13. Synodalschreiben des P. Damasus gegen Apollinaris und Timotheus v. J. 383
Einleitung.
Wir verdanken den griechischen Text dieses Schreibens dem Theodoretus,aus welchem es Epiphanius in’s Latein übersetzte und in seine Kirchengeschichteaufnahm; welches die Originalsprache desselben sei, ist nicht gewiß; Valesius und Merenda entscheiden sich für die lateinische. Die Veranlassung zu diesem Briefe gab dem Papste die Bitte der orientalischen Bischöfe, den Timotheus, den hervorragend- 333 sten Schüler des Apollinaris, zu verurtheilen. Baronius setzt seine Abfassung in das J. 373, allein mit Unrecht; denn Damasus beruft sich in unserem Schreiben auf die schon längst über Apollinaris und Timotheus in Gegenwart des Petrus von Alexandrien ausgesprochene Verurtheilung und Absetzung, für welche aber Baronius selbst das J. 373angibt; wir müssen also für unseren Brief jedenfalls ein viel späteres Jahr annehmen; welches, dafür gibt es keinen weiteren Anhaltspunct, er wird von Verschiedenen verschieden datirt, zwischen 378 und 384; hätte Theodoret in der Aneinanderreihung der Documente die richtige chronologische Ordnung eingehalten, so müßte man ihn, weil er auf das Schreiben der Synode zu Constantinopel v. J. 382 an die Occidentalen folgt, nach dem J. 382 ansetzen; Merenda nimmt auch das Jahr 383 an.
659V. 10.
66015., wo nicht durch Schuld des Epiphanius, sondern des Abschreibers der Brief die falsche Ueberschrift tragt: Brief des Damasus über die Verurtheilung des Apollinaris an Timotheus ; er las also statt ac Timothei — ad Timotheum.
661Wir mit Merenda und Hefele das J. 376.
§ 1
Indem euere Liebe dem apostolischen Stuhle die gebührende Ehrfurcht bezeigt, erweiset ihr uns selbst die meiste Ehre, theuerste Söhne; denn wenn auch der hei- 334 ligen Kirche, in welcher der heilige Apostel seinen Sitz hatte und lehrte, wie wir das Steuerruder, welches wir (zu führen) übernommen haben, in gehöriger Weise lenken sollen, der erste Rang gebührt, so bekennen wir doch, daß wir dieser Ehre nicht würdig sind; aber deßhalb bestreben wir uns auf jede mögliche Weise, daß wir, wenn wir nur irgendwie es vermögen, zu seiner Herrlichkeit und Seligkeit gelangen. 335
662Ἑαυτοῖς ; Valesius und Merenda beschuldigen hier den griechischen Uebersetzer einer sinnlosen Verwechslung der Person, indem er statt nobis gesetzt habe vobis; allein, wenn auch nobis wegen des Contextes vorzuziehen ist, so gibt doch auch vobis einen ganz guten Sinn und behält auch Fuchs II. S. 361 das vobis bei.
663Die ganz ungewöhnliche Ansprache der Bischöfe mit „Söhne" erklärt Merenda (p. 127.) dadurch, daß sie doch nicht unerhört gewesen sei (auch Athanasius nannte den Diodorus, Bischof von Tyrus, Sohn) und durch die Würde und das hohe Alter des Damasus gerechtfertigt sei. Daß aber der Brief wirklich an Bischöfe gerichtet war, geht aus der an die Adressaten unten gemachten Ermahnung hervor, bei ihren Klerikern und Laien keine unnützen Erörterungen zu dulden.
664Der griechische Text lautet: καὶ γὰρ εἰ τὰ μάλιστα ἐν τῇ ἁγίᾳ ἐκκλησίᾳ, ἐν ᾗ ὁ ἅγιος ἀπόστολος καθεζόμενος ἐδίδαξε, πῶς προσήκει ἡμᾶς τοὺς οἴακας ἰθύνειν, οὓς ἀνεδαξάμεθα, ὅμως u. s. w. Epiphanius übersetzt: Nam licet ecclesiae, in qua s. Apostolus residens docuit, quodam modo nos gubernacula, quae suscepimus, teneamus; Christophorson: Nam tametsi in sancta ecclesia, in qua s. Apostolus sedens nos docuit quo pacto illius gubernacula , quae suscepimus, tractanda sint; Sirmond: Etenim ut maxime in sancta ecclesia, in qua sedens s. Apostolus docuit, quo modo nobis u. s. w.; Valesius: Etsi enim in sancta ecclesia, in qua s. Apostolus sedens docuit, u. s. w.; Coustant: Etsi enim maxime in sancta ecclesia, in qua s. Apostolus sedens docuit, decet nos quodam modo clavum tenere u. s. w. Mit Recht verwirft Merenda alle diese Versionen und Übersetzt: Nam tametsi Sancta Ecclesia, in qua s. Apostolus sedens nos docuit, quo pacto illius gubernacula, quae suscepimus, tractanda sint, nobis primae partes deferentur, (indem er nach τὰ μάλιστα ergänzt ἐστίν); der Grund der verschiedenen Uebersetzungen liegt in den zwei Ausdrücken τὰ μάλιστα und πῶς; ich stimme mit Merenda insoferne überein, als ich auch die Ergänzung mit ἐστίν annehme, aber er braucht noch ein ἡμῖν (═ nobis), und halte ich daher meine Version für grammaticalisch und logisch genauer; der Sinn ist klar: der Vorzug, die Ehre ist (begründet) in der Kirche, als dem Sitze des hl. Petrus, und diesen nimmt Damasus an und in Anspruch, persönlicher Ehre und Vorzuges hält er sich für unwürdig. Fuchs (l. c.) übersetzt frei: Denn ob wir uns wohl für unwürdig bekennen, das Ruder in derjenigen Gemeinde zu führen, in welcher der hl. Apostel selbst uns gelehrt hat, wie wir die Kirche regieren sollen, so beeifern wir u. s. w.
