den Propheten: „Dieß sagt der Herr von den vornehmen Töchtern Sions: Weil ihre Töchter sich aufblähten und mit erhobenem Nacken und unter Augenzwinkern einherschritten und so, wie sie ihre Füße voransetzten, ihre Kleider schleppten und wie tanzend auf ihren Füßen dahertrippelten, wird der Herr diese vornehmen Töchter Sions erniedrigen, wird ihre Gestalt enthüllen und sie ihrer prächtigen Gewänder entkleiden. Die süßen Wohlgerüche wird dir Staub ersetzen, statt des Gürtels wirst du einen Strick dir umthun, statt des Kopfputzes einen Kahlkopf haben wegen deiner Werke, und statt des purpurnen Unterkleides wirst du einen Sack anziehen.“ Das ist es also, was den 490 Putz vertreten soll. Siehst du den gewaltigen Zorn? Siehst du die strenge Strafe und Züchtigung? Siehst du die drückende Knechtschaft, die er androht? Daraus schließe auf die Größe der Sünde! Denn der Barmherzige würde nimmer eine so harte Strafe verhängen, wenn nicht die Sünde, die sie herbeizieht, noch weit größer wäre. Ist aber die Sünde so groß, dann wird die entgegengesetzte Tugend offenbar auch sehr groß sein. Daher mahnt Paulus in seiner Unterweisung für die Weiber, die in der Welt leben, nicht bloß von dem Tragen goldener Geschmeide ab, sondern er gestattet auch keine kostbaren Kleider. Denn er weiß, er weiß sehr wohl, daß dieser Hang zur Kleiderhoffart eine schlimme und schwer zu heilende Krankheit der Seele, das offenbare Zeichen einer verkehrten Gesinnung ist, und daß es, um ihr zu entgehen, eines nicht geringen Maßes von christlicher Weisheit bedarf. Das sieht man nicht nur an den in der Welt lebenden und verheiratheten Weibern, von denen so leicht keine diese Ermahnung sich mag zu Herzen genommen haben, sondern auch an denjenigen, welche als berufene Vertreterinen der christlichen Vollkommenheit gelten und so glücklich sind, zum Chore der Jungfrauen gezählt zu werden. Sie haben sich gerüstet, die sinnliche Natur vollständig zu beherrschen, sie durchlaufen ohne Tadel die Bahn des jungfräulichen Lebens, ja sie führen in dieser Beziehung ein Leben wie die Engel und sind schon im sterblichen Fleische mit einem Merkmal der Verklärung geschmückt („denn in jenem Leben,“ sagt der Herr, „wird man weder heirathen noch verheirathet werden“), sie haben gleichsam einen Wettkampf mit leiblosen Wesen unternommen und streiten trotz des verweslichen Leibes um den Vorrang mit unsterblichen, rein geistigen Kreaturen; wovon viele Menschen nicht einmal hören mögen, Das üben sie im Werke, sie wehren der Leidenschaft nicht anders als 491 einem wüthenden Hunde, der fortwährend gegen sie aufspringt; sie wissen das stürmische Meer zu beruhigen, die wilden Fluthen mit ruhigem Gleichmuth zu durchschiffen und die See beim Toben des Orkans ebenso wie bei günstigem Winde zu durchfahren; sie stehen in dem Feuerofen der Begierlichkeit, ohne zu brennen, und verstehen die glühenden Kohlen wie Staub zu zertreten — und doch sind manche aus ihnen von jener andern Leidenschaft ganz elend und schimpflich überwältigt worden, sind ihr unterlegen, nachdem sie Größeres geleistet hatten.
