Ephräm der Syrer · Auswahl ascetischer Abhandlungen über die christliche Tugend und Vollkommenheit. · Buch 2 · Kapitel 12
1. Beklagenswerther Zustand boshafter Leute.
Wehklagen also, Brüder, und jammern muß man über Diejenigen, welche die Sanftmuth nicht haben, sondern an das Joch der Bosheit gespannt sind, weil sie einem schlimmen Urtheilsspruche unterliegen. Es heißt nämlich: „Die böse sind, werden ausgerottet werden.“ Unser heiliger Gott aber (Christus) beschimpft solche Leute, indem er sagt: „Ein böser Mensch bringt aus dem bösen Schatze seines Herzens Böses hervor.“ Ferner sagt auch der Prophet David: „Über die Bösewichte, die sich gegen mich empören, hört mein Ohr.“ 340 Etwas Entsetzliches ist es um den Geist der Bosheit, o Brüder! Deßwegen nehmt euch in Acht, daß ja Keiner in die Gewalt desselben falle und sich selbst verwerflich mache!
2. Charakterschilderung derselben.
Der Böse hat nämlich niemals Frieden, sondern befindet sich jederzeit in Unruhen, immerfort ist er voll Hitze, Arglist und Zorn, allzeit hat er seine Blicke auf seinen Nächsten (tadelsüchtig) gerichtet, beständig streut er Verleumdungen aus, ist immer neidisch, eifersüchtig und rauh in seinem Benehmen. Wird ihm Etwas aufgetragen, so widerspricht er allzeit; erhält er einen Befehl, so macht er die Sache verkehrt; gibt man ihm einen guten Rath, so handelt er schlecht. Wird er zur Ordnung verwiesen, so spottet er darüber; zeigt man ihm Liebe, so verhöhnt er es. Die im guten Rufe stehen, verabscheut er; die da Fortschritte (im Guten) machen, sind ihm zuwider. Die Ermahnungen achtet er gering, verkehrt die Brüder, den Einfältigen fügt er Übles zu, die Langmüthigen verlacht er. Fremde täuscht er durch Verstellung; er verleumdet den Einen bei einem Andern, ist aber selbst Jedem ein Widersacher, hetzt zu Streitigkeiten an, regt zur Erbitterung auf, hilft zur Wiedervergeltung (des Bösen) mit. Er ist bereit zu Lästerungen, hat seine Lust an Verleumdungen, ist zur Beleidigung rasch aufgelegt, ein gewaltiger Schwätzer, zum Schelten fertig, zu Unruhen der erste Mithelfer. Hingegen zeigt er sich schwach zum Psalmgesang, zum Fasten unfähig, zu jedem guten Werke untauglich und ohne Einsicht. Gegen geistliche Unterredungen ist er gleichgiltig; denn die Bosheit verschließt ihm dazu ganz seinen Mund. Ein solcher Mensch ist daher wohl sehr zu beklagen. Deßwegen ermahn’ ich euch, Brüder: „Hütet euch vor der Bosheit!“