346 Die Frage deiner Heiligkeit war eine Abhandlung, und so fragen heißt durch die Frage den Weg zu dem Gefragten weisen; denn einem weise Fragenden wird die Weisheit vergolten werden. Du sagst: Wer ist jener Vater im Evangelium, welcher das Vermögen unter seine zwei Söhne austheilte? wer sind die zwei Söhne? wer der ältere, wer der jüngere? Auf welche Weise der jüngere das erhaltene Vermögen mit Buhldirnen vergeudet? Während einer Hungersnoth wird er von einem Vornehmen jener Gegend als Schweinehüter aufgenommen, ißt die Traber, kehrt zum Vater zurück, erhält einen Ring und ein Gewand, und es wird ihm (zu Ehren) ein gemästetes Kalb geschlachtet. Wer der ältere Bruder sei, und wie er, vom Acker heimkehrend, über die Aufnahme seines Bruders mißgünstig wird, und das Ubrige, wie es im Evangelium weitläufig geschildert wird. Du fügst noch hinzu: Ich weiß, daß Viele über dieses Lesestück Verschiedenes gesagt haben und meinten, der ältere Bruder sei das jüdische Volk, der jüngere das heidnische. Aber ich frage, wie man auf das jüdische Volk die Worte anpassen könne: „Siehe so viele Jahre diene ich dir und habe niemals dein Gebot übertreten, aber nie hast du mir einen Bock gegeben, daß ich mit meinen Freunden ein Freudenmahl balten konnte;" und Jenes: „Mein Sohn, du bist immer bei mir, und all’ das Meinige ist dein!" Wenn wir aber, wie du sagst, die Parabel vom Gerechten und vom Sünder (verstehen) wollten, so wird es für den Gerechten nicht passen, daß er sich über die Rettung des Anderen und vorzüglich seines Bruders betrübt. Denn wenn „durch den Neid des Teufels der Tod in die Welt gekommen ist" und ihn seine Anhänger nachahmen, kann man einen so ungeheuerlichen Neid auf die Person eines Gerechten anpassen, daß er draussen stehen blieb und seinem gütigsten Vater trotzig begegnete und allein, vom Neide gepeinigt, an der Freude des Hauses keinen Antheil nehmen wollte? Wie wir daher bei den 347 übrigen Gleichnissen, welche vom Heilande nicht erklärt wurden, zu untersuchen pflegen, warum sie geredet worden seien, so müssen wir Dieß auch bei diesem thun (und fragen), warum der Herr diese Worte vorgebracht habe, und auf welche Frage die entsprechende Antwort erfolgt sei.
Die Schriftgelehrten und Pharisäer murrten und sagten: „Warum nimmt Dieser die Sünder auf und ißt mit, ihnen?„ Denn früher heißt es: „Es nahten sich ihm aber die Zöllner und Sünder, um ihn zu hören.“ Daher also kam alle Mißgunst, daß der Herr die Unterredung und das Essen mit Jenen nicht vermied, mit welchen es die Vorschriften dcs Gesetzes verboten hatten. So erzählt es Lucas. Matthäus übrigens sagt also: „Als er sich im Hause (des Matthäus) zu Tische setzte, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und setzten sich mit Jesu und seinen Schülern zu Tische. Da das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum ißt euer Meister mit den Sündern und Zöllnern? Als (Jesus) Dieß hörte, sprach er: die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Gehet aber bin und lernet, was das sei: „Ich will Barmherzigkeit und nicht Opfer; denn ich bin nicht gekommen, die Gerechten zu berufen, sondern die Sünder.„ Marcus hat dieselben Worte. Daher ergab sich, wie wir sagten, die ganze Frage aus dem Gesetze. Das Gesetz nemlich, an der Gerechtigkeit festhaltend, kannte keine Gnade, sondern jeder Ehebrecher, Mörder, Betrüger und, um es kurz zu sagen, Jeder, der ein todwürdiges Verbrechen begangen hatte, erhielt keinen Nachlaß der Strafe für sein Verbrechen, er mußte Aug’ um Aug, Zahn um Zahn, Leben für 348 Leben geben. „Alle also sind abgewiesen, allesammt unnütz geworden, Keiner ist, der Gutes thut, auch nicht Einer.“ „Als aber die Sünde übersckwänglich war, wurde die Gnade noch überschwänglicher„ und „sandte Gott seinen Sohn, gebildet aus einem Weibe,“ welcher die Scheidewand zerstörte, aus beiden Eines machte und die Strenge des Gesetzes durch die Gnade des Evangeliums milderte. Daher sagt auch Paulus in seinen Briefen an die Kirchen: „Gnade euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!„ Gnade, welche nicht als Lohn für ein Verdienst, sondern als ein Geschenk verliehen ist; Friede aber, durch welchen wir mit Gott versöhnt sind, weil wir zum Mittler unsern Herrn Jesus Christus haben, welcher uns unsere Sünden nachließ und die Handschrift des Todes, welche uns entgegen war, auslöschte, indem er sie an’s Kreuz heftete, und die Oberherrschaften und Gewalten in seinem Triumphe führte, welchen er am Holze über sie errang. Welche Gnade aber kann größer sein, als daß der Sohn Gottes als Menschensohn geboren wurde, die Last der zehn Monate auf sich nahm, den Augenblick der Geburt abwartete, sich in Windeln einwickeln ließ und sich den Eltern unterwarf, die Entwicklung der einzelnen Lebensalter durchmachte? Daß er, nachdem er geschmäht, mit Backenstreichen und Geißeln mißhandelt wurde, auch der Gegenstand des Fluches für uns am Kreuze wurde, damit er uns von dem Fluche des Gesetzes befreie, da er dem Vater gehorsam geworden bis zum Tode, und daß er im Werke erfüllte, was er vorher als Mittler im Gebete ausgesprochen: „Vater, ich will, daß, sowie ich und du Eins sind, so auch sie in uns Eins seien.“ Weil er also dazu gekommen war, damit er, was dem Gesetze, aus dem 349 Niemand gerechtfertiget wurde, unmöglich war, überwinde, berief er die Zöllner und Sünder zur Buße und wünschte auch, bei ihren Gastmahlen zugegen zu sein, damit sie beim Gastmahle Belehrung erhielten; wie es Jedem, der die Evangelien mit aufmerksamem Geiste durchliest, klar werden kann, wie sein Essen und Trinken und Umhergehen und Alles, was er leiblich that, auf das Heil der Menschen gerichtet war. Die Schriftgelehrten und Pharisäer aber, welche es sahen, sagten, er handle gegen das Gesetz: „Seht, dieser Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder;„ denn vorher hatten sie ihn getadelt, daß er am Sabbathe heile. Der Herr also, um deren Anklagen in gütiger Weise zu widerlegen, trug drei Gleichnisse vor, von denen das eine von 99 Schafen lautet, die der Hirt auf den Bergen zurückläßt, und dem einen verlorenen, das er auf seinen Schultern zurückträgt; das zweite von