Die Bewahrung der Jungfrauschaft ist etwas so Großes und erfordert so große Mühe, daß Christus nicht wagte, sie vorzuschreiben und zum Gesetz zu machen. Und doch war er vom Himmel herabgekommen, um die Menschen zu Engeln zu machen, und um hier auf Erden ein himmlisches Leben anzubahnen; er erließ das Gebot [für ihn] zu sterben — was könnte es wohl Schwereres geben? — und sich fortwährend zu kreuzigen und selbst den Feinden Gutes zu erweisen; aber er befahl nicht, jungfräulich zu bleiben, sondern überließ Das der freien Wahl des Einzelnen, indem er sagte: „Wer es fassen kann, Der fasse es.“ In der That ist es keine leichte Last, der Kampf ist schwer und kostet nicht wenig Schweiß; und sehr steil ist der Weg dieser Tugend. Das sieht man auch an den Tugendhelden des alten Bundes. Moses, jener große Mann, das Haupt der Propheten, der treue Freund Gottes, der über ihn eine solche Gewalt besaß, daß er sechsmalhunderttausend Israeliten, die der Strafe verfallen waren, der von Gott verhängten Züchtigung zu entreissen vermochte, — dieser große 492 und herrliche Mann hat zwar das Meer getheilt durch sein gebietendes Wort, hat Felsen gespalten, über den Wandel der Witterung geherrscht, das Wasser des Nil in Blut verwandelt, den Pharao mit einem Heer von Fröschen und Heuschrecken bekämpft, die Elemente der geschaffenen Dinge gewandelt und tausend andere Wunder gewirkt und hat nicht minder viele Beweise von Tugend gegeben — von beiden Seiten strahlet sein Glanz — aber zu den Kämpfen eines jungfräulichen Lebens konnte er sich nicht aufschwingen, sondern bedurfte der Ehe, der Gemeinschaft des Weibes, um dadurch sicher gestellt zu sein; er wagte sich nicht auf das Meer eines jungfräulichen Lebens hinaus, denn er fürchtete sich vor dessen Stürmen. Und jener Patriarch, der Opferer seines Sohnes, er vermochte den stärksten Trieb der Natur niederzukämpfen und das eigene Kind zu tödten, und zwar seinen Sohn Isaak in der Blüthe und Frische seines jugendlichen Alters, den theuren Eingebornen, der ihm gegen alle Hoffnung im hohen Alter war geschenkt worden, wo er keine andere Sorge und Furcht kannte, den die schönsten Vorzüge schmückten; und er war stark genug, diesen seinen Sohn zu diesem Ende auf den Berg hinaufzuführen; er baute den Altar, sammelte das Holz, legte das Schlachtopfer darauf, ergriff das Messer und stand auf dem Punkte, es dem Knaben in die Kehle zu stoßen. Er stieß zu, um sein Blut zu vergießen, dieser Mann, fest und hart wie Diamant, oder vielmehr fester noch und härter, denn der Diamant ist es von Natur; er aber brachte es zu einer solchen Härte und Festigkeit durch freie Überlegung und Entscheidung, und so bewährte er im Werke jene Freiheit von aller ungeordneten Zu- oder Abneigung, wodurch sich die Engel auszeichnen. Und trotz alle Dem — der Mann, der einen solchen und so schweren Kampf siegreich bestanden und weit über die Grenzen des natürlichen Könnens hinausgegangen war, wagte die Kämpfe des jungfräulichen Lebens nicht auf sich zu nehmen; auch er fürchtete sich, diese Arena zu betreten, und verschaffte sich die Erleichterung, welche die Ehe bietet.
493 Soll ich dir zu den erwähnten Männern noch den Job hinzufügen? den gerechten, wahrhaften, gottesfürchtigen, der sich vom Bösen so streng enthielt? Dieser Job, wenngleich vom Teufel geschlagen und nicht selber schlagend, zerschlug ihm gleichwohl das Angesicht. Der böse Feind mußte gegen ihn gleichsam seinen ganzen Vorrath an Pfeilen erschöpfen; von diesen Geschoßen getroffen erduldete er fortwährend Anfechtungen aller Art, und zwar alle in der schmerzlichsten Weise. Denn was zählt man — und mit Recht — in erster Linie unter die Widerwärtigkeiten dieses Lebens? Armuth, Krankheit, Verlust der Kinder, Befeindung, Undankbarkeit der Freunde, Hunger, andauernde körperliche Schmerzen, Schmähungen, Verleumdungen, einen bösen Leumund. Das alles ward hier auf einen Leib ausgegossen, auf eine Seele gehäuft; und das Leiden drückte um so schwerer, weil er nicht daran gewöhnt war. Das meine ich nämlich so: Wer von dürftigen Eltern geboren und in einem solchen Hause erzogen ist, der wird die Last der Armuth leicht tragen, weil er daran gewöhnt und darin geübt ist; wer aber von so großen Reichthümern umgeben und in solchen Überfluß gebettet war und dann plötzlich in die dürftigsten Umstände geräth, der wird diese Wandelung der Dinge so leicht nicht ertragen können; sie drückt härter, indem sie einen Ungeübten auf einmal überfällt; ferner: wer zu den gewöhnlichen Leuten gehört und von solchen herstammt und zeitlebens nur eine verächtliche Behandlung erfahren hat, wird sich nicht sehr beunruhigen, wenn man ihn schmäht und beschimpft; wer aber so große Ehren genossen hat, von Allen mit ehrfurchtsvoller Unterwürfigkeit behandelt worden ist, in Aller Mund war und allenthalben so sehr ausgezeichnet und gepriesen ward — wenn ein Solcher der Verachtung und