Johannes Chrysostomus · Epistula ad Innocentium papam et ad Olympiadem · Buch 2 · Kapitel 6
550 Von den Pforten des Todes zurückkehrend richte ich an dich dieses Schreiben. Ich habe mich sehr gefreut, daß die Diener erst jetzt zu mir hingelangt sind, wo ich wieder in den Hafen einlaufe. Denn hätten sie mich damals angetroffen, wo ich auf dem Meere hin- und hergeworfen wurde und die hochgehenden Fluthen der Krankheit erwartete, dann hätte ich zwar statt der schlimmen Nachrichten gute schicken können, aber ich hätte dich schwerlich getäuscht. Der Winter nämlich, strenger als gewöhnlich, hat auch für meinen Magen noch schlimmeres Wetter mitgebracht; und in diesen beiden Monaten habe ich mich um Nichts besser befunden als ein Todter, ja noch schlechter. Denn mein Leben reichte gerade so weit, um mich die Leiden, die mich auf allen Seiten umzingelten, empfinden zu lassen. Alles war für mich Nacht: der Tag, die Morgenfrühe und der helle Mittag. Den ganzen Tag war ich an’s Bett gefesselt. Obgleich auf tausend Mittel sinnend, war ich nicht im Stande, die in Folge der Kälte eingetretene Krankheit zu heben. Ich habe eingeheizt (obgleich mir der Rauch äusserst lästig wurde), habe mich in ein Zimmer eingeschlossen, habe 551 mich mit unzähligen Decken versehen, habe nicht einmal die Schwelle zu überschreiten gewagt, — und trotz alle Dem habe ich ausserordentlich viel ausgestanden, indem anhaltendes Erbrechen, Kopfschmerzen, Mangel an Appetit, fortwährende Schlaflosigkeit noch hinzutraten. Die langen, langen Nächte habe ich also ganz schlaflos verbracht. Allein ich will dich nicht durch längeres Verweilen bei diesen schlimmen Nachrichten noch mehr auf die Folter spannen. Genug, ich bin jetzt von allen diesen Leiden erlöst. Sobald nämlich der Frühling sich einstellte und das Wetter sich ein wenig veränderte, war Alles von selbst zerstoben. Freilich muß ich mich auch jetzt noch in meiner Lebensweise sehr in Acht nehmen. Darum bürde ich meinem Magen nur eine geringe Last auf, so daß er sie leicht verdauen kann.
Nicht wenig hat mich auch die Nachricht mit Besorgniß erfüllt, daß du in den letzten Zügen liegest. Aber weil ich so sehr um dein Wohl besorgt und bekümmert bin, ist mir auch schon vor der Ankunft deines Briefes diese Sorge abgenommen worden, indem Viele von dort hierhergekommen sind und mir über dein Wohlbefinden Bericht erstattet haben. Und jetzt freue ich mich von ganzem Herzen, nicht bloß weil du von deiner Krankheit genesen bist, sondern vor allen Dingen, weil du die Widerwärtigkeiten so beherzt erträgst, daß du Das alles eine leere Fabel nennst, und, was noch mehr ist, daß du auch der Krankheit diesen Namen gibst. So denkt nur eine jugendlich kräftige Seele, in welcher die Starkmuth in reicher Fülle zur reifen Frucht gediehen ist. Denn die Widerwärtigkeiten nicht nur muthvoll ertragen, sondern nicht einmal fühlen, vielmehr ganz ausser Acht lassen und sich mit aller Leichtigkeit den Ehrenkranz der Geduld aufsetzen, ohne Mühe und Schweiß, ohne sich selbst oder Andern Lasten aufzubürden, sondern gleichsam fröhlich hüpfend und tanzend: Das verräth eine ausserordentlich vollkommene christliche Weisheit.