der Drachme, welche das Weib, nachdem sie ein Licht angezündet, gesucht und nachdem sie diese gefunden, ihre Nachbarinen zur Theilnahme an ihrer Freude zusammenruft und ihnen sagt: „Freuet euch mit mir, weil ich die Drachme, welche ich verloren hatte, gefunden habe;“ das dritte aber ist das von den zwei Söhnen, über welche du von mir eine kurze Erklärung forderst. Von dem Schafe und der Drachme aber soll jetzt, obwohl sie eine Bedeutung haben, nicht die Rede sein, und möge nur die Bemerkung, genügen, daß diese Parabeln aus dem Grunde vorgetragen wurden, damit, sowie bei der Auffindung des Thieres und der Drachme die Freude der Engel und der sich versammelnden Nachbarinen erwähnt wird, sich über die Buße der Zöllner und Sünder Alle freuen sollen, welche der Buße nicht bedürfen. Daher staune ich sehr darüber, daß Tertullian in dem Buche, welches er über die Schamhaftigkeit gegen die Buße geschrieben, und in welchem er seine alte Meinung durch eine neue Ansicht aufhob, das aufstellen wollte, daß 350 die Zöllner und Sünder, welche mit dem Herrn aßen, Heiden gewesen seien, weil die Schrift sagt: „Es soll kein Zollpflichtiger sein von Israel;„ als ob nicht Matthäus, der Zöllner, ein Jude gewesen wäre und der, welcher im Tempel mit dem Pharisäer betete und die Augen nicht zum Himmel zu erheben wagte, nicht ein Zöllner aus dem Volke Israel gewesen wäre, oder als ob Lucas nicht berichtete: „Und alles Volk, das ihn hörte, und die Zöllner rechtfertigten Gott und ließen sich mit der Taufe des Johannes taufen.“ Oder wem könnte es wohl glaublich erscheinen, daß ein Heide den Tempel betreten oder daß der Herr mit Heiden gegessen habe, da er Dieß gar sehr vermied, damit er nicht das Gesetz aufzuheben scheine, und zunächst zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel kam, auch dem chananäischen Weibe, welches ihn um die Heilung seiner Tochter bat, erwiderte: „Es ist nicht recht, den Kindern das Brod zu nehmen und es den Hunden vorzuwerfen;„ den Jüngern ein andermal befohlen hat „Gehet nicht den Weg zu den Heiden und betretet nicht die Städte der Samaritaner“? Aus allem Diesem lernen wir, daß unter den Zöllnern nicht so sehr Heiden als im Allgemeinen alle Sünder, d. h. mögen sie nun den Heiden oder Juden angehören, zu verstehen seien. Jener aber, welcher nach seinen wahnsinnigen und gotteslästerlichen Weibern die Lehre vertheidigte, daß man die Christen nicht zur Buße zulassen dürfe, hat vergeblich behauptet, daß die Zöllner keine Juden gewesen und unter Jenen nur die Heiden verstanden werden können. Daher werde ich, um nicht zu weitläufig zu werden, die Worte des Evangeliums selbst anführen und nach Art eines Commentars meine Ansicht den einzelnen (Sätzen) zufügen. 351
“Ein Mensch hatte zwei Söhne.” Daß Gott ein Mensch genannt werde, läßt sich durch viele Zeugnisse beweisen, so durch die Stelle: „Das Zeugniß zweier Menschen ist wahr. Ich zeuge von mir, und (es zeuget) der Vater, der mich gesandt hat." In einem Gleichnisse nennt er sich Hirt, in einem anderen Hausvater, in einem anderen vermiethet er einen Weingarten, in einem anderen ladet er zu einem Hochzeitsmahle ein und deutet so unter verschiedenen Bildern Dasselbe an, um den Hochmuth der Juden zu tadeln und die Bußealler Sünder im Allgemeinen, seien es nun Heiden oder Juden, zu beweisen. Da er aber sagt: „zwei Söhne," (ist zu bemerken,) daß fast alle Stellen der (hl.) Schrift, welche von der Berufung zweier Völker reden, voll von Geheimnissen sind.
„Und es sprach der Jüngere zu ihm: Vater, gib mir den Antheil des Vermögens, der mir zukommt." Das Vermögen Gottes ist alles Das, daß wir leben, vernünftig sind, denken, reden. Das schenkte Gott Allen und insgemein, nach dem Worte des Evangelisten : „Es war das wahre Licht, welches jeden Menschen, der in die Welt kommt, erleuchtet.“ DaS ist das rechte Auge, welches vor Ärgernissen zu bewahren ist das die Leuchte des Körpers, das das Talent, das nicht in das Schweißtuch gelegt d. h. der Verzärtlung und dem Müssiggange geopfert, noch in die Erde vergraben, d. h. durch irdische Gedanken verdunkelt werden darf.
„Und er theilte unter sie das Vermögen.“ 352 Bezeichnender heißt es im Griechischen: er vertheilte unter sie das Leben, d. h. er gab ihnen freien Willen, er gab ihnen die Freiheit des eigenen Geistes, damit ein Jeder leben könne, nicht nach dem Befehle Gottes, sondern nach seinem eigenen Gutdünken, d. h. nicht nach dem Zwange, sondern nach (freiem) Willen, damit die Tugend Platz greife, damit wir uns von den übrigen lebenden Wesen unterscheiden, da es uns nach dem Beispiele Gottes überlassen ist, zu thun. was wir wollen; daher auch die Sünder ein gerechtes Gericht, die Heiligen oder Gerechten einen gerechten Lohn erhalten.
„Nach wenigen Tagen nun nahm der jüngere Sohn Alles zusammen und zog fort in ein fernes Land." Wenn Gott den Himmel mit seiner flachen Hand hält und die Erde mit seiner Hand umfaßt und Jeremiassagt: „Ein Gott in der Nähe und nicht ein Gott in der Ferne," auch von David verkündigt wird,daß es keinen Ort gibt, wo er nicht wäre, wie so zieht der Sohn in die Ferne und verläßt seinen Vater ? Man soll daher wissen, daß wir nicht durch Raum oder Entfernung, sondern der Gesinnung nach entweder bei Gott sind oder uns von ihm entfernen. Denn sowie er zu seinen Jüngern sagt:„Sehet, ich bin bei euch alle Tage bis an’s Ende der Welt," so sagt er auch zu denen, welche ihren Hochmuth vorziehen und nicht bei dem Herrn zu sein verdienen:„Weichet von mir, ich kenne euch nicht, ihr Übelthäter!" So also gieng der jüngere Sohn mit seinem ganzen Vermögen vom Vater weg und zog in die Ferne. Auch Cain zog hinweg vom Angesichte des Herrn und wohnte im Lande Naid,das „Schwan- 353 ken" bedeutet; wer immer von Gott sich entfernt, wird gleich von den Fluthen der Welt umhergeworfen, und seine Füße wanken. Denn nachdem die Menschen sich vom Osten entfernten und das wahre Licht verließen, da erbauten sie gegen Gott den Thurm ihres Frevels, da ersannen sie ihre hoffärtigen Lehren, weil sie in unerlaubter Wißbegierde bis in die Höhen des Himmels selbst eindringen wollten. Und man hieß jenen Ort Babel, d. i. Verwirrung.