einem bösen Rufe anheimfällt, dann ergeht es ihm gerade so wie Demjenigen, der aus einem 494 reichen Mann plötzlich ein armer geworden ist. Und wiederum: Wer seine Kinder, auch alle seine Kinder verliert, aber nicht zu derselben Zeit, Der hat an den übrig gebliebenen einen Trost für die verlorenen; und wenn er nach einiger Zeit das zweite verliert, so ist das Leid um den Tod des ersten wieder gestillt, und dadurch wird der zweite Schmerz erträglicher; denn er trifft nicht mehr die frische Wunde, sondern die Wunde ist geheilt oder doch gelindert, und Das mindert die Qual nicht wenig. Jener Mann aber sah sich in einem Augenblicke der ganzen Reihe seiner Kinder beraubt, und zwar durch den jammervollsten Tod. Es war ein gewaltsamer und war ein früher Tod, Zeit und Ort waren dazu angethan, den Kummer nicht wenig zu vermehren; denn es war die Zeit des Gastmahls, das Haus den Gästen geöffnet, und dieses Haus wurde für sie zum Grab. Was soll man ferner von jenem in seiner Art eigenthümlichen und unerhörten Hunger sagen, den man kaum näher zu bezeichnen weiß? Soll ich ihn freiwillig oder unfreiwillig nennen? Ich weiß nämlich nicht, wie er zu nennen ist, und ich finde kein Wort für ein Ungemach von so ungewöhnlicher Art. Denn dieser Mann enthielt sich des Mahles, das vor ihm stand, und rührte die Speisen nicht an, die er da aufgestellt sah. Der üble Geruch aus den Wunden seines Leibes, der ihm entgegen kam, benahm ihm die Eßlust und machte ihm alle Speisen zuwider. Das gab er kund, als er sagte: „Ich sehe, meine Speisen sind lauter Gestank.“ Die Übermacht des Hungers wollte ihn zwingen, zu ergreifen, was ihm vorlag; aber der entsetzliche Geruch, der aus seinem Fleische aufstieg, trug über die Gewalt des Hungers den Sieg davon. Daher sagte ich auch: ich weiß diese Art von Hunger nicht näher zu bezeichnen; freiwillig? allein er wollte gern kosten von Dem, was ihm vorlag; oder aber unfreiwillig? allein Speise war 495 vorhanden, und Niemand hielt ihn zurück. Wie wäre ich im Stande, dir all’ seinen Jammer vorzuführen? Denke nur an die Brutstätten der Würmer an seinem Leibe, an den reichlich fließenden Eiter seiner Wunden, die Schmähungen der Freunde, die Verachtung der Hausgenossen (denn, sagt er, meine Knechte schonten meiner nicht und spieen mir in’s Angesicht); denke ferner an Die, welche wider ihn losfuhren und ihn angriffen („die ich früher nicht so viel achtete als meine Hunde, die sind jetzt alle zusammen über mich hergefallen, und selbst die Geringsten wollen mir Verweise geben“). Scheint dir nicht Dieß alles recht hart zu sein? Das ist es in der That. Soll ich dir noch sagen, was sein größtes Leiden war, was den Gipfelpunkt seines Unglücks bildete und ihn am meisten ängstigte? Es waren die Stürme und die Wirren, die in seinem Innern tobten. Die waren am schwersten zu ertragen, die machten ihm die meiste Angst. Sein reines Gewissen war die Hauptveranlassung zu diesem innern Sturm; dadurch wurde sein Verstand verdunkelt, wurde so zu sagen der Steuermann in Verwirrung gesetzt. Denn die sich vieler Vergehen bewußt sind, wissen doch einen Grund für ihre Leiden aufzufinden, indem sie sich ihre Sünden vorhalten; dadurch können sie beunruhigende Zweifel verscheuchen. Diejenigen hinwiederum, welche sich keiner Vergehen bewußt sind, sondern viel Gutes aufzuweisen haben, wissen, daß ihre Leiden Kämpfe sind und ihnen viele Siegespalmen verschaffen, — wofern sie die Lehre von der Auferstehung kennen und an die zukünftige Vergeltung denken. Dieser Mann aber war gerecht und wußte Nichts von der Auferstehung, und Das peinigte ihn am meisten, daß er die Ursache seiner Leiden nicht kannte, der Würmer und der Schmerzen, dieser Zweifel zerriß seine Seele mehr und mehr. Damit du einsiehst, daß dem wirklich so war, erinnere dich an das Eine: als 496 Gott in seiner liebevollen Güte sich würdigte, ihm den Grund dieser Kämpfe mitzutheilen (damit du dich als Gerechter bewährtest, ist Dieses gestattet worden), da wurde er dermaßen ermuthigt und getröstet, als ob er Nichts von jenen Schmerzen erduldet hätte. Das ergibt sich aus Dem, was er darauf sagte. Aber auch ehe er jene Ursache erfahren hatte, trug er seine Leiden bei aller Betrübniß mit Heldenmuth, und nachdem er Alles verloren hatte, sprach er jenes bewunderungswürdige Wort: „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen; wie es dem Herrn gefallen hat, also ist es geschehen. Der Name des Herrn sei gebenedeit in Ewigkeit.“
Doch ich sehe, daß die Vorliebe für diesen Mann, die mich beherrscht, mich zu weit von meinem Thema abgeleitet hat. Daher will ich nur noch Weniges hinzufügen und dann den Faden wieder aufnehmen. Selbst dieser große und vortreffliche Mann, der sich über so viele Drangsale der Natur zu erheben wußte, wagte sich an jene Kämpfe [des jungfräulichen Lebens] nicht heran, sondern genoß des Umgangs mit dem Weibe und wurde Vater vieler Kinder.
