592 Nachdem du von Jugend auf so viel christliche Weisheit gezeigt und die menschliche Thorheit dir unter die Füße gelegt hast, erwartetest du nunmehr ein Leben ohne Wirren und ohne Kämpfe führen zu können? Wie wäre Das möglich? Diejenigen, welche mit andern Menschen ringen, empfangen sowohl im Wettkampf als im Kriege tausend Wunden; du aber hast sogar den Kampf mit den Geistern der Bosheit aufgenommen, mit den Herrschaften und Mächten, den Beherrschern der Finsterniß dieser Welt, du hast ihn so muthvoll aufgenommen, so viele Siegeszeichen schon aufgerichtet und den blutdürstigen Satan, der nur auf Verderben ausgeht, so vielfach und schwer geschädigt — wie konntest du auf ein ruhiges und sorgenfreies Leben hoffen? Das darf dich also keineswegs ausser Fassung bringen, daß von allen Seiten Krieg und Waffenlärm und Unruhen sich erheben; nein im Gegentheil, wenn dergleichen nicht eingetreten wäre, dann müßte man sich verwundern. Denn mit der Tugend sind Mühen und Gefahren immer verbunden. Das weißt du auch selbst, ehe ich es dir schreibe, und hast nicht nöthig, es von Andern zu lernen; wie ich Dieß denn auch nicht in der Absicht schreibe, um dich zu belehren. Denn ich weiß, daß weder die Verbannung aus der Heimath, noch der Verlust der Güter (was den meisten 593 Menschen unerträglich vorkommt) noch Mißhandlung noch irgend eine andere Trübsal dieser Art dich wird verwirren können. Sind doch schon die Genossen der von solchen Leiden Heimgesuchten selig zu preisen, und noch weit mehr die Leidenden selbst. Deßhalb rühmt der heilige Paulus die Judenchristen wegen beider Ursachen, indem er schreibt: „Gedenket der vergangenen Tage, wo ihr, nachdem ihr erleuchtet waret, einen großen Leidenskampf bestanden habt, theils durch Schmähungen und Trübsale selbst zur Schau gestellt, theils als Genossen Derjenigen, die dergleichen litten.“ Darum mache ich auch den Brief nicht lang. Denn man kommt nicht zu dem Sieger, der schon ein herrliches Siegesdenkmal aufgerichtet hat, um ihm Beistand zu leisten, sondern um ihm Lob zu spenden. Da ich nun auch einsehe, wie große Weisheit du in deinen Widerwärtigkeiten gezeigt hast, preise ich dich glücklich und bewundere dich sowohl wegen deiner bis jetzt bewährten Ausdauer als wegen der Belohnungen, die dir dafür bereitet werden. Du willst aber auch, wie ich wohl weiß, Etwas über mich und mein Befinden erfahren; denn ich habe lange geschwiegen. Von der schweren Krankheit bin ich befreit, aber ihre Nachwehen trage ich noch mit mir herum. Auch erfreue ich mich einer sehr guten ärztlichen Behandlung; aber ihr Nutzen geht gleichwohl wieder verloren durch den Mangel an Lebensmitteln. Denn nicht nur sind hier Arzneien bloß spärlich vorhanden, wie auch die andern Mittel, um einem durch Krankheit zerrütteten Körper wiederaufzuhelfen, sondern man befürchtet auch schon Hungersnoth und ansteckende Krankheiten, und zwar sind uns diese Plagen in Aussicht gestellt durch die häufigen Anfälle von Räubern, welche sich bis in ferne Gegenden über das Land ergießen, die Straßen überall verheeren und besetzen und so für die Wanderer sehr gefährlich geworden sind. Andronikus z. B. ist, wie er sagt, ihnen auch in die Hände gefallen und, nachdem sie ihn der Kleider beraubt hatten, 594 noch gerade mit dem Leben davongekommen. Deßhalb bitte ich dich, Niemand mehr hierherzuschicken. Denn es wäre zu befürchten, daß der Bote bei Gelegenheit dieser Reise könnte ermordet werden, und du weißt, wie sehr mich Das betrüben würde. Kannst du jedoch eines zuverlässigen Mannes habhaft werden, der in einer andern Angelegenheit die Reise hierher unternimmt, so laß mich durch ihn wissen, wie es um deine Gesundheit steht. Aber eigens zu diesem Zwecke oder um meiner Anliegen willen soll Niemand hierher kommen, wegen der eben erwähnten Gefahr.