580 Warum trauerst du? Warum quälst du dich und legst dir Strafen auf, welche deine Feinde dir nicht haben auflegen können, indem du dein Herz so sehr der tyrannischen Herrschaft der Traurigkeit preisgibst? Denn der Brief, den du mir durch Patricius zugeschickt hast, hat diese Wunden deines Herzens verrathen. Es macht mir großen Schmerz, daß du, anstatt alle deine Kräfte zur Vertreibung deines Kummers aufzubieten, vielmehr überall, wo du gehst und stehst, traurige Gedanken zusammensuchst (sogar grundlose Einbildungen, wie du mir mitgetheilt hast), und daß du dir nutzloser und vergeblicher Weise, ja selbst zu deinem größten Schaden Angst und Qual bereitest. Denn warum betrübt es dich, daß es dir nicht gelungen ist, mich von Kukusus wegzubringen? So viel an dir lag, hast du mich ja weggebracht, indem du zu diesem Ende alle möglichen Anstrengungen aufgeboten hast. Wenn die Sache aber nicht bei dem gewünschten Ziele angelangt ist, so sollst du auch deßhalb nicht traurig sein. Denn vielleicht hat es Gott 581 gefallen, meine Laufbahn zu verlängern, damit die Siegeskrone um so glänzender ausfällt. Warum betrübst du dich also über diese Dinge, wegen deren ich mich selber preise? Du müßtest ja vor Freude hüpfen und tanzen und dich mit Kränzen umwinden, daß ich eines solchen Glückes bin gewürdigt worden, welches meine Verdienste weit übersteigt. Oder grämst du dich wegen der einsamen Lage dieses Ortes? So bedenke doch: Nichts kann angenehmer sein als sich hier aufzuhalten. Hier habe ich Abgeschiedenheit, Ruhe, Freiheit von Arbeit, Gesundheit. Hat diese Stadt auch keinen Markt und keinen Handel, Das thut mir Nichts. Denn ich bekomme Alles sozusagen aus erster Hand; dafür habe ich sowohl meinen Herrn den hiesigen Bischof als meinen Herrn Dioskorus; beide thun alles Mögliche zu meiner Erholung und Kräftigung. Auch der treffliche Patricius wird dir sagen, daß ich, was meinen hiesigen Aufenthalt angeht, zufrieden und wohlgemuth bin, und mich einer sehr guten Verpflegung erfreue. Wenn du aber meine Schicksale in Cäsarea beklagst, so ist Das deiner auch nicht recht würdig. Denn auch dort sind für mich herrliche Siegeskränze geflochten worden, so daß mich Jedermann lobt und verherrlicht, bewundert und anstaunt, weil ich so schlecht behandelt und dann hinaus geschafft worden bin. Doch soll Das bis jetzt noch Niemand wissen, wenn es auch von Vielen überall erzählt wird. Denn mein Herr Päanius hat mir mitgetheilt, daß es dort selbst Priester des Pharetrius gibt, welche behaupteten, daß sie mit mir Gemeinschaft hätten, und durchaus Nichts gemein hätten mit meinen Feinden, und mit ihnen durchaus keine Verbindung zugelassen oder unterhalten hätten. Damit ich diese nun nicht in Verwirrung bringe, soll Niemand davon wissen. Was ich habe ertragen müssen, ist nämlich in der That recht hart; und hätte ich sonst Nichts gelitten, so wären diese Leiden von Cäsarea genügend, um mir eine Menge von Siegespreisen zu verschaffen. So sehr waren die Gefahren und Bedrängnisse bis aufs Äusserste gestiegen. Ich bitte dich aber, halte es ganz geheim; dann will ich es dir kurz erzählen, nicht 582 um dir Kummer, sondern um dir Freude zu machen. Denn daß ich fortwährend durch solche Anfechtungen hindurchgehe, und diese Anfechtungen von Leuten zu erdulden habe, von denen ich mich dergleichen nie versehen hätte, Das sind für mich Gelegenheiten, Etwas zu gewinnen, Das ist mein Reichthum und ein Ersatz für meine Sünden.