So viele Schwierigkeiten bietet das Leben im Jungfrauenstand, so groß und schwer sind seine Kämpfe, so drückend und anstrengend seine Beschwerden. Gleichwohl vermochten Manche, welche sich diesem Opferleben unterzogen hatten, jene andere Leidenschaft, die der Kleiderhoffart, nicht zu überwinden, sondern wurden davon gefangen und geknechtet mehr noch als weltliche Personen. Sage mir nicht, daß sie keinen Goldschmuck tragen, nicht in seidenen 497 und golddurchwirkten Kleidern erscheinen und keine mit Edelsteinen verzierten Halsbänder besitzen. Denn, was bei Weitem schlimmer ist, und was ihre Krankheit und die Übermacht ihrer Leidenschaft im höchsten Grade verräth: sie suchten es mit aller Gewalt und um jeden Preis dahin zu bringen, daß sie durch ihre ärmlichen Kleider den schöngeputzten, mit Gold behangenen und in Seide gehüllten Weibern den Rang abliefen und es an Liebenswürdigkeit zuvorthaten. Das war nach ihrer eigenen Ansicht ein ungefährliches Streben; allein, wie schon in der Natur der Sache liegt, vielmehr schädlich, verderblich und sehr unheilvoll. Daher sollte man dich aus diesem Grunde mit tausend Zungen preisen, daß du, wie die thatsächliche Wahrheit gezeigt hat, im Wittwenstande so leicht und sicher zu Stande gebracht hast, was den Jungfrauen so schwere und unglückliche Kämpfe bereitet hat. Denn ich muß nicht nur die unbeschreibliche, mehr als bettlermäßige Ärmlichkeit deiner Kleidung bewundern, sondern noch mehr das Ungesuchte und Ungekünstelte, das sich bei dir im Anzuge, in den Schuhen, im Gange verräth. Das sind Striche und Farben des Tugendgemäldes, welches die echte, christliche Weisheit deiner Seele im Äussern darstellt. „Der Anzug,“ heißt es, „das Lachen der Zähne, der Schritt seiner Füße machen das Innere des Menschen kund.“ Denn hättest du nicht das irdische Gelüste nach weltlichem Gepränge mit aller Gewalt abgeworfen und unter die Füße getreten, dann würdest du dich nicht zu einer solchen Verachtung dieser Dinge erhoben, würdest jenen schweren Fehler nicht so mächtig niedergekämpft haben. Möge mich nur Niemand der Übertreibung zeihen, weil ich jenen Fehler als so schwer dargestellt habe. Denn, hatte diese Sünde schon bei weltlichen Personen, bei den Juden und in jener alten Zeit so scharfe Züchtigung zur Folge: wie werden dann Diejenigen 498 Nachsicht finden, welche sich in höherm Grade derselben Sünde schuldig machen, obgleich ihr Wandel im Himmel sein soll, obgleich sie zu einem engelgleichen Leben verpflichtet sind und unter dem Gesetze der Gnade und Liebe stehen? Wenn du eine Jungfrau in weichlicher Kleidung siehst, die ihr Gewand nachschleppt (was der Prophet ihnen tadelnd vorhält), sich eines zierlichen Ganges befleissigt, und durch Stimme, Blick und Anzug für Die, welche sie mit zuchtlosem Auge anschauen, den giftigen Becher mischt, für die Vorübergehenden mehr und mehr eine tiefe Grube gräbt und Fallstricke legt: wirst du diese Person in Zukunft noch eine Jungfrau nennen, und nicht vielmehr unter die feilen Dirnen rechnen! Denn diese letztern sind nicht einmal so verführerisch als jene sogenannten Jungfrauen, die in jeder Weise die Flügel der Sinnenlust ausspannen.
Darum preise ich dich glücklich, darum bewundere ich dich; denn allen diesen Klippen ausweichend, hast du auch in diesem Punkte gezeigt, daß du dir selbst abgestorben bist, indem du, statt dich zu zieren, frisch und muthig handelst, und statt mit Kleiderputz, mit Waffen dich versiehst.