„Und dort verschwendete er sein Vermögen durch ein schwelgerisches Leben." Die Üppigkeit ist eine Feindin Gottes, eine Feindin der Tugenden, sie verwüstet das ganze Vermögen des Vaters, und im Genusse des augenblicklichen Vergnügens läßt sie den Gedanken an die bevorstehende Armuth nicht aufkommen.
„Nachdem er aber Alles verzehrt hatte, entstand eine große Hungersnoth in jener Gegend." Er hatte vom Vater die Fähigkeiten erhalten, damit er das Unsichtbare durch das Sichtbare erkenne und aus der Schönheit der Geschöpfe auf den Schöpfer schließe. Da er aber die Wahrheit durch Ungerechtigkeit gefangen hielt und die Götzen statt Gott verehrte, vergeudete er alle Güter der Natur, und nachdem er sie vergeudet, fieng er an arm zu sein, an Tugenden, da er die Quelle der Tugenden verlassen hatte. „Es entstand eine große Hungersnoth in jener Gegend.“ Jeder Ort, welchen wir fern vom Vater bewohnen, ist ein Ort des Hungers, der Noth und Armuth. Jene Gegend der großen Hungersnoth ist das Sinnbild jener (Gegend), von welcher es beim Propheten heißt:„Euch, die ihr die Landschaft des Todesschattens bewohnt, wird ein Licht aufgehen.„ Es gibt aber auch ein anderes Land, welches wir besitzen werden, wenn wir mit reinem und keuschem Herzen leben, und nach welchem der hl. David 354 sich sehnt, wenn er ausruft:„Ich glaube, die Güter des Herrn zu schauen im Lande der Lebendigen.“
„Und er fieng an, Mangel zu leiden, gieng hin und verdingte sich an einen Vornehmen jener Gegend." Nachdem er seinen Nährvater, der ihm auf das erste Wort alle Güter geschenkt, verlassen hatte, schloß er sich an den Fürsten dieser Welt an, d. i. an den Teufel, den Fürsten der Finsterniß, welchen die hl. Schrift bald Feind, bald Richter der Ungerechtigkeit, bald Drache, bald Satan, bald Hammer, bald Rebhuhn, bald Belial, bald einen brüllenden Löwen, bald Leviathan, bald Drache, bald Nilpferd und mit vielen anderen Namen benennt. Daß es aber heißt „einem von den Fürsten,“ ist so zu verstehen, daß es mehrere seien, welche in dieser Luft umher stiegen und durch den Trug verschiedener Laster das Menschengeschlecht ihrer Knechtschaft unterwerfen.
„Dieser schickte ihn auf seinen Acker, die Schweine zu hüten." Das Schwein ist ein unreines Thier, das sich an Morast und Schmutz ergötzt. Das ist die Menge der Dämonen, welche durch gemachte Götzenbilder, mit dem Blute der Thiere und mit Opfern genährt wird und zuletzt wie durch ein besser gemästetes Schlachtopfer durch den Tod des Menschen gesättigt wird. Er schickte ihn also auf seinen Besitz, d. h. er machte ihn zu seinem Diener; damit er die Schweine hüten könnte, opferte er ihm seine Seele.
„Und er wünschte, seinen Bauch mit den Trabern der Schweine zu füllen; aber Niemand gab sie ihm." Dasselbe, was bei Ezechiel Jerusalem vorgeworfen wird: „Dir ist geschehen, was den Weibern nicht geschieht, welche vor dir gehütet haben und auch nach 355 dir, daß du zwar Lohn gegeben, aber nicht empfangen hast.“ sehen wir an dem jüngeren Sohne erfüllt. Er vergeudete sein Vermögen in dem Lande des Fürsten, und nachdem er es verschwendet, wurde er zu den Schweinen geschickt und verschmachtete vor Hunger. Die Speise der Dämonen ist Trunkenheit, Üppigkeit, Unzucht und alle Laster. Sie schmeicheln und locken und berücken die Sinne durch ihre Lust und reizen, sobald sie erscheinen, zu ihrem Genusse. Aber der schwelgerische Jüngling konnte sich deßhalb nicht an ihnen sättigen, weil die Lust immer neuen Hunger erzeugt und die vergangene (Lust) nicht sättiget; auch der Satan, wenn er Jemand durch seine List getäuscht hat, kümmert sich nicht weiter um die Aufhäufung der Laster, da er weiß, daß Jener schon todt ist, wie wir sehen, daß viele Götzenanbeter durch Hunger und Elend zu Grunde giengen. Das sind die, an welchen sich das prophetische Worterfüllt: „Allen Huren gibt man Lobn; du aber gabst Lohn allen deinen Buhlen und erhieltest keinen.„ Wir können die Träber auch anders deuten. Die Speise der Dämonen smd die Lieder der Dichter, die Weisheit dieser Welt, die pompösen Worte der Redner. Sie alle ergötzen durch ihre Lieblichkeit, und indem sie die Ohren durch die in süßem Klange ertönenden Verse fesseln, dringen sie auch in die Seele und umstricken die Tiefen des Herzens. Aber mögen sie auch mit dem größten Eifer und Fleisse gelesen werden, sie bieten ihren Lesern Nichts als leeren Schall und Wortgeklirr, da gibt es keine Befriedigung der Wahrheit, keine Labung der Gerechtigkeit; die nach ihnen haschen, bleiben hungrig nach Wahrheit und sind aller Tugenden baar. Das Bild dieser Weisheit wird auch im Deuteroniumunter der Gestalt eines gefangenen Weibes beschrieben, von welcher die Stimme Gottes befiehlt, daß, wenn die Israeliten eine Solche zum Weibe nehmen wollen, sie ihr sollen eine Glatze scheeren,die Nägel abschneidenund die 356 Haare wegnehmen, und wenn sie ganz rein gemacht, dann mag sie den Sieger umarmen. Ist das, wenn wir es buchstäblich verstehen, nicht lächerlich? Deßhalb pflegen auch wir das zu thun, wenn wir Philosophen lesen, wenn uns Bücher weltlicher Weisheit in die Hände kommen; finden wir in ihnen etwas Nützliches, so verwerthen wir es zum Nutzen unserer Leser; das Überflüssige aber, das von den Götzen, von der Liebe, von der Sorge für das Weltliche handelt, das glätten wir, das scheeren wir ab, das beschneiden wir wie Nägel mit einem sehr scharfen Eisen. Deßhalb verbietet auch der Apostel, daß nicht Jemand im Götzentempel esse, mit den Worten: „Sehet aber zu, daß diese euere Freiheit etwa den Schwachen nicht zum Anstoße werde. Denn wenn Jemand Einen, der dier Erkenntniß hat, im Götzentempel speisen sieht, wird nicht sein Gewissen, weil es schwach ist, aufgemuntert werden, Götzenopfer zu essen, und durch deine Erkenntniß der schwache Bruder verloren gehen, um dessen willen Christus gestorben ist?