1. Des Sanftmüthigen Glück.
Selig fürwahr, ja dreimal selig ist der Mensch, welcher die Sanftmuth besitzt. Damit stimmt auch unser heiliger Erlöser und Herr überein, indem er sagt: „Selig sind die Sanftmüthigen; denn sie werden das Land als Erbtheil besitzen.“ Was gibt es aber Seligeres, als diese Seligpreisung? Was ist erhabener als diese Verheissung? Was für ein glänzenderes Glück gibt es wohl als diese Freude, das Land des Paradieses als Erbtheil in Besitz zu nehmen? Da ihr, o Brüder, also gehört habt, was für ein überströmendes Maß von Reichthum diese Verheissung enthält, so ringet mit allem Eifer dahin zu gelangen!
2. Ermunterung zur Sanftmuth.
338 Trachtet mit begieriger Eile nach dem Glanze dieser Tugend! Mit tiefgerührtem Gemüthe strebet mit aller Kraft darnach, damit ja Keiner unwürdig werde, dieses Land als Erbtheil zu besitzen, und mit bitterer Reue seine Thorheit beweine! Weil ihr die Seligpreisungen der Sanftmuth gehört habt, so eilet zu ihr und vernehmt, was der wahrhafte Prophet Jesaias im hl. Geiste über sie sagt: „Über wem werd’ ich ruhen, spricht der Herr, als über dem Sanftmüthigen und Ruhigen und Jenem, der vor meinen Worten zittert?“ Muß man sich über diese Verheissung nicht verwundern? Was gibt es Herrlicheres als diese Ehre? Habt daher wohl Acht, Brüder, daß Keiner diese Seligkeit und unermeßliche Freude und Wonne verliere! Eilet also, ermahn’ ich euch, eilet und erwerbet euch die Sanftmuth!
3. Charakter des Sanftmüthigen.
Der Sanftmüthige ist mit jedem guten Werke (mit jeder Tugend) geziert. Der Sanftmüthige freut sich, auch wenn er beleidigt wird; er dankt, auch wenn er bedrängt wird, und besänftigt mit Liebe die Erzürnten. Gescholten bleibt er gelassen, bei einem Streite ruhig, freudig bei einem Auftrage. Bei übermüthigem Betragen läßt er sich nicht reizen; bei Demüthigungen fühlt er Freude. In glücklichen Umständen wird er nicht hochmüthig und brüstet sich nicht. Allen gegenüber beobachtet er ein ruhiges Verhalten, gehorcht in aller Unterthänigkeit, ist zu jedem guten Werke bereitwillig. Er steht bei Allen im besten Rufe, erntet von 339 Allen Lob, ist weit entfernt von Bosheit und Verstellung. Ein Solcher erniedrigt sich niemals zu einer Falschheit und wird nie ein Sklave des Neides. Mit Abscheu wendet er sich von Lästerungen ab und läßt keine üble Nachrede zu. Die Tadler sind ihm verhaßt und die Verläumder ein Gräuel. O, welch’ ein Reichthum von Seligkeit liegt also in der Sanftmuth, da sie von Allen gepriesen wird!