Nachdem ich nun den Vogel an seinen Federn gekennzeichnet habe (und zwar auch Das nur theilweise; denn selbst diese Tugend habe ich nicht vollständig geschildert; — wie ich schon früher bemerkte, scheue ich mich, in das unermeßliche Meer deiner andern Tugenden hineinzufahren und überdieß wollte ich nicht eine Lobrede auf dein heiliges Leben halten, sondern dir ein Trostmittel zurecht machen) — laß uns jetzt wieder an das früher Gesagte anknüpfen. Was war es noch? Du solltest den Gedanken an die Sünden des einen und die Vergehen des andern fahren lassen und deiner eigenen fortwährenden Kämpfe gedenken, deiner Geduld und Ausdauer, deiner Fasten, Gebete und heiligen Nachtwachen, deiner Enthaltsamkeit, Freigebigkeit, 499 Gastfreundschaft, deiner vielfachen, schweren und häufigen Versuchungen. Erwäge, wie du von früher Jugend an bis zu diesem Tage nicht aufgehört hast, Christum zu speisen in den Hungrigen, zu tränken in den Durstigen, zu bekleiden in den Nackten, zu beherbergen in den Fremden, zu besuchen in den Kranken und Gefangenen. Denke daran, daß deine Liebe groß geworden wie das Meer, und sich sogar bis an die Grenzen der bewohnten Erde mit Macht ausgebreitet hat. Denn nicht allein dein Haus ist jedem Ankommenden geöffnet, sondern es haben auch Viele allenthalben zu Wasser und zu Lande deiner freigebigen Gastfreundschaft genossen. Das alles nimm zusammen, und dann freue dich und laß dir wohl sein in der Hoffnung auf die Siegeskronen und Kampfpreise. Wenn du willst, so magst du dann auch auf jene Verbrecher, jene Blutsauger — sie haben noch Schlimmeres verübt, — in ihrer Verdammung schauen; hat ja auch Lazarus den Reichen in seiner Feuerpein gesehen. Denn obgleich der Ort ihres Aufenthalts wegen der Verschiedenheit ihres Lebenswandels verschieden war, obgleich die große Kluft sie trennte, und der eine sich im Schooße Abrahams, der andere in dem unerträglich qualvollen Feuerofen befand: konnte Lazarus ihn gleichwohl sehen, seine Stimme hören und seine Reden beantworten. Das wird einstens auch dir gestattet sein. Denn von jenem Reichen lesen wir nur, daß er einen Menschen übermüthig behandelt hatte — und doch mußte er so harte Strafen erleiden; und schon für Denjenigen, der einen geärgert, wäre es besser, daß ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt, und er damit in die Tiefe des Meeres versenkt würde; jene aber haben weit und breit die Welt geärgert, haben so viele Kirchen verheert, Alles mit Unordnung und Verwirrung erfüllt, mehr Rohheiten und Unmenschlichkeiten begangen als Räuber und Barbaren, haben sich von dem Satan, ihrem Anführer, und den Teufeln, ihren Kampfgenossen, in so übermäßige Wuth versetzen lassen, daß sie diesen unsern heiligen und seines Urhebers wahrhaft würdigen Glauben, der Alle mit größter Ehrfurcht erfüllen sollte, zum Gespött für Juden und 500 Heiden gemacht haben; sie haben tausende von Seelen in Sünden begraben; überall auf dem Erdenrund zahllose Christen zum Schiffbruch an Glauben und Sitten gebracht; sie haben eine so gewaltige Feuersbrunst entzündet, und den Leib Christi zerrissen, seine Glieder allenthalben zerstreut, (denn, sagt der Apostel, ihr seid der Leib Christi und seine Glieder dem Antheile nach); doch wozu bemühe ich mich, ihre wahnsinnige Wuth zu schildern, die durch Worte gar nicht erschöpfend darzustellen ist? Was meinst du also, werden nicht diese Zerstörer und Blutsauger einst einer überaus harten Züchtigung anheimfallen? Diejenigen, welche Christum in den Hungrigen nicht gespeist haben, werden mit dem Teufel zum unauslöschlichen Feuer verurtheilt; nun ermesse, wie groß die Strafe Derjenigen sein wird, die da Schaaren von Mönchen und gottgeweihten Jungfrauen dem Hunger preisgegeben, die Bekleideten ihrer Kleider beraubt, die Fremden nicht nur nicht beherbergt, sondern sogar hinausgetrieben, die Kranken nicht etwa in ihrer Einsamkeit belassen, sondern noch mehr gequält, nicht nur die Gefangenen nicht besucht und getröstet, sondern sogar Freie in den Kerker zu werfen sich gerüstet haben. Dann wirst du sie sehen können, wie sie in den Flammen liegen, brennen, in Fesseln geschlagen sind, mit den Zähnen knirschen, jammern — es ist nun vergebens, klagen — umsonst, bereuen, — es hilft Nichts, wie es auch dem reichen Prasser erging. Andererseits werden auch sie dich in deiner Seligkeit erblicken, wie du die Siegeskrone trägst, mit den Engeln im Chore jubelst und mit Christus herrschest. Sie werden laut schreien und heulen und den Übermuth bereuen, mit dem sie dich behandelt haben, werden sich flehend an dich wenden, deines mitleidigen und menschenfreundlichen Herzens gedenkend; aber für sie gibt es keine Rettung mehr.