“ Scheint er dir nicht mit andern Worten zu sagen: Lies nicht Philosophen, Redner, Dichter und gib dich deren Lesung nicht hin? Schmeicheln wir uns auch nicht, wenn wir an das, was da geschrieben ist, nicht glauben, da doch das Gewissen Anderer verletzt wird und man von uns vermuthet, daß wir billigen, was wir, indem wir es lesen, nicht verwerfen. Was hätte es sonst für einen Sinn, daß wir meinen, der Apostel habe das Gewissen Desjenigen, welcher im Götzentempel aß, gebilligt und den einen Vollkommenen genannt, von dem er weiß, daß er Götzenopfer ißt? Ferne sei es, daß man von einem christlichen Munde die Worte höre: Allmächtiger Jupiter, und beim Hercules und beim Castor oder andere Namen von Ungeheuern vielmehr, als von Göttern. Aber nun sehen wir, daß auch Priester Gottes die Evangelien und Propheten bei Seite legen und Comödien lesen, die buhlerischen Worte der bu- 357 olischen Gedichte singen, den Virgilius lernen und an dem, was bei den Knaben eine Sache der Nothwendigkeit ist, sündhafter Weise ein Vergnügen finden. Wir müssen uns deßhalb sehr hüten, daß, wenn wir eine Gefangene zur Frau haben wollen, wir uns nicht im Götzentempel niederlassen, oder daß wir, sind wir von Liebe zu ihr berückt worden, sie wenigstens reinigen und sie von allem Schmutze des Irrthums frei machen, damit sich der Bruder nicht ärgert, für welchen Christus gestorben ist, wenn er die zum Lobe der Götzen componirten Lieder im Munde eines Christen ertönen hört.
„Da gieng er in sich und sagte: Wie viele Taglöhner im Hause meines Vaters haben Überfluß an Brod, ich aber sterbe hier Hungers." Miethlinge nennen wir in einem fremden Sinne jene Juden, welche nur um der zeitlichen Güter willen die Vorschriften des Gesetzes beobachten. Sie sind gerecht und barmherzig, nicht wegen der Gerechtigkeit selbst und wegen der Güte der Barmherzigkeit selbst, sondern damit sie von Gott den Lohn zeitlichen Glückes und eines langen Lebens erhalten. Wer aber hiernach verlangt, der ist mit Recht zum Gehorsam gegen die Gebote gezwungen, damit er nicht wegen der Übertretung der Gebote das Verlangte entbehrt. Ferner „wo Furcht ist, da ist keine Liebe; denn die vollkommene Liebe treibt die Furcht von dannen.“ Denn der Liebende beobachtet nicht deßhalb die Gebote, weil er entweder durch die Furcht vor Strafe oder durch die Begierde nach Belohnung angetrieben wird, sondern weil das, was von Gott befohlen wird, an sich sehr gut ist. Der Sinn (jener Worte) ist daher folgender: Wie Viele von den Juden weichen nur um der zeitlichen Güter willen vom Dienste Gottes nicht ab und ich gehe vor Noth zu Grunde. 358
„Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen." Schön sagt er: ich will mich aufmachen, denn fern vom Vater war er nicht stehen geblieben. Die Sünder liegen, die Gerechten stehen. Zu Moses wird gesagt: „Du aber stehe hier bei mir;" und im133. Psalme, wo es (heißt): „Wohlan! jetzt preiset den Herrn, alle Diener des Herrn, die ihr stehet im Hause des Herrn," fordert der Prophet zum Preise des Herrn die auf, welche im Hause des Herrn stehen.
„Und ich will ihm sagen: Vater! Ich habe mich versündigt wider den Himmel und vor dir; ich bin nicht mehr werth, dein Sohn zu heissen." Er hatte gesündiget wider den Himmel, weil er das himmlische Jerusalem, seine Mutter, verlassen hatte; er hatte gesündiget vor dem Vater, weil er den Schöpfer verlassen, das Holz aber verehrt hatte; er war nicht werth, Sohn Gottes zu heissen, weil er es vorzog ein Sclave der Götzen zu sein; „denn Jeder, der eine Sünde begeht, ist vom Teufel geboren." „Halte mich wie einen deiner Taglöhner." Halte mich, sagt er, wie Einen von den Juden, welche dich nur wegen der Verheissungen irdischer Güter verehren; nimm deinen reuigen Sohn wieder auf, der du so oft deiner sündigenden Taglöhner geschont hast.
„Und er kam hin zu seinem Vater." Wir kommen zum Vater, wenn wir von der Hut der Schweine uns entfernen, nach dem Worte:„Sobald du dich bekehrst und Buße thust, wirst du leben.“
„Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und ward von Mitleid gerührt." Bevor er durch würdige Werke und eine wahre Buße zu 359 seinem alten Vater zurückkehrte, kommt Gott, bei welchem alles Zukünftige schon vergangen ist, und der alles Zukünftige im Voraus weiß, seiner Ankunft entgegen und kommt durch sein Wort, welches aus der Jungfrau Fleisch annahm, der Rückkehr seines jüngeren Sohnes zuvor.
„Und lief ihm entgegen und fiel ihm um den Hals." Er kam früher auf die Erde, als Jener das Haus des Bekenntnisses betrat. Er fiel ihm um den Hals, d. h. er nahm einen menschlichen Leib an. Und sowie Johannes auf der Brust Jesu ruhte und seiner Geheimnisse theilhaft wurde, so legte er auch sein leichtes Joch d. i. die leichten Vorschriften seiner Gebote mehr aus Gnade denn aus Verdienst auf seinen jüngeren Sohn.
„Und küßte ihn;" nach dem, was im Hohenliededie Kirche über die Ankunft des Bräutigams betet: „Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes." Ich will nicht, sagt er, daß er zu mir durch Moses, ich will nicht, daß er durch die Propheten rede, er selbst soll meinen Leib annehmen, er selbst mich küssen im Fleische; damit wir auch, was bei Isaias geschrieben steht, auf diesen Satz anpassen: „Wenn du suchst, so suche (recht) und laß dich nieder bei mir im Walde." Daselbst wird auch die weinende Kirche angewiesen von Seïr auszurufen, weil Seïr „behaart und rauh" bedeutet und es auch auf den alten Irrthum der Heiden hindeutet, nach Art des ähnlichen Gleichnisses:„Ich bin schwarz, aber schön, ihr Töchter Jerusalems."
„Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe mich versündigt wider den Himmel und vor dir: ich bin nicht mehr werth, dein Sohn zu heissen." Er sagt, daß er nicht werth sei, Sohn zu heissen, und 360 doch bricht er nach der Stimme der Natur, nach jener Substanz, welche ihm einst der Vater gegeben, vor der Wahrheit zitternd, in den Namen aus: „Vater, ich habe gesündigt wider den Himmel.“ Vergebens also behaupten Einige, daß der Name Vater nur in Bezug auf die Heiligen passe, da doch auch Jener Gott Vater nennt, welcher sich des Namens eines Sohnes für unwürdig hält; wenn er nicht etwa ihn deßhalb Vater zu nennen wagt. weil er mit vollem Sinne bekehrt ist.
„Der Vater aber sprach zu seinen Knechten: Geschwind bringet das beste Kleid und ziehet es ihm an;“ jenes Kleid, welches Adam durch die Sünde verloren hatte, jenes Kleid, das in einem anderen Gleichnisse das Hochzeitskleidgenannt wird, d. i. das Kleid des heiligen Geistes, ohne welches man dem Gastmahle des Königs nicht beiwohnen kann.
„Und gebet einen Ring an seine Hand;" das Siegel der Ähnlichkeit mit Christus, nach dem Ausspruche (des Apostels):„an welchen glaubend, ihr besiegelt worden seid mit dem verheissenen heiligen Geiste.“ Und zu dem Könige von Tyrus, welcher die Ähnlichkeit mit dem Schöpfer verloren hatte, ist gesagt: „Du Siegel der Ebenbildlichkeit, du Krone der Schönheit, du bist in den Wonnen des Paradieses Gottes geboren worden.„ Auch Isaias spricht von diesem Siegel:„Dann werden offenbar werden die Besiegelten.“ Dieses Siegel wird an die Hand gegeben, wann die hl. Schrift die Werke der Gerechtigkeit bezeichnet, wie in der Stelle: „Es ergieng das Wort des Herrn durch die Hand des Propheten Aggäus„, als er zu Jerusalem sprach:„Ich zierte dich, sagte er, mit Schmuck 361 und legte Armgeschmeide an deine Hände.“ Dem aber im langen linnenen Gewande Gekleideten wurde wieder ein anderer Ort des Siegels gezeigt:„Geh’ mitten durch Jerusalem und gib das Siegel auf die Stirnen derer, welche seufzen und klagen über alle Gräuel, die darin begangen werden;„ warum? damit sie hernach sagen können: „Das Licht deines Angesichtes, Herr, ist gezeichnet über uns.“
„Und Schuhe an seine Füße;" denn er hatte die Würde des Bräutigams verloren und konnte mit nackten Füßen nicht Pascha feiern. Das sind die Schuhe, von denen der Herr sagt: „Ich zog dir purpurne Schuhe an.“ „Und Schuhe an seine Füße,„ damit keine feindliche Schlange die Sohle des Dahinschreitenden angreife, daß er sicher über Scorpionen und Schlangen einhergehen könne, damit er für das Evangelium des Friedens vorbereitet werde, wandelnd nicht mehr nach dem Fleische, sondern nach dem Geiste, und das prophetische Wort auf ihn passe „Wie schön sind die Füße derer, welche den Frieden verkünden, welche Gutes verkünden!“
„Bringet auch das gemästete Kalb her und schlachtet es, so wollen wir essen und fröhlich sein; denn dieser mein Sohn war todt und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wieder gefunden worden. Das gemästete Kalb, welches zum Heile der Buße geschlachtet wird, ist der Erlöser selbst, mit dessen Fleische wir täglich gespeist, mit dessen Blute wir getränkt werden. Du gläubiger Leser weißt mit mir, daß wir, von seinem Fette gesättigt, in die Verkündigung seines Lobes ausbrechen und sagen: „Es quillt mein Herz von guter Rede, ich singe mein Lied für den König;“ wenn auch Einige, mehr abergläubisch als 362 wahr, weil sie den Text des Psalmes nicht erwägen, glauben, daß Dieß von der Person des Vaters zu verstehen sei. Daß er aber sagt: „Wir wollen fröhlich sein, denn dieser mein Sohn war todt und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wieder gefunden worden,„ hat denselben Sinn wie die Worte der vorhergehenden Parabel: „Ebenso, sage ich euch, wird Freude bei den Engeln Gottes sein über einen einzigen Sünder, welcher Buße thut.“
„Und sie fiengen an, ein Freudenmahl zu halten." Dieses Mahl wird täglich gefeiert, täglich nimmt der Vater den Sohn auf, immerdar wird Christus für die Gläubigen geopfert.
„Es war aber sein älterer Sohn auf dem Felde." Bisher war von dem jüngeren Sohne die Rede, unter welchem wir nach dem vorliegenden Gleichnisse die Zöllner und Sünder verstehen müssen, welche vom Herrn zur Buße berufen werden; im mystischen Sinne aber wird auch die künftige Berufung der Heiden vorhergesagt. Nun geht die Rede auf den älteren Sohn über, welchen Viele einfach auf die Person aller Heiligen, Viele im eigentlichen Sinne auf die Juden beziehen. Mit Beziehung auf die Heiligen ist die Erklärung freilich nicht schwer, weil es heißt: „Ich habe niemals dein Gebot übertreten,“ obwohl das wieder entgegenzustehen scheint, daß er über die Rückkehr seines Bruders mißgünstig ist. Für die Juden würde wohl die Mißgunst über das Heil des Bruders passen, das aber widerspricht (dieser Beziehung), daß er sagt, er habe nie sein Gebot übertreten; hierüber werden wir unsere Meinung an seinem Orte zu erklären versuchen. „Sein 363 älterer Sohn aber war auf dem Felde,„ in irdischen Arbeiten sich abmühend, fern von der Gnade des heiligen Geistes, unbetheiligt am Rathschlusse seines Vaters. Das ist der, welcher sagt: „Ich habe einen Acker gekauft und muß Hingehen, ihn zu sehen; ich bitte dich, halte mich für entschuldigt;“ das ist der, welcher fünf Joch Ochsen kaufte und durch die Last des Gesetzes niedergebeugt der irdischen Manneslust fröhnet; das ist der, welcher, weil er geheirathet hatte, nicht zum Hochzeitsmahle gehen kann und, da er Fleisch geworden, keineswegs Eins sein kann mit dem Geiste. Auf seine Person passen auch die Taglöhner in jenem Gleichnisse, in welchem sie in der 1. 3. 6. 9. Stunde, d. i. durch verschiedene Berufungen in den Weinberg geschickt werden und unwillig sind, daß die Arbeiter der 11. Stunde ihnen gleich gehalten werden
„Als er nun kam und sich dem Hause nahte, hörte er die Musik und den Tanz." Was einem Psalme überschrieben ist, Meleth, hat dieselbe Bedeutung; Meleth nemlich heißt ein in Eins zusammensingender Chor. Unrichtig aber glauben Manche von den Lateinern, daß Symphonie eine Art Instrument sei, da doch das einmüthige Zusammensingen zum Lobe Gottes mit diesem Namen bezeichnet wird; denn Symphonie ist gleichbedeutend mit dem lateinischen Consonanz.