Als ich dem Galatier, der mich fast mit dem Tode bedroht hat, glücklich entwischt war und in Kappadocien einziehen wollte, begegneten mir unterwegs viele Leute mit der Nachricht, der Herr Pharetrius erwarte mich, laufe überall umher, um mich nicht zu verfehlen, biete Alles auf, um mich zu sehen, zu umarmen und mit Liebesbeweisen zu überhäufen, und habe die Männerklöster und Frauenklöster alarmirt. Ich freilich habe bei diesen Mittheilungen Nichts von alle Dem erwartet, sondern mich gerade auf das Gegentheil gefaßt gemacht. Doch habe ich davon keinem dieser Boten Etwas gesagt.
Endlich kam ich müde und erschöpft, gerade von der ärgsten Fieberhitze durchglüht, voll Schmerz und unendlichen Elends in Cäsarea an. Ich fand glücklich eine Herberge nahe am äussersten Ende der Stadt, und bemühte mich, einen Arzt zu bekommen und den innern Brand zu löschen. Das dreitägige Fieber war nämlich gerade auf seinem Höhepunkte angelangt; dazu kamen die Beschwerden der Reise, die Müdigkeit und Erschöpfung, der Mangel an Pflege, Mangel an Lebensmitteln und Mangel an Ärzten, ganz matt und wie zerschlagen war ich durch die Strapazen, die Hitze und die Nachtwachen; und so kam ich denn mehr todt als lebendig in der Stadt an. Da fand sich die ganze Geistlichkeit bei mir ein, wie auch das Volk, Mönche, Nonnen und Ärzte. Ich erfreute mich nun einer sehr guten Verpflegung, da Jedermann mir auf jede Weise zu dienen und aufzuwarten bemüht war. Aber auch jetzt wollte die 583 große Hitze und der Schwindel noch nicht weichen, und ich war in der äussersten Gefahr. Endlich trat die Krankheit den Rückzug an und ließ ein wenig nach. Pharetrius aber nicht: er erwartete meine Abreise, in welcher Absicht weiß ich nicht. Als ich nun fühlte, daß mein Zustand sich allmählig besserte, dachte ich schon ernstlich an die Weiterreise, um Kukusus zu erreichen und mich von den Leiden der Wanderung etwas zu erholen. Da wird plötzlich gemeldet, die Isaurier durchschwärmten in unermeßlicher Anzahl die Gegend von Cäsarea, hätten ein großes Dorf in Asche gelegt und schrecklich gehaust. Auf diese Kunde rückte der Tribun mit seinen Soldaten aus. Denn man besorgte auch einen Angriff auf die Stadt; und Alle waren in Furcht, Alle in tödtlicher Angst, weil die Stätte ihrer Heimath gefährlich bedroht war. Die Wache auf den Stadtmauern wurde sogar von den Greisen übernommen. Als es nun so stand, da zeigte sich plötzlich gegen Osten eine Horde von Mönchen (so muß man wirklich sagen, wenn man von ihrer Wildheit einen Begriff geben will) und rückte auf das Haus zu, in dem ich mich befand, und drohte es anzuzünden und zu verbrennen, drohte mir das Alleräusserste an, wenn ich nicht herauskäme. Weder die Furcht vor den Isauriern, noch eine schwere Krankheit, noch irgend etwas Anderes vermochte sie nachgiebiger zu stimmen, und so wuthschnaubend drangen sie vor, daß selbst die Soldaten des Statthalters in Furcht geriethen. Denn auch ihnen drohten sie mit Schlägen, und prahlten, daß sie schon viele solcher Krieger kläglich zusammengehauen hätten. Als Das die Soldaten hörten, nahmen sie ihre Zuflucht zu mir, und baten und flehten: „Wenn wir auch den Isauriern in die Hände fallen sollen, so errette uns doch vor diesen wilden Thieren.“ Der Statthalter eilte auf die Kunde zu meiner Wohnung, um mir Hilfe zu leisten. Auch auf sein Zureden wollten die Mönche sich nicht mässigen, und auch er war zu schwach. Da er nun die Verwirrung und Rathlosigkeit so hoch gestiegen sah und mir einerseits weder rathen mochte, hinaus und dem sichern Tod entgegenzugehen, noch 584 andererseits wegen ihrer maßlosen Wuth rathen mochte, im Hause zu bleiben, schickte er zu Pharetrius und ließ ihn bitten, sich wegen meiner Krankheit und wegen der drohenden Gefahr für einige Tage zu gedulden. Und auch Das half nicht; im Gegentheil, am folgenden Tage rückten sie noch stürmischer vor. Von den Priestern wagte Keiner, mir zur Hand zu sein