Johannes Chrysostomus · Epistula ad Innocentium papam et ad Olympiadem · Buch 2 · Kapitel 5
544 Eure Bedrängnisse haben sich gemehrt, die Kämpfe dauern fort, das ersehnte Ende ist in die Ferne gerückt und heftiger lodert die Flamme des Zornes eurer Verfolger empor. Allein ihr müßt nicht verwirrt und unruhig werden, sondern eben deßhalb euch von Herzen freuen, ja vor Freude hüpfen, euch bekränzen und einen Tanz aufführen. Denn die Schläge, die ihr bei den frühern Leiden dem Teufel versetzt, haben ihn tödtlich getroffen; sonst wäre dieses Ungethüm nicht so wild geworden, daß es noch weiter gegen euch vorgeht. Daß er nun noch heftiger gegen euch anrennt und losfährt, größere Frechheit an den Tag legt und reichlicher sein Gift ausspritzt, Das ist ein Zeichen eurer Tapferkeit, eures Sieges und seiner gründlichen Niederlage. Hat er doch auch bei dem frommen Job dadurch verrathen, wie schwer er verwundet war, daß er die Leiden bis auf die höchste Spitze trieb. Als er dem frommen Dulder sein Hab und Gut geraubt, seine Kinder getödtet hatte und sich gleichwohl besiegt sah, da suchte er ihn mit den 545 allerschwersten Peinen heim. Denke nur an den Sturmlauf gegen seinen Leib, an die Brutstätte der Würmer, an die Menge der Wunden! (Das kommt mir vor wie ein fröhlicher Tanz, eine Siegeskrone und tausend Kampfpreise in langer Reihe.) Und auch dabei blieb er nicht stehen; als ihm von Waffen dieser Art Nichts mehr übrig war (denn jene Krankheit hatte er als härteste Prüfung hinzugefügt), da ersann er wieder andere Mittel, ihn zu quälen: er schickt das Weib in den Kampf, stachelt die Freunde auf, hetzt das Gesinde gegen ihn und erfüllt es mit Haß und reißt so die Wunden weiter auf in jeder Weise. Ähnliches versucht er unaufhörlich auch jetzt, aber gegen sein eigenes Haupt. Denn gerade daher steht es mit euch jeden Tag besser, schöner und glänzender. Es mehrt sich euer Reichthum, der Handel wird einträglicher, die Siegeskränze reihen sich an einander in großer Zahl. Gerade durch diese Leiden erhält euer Muth und eure Ausdauer neuen Zuwachs, und die Nachstellungen eurer Feinde dienen zur Stärkung eurer Standhaftigkeit.
Denn so ist es mit den Bedrängnissen überhaupt. Diejenigen, welche sie geduldig und starkmüthig aushalten, kommen dadurch so weit, daß sie über die Leiden erhaben sind, für die Geschoße des bösen Feindes zu hoch stehen, die Nachstellungen verachten lernen. Es werden ja auch die Bäume, die man im Schatten zieht, schwächlicher und bringen weniger Frucht; die aber dem Wechsel der Witterung preisgegeben, dem Anprall der Stürme und der Hitze der 546 Sonnenstrahlen ausgesetzt sind, die werden kräftiger, sind mit Blättern reich bewachsen und mit Früchten schwer belastet. Etwas Ähnliches findet man auch bei der Schifffahrt auf dem Meere. Die zuerst ein Schiff besteigen, mögen sie noch so herzhaft sein, gerathen ausser sich, verlieren die Fassung und unterliegen einem gewaltsamen Schwindel, weil ihnen die Sache eben neu und ungewohnt ist. Diejenigen aber, welche viele Meere durchfahren, viele Stürme mitgemacht, die mit verborgenen Klippen und Felsenriffen, mit Meerungeheuern, mit Freibeutern und Seeräubern und mit beständigen Unwettern gekämpft haben, die bringen es schließlich dahin, daß sie sich zuversichtlicher auf dem Schiff geberden, als Andere auf dem festen Lande, — und zwar nicht bloß drinnen auf dem Schiffsboden, sondern auch, indem sie auf den Seitenwänden sitzen oder ohne Angst auf dem Vorder- oder Hintertheil des Schiffes stehen. Vordem hatte schon der bloße Anblick sie mit Furcht und Zittern erfüllt; nach der langen Bekanntschaft mit den Stürmen tragen sie kein Bedenken, das Tau aufzuziehen, die Segel auszuspannen, das Ruder zu handhaben, und sie können alle Räume des Schiffes ohne Mühe durcheilen.
Laßt euch also durch kein Mißgeschick ausser Fassung bringen! Denn eure Feinde haben euch gegen ihren Willen dazu gebracht, daß ihr eigentlich nichts Schlimmes mehr leiden könnt. Sie haben alle ihre Pfeile verschossen und haben dadurch nichts Anderes erreicht, als daß sie verspottet und verlacht und allenthalben als Feinde der ganzen Welt angesehen werden. Das ist für die Verfolger selbst die Belohnung. Das ist das Ende der Feindseligkeiten. O fürwahr, eine herrliche Sache ist es um die Tugend und die Verachtung des gegenwärtigen Lebens! Sie gewinnt durch Verfolgungen, wird gekrönt durch die Verfolger, erglänzt heller nach Mißhandlungen, macht ihre treuen Verehrer durch die, welche sie wegzuschleppen suchen, stärker, erhabener, unerreichbar und unbezwinglich, und zwar ohne Schild und Speer, ohne Mauern und Gräben und Thürme, 547 ohne Geld und Bemannung nöthig zu haben; sie bedarf nur eines festen Sinnes, eines standhaften Herzens, dann macht sie alle Verfolgungen der Menschen zu Schanden.