Deßhalb freue ich mich, deßhalb möchte ich vor Freude 552 hüpfen und fliegen; und meine Vereinsamung und die andern Mißlichkeiten meiner Lage empfinde ich nicht mehr vor lauter Freude und Jubel und Stolz auf deine hochherzige Gesinnung und deine fortgesetzten Siege. Ich freue mich nicht allein deinetwegen, sondern auch wegen der großen und volkreichen Stadt, für welche du wie ein fester Thurm, ein Hafen und eine Ringmauer geworden bist. Denn du hast durch deine Werke deine Stimme laut erschallen lassen, hast in deinen Leiden Männer und Weiber dazu angeleitet, sich bereitwillig zu solchen Kämpfen zu rüsten, voll des Muthes auf den Kampfplatz hinabzusteigen und die Mühen solcher Kämpfe mit Leichtigkeit zu ertragen. Und wunderbar! ohne die öffentlichen Plätze zu betreten, ohne mitten in die Stadt zu gehen, in einem kleinen Hause, im Zimmer sitzend bist du beschäftigt, Diejenigen, welche noch stehen, zu ermuthigen und zu stärken. Und während die See wild aufbraust, und während die Wogen sich hoch aufthürmen, während an allen Seiten Felsen und halbverborgene Klippen und wilde Ungeheuer in ihren Umrissen sichtbar werden und sonst dunkle Nacht Alles umfängt: unterdessen hast du — als ob heller Mittag und heiteres Wetter wäre und günstiger Fahrwind wehte — die Segel der geduldigen Beharrlichkeit ausgespannt und fährst ganz leicht daher, ohne bei dem gewaltigen Sturm von den Wogen verschlungen, ja ohne auch nur benetzt zu werden. Ganz natürlich: so ist es mit dem Steuerruder der Tugend. Wenn Kaufleute, Ruderer, Schiffer oder Seefahrer sehen, daß die Wolken sich zusammenziehen, oder daß ein wilder Sturm im Anzug ist, oder daß die rauschenden Wogen mächtig schäumend aufwallen, dann halten sie ihre Fahrzeuge im Hafen; aber wenn sie etwa gerade dann auf offener See hin- und hergeworfen werden, bieten sie alles Mögliche auf, um mit ihrem Schiff in einer Bucht, an einer Insel oder an einer Küste zu landen. Du aber machst es anders. Während Stürme aus allen Weltgegenden, während so mächtige Fluthen von allen Seiten wild gegen einander brausen, während durch die Gewalt des Orkans das Meer aus seinen Tiefen aufgewühlt wird, 553 während die Einen in den Abgrund des Meeres versenkt sind, Andere als Leichen auf seiner Oberfläche umherschwimmen, wieder Andere der Kleidung beraubt, an ein Brett sich klammernd, hin und hergetrieben werden: da wirfst du dich mitten in das Meer der Leiden und nennst Das alles eine leere Fabel und fährst im Sturm mit günstigem Winde. Ganz natürlich. Denn die Ruderer, wären sie auch tausendmal dieser Arbeit kundig, verstehen nicht die Kunst, einem jeden Sturm zu widerstehen. Daher kommt es, daß sie oftmals den Kampf mit den Wogen fliehen. Du aber besitzest eine Wissenschaft, die jeden Sturm überwindet, in der Kraft deiner christlich geschulten Seele. Die ist stärker als tausend Kriegsheere, vermag mehr als alle Waffen und gewährt sicherern Schutz als Thürme und Wälle. Denn den Soldaten dienen Waffen, Wälle und Thürme nur zum Schutze des Leibes, und zwar nicht immer und nicht unter allen Umständen, sondern es kommt vor, daß alle diese Dinge sich als unzureichend erweisen und Diejenigen, die unter ihren Schutz flüchten, schutzlos lassen. Was aber deine Waffen siegreich entkräftet, Das sind nicht Pfeile von Barbaren, nicht feindliche Kriegswerkzeuge, nicht Angriffe oder listige Anschläge dieser Art; nein, sie haben die gebieterischen Forderungen der Natur niedergekämpft, ihre Tyrannei zerstört, ihre Burg geschleift. Mit den Teufeln kämpfend hast du nach einander tausend Siege errungen, aber keine Wunde erhalten. Unversehrt stehst du in einer so dichten Wolke von Pfeilen, und die