und beizustehen; sie schämten sich so sehr, daß sie sich verbargen und fortwährend versteckt hielten, und sich nicht bei mir einfanden, als ich sie zu mir bat; denn sie sagten, Das alles geschehe auf Kommando des Pharetrius. Wozu noch viele Worte? Unter all diesen Schrecknissen, den Tod in fast sicherer Aussicht, vom Fieber geplagt (denn ich war seine schlimmen Folgen noch nicht los) gerade um die Mittagszeit, warf ich mich in die Sänfte und ließ mich wegbringen. Das ganze Volk schrie und heulte vor Leid und verwünschte den Urheber dieses Elends unter allgemeinem Klagen und Jammern. Als ich die Stadt im Rücken hatte, kamen langsam auch einige Geistliche und gaben mir klagend das Geleit. Der eine sagte: „Wohin bringt ihr ihn zum sichern Tod?“ Ein anderer — einer von denen nämlich, die mir sehr zugethan waren, — sagte zu mir: „Mache nur, daß du fortkommst, ich bitte dich; falle immerhin den Isauriern in die Hände, rette dich nur vor uns. Denn wo du immer hin gerathen magst, du kommst in Sicherheit, wofern du nur unsern Händen entrinnest.“ Als die ehrenwerthe Seleukia, die Gemahlin meines Herrn Rufinus, hörte und sah, was vor sich ging, (auch sie nämlich schätzte mich sehr hoch,) bat sie inständig, ich möchte in ihrem Hause Einkehr nehmen, das in der Vorstadt gelegen war, fünftausend Schritt von der Stadt entfernt. Sie ließ mich zugleich durch einige Leute begleiten, und wir schlugen dorthin unsern Weg ein.
Aber auch hier sollte diese Verfolgung mich noch nicht 585 verschonen. Als nämlich Pharetrius davon hörte, ließ er an diese Frau, wie sie sagte, viele und arge Drohungen ausrichten, weil sie mich in ihr Haus aufgenommen hätte. Ich wußte davon Nichts: sie kam zu mir hinaus und verhehlte es mir, theilte es jedoch ihrem dortigen Verwalter mit. Zugleich trug sie ihm auf, auf alle mögliche Weise für meine Erholung Sorge zu tragen, und wenn Mönche einen Angriff auf mich unternehmen sollten, um mich zu schmähen oder zu mißhandeln, dann solle er von ihren andern Besitzungen die Bauern zusammen holen und sich mit ihnen den Mönchen zum Kampfe entgegenstellen. Sie bat mich auch, ihr befestigtes und uneinnehmbares Haus zu beziehen, damit ich den Händen des Bischofs und der Mönche entginge. Allein dazu wollte ich mich nicht verstehen, sondern blieb in dem Hause vor der Stadt, ohne von den spätern Angriffsplänen gegen mich Etwas zu wissen. Auch Das konnte jene Menschen noch nicht dazu bringen, von ihrer Wuth gegen mich abzulassen. Inzwischen setzte Pharetrius der Frau fortwährend mit Drohungen zu, drängte und quälte sie, wie erzählt wird, sie sollte mich aus ihrem Hause weisen. Nun konnte die Frau seine Quälereien nicht länger ertragen. Weil sie sich aber schämte, ihre Bedrängniß zu gestehen, ließ sie, ohne daß ich Etwas davon wußte, mitten in der Nacht in unserm Hause die Nachricht verbreiten, die Barbaren seien im Anzug. Und mitten in der Nacht kam der Priester Euethius zu mir, weckte mich aus dem Schlafe und schrie mit lauter Stimme: „Steh’ auf, ich bitte dich, die Barbaren sind da, sie sind hier ganz in der Nähe.“ Stelle dir vor, wie mir bei dieser Meldung zu Muthe war. Ich sagte zu ihm: „Was sollen wir denn thun? In die Stadt können wir nicht flüchten, sonst möchten wir Schlimmeres zu erdulden haben, als die Isaurier uns anthun wollen.“ Er nöthigte zum Aufbruch. Es war Mitternacht, eine mondlose, schwarze, stockfinstere Nacht. Das verursachte von Neuem große Verlegenheit, und kein Mensch war zur Hand, Keiner stand mir bei; denn alle hatten mich verlassen. Von der Furcht gedrängt, den baldigen Tod 586 erwartend, stand ich gleichwohl auf, ganz matt und elend, nachdem ich vorher Geheiß gegeben, die Fackeln anzuzünden. Aber der Priester gebot sie auszulöschen, damit, wie er sagte, die Barbaren nicht etwa durch das Licht herbeigerufen einen Angriff auf uns machten. Die Fackeln wurden denn auch ausgelöscht. Ein Maulthier trug meine Sänfte. Der Weg