Ephräm der Syrer · Auswahl ascetischer Abhandlungen über die christliche Tugend und Vollkommenheit. · Buch 2 · Kapitel 7
1. Des Geduldigen Seligkeit.
Selig ist, o Brüder, wer sich Geduld erworben hat, weil die Geduld Hoffnung hat; „die Hoffnung aber Macht nicht zu Schanden“ Wahrhaft selig also und dreimal selig ist Derjenige, welcher Geduld besitzt. „Wer nämlich geduldig aushält bis an’s Ende, der wird selig werden.“ Was gibt es aber wohl Besseres, als diese Verheissung? Gütig ist der Herr gegen Diejenigen, 332 die auf Ihn harren. Wisset ihr aber, o Brüder, wie hoch die Geduld zu schätzen ist? Oder soll ich darüber zu eurer Beruhigung noch ausführlicher sprechen?
2. Einfluß dieser Tugend auf den Charakter des Menschen.
Die Geduld ist nicht bloß eine für sich allein bestehende Tugend, sondern sie steht mit vielen andern in Verbindung. Der Geduldige macht sich nämlich jede Tugend eigen; denn er freut sich in Trübsalen und zeichnet sich (durch Standhaftigkeit) in Drangsalen aus. Bei Versuchungen ist er fröhlichen Muthes und läßt sich zum Gehorsame bereit finden. In der Langmuth ist er vollkommen, mit Liebe erfüllt. Bei Beleidigungen spricht er Segen aus, bei Streitigkeiten bleibt er friedfertig, in der Ruhe zeigt er männliche Beharrlichkeit. Er ist unverdrossen beim Psalmgesange, eifrig im Fasten, anhaltend im Gebete, tadellos bei Arbeiten, in seinen Antworten aufrichtig, pünktlich gehorsam bei Aufträgen und sorgfältig in seinem Betragen überhaupt. Bei Dienstleistungen zeigt er sich liebenswürdig und in der ganzen Lebensweise vollkommen. Im gemeinsamen brüderlichen Leben erscheint er einnehmend und bei Berathungen ungemein freundlich. Bei den Nachtwachen ist er heiter und bei der Sorge für die Fremden sehr thätig. Für die Kranken ist er voll Vorsicht und immer der Erste, Leidenden zu Hilfe zu eilen. Im Denken ist er nüchtern und zu jedem guten Werke aufgeweckt, bereit.
3. Hoffnung des Geduldigen.
Wer im Besitze der Geduld ist, hat sich auch Hoffnung erworben; denn ein Solcher ist mit jedem guten Werke 333 geschmückt. Darum wird ein solcher auch voll Zuversicht zum Herrn rufen: „Harrend harrte ich auf den Herrn und er achtete auf mich.“