1. Das Selige und Hohe dieser Tugend, Umfang und Gegenstände desselben.
Wahrhaft selig und zwar dreimal selig ist Derjenige, welcher die Enthaltsamkeit beobachtet; denn die Enthaltsamkeit ist in der That eine große Tugend. Vernehmt nun aber, wie weit die Enthaltsamkeit sich erstrecke, wie hoch man sie schätze, bei welchen Gegenständen sie genannt oder beurtheilt oder gesucht werde!
2. Von der Enthaltsamkeit der Zunge.
Die Enthaltsamkeit in Bezug auf die Zunge besteht darin, daß man seine Reden nicht in weitschweifige und leere Geschwätze hinausziehe, daß man die Zunge beherrsche und keine Lästerungen ausspreche, nicht spotte, nicht fluche, nicht eitle und ungebührliche Reden führe, die Zunge im Zaume halte und nicht Einen beim Andern verleumde, keinen Bruder tadle, Geheimnisse nicht offenbare, sich um Dinge nicht kümmere, die Einen Nichts angehen.
3. Enthaltsamkeit in Bezug auf Gehör und Gesicht.
Es gibt auch eine Enthaltsamkeit hinsichtlich des Gehörs, daß man sich nämlich überwinde und thörichtem Gerede 352 nicht aufhorche. Die Enthaltsamkeit in Rücksicht auf die Augen zeigt sich darin, daß man die Lust, herumzuschauen, beherrsche und seine Blicke nicht auf alle die anziehenden und unehrbaren Gegenstände richte.
4. Enthaltsamkeit des Gemüths hinsichtlich des Ruhms und in Gedanken.
Die Enthaltsamkeit im Gemüthe liegt darin, daß man den Zorn bemeistere und nicht gleich in Hitze gerathe. Die Enthaltsamkeit rücksichtlich des Ruhms besteht darin, daß man über seinen Geist Herr sei und nicht verherrlicht werden wolle, nicht Ruhm suche, sich nicht hochmüthig erhebe, nicht nach Ehre verlange, nicht aufgeblasen sei und auf Lobeserhebungen nicht stolz werde. — Die Enthaltsamkeit in Gedanken besteht darin, daß man auch sie durch die Gottesfurcht zügle und in keinen reizenden und lustentzündenden Gedanken einwillige.
3. Enthaltsamkeit im Essen und Trinken.
Die Enthaltsamkeit in Bezug auf die Speisen zeigt sich darin, daß man sich beherrsche und nicht übermäßig viele oder köstliche Speisen suche, daß man nicht ausser der festgesetzten Zeit und Stunde esse, sich nicht vom Geiste der Gefrässigkeit fesseln lasse, nicht unersättlich nach trefflichen Speisen trachte und nicht bald diese bald jene Speise sich wünsche. — Die Enthaltsamkeit in Rücksicht auf das Trinken liegt darin, daß man sich überwinde und sich nicht in Saufgelage einlasse oder nach süßen Weinen lüstern werde, nicht schamlos zeche und nicht verschiedene und angenehme künstlich bereitete Getränke aufsuche, endlich, daß man nicht bloß vom Übermaße im Weine sich hüte, sondern auch, wenn möglich, von zu vielem Wassertrinken.
6. Endlich im gewöhnlichen Sinne rücksichtlich der Unzucht und Wollust.
Die Enthaltsamkeit bezüglich der lasterhaften Begierlichkeit und Wollust besteht darin, daß man die Sinnlichkeit beherrscht, in die aufsteigenden Begierden nicht einwilligte den zur Wollust reizenden Gedanken sich nicht hingibt, daß man sich an der Vorstellung einer schändlichen Handlung nicht belustigt, den Willen des Fleisches nicht erfüllt, sondern die fleischlichen Lüste durch die Furcht Gottes bezähmt.
7. Der wahrhaft Enthaltsame.
Wahrhaft enthaltsam ist nämlich Derjenige, welcher nach jenen unsterblichen Gütern verlangend und mit unverwandtem Blicke des Geistes auf sie schauend diese (die irdische oder fleischliche) Begierde von sich weist, den Umgang mit dem weiblichen Geschlecht schon als den Schatten (einer sündhaften Lust) verabscheut, am Anblicke weiblicher Personen keine Freude findet, an Körpern kein Vergnügen hat, bei Schönheiten sich nicht aufhält. Ein Solcher ergötzt sich sogar selbst an den lieblichsten Lüsten nicht, wird durch Reden der Schmeichelei nicht verlockt, pflegt mit weiblichen Personen, besonders mit ausgelassenen, keinen Umgang und hält sich in Gesellschaften von Weibern nicht auf. Der wahrhaft männlich Gesinnte und Enthaltsame, der sich für jene unermeßliche Ruhe aufbewahrt, beherrscht sich bei jedem Gedanken und jeder Begierde aus Verlangen nach dem Bessern und aus Furcht vor der zukünftigen Welt.