war äusserst uneben, steil und steinig. In Folge dessen fiel das Thier auf ein Knie und warf mich, der in der Sänfte saß, ab. Es fehlte wenig, so hätte ich hier den Tod gefunden. Ich raffte mich auf und ließ mich weiter schleppen. Der Priester Euethius, der auch vom Lastthier abgestiegen war, hielt mich fest. So an der Hand geführt, schritt ich voran, oder vielmehr man zog mich voran; denn gehen konnte ich eigentlich nicht; der Weg war zu schlecht, das Bergsteigen zu beschwerlich, und noch gar um Mitternacht! Stelle dir vor, was ich da habe leiden müssen, wo so viel Unglück auf mich eindrang, das Fieber mich plagte, und wo ich von alle Dem, was man mit mir in’s Werk gesetzt hatte, gar Nichts wußte, und deßhalb voll Furcht und Angst vor den Barbaren war, und mich darauf richtete, ihnen in die Hände zu fallen. Scheint dir nicht, daß diese Leiden für sich allein, wenn mir auch sonst Nichts widerfahren wäre, viele von meinen Sünden tilgen, und mir große Ehren einbringen können? Die Ursache der Nachstellungen aber lag, wie ich glaube, in Folgendem. Gleich nach meiner Ankunft in Cäsarea wurde ich von allen Leuten jeden Tag besucht, von den höhern Beamten, von den gewesenen Vicepräfekten und Vorstehern, von Professoren, gewesenen Offizieren, vom ganzen Volk; sie pflegten und warteten mich wie ihren Augapfel. Das hat vermuthlich den Pharetrius geärgert, und so hätte denn der Neid, der mich aus Konstantinopel vertrieben, auch hier noch nicht von mir gelassen. Das ist meine Ansicht. Ich behaupte Nichts, ich vermuthe nur. Was soll man nun noch von den andern Widerwärtigkeiten sagen, die mir unterwegs zugestoßen sind, den Befürchtungen und Gefahren? Ich selbst denke jeden Tag daran, und indem ich mich in Gedanken 587 damit beschäftige, ist es mir, als ob ich hüpfen und fliegen müßte vor Freude, daß ich einen solchen Schatz besitze. Denn den besitze ich, und dem entspricht meine Stimmung. Daher lege ich auch dir an’s Herz, dich darüber zu freuen, wohlgemuth und vergnügt zu sein, und Gott zu preisen, der mich gewürdigt hat, dergleichen zu leiden. Und dann bitte ich dich dringend, behalte Das alles für dich, plaudere es bei Keinem aus, wenn auch namentlich die Soldaten des Statthalters, die ebenfalls von den äussersten Gefahren bedrängt waren, die ganze Stadt damit anzufüllen wissen.
Übrigens soll Das Niemand von dir gewahr werden, suche vielmehr Diejenigen zu beschwichtigen, die es erzählen. Wenn du dich aber wegen etwaiger schlimmer Folgen dieser Unfälle betrübst, so sei fest versichert, daß ich von allen vollkommen befreit bin, und mich einer bessern Gesundheit erfreue, als wo ich dort war. Und warum machst du dir Sorge wegen der Kälte? Man hat mir ja entsprechende Wohnungen hergerichtet; und mein Herr Dioskorus bietet alles Mögliche auf, daß ich die Kälte auch nicht im Geringsten merke. Wenn ich nach dem Anfange urtheilen darf, so scheint mir die jetzige Witterung wirklich morgenländisch zu sein, und zwar nicht weniger als in Antiochien; so groß ist hier die Wärme, so ist die Temperatur. Du hast mich dadurch recht betrübt, daß du sagst, du nähmest mir übel, daß ich vielleicht nicht besorgt genug wäre. Habe ich dich doch vor vielen Tagen in meinem Briefe dringend gebeten, mich von hier nicht wegbringen zu lassen? Mir kam darauf der Gedanke, es müßte dich eine lange Vertheidigung, viel Schweiß und Beschwerden kosten, um dich wegen dieses Wortes rein zu waschen. Vielleicht hast du dich auch schon theilweise durch den Zusatz entschuldigt: „Das denke ich nur, um meinen Kummer zu vermehren.“ Aber gerade Das ist wieder sehr tadelnswerth, daß du, wie 588 du sagst, deinen Kummer durch das Nachdenken noch zu vermehren strebst. Denn während du Alles thun und Alles daran setzen solltest, um die Traurigkeit zu verscheuchen, thust du dem Teufel seinen Willen, indem du die Traurigkeit vermehrst. Oder weißt du nicht, was für ein großes Übel die Traurigkeit ist?
