Fast ganz nur Charakterschilderung eines Unenthaltsamen dem weiblichen Geschlechte gegenüber, zuerst positiv, was er liebt, dann negativ, was er flieht, daher drittens Erwähnung seines unglücklichen Zustands und Ermunterung zur Enthaltsamkeit.
1. Der Unmäßige und Unenthaltsame verfällt leicht in jede Ungebührlichkeit; der Unmäßige ist auch ein Liebhaber der Wollust. Der Unmäßige hat Freude an vielen und leeren Geschwätzen, ergötzt sich an müssigen Reden und witzigen Possen und findet seine Lust am reizenden Genusse von Speisen. Er ist ein gewaltiger Fresser und Säufer, läßt sich von jeder thörichten Lust entzünden, willigt in die unreinen Gedanken ein und wird durch die Wollust völlig zum Thoren. Er trachtet nach Ruhm und schwärmt in stolzen Einbildungen von Ehre, als hätte er dieselbe schon wirklich errungen. Sein Vergnügen ist der Umgang mit weiblichen Personen, mit Schönheiten trifft er gern zusammen, blühende Farben von Körpern machen ihn wie schwindlig, reizende Angesichter versetzen ihn in Entzücken, von Gefälligkeiten, (weiblicher Wesen) wird er bezaubert, fest hängt er an der Gesellschaft von Personen weiblichen Geschlechts und von Possenreissern. Seine Phantasie schwelgt an der Erinnerung der Schönheiten, die er gesehen, und 355 das Andenken daran beherrscht ihn ganz. Er malt sich in Gedanken wieder die Gesichter der weiblichen Personen, das Betasten der Hände, die Umarmungen der Körper, die leidenschaftlichen Reden, das bezaubernde Lächeln, das verliebte Winken der Augen, den Schmuck der Kleider, die einschmeichelnden Gespräche, das Zusammenpressen der Lippen, das körperliche Lustgefühl, die anziehenden Geberden, die Stunden und Plätze der Zusammenkünfte und Alles, was immer zur Nahrung der Wollust dient. Diese Bilder malt sich der Wollüstling und Unenthaltsame in seinem Geist’ und seinen Gedanken.
2. Kommt einem solchen Menschen eine Schrift zu Gesicht, die über Eingezogenheit (Keuschheit) gelesen wird, so macht er ein finsteres Gesicht. Sieht er eine nützliche Versammlung von Vätern, so weicht er aus und will davon Nichts wissen. Bemerkt er die strenge Lebensweise von Vätern, so empfindet er Widerwillen dagegen. Hört er vom Fasten sprechen, so geräth er in Unruhe. An der Gesellschaft von Brüdern findet er kein Vergnügen; wird er aber eine weibliche Person gewahr, da heitert sich sein ganzes Wesen auf, da rennt er auf und ab, um ihr Dienste zu leisten; da ist er aufgelegt zum Singen, Scherzen, Lachen: Alles nur, um sich zu ergötzen und den nächsten besten Personen des weiblichen Geschlechts sich als einen artigen und unterhaltenden Mann zu zeigen. In den Zeiten der heiligen Ruhe aber ist er traurig und schwach.
3. So ist denn unglücklich und elend der Mensch, welcher nicht in jeder Hinsicht und Angelegenheit die Tugend der Enthaltsamkeit besitzt. Da wir nun, o Brüder, gehört haben, welche Früchte die Enthaltsamkeit mit sich bringe, und welche aus der Unenthaltsamkeit entstehen, so wollen wir daher von dieser fliehen und an jener festhalten. Groß 356 ist nämlich die Belohnung der Enthaltsamkeit, und ihre Erhabenheit ist unendlich. Wahrhaft selig ist also Derjenige, welcher die Enthaltsamkeit sich zu eigen gemacht hat.