501 Das alles bedenke, halte es beständig deiner Seele vor, so wirst du den Staub, [der von deiner Wunde noch zurückgeblieben war], zerstreuen können. Da aber, wie ich glaube, noch ein Anderes dich recht sehr quält, so laß uns auch gegen diesen bösen Gedanken ein Heilmittel bereiten, aus dem schon Gesagten und dem, was ich jetzt sagen werde. Ich denke mir nämlich, daß du nicht bloß aus den oben besprochenen Ursachen trauerst, sondern dich auch wegen der Trennung von meiner Wenigkeit fortwährend betrübest und zu Jedermann sagst: Ich darf jene Stimme nun nicht mehr hören, der gewohnten Belehrungen mich nicht mehr erfreuen, und werde vom Hunger geplagt; und was Gott einst den Juden angedroht hat, Das muß ich jetzt ertragen: „Nicht Hunger nach Brod, oder Durst nach Wasser, sondern Hunger nach der göttlichen Lehre.“ Was soll ich nun darauf sagen? Vor Allem, daß du auch in meiner Abwesenheit mit mir verkehren kannst, nämlich durch Das, was ich geschrieben habe; und ich werde mir angelegen sein lassen, wenn mir Überbringer zu Gebote stehen, dir viele und ausführliche Briefe zu übersenden. Wenn du aber meine Gedanken durch das lebendige Wort von mir zu vernehmen wünschest — auch Das wird vielleicht geschehen, und du wirst mich, so Gott will, wiedersehen; nicht vielleicht, nein sicherlich, zweifle daran nur nicht. Ich werde dich schon erinnern, daß ich Dieß nicht in den Wind hinein gesprochen habe und nicht um dich zu täuschen und zu hintergehen; nein, was dir jetzt schriftlich mitgetheilt wird, Das wirst du auch durch das lebendige, gesprochene Wort vernehmen. Wenn aber das Warten dir so schwer fällt, so bedenke, daß auch Dieses seinen Nutzen hat und dir 502 großen Lohn einträgt, wenn du nur geduldig bleibst und kein bitteres Wort dazu sagst, sondern auch hievon Anlaß nimmst, Gott zu verherrlichen — was du ja auch fortwährend thust. Denn die Trennung von einer geliebten Person zu ertragen, Das erfordert nicht geringen Kampf und verlangt eine heldenmüthige, in christlicher Weisheit erstarkte Seele. Wer sagt uns Das? Wer treu zu lieben weiß, und wer die Macht der Liebe kennt, Der versteht, was ich sage. Allein damit wir nicht umherzuirren brauchen, um solche Menschen mit aufrichtiger Liebe zu finden, — denn sie ist etwas Seltenes, — laß uns zum heiligen Paulus eilen; der wird uns sagen, wie schwer dieser Kampf ist und wie stark die Seele sein muß, die ihn zu führen hat. Erinnere dich, daß dieser Paulus sich so zu sagen der fleischlichen Natur entkleidet, den Leib abgelegt hatte und so, gleichsam zum reinen Geiste geworden, den Erdkreis durchwanderte, daß er von seiner Seele jede Leidenschaft ausgeschieden hatte, in seiner heiligen Gleichgiltigkeit den körperlosen Mächten glich und die Erde so bewohnte wie sie den Himmel, daß er dort oben unter den Cherubim gestanden und mit ihnen an jenem geheimnißvollen Gesange Theil genommen hatte. Alles vermochte dieser heilige Paulus, als ob er es an einem fremden Leibe erduldete, zu ertragen: Kerker und Bande, Verbannung, Geißelstreiche, Drohungen, Tod, Steinigung, Ertränkung, Strafen aller Art: aber als er einmal sich von einem geliebten Freunde hatte trennen müssen, da war er so voll Sorge und Angst, daß er sogleich die Stadt verließ, in welcher er den Geliebten zu sehen erwartete und nicht fand. Das mag Troas bezeugen; er kehrte deßhalb dieser Stadt den Rücken, weil sie ihm den Freund damals nicht aufweisen konnte. Er sagt: „Als ich um des Evangelium’s Christi willen nach Troas gekommen war, und im Herrn das Thor mir offen stand, hatte ich keine Ruhe in meinem Innern, weil ich den Titus, meinen Bruder, nicht vorfand, sondern ich nahm von ihnen Abschied und ging hinweg nach Mazedonien.“ 503 Was ist Das Paulus? Als du in das Holz gespannt warst, das Gefängniß bewohntest, noch wund von den Geißelstreichen und auf dem Rücken von Blut überronnen warest, da unternahmest du es, zu unterrichten, zu taufen, das Opfer zu feiern und verschmähtest nicht eine einzige Seele, die zu retten war; jetzt nach Troas gekommen, siehst du den Acker gereinigt, zur Aufnahme des Samens bereit, siehst die Scheuer gefüllt, siehst dein Werk sehr erleichtert — und nun läßt du diesen unschätzbaren Gewinn fahren, obgleich du gerade zu diesem Werke gekommen bist („ich hin nach Troas gekommen um des Evangeliums willen“), und obgleich Nichts in den Weg tritt („ich fand das Thor geöffnet“), und eilest alsbald von dannen? Ja, sagt er, Traurigkeit beherrschte mich übermächtig und mein Herz betrübte sich gar sehr wegen der Abwesenheit des Titus; und die Trauer hat mich dermaßen bewältigt und übermannt, daß sie mich zur Abreise gezwungen hat. Denn daß er durch seine Betrübniß dazu kam, Das brauchen wir nicht etwa zu muthmaßen, sondern wir erfahren auch Dieß von ihm selbst; er fügt ja die Ursache seines Weggehens hinzu mit den Worten: „Ich hatte keine Ruhe in meinem Innern, weil ich meinen Bruder Titus nicht vorfand, sondern ich nahm von ihnen Abschied und ging hinweg.“