Wegen der Isaurier fürchte Nichts mehr; denn sie sind in ihr Gebiet nicht zurückgekehrt. Der Statthalter hat zu diesem Resultat nach Kräften beigetragen; und wir sind nun hier bei Weitem sicherer, als wir in Cäsarea waren. Denn ich fürchte Niemand so sehr als die Bischöfe, wenige ausgenommen. Also wegen der Isaurier gib dich durchaus keinen Befürchtungen hin; denn sie haben sich zurückgezogen, sind seit Beginn des Winters in ihr Gebiet eingeschlossen und könnten also höchstens nach Pfingsten wieder ausziehen.
Wie kannst du aber behaupten, daß du keine Briefe bekommst? Drei Briefe habe ich dir schon zugeschickt, den ersten durch die Soldaten des Statthalters, den zweiten durch Antonius, den dritten durch seinen Sklaven Anatolius. Sie waren sehr lang. Zwei besonders enthielten eine heilsame Arznei, geeignet, jeden Muthlosen oder Geärgerten wieder aufzurichten und in eine ganz fröhliche Stimmung zu versetzen. Diese also nimm zur Hand, lies sie immer wieder durch, dann wirst du ihre Kraft gewahren und durch den Gebrauch dieser Arznei großen Nutzen erzielen; und wenn du mir mittheilst, daß sie dir geholfen haben — ich habe noch einen andern, einen ähnlichen in Bereitschaft, den ich dir jetzt nicht habe schicken wollen. Denn es hat mich sehr betrübt, daß du sagst: ich suche mir traurige Gedanken zusammen, selbst grundlose Phantasien. Da hast du ein Wort gesprochen, das Deiner nicht werth ist, und dessen sogar ich mich gründlich schäme. Doch lies jene Briefe nur, und du wirst so Etwas nicht mehr sagen, wenn du dich auch tausendmal bemühtest, traurig zu sein.
589 Da du mir auch über den Bischof Heraklides Mittheilungen gemacht hast — nun er mag, wenn er will, abdanken und so von Allem befreit werden. Denn es bleibt nichts Anderes übrig. Wenn ich auch nicht viel zu Stande gebracht habe, so habe ich es doch meiner Herrin Pentadia gesagt, damit sie sich nach Kräften bemühe, für das Leid einen Trost zu ersinnen.
Du sagst, du seiest so kühn gewesen, mir die traurigen Dinge mitzutheilen, weil du von ihm dazu aufgefordert seiest. Ist Das denn eine Kühnheit? Ich habe nie aufgehört und werde nicht aufhören zu sagen, daß es nur eins gibt, was traurig ist: die Sünde allein. Alles andere ist wie Rauch und Staub. Was ist es denn Schweres, ein Gefängniß zu bewohnen? Ketten zu tragen? was ist es Schweres, übel behandelt zu werden, da die schlimme Behandlung uns einen so großen Gewinn verschafft? was ist es Schweres um die Verbannung und die Einziehung des Vermögens? Das sind nur harte aber leere Worte, jeden traurigen Inhalts baar. Dann wenn du vom Tode sprichst, so nennst du nur eine Schuld unserer Natur, die wir auf jeden Fall abtragen müssen, auch wenn Niemand sie eintreibt; wenn du von Verbannung redest, so heißt Das nichts Anderes als seinen Wohnort wechseln und viele Städte sehen; und wenn du von Einziehung der Güter sprichst, so nennst du Freiheit und Lösung lästiger Fesseln.
