Athanasius von Alexandrien · Apologia contra Arianos [seu Apologia secunda] · Kapitel 61
„Geliebte Brüder! Ich grüsse euch, indem ich Gott als den höchsten Zeugen meines Willens anrufe und den eingebornen Schöpfer unseres Gesetzes, der über das Leben Aller herrscht und die Zwistigkeiten haßt. Doch was soll ich sagen? Daß wir in guter Gesundheit uns befinden? Aber wir könnten uns eines besseren Wohlbefindens erfreuen, wenn ihr euch gegenseitig lieben und den Haß abschütteln würdet, in Folge dessen wir den Wogen der Zänker den Hafen der Liebe überlassen haben. Wehe über diese Ungereimtheit ! Wie viele Unfälle entspringen täglich aus dem unruhigen Neide! So hat der üble Ruf beim Volke Gottes seinen Wohnsitz aufgeschlagen. Wohin hat also der Glaube an die Gerechtigkeit sich zurückgezogen? Wir sind ja so sehr in dunkle Finsterniß gehüllt, nicht bloß wegen des vielverflochtenen Irrthums, sondern auch wegen der Gebrechen der Undankbaren, wir ertragen die, welche dem Unverstande Belohnungen zuerkennen, und lassen es ungeahndet, wenn 133 wir Solche wahrnehmen, die der Gerechtigkeit und Wahrheit widerstreben. Wie schrecklich zeigt sich hierin unsere Verkehrtheit! Wir stellen die Feinde nicht zur Rede, sondern lassen sie in ihrem Räuberhandwerke unbehelligt, wodurch der verderbliche Betrug ohne irgend einen Widerstand sich, so zu sagen, leicht einen Weg bahnte. Gibt es also keine Empfindung, nicht einmal nach dem Zuge der gemeinsamen Natur Aller, wenn wir die Vorschriften des Gesetzes vernachlässigt haben? Aber man wird sagen: Nach der Natur wird die Liebe gefunden. Warum also ertragen wir, da wir ausser der guten Naturanlage das Gesetz Gottes besitzen, die Belästigung und das Geschrei der Feinde, die, wie es den Anschein hat, Alles gleichsam mit Feuerbränden in Brand stecken, und sehen nicht, da wir Augen haben, und empfinden nicht, da wir von den Sinneswerkzeugen des Gesetzes umschlossen sind? Welche Leidenschaft hat also unser Leben ergriffen, da wir uns selbst so sehr vernachlässigen und trotzdem, daß Gott uns daran erinnert? Denn ist das Übel nicht unerträglich? Muß man diese nicht für Feinde halten statt für das Haus und Volk Gottes? Jene grundverdorbenen Menschen wüthen gegen uns und beschuldigen uns, und gehen von entgegengesetzten Seiten auf uns los.