„Da rief er einen der Knechte und fragte, was das wäre." Auch jetzt fragt Israel, warum Gott an der Annahme der Heiden ein Wohlgefallen habe, und kann von Eifersucht gepeinigt den väterlichen Willen nicht erkennen.
„Dieser aber sprach zu ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete 364 Kalb schlachten lassen, weil er ihn gesund wieder erhalten hat." Die Ursache der Freude, daß auf dem ganzen Erdkreise das Lob Gottes mit gleicher Stimme besungen wird, ist das Heil der Heiden, das Heil der Sünder; es freuen sich die Engel, alle Creatur stimmt ein in diese Freude, und nur von Israel heißt es:
„Er ward zornig und wollte nicht hinein gehen." Er ist erzürnt, daß der Bruder in seiner Abwesenheit aufgenommen wurde; er ist erzürnt, daß der lebt, welchen er todt glaubte; und nun steht Israel draussen, und nun, während die Schüler das Evangelium in der Kirche anhören, stehen die Mütter und die Brüder draussen und suchen ihn.
„Der Vater aber gieng hinaus uno fieng an, ihn zu bitten." Ein wie gütiger und nachsichtiger Vater! Er bittet den Sohn, daß dieser an der Freude des Hauses Theil nehme! Es bittet aber der Vater durch die Apostel. Er bittet durch die Verkünder des Evangeliums; aus diesen sagt Paulus: „Wir bitten an Christi Statt: Versöhnet euch mit Gott;" und an einer anderen Stelle: „Euch mußte zuerst das Wort Gottes verkündigt werden; weil ihr es aber von euch stoßet und euch des ewigen Lebens nicht werth achtet, siehe, so wenden wir uns zu den Heiden."
“Er aber antwortete und sprach zu seinem Vater: Siehe, ich diene dir so viele Jahre.” Der Vater fordert bittend zur Eintracht auf; Jener unterwirft sich nicht der Gerechtigkeit Gottes, welche auf die Gerechtigkeit, die im Gesetze herrschte, folgte. Welche Gerechtigkeit Gottes aber ist größer, als Reuigen zu verzeihen, den zurückkehrenden Sohn wieder aufzunehmen? „Siehe, ich diene dir so viele Jahre und habe niemals dein Gebot 365 ubertreten,“ als ob nicht schon das eine Übertretung des Gebotes wäre, dem Heile des Anderen neidig sein, sich vor Gott seiner Gerechtigkeit rühmen, da doch vor ihm Niemand rein ist.Wer wird sich freuen können, ein reines Herz zu haben, wenn er auch nur einen Tag gelebt hätte? David bekennt: „In Ungerechtigkeit bin ich empfangen, und in Sünden empfieng mich meine Mutter;„ und ein ander Mal:„Wenn du Acht haben wolltest auf die Missethat, o Herr, wer könnte dann bestehen?“ Und Dieser sagt, er habe nie das Gebot übertreten, obgleich er so oft wegen des Götzendienstes in die Gefangenfchaft überliefert wurde. „Siehe, ich diene dir so viele Jahre, und nie habe ich dein Gebot übertreten.„ Das ist’s, was der Apostel Paulus sagt: „Was sollen wir da sagen? Daß die Heiden, die nicht nach der Gerechtigkeit strebten, Gerechtigkeit erlangt haben, die aus dem Glauben ist, Israel aber, welches dem Gesetze der Gerechtigkeit nachstrebte, das Gesetz der Gerechtigkeit nicht erlangt hat. Warum? weil es nicht aus dem Glauben, sondern aus den Werken (darnach strebte)“. Man kann also unter seiner Person den meinen, welcher nach demselben Apostel in der Gerechtigkeit, welche aus dem Gesetze ist, einen tadellosen Lebenswandel geführt hat; obgleich ich dafür halte, daß sich der Jude vielmehr prahle als die Wahrheit rede, nach dem Beispiele jenes Pharisäers, der da sagte: „Gott, ich danke Dir, daß ich nicht so bin, wie die übrigen Menschen, wie die Räuber, Ungerechten, Ehebrecher, und auch wie dieser Zöllner.„ Ich bitte dich, scheint dir nicht, was Jener von dem Zöllner gesagt hatte, Dieser von seinem Bruder zu sagen? Dieser ist’s, der sein ganzes Vermögen im Umgänge mit Buhldirnen vergeudet hat. Seinen Worten aber: „Nie habe ich dein Gebot übertreten“ entspricht nicht die Antwort des Vaters; denn er bestätigte 366 nicht die Worte des Sohnes, sondern beschwichtigte den Zürnenden auf eine andere Weise, indem er sagte: „Sohn, du bist immer bei mir.„ Redest du, sagt er, etwa recht und hast du alle meine Befehle vollzogen? Aber du bist immer bei mir; du bist bei mir durch das Gesetz, welches dich bindet, du bist bei mir, auch wenn du in der Gefangenschaft für mich angeleitet wirst; du bist bei mir, nicht, weil du meine Gebote erfüllt, sondern weil ich dich nicht in eine entlegene Gegend ziehen ließ; du bist bei mir bis an’s Ende nach dem Worte, welches ich zu David gesprochen: „Wenn seine Söhne mein Gesetz verlassen und nicht wandeln in meinen Rechten, wenn sie meine Satzungen entheiligen und meine Gebote nicht halten, so werde ich ihre Missethate mit der Ruthe heimsuchen und ihre Sünden mit Schlägen, doch meine Barmherzigkeit will ich nicht von ihnen hinweg nehmen.“ Durch dieses Zeugniß wird auch das, worüber der ältere Sohn sich rühmt, als falsch erwiesen, da er nicht in Gottes Rechten wandelt und dessen Gebote nicht vollzieht. Und in welchem Sinne heißt es doch, obwohl diese nicht erfüllt, daß er stets bei dem Vater gewesen? Insoferne er als Sünder mit der Ruthe heimgesucht und dem Heimgesuchten die Barmherzigkeit nicht entzogen wird. Es kann auch nicht befremden, daß er es wagte, dem Vater vorzulügen, da er seinen Bruder beneiden konnte, besonders da auch am Tage des Gerichtes Einige die unverschämte Lüge vorbringen und sagen: „Haben wir nicht in deinem Namen gegessen und getrunken und viele Wunder gewirkt! und Teufel ausgetrieben?„ Was aber das bedeute: „und all’ das Meinige ist dein.“ wird passender an seinem Orte erklärt werden.