Unterlaß nicht, dich nach Kräften dem Bischof Maruthas gefällig zu erweisen, um ihn aus dem Abgrund emporzuziehen; denn ich habe ihn ganz besonders nöthig wegen der Angelegenheiten in Persien. Suche auch von ihm zu erfahren, wenn es dir möglich ist, was er dort Gutes ausgerichtet hat, und weßhalb er hingegangen ist, und dann theile es mir mit; und laß mich auch wissen, ob du die 590 beiden Briefe, die ich an ihn gerichtet, abgegeben hast. Wenn er an mich schreiben will, werde ich ihm wieder schreiben. Wenn er es aber nicht will, wird er dir wohl sagen, ob es dort besser geworden ist, und ob er Aussichten hat, Etwas zu Stande zu bringen, wenn er wieder hinunterreiste; denn ich suchte mit ihm deßhalb eine Zusammenkunft. Übrigens thue nur das Deine; wenn auch Alle zu Grunde gehen, laß du es an Nichts fehlen. Denn dein Lohn wird dir vollzählig hinterlegt sein. Suche ihn also jedenfalls und so gut es angeht, zu gewinnen, ich bitte dich.
Was ich dir jetzt auftragen will, Das wolle ja nicht unterlassen, sondern gib dir darum doch recht viele Mühe. Es haben mir die marsischen Mönche (die Gothen, bei denen der Bischof Serapion sich immer verborgen hielt) mitgetheilt, daß der Diakon Moduarius die Nachricht gebracht hat, der vortreffliche Bischof Unilas, den ich vordem geweiht und in das Land der Gothen geschickt habe, sei entschlafen, nachdem er sich viele und große Verdienste erworben; und daß dieser Diakon einen Brief des Gothenkönigs überbracht hat, worin derselbe bittet, man möge ihm einen Bischof senden. Ich sehe nun kein anderes Mittel, um der drohenden schlimmen Wendung in dieser Angelegenheit vorzubeugen, als Zögerung und Aufschub. Denn jetzt können sie den Bosporus nicht befahren und jenes Gebiet nicht erreichen. Darum sorge, daß du sie eine Zeit lang wegen des Winters hinhaltest. Gehe doch nicht leicht darüber hinweg; denn es wäre eine Sache von großer Verdienstlichkeit. Zweierlei ängstigt mich nämlich ungemein, was etwa geschehen könnte (möge es doch nicht eintreten!): einmal, daß diese Menschen [d. h. der schismatische Patriarch von Konstantinopel und sein Anhang] einen Bischof senden werden, die so große Frevel verübten und nach allem göttlichen und menschlichen Recht keinen senden dürfen, und dann, daß man einen ohne Wahl und Prüfung senden wird. Du weißt ja auch, daß sie es nicht darauf absehen, einen guten und tüchtigen Mann zum Bischof zu machen. Was 591 dann für Folgen eintreten würden, ist dir wohl bekannt. Damit Das also nicht geschieht, gib dir alle mögliche Mühe, den Moduarius zu bestimmen, daß er wo möglich ganz geheim und ohne Aufsehen sich zu mir begebe. Wenn es aber nicht sein kann, so thue, was die Umstände gestatten. Denn wie es sich mit Geldspenden verhält, und wie es bei jener Wittwe zutraf, so geht es auch mit solchen Bemühungen. Diese Frau hatte zwei Heller geopfert und gleichwohl alle übertroffen, die mehr gespendet hatten, indem sie ihr ganzes Hab und Gut hingegeben hatte: so haben auch Diejenigen, welche sich aus allen Kräften auf gute Werke verlegen, Alles vollkommen gethan — so weit es auf sie ankommt — wenn sie auch Nichts erreichen, und ihr Lohn ist ihnen vollzählig hinterlegt.
Dem Bischof Hilarius bin ich sehr dankbar. Er hat mich brieflich um die Erlaubniß gebeten, in seine Gemeinde abzureisen, um dort die Angelegenheiten zu ordnen und dann wieder hierher zu kommen. Weil nun seine Anwesenheit von großem Nutzen ist (denn er ist ein frommer und zugleich standhafter und eifriger Mann) habe ich ihn aufgefordert, nach seiner Hinreise schnell zurückzukehren. Sorge nun, daß ihm der Brief schnell und sicher eingehändigt wird und nicht in verkehrte Hände kommt; denn er hat einen Brief von mir sehr angelegentlich und entschieden verlangt, und zudem ist seine Anwesenheit von großem Werthe. Laß dir durchaus angelegen sein, wenn nicht etwa der Priester Helladius da ist, die Briefe durch einen verständigen und gewandten Mann den Freunden zuzustellen.