Glück des Menschen ohne Neid und Eifersucht. Charakterschilderung eines solchen Menschen.
1. Selig ist, wer kein Sklave des Neides und der 346 Eifersucht ist; denn Eifersucht und Neid hängen von einander ab, und wer Einen dieser Fehler hat, hat beide miteinander. Wahrhaft selig ist daher, der in diese Fehler nicht verfallen und von keinem derselben verwundet ist. Wer nämlich eine ungerechte Eifersucht gegen seinen Bruder hat, wird mit dem Teufel verdammt. Der Eifersüchtige wird (von seiner Leidenschaft) besiegt und hegt auch Haß und Feindseligkeit und ärgert sich über den Fortschritt Anderer (im Guten).
2. Wer ohne Neid und Eifersucht ist, betrübt sich niemals über den Fortschritt Anderer. Wird ein Anderer geehrt, so wird er darüber nicht beunruhigt. Wenn ein Anderer erhöht wird, so empfindet er darob keinen Verdruß; denn er zieht Alle vor, Alle schätzt er höher als sich selbst. Sich selbst sieht er als einen Unwürdigen und als den Letzten von Allen an: Alle hält er für größer und besser als sich selbst. Der Neidlose trachtet nicht nach Ehre, freut sich mit den sich Freuenden, legt sich keinen Ruhm bei, steht den (im Guten) Fortschreitenden bei, frohlockt mit Denjenigen, die einen schönen Wandel führen, und lobt die Rechtschaffnen. Sieht er einen Bruder tugendhaft leben, so legt er ihm kein Hinderniß in den Weg, sondern ermuntert vielmehr einen Solchen durch Ermahnungen. Sieht er einen Andern der Ruhe sich hingeben, so redet er ihm deßwegen nicht übel nach, sondern nimmt freundlich Antheil daran. Bemerkt er aber bei einem Bruder Fehltritte, so zieht er ihn nicht lästernd durch, sondern ermahnt ihn auf die rechte Weise.
3. Sieht er Jemand erzürnt, so bringt er ihn nicht noch mehr auf, sondern besänftigt ihn mit Liebe und bewegt ihn versöhnend zum Frieden. Bemerkt er einen Trauernden, so ist er nicht gleichgiltig dagegen, sondern trägt Mitleid mit ihm und tröstet ihn durch nützliche Zureden. Kommt ihm Jemand zu Gesicht, der wenig unterrichtet ist und unerfahren, so bemüht er sich, ihn zu belehren und zum 347 Nützlichen anzuleiten. Erblickt er einen Unwissenden, so zeigt er ihm willig den Weg zum Bessern. Bemerkt er, daß Jemand zur Zeit des Psalmgesangs eingeschlafen ist, so weckt er ihn sorgfältig auf. Um es kurz zu sagen: Wer von Neid und Eifersucht frei ist, behandelt in keinem Stücke den Nächsten mit höhnischem Neide, sondern erfreut sich über jeden Fortschritt und jede tugendhafte Handlung des Freundes.