„Aber nie hast du mir einen Bock gegeben, daß ich mit meinen Freunden ein Freudenmahl gehalten hätte." So viel Blut, sagt Israel, ist ver- 367 gossen worden, so viel tausend Menschen getödtet und Keiner von ihnen hat uns das Heil erworben. Selbst Josias (nicht), der wohlgefällig war vor deinem Angesichte,und jüngst sind die Machabäer, welche für dein Erbe kämpften, gegen das Verdienst ihrer Heiligkeit durch das Schwert der Feinde umgekommen, und Keines Blut gab uns die Freiheit wieder. Siehe, noch sind wir dem römischen Reiche unterworfen, kein Prophet, kein Priester, kein Gerechter ist für uns geopfert worden. Und für den verschwenderischen Sohn d. h. für die Heiden, für die Sünder der ganzen Schöpfung ist das herrliche Blut vergossen worden; und da du den Würdigen das Kleinere vorenthieltst, theiltest du das Grössere den Unverdienten aus. „Nie hast du mir einen Bock gegeben, daß ich mit meinen Freunden ein Freudenmahl gehalten hätte." Du irrst, Israel! Sage lieber: daß ich mit dir ein Freudenmahl gehalten hätte. Oder könnte es dir ein Vergnügen bereiten, wenn nicht der Vater mit dir das Mahl hält? Laß dich doch wenigstens durch das jetzige Beispiel belehren. Über die Rückkehr des jüngeren Sohnes erfreut sich der Vater, erfreuen sich die Knechte; „lasset un essen," sagt er, „und fröhlich sein" und nicht: esset und seid fröhlich. Du aber willst trotz deiner Gesinnung, mit welcher du deinem Bruder neidig bist, mit welcher du vom Angesichte deines Vaters dich entfernst und immer auf dem Felde dich aufhältst, doch auch jetzt in seiner Abwesenheit ein Gastmahl halten. „Nie hast du mir einen Bock gegeben." Nie gibt der Vater zu geringe Geschenke: Du hast ein geschlachtetes Kalb, tritt ein und iß mit deinem Bruder. Was verlangst du einen Bock, da man dir ein Lamm schickte ? Stelle dich auch nicht, als ob du nicht wüßtest, daß es dir geschickt worden. Johannes zeigte es dir in der Wüste: „Sehet das Lamm Gottes, welches hinwegnimmt die Sünden der Welt!" Der Vater zwar ist gnädig und gibt dir 368 Gelegenheit zur Buße, er ladet dich zu einem Kalbe ein und bringt nicht einen Bock zum Opfer, der, wie er weiß, zur Linken steht. Du aber wirst am Ende der Welt dir selbst einen Bock schlachten, den Antichrist, um mit deinen Freunden, mit den unreinen Geistern, an seinem Fleische dich zu sättigen, und erfüllst so die Weissagung:„Du zerschlägst das Haupt des großen Drachen, gabst es zur Speise den Völkern Äthiopiens."
„Nachdem aber dieser dein Sohn, der sein Vermögen mit Buhldirnen verschwendet, gekommen ist, ließest du ihm das gemästete Kalb schlachten." Auch Israel bekennt nun, daß es das gemästete Kalb gewesen, welches geschlachlet wurde, sie erkennen, daß Christus gekommen; aber es quält sie der Neid, und sie wollen nicht gerettet werden, wenn nicht der Bruder zu Grunde geht.
„Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist immer bei mir, und all’ das Meinige ist dein." Er nennt ihn Sohn, obwohl er sich weigert einzutreten. Wie aber ist Alles, was Gott gehört, Eigenthum der Juden? Etwa die Engel, die Throne, die Herrschaften und die übrigen Kräfte? Unter Alles mögen wir demnach verstehen das Gesetz, die Propheten, die göttlichen Aussprüche. Das gab er ihnen, damit sie in seinem Gesetze Tag und Nacht betrachten, nach der von uns oft erklärten Regel der heil. Schriften: Alles ist nicht auf das Ganze zu beziehen, sondern auf den größten Theil, so in der Stelle: „Alle sind vom Wege abgewichen, sind insgesammt unnütz geworden“; und an einer anderen Stelle:„Alle, welche vor mir kamen, waren Diebe und Räuber;” so sagt auch Paulus den Corinthiern: „Ich bin Allen Alles geworden, um 369 Alle zu gewinnen," und den Philippensern: „Denn Alle suchen das Ihrige, nicht, was Jesu Christi ist." Dennoch muß man glauben, daß er nie dem Etwas verweigert habe, den er zum Genusse des Kalbes einladet.
„Wir müssen aber ein Freudenmahl halten, weil dieser dein Bruder todt war und wieder lebendig geworden ist, verloren war und wieder gefunden worden ist." Fassen wir also Vertrauen, daß auch wir leben können, durch die Buße, da wir gestorben waren durch unsere Sünden! Und hier nemlich kehrt der Sohn selbst zurück, in den früheren (Gleichnissen) aber, nemlich in dem (vom) Schafe und (von) der Drachme, wird, was verirrt war, herbeigetragen, was verloren war, gefunden; alle drei Gleichnisse schließen ähnlich, da (auch) in diesem es heißt: er war verloren und ist gefunden worden, auf daß wir erkennen, daß unter den verschiedenen Bildern dieselbe Aufnahme der Sünder bezeichnet werde. Das nun sei in der Person des Heiden und Juden gesagt.
