Ephräm der Syrer · Auswahl ascetischer Abhandlungen über die christliche Tugend und Vollkommenheit. · Buch 2 · Kapitel 10
1. Unglück des Jähzornigen.
336 Wer sich gewöhnlich vom Jähzorn beherrschen läßt und oft und schnell wegen der geringsten Kleinigkeit in Hitze geräth, der höre wohl, was der hl. Apostel sagt: „Der Zorn der Menschen thut nicht die Gerechtigkeit Gottes“ (d. i. was Gott gefällt). Ja, in der That unglücklich und elend ist Derjenige, welcher von diesen Leidenschaften sich beherrschen läßt; denn ein dem Zorn Ergebener, heißt es, tödtet sich selbst. Wahrhaftig: der Zornmüthige tödtet und richtet sich selbst zu Grunde; denn ein solcher Mensch lebt beständig in Aufregungen und ist in ruhelosem Zustande. Er ist fern vom Frieden und zerstört zugleich seine Gesundheit; denn sein Leib wird unausgesetzt (durch Ärger) abgezehrt und die Seele betrübt, und das Fleisch schwindet dahin, und Blässe entfärbt sein Gesicht.
2. Traurige Wirkungen des Zorns auf den Geist.
Auch der Geist wird verändert, der Verstand geschwächte, die Gedanken wogen wie ein Strom hin und her, und er wird bei Allen verhaßt. Ein solcher Mensch weiß Nichts von Langmuth und Liebe; schon leere Worte bringen ihn leicht in Verwirrung; wegen jeder elenden Veranlassung fängt er Streitigkeiten an. Wo man seiner gar nicht bedarf, dringt er sich auf und zieht sich auf diese Weise vielen Haß zu. Nebstdem hat er aber auch Freude an Schwätzereien und hat seine Lust an schädlichen Vorfällen. Er ergötzt sich 337 an Lästerungen, ist schwach in Übung der Sanftmuth, gewaltig hingegen in Ränken der Bosheit. Wer sollte nun einen solchen Menschen nicht beklagen? Er ist ja bei Gott und bei den Menschen verabscheut. Der Jähzornige ist nämlich durchaus unglücklich. Hütet euch also vor dem Jähzorns!