301 Darum hat er auch, als er die Engel erwähnte, nicht noch hinzugefügt: „auch der Heilige Geist nicht“. Vielmehr schwieg er und gab damit ein Zweifaches zu erkennen, nämlich daß, wenn es der Geist weiß, es noch weit eher das Wort weiß, insoweit es Wort ist, von dem es ja der Geist empfängt, und daß er, wenn er vom Geiste schwieg, offenbar gemacht hat, daß er in Bezug auf seine menschliche Tätigkeit sagte: „auch nicht der Sohn“. Ein Beweis dafür ist, daß er, obschon er wie ein Mensch gesagt hat: „Auch der Sohn weiß es nicht“, gleichwohl zu erkennen gibt, daß er als Gott alles weiß. Denn von dem Sohne, der nach ihm den Tag nicht weiß, sagt er, er kenne den Vater. „Niemand“, sagt er ja, „kennt den Vater als der Sohn“. Es wird aber doch jedermann, von den Arianern abgesehen, zugeben, daß, wer den Vater kennt, noch vielmehr die Schöpfung in ihrem ganzen Umfang kenne. Im vollen Umfang aber ist auch ihr Ende inbegriffen. Und wenn der Tag und die Stunde vom Vater bereits bestimmt sind, so sind sie offenbar durch den Sohn festgelegt, und er weiß doch selbst, was durch ihn festgelegt ist. Denn es gibt nichts, was nicht durch den Sohn geworden und festgelegt ist. Da er nun Schöpfer eines jeden Dinges ist, so weiß er, wie und wie groß und mit welcher Dauer es nach dem Willen des Vaters werden sollte. In der Größe und Dauer liegt aber ihre Veränderung. Wenn ferner alles, was dem Vater gehört, dem Sohne gehört — und das hat er selbst gesagt —, dem Vater aber es zukommt, den Tag zu wissen, so weiß ihn offenbar auch der Sohn, da er auch das vom Vater zu eigen hat. Und ferner, wenn der Sohn im Vater ist, und der Vater im Sohne, der Vater aber den Tag und die Stunde weiß, so weiß offenbar auch der Sohn, der im Vater ist, und weiß, was in dem Vater ist — den Tag und die Stunde. Wenn aber der Sohn auch wahres Bild des Vaters ist, und der Vater den Tag und die Stunde weiß, so erstreckt sich die Ähnlichkeit des Sohnes mit dem Vater auch darauf, daß er dies weiß. Es ist doch nichts Auffallendes, wenn 302 der, durch den alles entstanden ist, und in dem alles besteht, selbst das Entstandene kennt und weiß, wann für das Einzelne wie für das Ganze das Ende kommen wird; vielmehr muß man darüber sich wundern, daß auch diese Dreistigkeit, die so recht dem Wahnsinn der Ariomaniten entspricht, uns zu solch ausführlicher Verteidigung genötigt hat. Denn wenn sie den Sohn Gottes, das ewige Wort, zu den entstandenen Dingen zählen, sind sie nahe daran, auch den Vater für geringer zu erklären als die Kreatur. Denn wenn der, welcher den Vater kennt, den Tag und die Stunde nicht weiß, so befürchte ich, es möchte, wie jene in ihrer Raserei wohl behaupten könnten, die Kenntnis von der Schöpfung oder vielmehr die Kenntnis des geringsten Teils der Schöpfung wichtiger sein als die Kenntnis vom Vater.