Wurfspieße, die man gegen dich schleudert, kehren zurück zu denen, die sie entsandt haben. So ist es mit der Weisheit, die aus deiner Kunst hervorgeht: durch die Leiden, die du erduldest, rächest du dich an den Beleidigern; durch die Nachstellungen, die man dir bereitet, entmuthigest du deine Feinde, indem ihre Bosheit eine ausgedehnte Grundlage bildet, auf welcher für dich noch größere Ehre sich aufbaut. Weil du Das auch selbst recht gut weißt und durch eigene Wahrnehmung erfahren hast, darum nennst du sehr richtig Das alles eine leere Fabel. Warum solltest du es auch nicht so nennen, 554 da du, obgleich eines sterblichen Leibes theilhaftig geworden, den Tod so sehr verachtest, als ob es sich darum handelte, eilends ein fremdes Land zu verlassen und in das Vaterland zurückzukehren? da du, obgleich fortwährend von äusserst schwerer Krankheit heimgesucht, dich besser befindest als Leute, die wohlbeleibt sind und von Gesundheit strotzen? da du durch Schmähungen nicht erniedrigt, durch Ruhm und Ehre nicht aufgeblasen wirst, — was doch Vielen eine Quelle von tausend Übeln geworden ist, auch Solchen, die im Priesterthum vormals als helle Sterne glänzten, die es bis zum hohen Alter, bis zum schneeweissen Haar gebracht hatten, aber an dieser Klippe gescheitert sind und nunmehr jedem beliebigen Spötter Stoff zu Lustspielen liefern? Du aber, ein Weib, mit einem spinnenartigen Leib umkleidet und von so gewaltigen Verfolgungen bedrängt, du hast nicht bloß selbst dieser Gefahr zu entgehen, sondern auch viele Andere davor zu bewahren gewußt. Jene sind nicht einmal dazu gekommen, in dem Kampfe weit vorzudringen, sondern gleich im Anfang und sozusagen schon am Standort schleunigst entwichen und erlegen. Du aber hast im Wettlauf schon tausendmal den Weg bis um die letzte Säule [das Ziel auf der Rennbahn] zurückgelegt, hast dir bei jedem Lauf den Kampfpreis erzwungen, hast dich in Ring- und Wettkämpfen der verschiedensten Art bewährt. Wohl begreiflich. Denn bei den Kämpfen um die Tugend entscheidet nicht das Alter oder die Stärke und die Gewandtheit des Leibes, sondern die Seele, die Gesinnung; so ist es gekommen, daß Weiber gekrönt, Männer zum Fall gekommen, daß Knaben hoch gerühmt, Veteranen mit Schmach bedeckt worden sind. Zwar unter allen Umständen muß man Diejenigen bewundern, die eifrig nach Tugend streben, aber ganz besonders, wenn sich Viele von ihr abwenden und sich dann einige Wenige finden, die ihr fest anhängen. Daher ist es auch recht und billig, dich nicht wenig zu bewundern. Denn während so viele Männer, Weiber, hochbejahrte Leute, die sich des besten Rufes erfreuten, sich zur Flucht gewendet haben und vor Aller Augen besiegt am Boden liegen, — und gefallen sind 555 sie nicht in Folge eines gewaltsamen feindlichen Anpralls oder eines heissen Kampfes, sondern gefallen vor einem Zusammenstoß, geschlagen vor einer Schlacht, — bist du dagegen nach so vielen und heftigen Angriffen und Kämpfen nicht erschöpft noch ermattet durch die zahllosen Leiden, ja noch mehr: du hast zugenommen an jugendlicher Kraft, und die Vermehrung der Kämpfe vermehrt deine Stärke. Denn die Erinnerung an die schon vollbrachten ruhmvollen Werke erregt dir Freude, Zufriedenheit und größern Muth. Deßhalb bin ich fröhlich und wohlgemuth und möchte hüpfen vor Lust. Ich werde nämlich nicht aufhören, Dieß immer von Neuem zu sagen und die Ursache meiner Freude überall hinzutragen.
Also hast du, wenn auch die Trennung von mir dich betrübt, in deinen guten Werken einen sehr großen Trost, wie auch mir, den eine so weite Entfernung von dir trennt, aus dieser Quelle, d. h. aus den Beweisen deines Heldenmuths, nicht geringe Freude zufließt.