Das ist es also, gottselige Frau, was du dir sowohl als deinen Gefährtinen in diesem ehrenvollen Kampfe an’s Herz legen sollst; dadurch belebe in Allen den Muth und halte deine Schaar zusammen! Dann wird der Kranz für deine Tugend ein doppelter, dreifacher, ja vielfältiger sein, einmal wegen deiner eigenen Leiden und ausserdem, weil du Andere zu dem gleichen Siege führst. Suche sie zu bewegen, daß sie Alles geduldig ertragen, den Schatten für Nichts achten, den trügerischen Träumen keinen Werth beilegen, den Staub mit Füßen treten, um den Rauch sich nicht kümmern, das Spinngewebe nicht für eine Last halten und an dem verwelkenden Grase flüchtig vorbeieilen. Allen diesen Dingen gleicht nämlich die Eitelkeit des irdischen Glückes, ja sie ist noch weniger werth. Nicht leicht dürfte man für seine Nichtigkeit ein ganz entsprechendes Bild auffinden. Bei seiner vollständigen Inhaltlosigkeit verursacht es überdieß Denjenigen, die nach ihm haschen, nicht geringen Schaden, im zukünftigen, aber auch in diesem Leben, und zwar gerade in den Tagen, wo sie anscheinend des Glückes recht genießen. Denn wie die Tugend auch selbst zu der Zeit, wo sie bekämpft wird, ganz fröhlich ist, in Blüthe steht und sich in hellerm Glanze zeigt, so verräth die Bosheit auch selbst zu der Zeit, wo sie mit Ehren und Schmeicheleien überhäuft wird, ihre Schwachheit, zieht sich große Verachtung und unsägliche Verspottung zu. Konnte es z. B. ein größeres Elend geben als das Elend des Kain, auch selbst zu der Zeit, wo er anscheinend seinen Bruder besiegt und überwunden und seinen ungerechten, abscheulichen Zorn und Grimm recht befriedigt hatte? Was war mehr 548 befleckt als seine Hand, die scheinbar gesiegt hatte? als diese Hand, die den Schlag geführt und den Mord vollbracht? als die Zunge, die den trügerischen Vorschlag gemacht und die Schlinge gelegt hatte? Doch wozu rede ich von den Gliedern bloß, die zu dem Morde mitgewirkt hatten? Es wurde ja der ganze Leib gestraft, nämlich verurtheilt zu Angst und Beben ohne Ende. Schau, etwas ganz Unerhörtes! ein wunderbarer Sieg! ein Siegeszeichen einzig in seiner Art! Der hingemordet war und leblos auf der Erde lag, der ward gepriesen und gekrönt; der den Sieg errungen und die Oberhand behalten hatte, der mußte nicht nur ungekrönt abziehen, sondern wurde auch eben deßhalb gestraft, wurde unerträglichen Züchtigungen und beständigen Qualen überliefert. Der geschlagen und getödtet war, der sprachlos dalag, der war zum Ankläger geworden für Denjenigen, der sich frei bewegte, der lebend geblieben und der Sprache mächtig war. Eigentlich sollte ich nicht einmal sagen: „der getödtet war“; denn schon sein Blut für sich allein, vom Leibe getrennt, war dazu genügend.
So überwältigend ist die Macht der Tugendhaften, auch nach ihrem Tode; so groß ist das Elend der Bösen, auch zur Zeit ihres Lebens. Wenn aber schon während des Kampfes solche Belohnungen ausgetheilt werden: wie groß wird erst — bedenke es wohl! — nach bestandenem Kampfe der Lohn sein, zur Zeit der Vergeltung, bei der Aufnahme in jene Herrlichkeit, die allen Begriff übersteigt! Denn die Drangsale, welcher Art sie sein mögen, gehen von Menschen aus und theilen die Nichtigkeit derer, welche sie verschulden; die Wohlthaten und Belohnungen aber werden von Gott ertheilt, und darum sind sie auch so, wie man es von seiner unermeßlichen Freigebigkeit erwarten muß. Freue dich also von ganzem Herzen, daß du [schon jetzt] die Siegeskrone trägst, daß du Triumphe feierst und herzhafter, als Andere auf den Staub, auf die Stacheln trittst, mit denen deine Feinde dich zu verwunden suchen.
549 Theile mir auch häufig mit, wie es um deine Gesundheit steht, damit mir auch daraus große Freude erwachse. Denn du weißt, daß es für mich auch in dieser Einsamkeit ein nicht geringer Trost ist, wenn mir recht oft Nachricht darüber zugeht, daß du noch gesund und wohl bist. Lebe wohl!