Siehst du, was für einen großen Kampf es erfordert, die Trennung von dem Freunde geduldig zu ertragen, wie schmerzlich und bitter sie ist, und wie es hier einer großen und muthvollen Seele bedarf? Diesen Kampf kämpfest nun auch du. Je größer aber der Kampf, desto herrlicher der Siegeskranz, desto werthvoller der Kampfpreis. Für das Warten also sei dir Dieß ein Trost, und daß du, dafür reich belohnt, gekrönt und gepriesen, mich jedenfalls wiedersehen wirst. Den Liebenden ist es ja nicht genug, im 504 Geiste vereinigt zu sein, Das reicht zu ihrem Trost nicht hin, sie verlangen auch nach leiblichem Zusammensein; und wenn sie Das entbehren müssen, ist ihre Freude nicht wenig geschmälert. Auch Das werden wir wieder erkennen, wenn wir uns noch einmal an jenen Zögling der Liebe wenden. In dem Briefe an die Mazedonier sagt er nämlich so: „Ich aber, meine Brüder, verwaist [durch die Trennung] von euch auf eine kleine Weile — dem Angesichte, nicht dem Herzen nach —, habe mich um so mehr bemüht, euer Angesicht zu sehen, ich, Paulus, und zwar einmal und noch einmal; aber der Satan hat mich daran gehindert. Da ich es nun nicht länger aushalten konnte, habe ich beschlossen, allein in Athen zurückzubleiben und habe den Timotheus geschickt.“ Wie kräftig ist hier jedes Wort! Da verräth sich ganz unverkennbar die Flamme der Liebe, die in seiner Seele verborgen ist. Er sagt nicht: von euch getrennt oder hinweggerissen oder entfernt oder geschieden; sondern: verwaist. Er suchte nach einem Worte, das geeignet wäre, den Schmerz seiner Seele zu bezeichnen. Obgleich er für Alle Vater war, redet er wie ein verwaistes Kind, das im zartesten Alter seinen Vater verloren hat; so redet er, um das Übermaß seines Schmerzes kund zu geben. Gibt es doch nichts Traurigeres, als früh verwaist zu sein, wo man sich wegen des jugendlichen Alters noch in keiner Weise selbst helfen kann, wenn ferner Niemand dem verwaisen Kinde treuen Schutz gewährt, — aber plötzlich manche Feinde und heimliche Verfolger auftauchen, denen es wie ein Lamm den Wölfen preisgegeben ist, während sie es von allen Seiten zerfleischen und zerreissen wollen. Keiner ist im Stande, die Größe dieses Unglücks genügend in Worten darzustellen. Daher hat auch Paulus, um seinen Schmerz über die Trennung von den Geliebten auszudrücken, diesen Ausdruck gewählt, indem er nach einem Worte suchte, welches zugleich Verlassenheit und ein hartes 505 Mißgeschick bezeichnete. Dann verstärkt er diesen Ausdruck noch durch das Folgende: verwaist, sagt er, nicht etwa auf eine geraume Zeit, sondern: „für eine kleine Weile,“ und nicht etwa im Geiste, sondern nur dem Angesichte nach, kann ich trotzdem diesen Schmerz nicht ertragen; und obgleich ich den großen Trost habe, im Geiste mit euch vereinigt zu sein, euch in meinem Herzen zu tragen, euch gestern und vorgestern noch gesehen zu haben, kann mir Nichts von alle Dem meine Trauer benehmen. Aber was willst du und verlangst du denn? sage es mir! verlangt dich denn so unwiderstehlich, ihr Angesicht zu schauen? „Um so mehr habe ich mir angelegen sein lassen, euer Angesicht wieder zu sehen.“ Was sagst du da, großer und erhabener Mann? Ist nicht die Welt dir gekreuzigt, und du der Welt? Bist du nicht von allem Irdischen und Fleischlichen losgeschält und fast leiblos geworden? Und jetzt wirst du so sehr von der Liebe beherrscht, daß du zu dem Verlangen nach dem erdhaften, der Erde entstammenden, sinnenfälligen Fleische herabsinkest? Gewiß, sagt er, und ich schäme mich nicht, Das zu gestehen, nein ich rühme mich dessen. Denn indem mich dieses Verlangen überwältigt, habe ich in meinem Herzen die Liebe, alles Guten ergiebigen Quell. Und er will sich nicht einfach ihrer körperlichen Gegenwart erfreuen; sondern es verlangt ihn ganz besonders, ihr Angesicht zu schauen. „Um so mehr,“ sagt er, „habe ich mir angelegen sein lassen, euer Angesicht zu sehen.“ Ist es also, sage mir doch, wirklich die Liebe zu ihrem Angesicht, das Verlangen ihr Angesicht zu schauen, was dich beherrscht? Ganz gewiß, sagt er, weil sich dort Kraft und Werkzeuge der Sinne konzentriren. Kommt die leiblose Seele für sich allein mit einer andern Seele zusammen, kann sie weder Etwas zu ihr reden noch von ihr hören. Wenn ich mich aber des leiblichen Zusammenseins freuen darf, kann ich zu den Geliebten reden und ihre Worte vernehmen. Darum begehre ich ihr Angesicht zu sehen; da ist ja die Zunge und der Sitz der Sprache, welche uns das Innere der Seele aufschließt, des Gehöres, welches die Worte auffängt, und der 506 Blicke, welche von den Bewegungen der Seele ein treues Abbild liefern; durch diese Mittel mag man des Zusammenseins mit der geliebten Seele besser und gründlicher sich erfreuen.