Sehen wir aber, wie dieses Gleichnis vom Heiligen und Sünder im Allgemeinen verstanden werden könne. Daß das Übrige auf den Gerechten passe, ist kein Zweifel. Das ist’s, was bei dem Leser Bedenken erregt, warum der Gerechte dem Heile des Sünders mißgünstig ist uud sich soweit vom Zorne beherrschen läßt, daß er weder durch das Mitleid mit seinem Bruder noch durch die Bitten des Vaters noch durch die Freude des ganzen Hauses besiegt werden kann. Hierauf werden wir ganz kurz antworten, daß alle Gerechtigkeit dieser Welt im Vergleiche zu der (Gerechtigkeit) Gottes keine Gerechtigkeit ist. Denn sowie Jerusalem und Sodoma 370 von seinen Sünden gerechtfertigt wurde, nicht weil es selbst gerecht ist, sondern weil aus größeren Vergehen kleinere wurden, so ist auch die ganze Gerechtigkeit aller Menschen mit Gott verglichen keine Gerechtigkeit. Endlich bekennt auch Paulus, welcher gesagt hatte: „So Viele von uns vollkommen sind, lasset uns so gesinnt sein," an einem anderen Orte und ruft: „O Tiefe des Reichthums der Weisheit und Erkenntniß Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und wie unerforschlich seine Wege!" und anderswo: „Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser Weissagen;" und abermals: „Nun sehen wir durch einen Spiegel räthselhaft;" und an die Römer schreibt er: „Ich unglücklicher Mensch! Wer wird mich befreien von dem Leibe dieses Todes?" Aus allem Diesem lernen wir, daß allein Gottes Gerechtigkeit vollkommen ist, der seine Sonne aufgehen läßt über Gerechte und Ungerechte, Spät- und Frühregen giebt in gleichem Maaße den Würdigen und Unwürdigen, der von den Weilern, Winkeln und Straßen zum Hochzeitsmahle einladet und hernach Einige von innen, wo sie sich schon sicher glaubten, hinauswirft; der das Schaf, welches nicht wie der reuige Sohn selbst zurückkehren konnte oder wollte, aufsucht und findet und, nachdem er es gefunden, auf seinen Schultern zurückträgt, weil es auf seinen Irrwegen sehr viel gelitten hatte. Damit wir aber lernen, daß auch die Heiligen der Neid beschleichen könne und Gott allein die reine Güte zukomme, wollen wir das Beispiel der Söhne des Zebedäus betrachten, über welche, da ihre Mutter, von Liebe gedrängt, allzu Großes für sie begehrt hatte, die übrigen zehn Jünger erzürnt wurden. Jesus aber rief sie herbei und sprach: „Ihr wisset, daß die Fürsten der Völker über dieselben herrschen und die Großen Gewalt über sie ausüben. Nicht so soll es unter euch sein; sondern wer immer unter euch groß werden will, 371 der sei euer Diener, und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht: denn auch des Menschen Sohn ist nicht gekommen sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen und sein Leben zur Erlösung für Viele hinzugeben." Niemand erscheine es verdächtig, Niemand gotteslästerlich, daß wir sagten, es habe auch die Apostel der Neid beschleichen können, da wir glauben, Dieß sei auch von den Engeln gesagt worden. „Denn die Sterne sind nicht rein vor seinem Angesichteund in seinen Engeln fand er Bosheit;" und in den Psalmen heißt es: „Vor deinem Angesichte ist kein Lebender gerecht;" er sagt nicht: es ist kein Mensch gerecht, sondern kein Lebender, d. h. kein Evangelist, kein Apostel, kein Prophet, ich steige höher hinauf: nicht die Engel, nicht die Throne, nicht die Herrschaften, nicht die Mächte und die übrigen Kräfte… Gott allein ist’s, auf den keine Sünde fallen kann; alles Übrige, da es freien Willen hat, da hienach auch der Mensch nach dem Bilde und der Ähnlichkeit Gottes geschaffen ist, kann seinen Willen nach beiden Seiten wenden. Und wenn du dich durch diesen Ausspruch nicht bestimmen läßt, so möge dich wenigstens das Gewicht jenes Gleichnissesbeugen, in welchem den ganzen Tag hindurch Arbeiter in den Weinberg geschickt werden, und zwar werden in der ersten Stunde berufen: Adam, Abel, Seth; in der dritten: Noe; in der sechsten: Abraham; in der neunten: Moses; in der eilften die Heiden, denen zugerufen wird: „Was stehet ihr hier den ganzen Tag müssig?" und sie antworteten: “Es hat uns Niemand gedungen.” Daß aber die letzte Stunde die Ankunft unseres Erlösers sei, bezeugt der Apostel Johannes mit den Worten: „Brüder, es ist die letzte Stunde; und wie ihr gehört habt, wird der Antichrist kommen, ja schon jetzt sind Viele Antichristen geworden, woraus wir erkennen, daß die letzte Stunde ist." Mißfällt dir diese Erklärung, so folge ich stets deiner 372 Anweisung, doch so, daß du bekennst, die zuerst Berufenen seien die Gerechten. Habe ich dieses (Zugeständniß) erlangt, so werde ich weiter vorbringen, wie auch die Gerechten gegen den Hausvater murrten und sagten: „Diese sind zuletzt gekommen und haben eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt, die wir die Last und Hitze des Tages getragen haben!" Sie scheinen Recht zu haben, indem sie behaupten, es gebühre dem, welcher von der ersten Stunde bis zur Nacht sich abgemüht habe, und dem, welcher nur eine Stunde gearbeitet, nicht der gleiche Lohn. Allein diese Gerechtigkeit trägt den Neid in sich, da sie dem Ander sein Glück mißgönnt. Der Herr tadelt endlich ihr neidiges Auge mit den Worten: „Freund, ist dein Auge schalkhaft, weil ich gut bin?" Deßhalb wird er von dem Apostel der allein Gerechte, der allein Unsterbliche genannt, nicht ob die Engel ungerecht und sterblich wären, sondern er selbst unsterblich und gerecht ist, mit dem verglichen jede Gerechtigkeit als Ungerechtigkeit erfunden wird. Damit du aber in eben diesem Gleichnisse, welches wir vorgeführt haben, die Ungerechtigkeit der Gedungenen erkennest, schenke mir ein wenig Aufmerksamkeit. Der, welcher zur ersten Stunde gedungen ist, verdient mehr als der, welcher in der dritten Stunde in den Weinberg gesandt wurde; wiederum geht der Arbeiter der dritten Stunde dem Arbeiter der sechsten Stunde voraus, und der der sechsten Stunde übertrifft den der neunten. Warum also beneiden Alle den Letzten und fordern nicht unter sich dieselbe Gerechtigkeit? Warum beneidest du, der du in der neunten Stunde gedungen wurdest, den, welcher in der eilften Stunde in den Weinberg geschickt wurde? Was immer du antworten mögest, obwohl du die Verschiedenheit der Arbeit betonst und für die verschiedene Arbeit auch einen größeren Lohn verdienst, Dasselbe wird auch (dir gegenüber) bei dem (Arbeiter der) sechsten (Stunde) gelten. Und du, der du in der sechsten Stunde gedungen bist, beneidest den Letzten, weil er mit dir einen Denar d. i. dasselbe Heil erlangt hat: mag auch die Herrlichkeit des Heiles mit Rücksicht auf die Arbeit ver- 373 schieden sein, so kann doch Dasselbe über dich der Dritte sagen und über den Dritten wieder der Erste. Allein sie nehmen trotz der ungleichen Arbeit und der verschiedenen Zeiträume der Berufung willig unter sich den gleichen Lohn in Empfang; aber über den letzten Arbeiter, d. i. über das Heil der Heiden kommen sie in Streit und fügen dem Herrn eine Unbilde zu und werden in allen Gleichnissen des Neides angeklagt. Ich zweifle nicht, daß dir die Rede unserer Wenigkeit ungebildet erscheint, aber ich machte schon oft geltend, daß jene Rede nicht völlig geglättet werden könne, welche nicht die eigene Hand gefeilt hat. Verzeihe also meinen leidenden Augen, d. i. verzeihe dem Dictirenden, besonders da in kirchlichen Dingen nicht die Worte gesucht werden, sondern der Sinn, d. h. da das Leben mit Brod erhalten werden muß und nicht mit Träbern. 374