§ 2
Wisset also, daß wir den gottlosen Timotheus,den Schüler des Häretikers Apollinarius, sammt seiner gottlosen Lehre (schon) längst verurtheilt haben, und glauben wir keineswegs, daß seine Ueberbleibsel künftighin noch irgend eine Bedeutung haben. Wenn aber jene alte Schlange, obwohl schon zu wiederholten Malen niedergeworfen, zur eigenen Strafe wieder auflebt, wer immer ausserhalb der Kirche steht und mit seinem tödtlichen Gifte einige Glaubenslose anzustecken fortfährt, einen Solchen meidet wie eine Pest; gedenket zugleich des apostolischen Glaubens, besonders desjenigen, welcher von den Vätern in Nicäa schriftlich festgesetzt wurde, verharret fest und unerschütterlich im Glauben und duldet fernerhin nicht, daß euere Kleriker oder Laien eitles Geschwätze und Untersuchungen über dunkle Materienanhören. Denn wir haben schon einmal als Normfestgesetzt, daß, wer sich als Christ bekennt, die lehre der Apostel bewahren solle, da der hl. Paulus sagt: „Wenn euch Jemand ein anderes Evangelium verkündet, als ihr empfangen habt, der sei verflucht!" Denn Christus, der Sohn Gottes, unser Herr, hat durch sein Leiden dem Menschengeschlechte ein ganz vollständiges Heil erworben, so daß er den ganzen Menschen, welcher in den Schlingen 336 der Sünde verstrickt war, von aller Sünde erlöste. Wenn also Jemand sagte, er habe die göttliche oder menschliche Natur unvollkommen besessen, der ist vom Geiste des Teufels erfüllt und zeigt sich als einen Sohn der Hölle.
665Er war Bischof in Berytus.
666Das griechische ταύτην verbessert Coustant und Valesius in τοῦτον; Merenda übersetzt: hanc astutiam.
667Ἠφανισμένας ζητησεις übersetzt Coustant mit: exolezas quaestiones, Merenda, wie ich glaube, richtiger mit: quaestiones obscuras.
668Τύπον ἐδώκαμεν; Coustant übersetzt: formam dedimus und meint, es könnte damit auf das an Paulinus gesandte Glaubensbekenntniß hingewiesen sein; ich fasse es so auf, daß eben die im folgenden Satze enthaltene Aufforderung, an der apostolischen Ueberlieferung festzuhalten, jene Norm sei.
669Gal. 1, 9.
670Ἵνα, übersetzt Fuchs (I. c.) durch: damit; allerdings hat Ἵνα in erster Linie diese Bedeutung, aber auch, besonders bei späteren Schriftstellern, die mir hier passender erscheinende: so daß.
§ 3
Warum also fordert ihr nochmals von mir die Absetzung des Timotheus, welcher auch hier durch das Urtheil des apostolischen Stuhles, da auch Petrus, der Bischof von Alexandrien, zugegen war, zugleich mit seinem Lehrer Apollinaris abgesetzt wurdeund am Tage des Gerichtes die verdienten Strafen und Qualen erleiden wird? Wenn er aber einige allzu Leichtsinnige verleitet, als ob er noch irgend eine Hoffnung hätte, da er doch die wahre Hoffnung,welche auf Christus gegründet ist, mit seinem Glauben abgeworfen hat, so wird mit ihm auf gleiche Weise zu Grunde geben, wer immer der kirchlichen Regel widerstehen will. Gott bewahre euch im Wohlsein, theuerste Söhne.
671Wahrscheinlich also hat Apollinaris unter Mißachtung des Absetzungsurtheiles seinen Sitz behauptet und seine Irrlehre fort verbreitet.
672Die wahre Hoffnung auf Christus besteht darin, daß man von ihm, als vollkommenem Gott und Mensch zugleich, die Erlösung des Leibes und der Seele erwartet, und kann diese nicht haben, wer Christo die vernünftige menschliche Seele abspricht.
673Hierauf führt Theodoretus nach einigen einleitenden Worten das an Paulinus abgesandte Glaubensbekenntniß auf.