Damit man aber erkenne, wie sehr er vor Verlangen nach dem Wiedersehen entbrennt, begnügt er sich nicht zu sagen: „Ich habe mir um so mehr angelegen sein lassen,“ sondern fügt hinzu: Mit großer Sehnsucht. Dann will er noch verhüten, daß man ihn in dieser Beziehung mit den Übrigen auf gleiche Linie setze; er zeigt, daß seine Liebe stärker ist, indem er nach den Worten: „ich habe mir große Mühe gegeben und wünschte sehr zu euch zu kommen,“ sich gleichsam von den Andern trennt, sich allein stellt und hinzufügt: „Ich, Paulus, einmal und noch einmal;“ also deutet er an, daß er sich größere Mühe gab als die Andern. Weil er aber nicht zu der Reise hatte kommen können, begnügt er sich nicht mit einem Brief, sondern sendet zugleich den Besten seiner Gefährten, den Timotheus, der ihm die Stelle eines Briefes vertreten sollte. Daher setzt er auch hinzu: „Denn weil ich es nicht mehr aushalten konnte“ — welch’ edle Art des Ausdrucks auch hier! welch’ bedeutungsvolles Wort, um die unwiderstehliche und unbezwingbare Liebe zu bezeichnen! Wie Jemand mitten im Feuer, von den Flammen versengt, Alles aufbietet, um Linderung des Brandes zu finden, so suchte auch er, als ob ihn ein Feuer brannte und ersticken wollte, nach allen möglichen Mitteln der Linderung, so sehr es nur anging. „Denn weil ich es nicht mehr aushalten konnte,“ sagt er, „habe ich den Timotheus, den Diener des Evangeliums, geschickt,“ meinen Mitarbeiter, indem ich mich so meines nothwendigsten Genossen beraubte und den einen Schmerz für den andern eintauschte. Daß es ihm nämlich auch schwer fiel, die Abwesenheit des Timotheus zu ertragen, und daß er sich ihretwegen diesen [S. 507] Schmerz auflud, auch Das deutet er an mit den Worten: „Ich habe beschlossen, allein zurückzubleiben.“ Wie war doch sein Herz recht eigentlich für die Liebe geschaffen. Eines Mitbruders beraubt, spricht er von Alleinsein, da er doch so viele Gefährten bei sich hatte. — Das also bedenke auch du fort und fort, und je schmerzlicher dieses Leid für dich ist, desto gewinnreicher — Das glaube nur —, wenn du es dankbar trägst. Denn nicht bloß Schläge, die den Leib treffen, sondern auch die Schmerzen der Seele erwirken himmlische Kronen, und zwar die Schmerzen der Seele noch mehr als die des Leibes, wenn die Getroffenen sie nur dankbar ertragen. Würdest du Geißelung und Zerfleischung des Leibes muthvoll ertragen und Gott dafür preisen, so würde dir großer Lohn zu Theil; so erwarte denn auch jetzt reiche Vergeltung, wo deine Seele von diesen Leiden geplagt wird. Sei aber auch überzeugt, daß du mich sicherlich wieder sehen wirst, dann wirst du von diesem Schmerze erlöst werden; und groß ist der Gewinn, den dir dieser Schmerz einbringt, sowohl dann als jetzt.
Das wird hinreichen, um dich zu trösten, oder vielmehr auch einen ganz unverständigen Menschen mit steinhartem Herzen zu trösten. Wo sich aber so große Einsicht findet, ein so reicher Vorrath an Frömmigkeit und christlicher Weisheit, eine Seele, welche den Trug der irdischen Dinge vollkommen zu verachten weiß — da ist weit leichter Trost spenden. Zeige denn auch in diesem Punkte deine Liebe zu mir, und beweise, daß ich auch durch einen Brief viel bei dir vermag, und zwar so viel, als wenn ich persönlich mit dir zusammen wäre. Das werde ich dann für ausgemacht halten, wenn ich höre, daß mein Brief dir einen Vortheil gebracht hat, oder vielmehr einen so großen Vortheil, wie ich wünsche. Ich wünsche aber, daß du jetzt in derselben fröhlichen Stimmung seiest, in der ich dich zu Hause sah. Wenn ich Das höre, so wird auch mir die Einsamkeit, in der ich mich jetzt befinde, um Vieles erleichtert. Wenn du also auch mir noch mehr guten Muth verschaffen willst (ich [S. 508] weiß, daß du es willst, und daß du dich sehr darum bemüht hast), so melde mir, daß du alle Trauer wie Spreu verjagt hast und ganz ruhig und zufrieden bist. Damit vergilt mir meine wohlwollende Liebe zu dir. Du weißt ja, du weißt ganz gut, wie wohl es mir thun wird, wenn du Das fertig bringst und mir in deinem Briefe wahrheitsgetreu zu wissen thust.