Ephräm der Syrer · Auswahl ascetischer Abhandlungen über die christliche Tugend und Vollkommenheit. · Buch 2 · Kapitel 24
Demüthige Selbstanklage. Ermahnung zum fortgesetzten Eifer im Guten.
1. Selig zu preisen ist, wer in jeder Tugend sich gleichmäßig ausbildet und in den Werken der Gerechtigkeit hervorzuleuchten sich bestrebt. Glückselig ist auch, wer nie im Verborgenen etwas Gott Mißfälliges begeht, sondern aller Wahrheit dient und alle seine Handlungen im Lichte verrichtet und niemals in einen Gedanken einwilligt, der Thörichtes (Böses) räth.
2. Was soll aber ich beginnen, der ich jede Tugend lobe und in keiner derselben wandle, sondern meine Jahre in allem Bösen verschleudert habe? Wahrlich an mir geht in Erfüllung, was geschrieben steht: „Ihr leget den Menschen unerträgliche Lasten auf und rührt sie mit keinem Finger an.“ Deßwegen ermahne ich die Liebe von euch allen, von Christus Gesegnete und Theilnehmer am Paradiese: bestrebt euch alle, eurem Heerführer Christus zu gefallen, auf daß Keiner aus euch als ein Gleichgiltiger oder Sorgloser verworfen werde! Soviel von euch durch die Gnade Christi an das Joch gespannt sind, habet darauf Acht, ja nicht die Gelüste des Fleisches zu erfüllen, damit wir nicht ohne Vertheidigung gefunden werden vor jenem schaudervollen Richterstuhle, bei dem Jedem wird vergolten werden, je nachdem er Gutes oder Böses gethan hat.
3. Wehe aber mir dann, denn ich werde dasteh’n ohne Zuversicht; was werd’ ich also in der Stunde der unvermeidlichen Noth anfangen? Selig sind Alle, die dann mit Vertrauen sich dem Richter darstellen und den heiligen Lohn von der Hand des Herrn in Empfang nehmen werden. Wehe aber Denjenigen, die um eines so geringfügigen und nichtswürdigen Dinges willen dann zu Schanden werden!
4. Was ich aber sagen will, ist Dieß. Wie kann sich einer vertheidigen, der wegen Ehrsucht oder Anmaßung oder Ungehorsam oder Widerspenstigkeit oder Schlemmerei oder Frechheit oder Geschwätzigkeit oder Übermuth oder Herrschsucht oder Prahlerei oder Neid, Streitsucht, Zornmüthigkeit oder Lästerung oder Verleumdung angeklagt wird? Welche Vertheidigung hat wohl Derjenige, welcher wegen dieser so geringfügigen Dinge angeklagt wird? Welcher Gewinn oder welche Wollust wird dir davon zu Theil? Welche Schwierigkeit ist es wohl, sich davor zu bewahren?
5. Darum red’ ich euch zu, o Brüder, daß ja Keiner von euch dieser Vergebungen wegen sich die Verdammung zuziehe. Ich weiß es wohl. daß ihr euch von den noch schwerern Sünden enthaltet; diese aber achtet Jeder, als wenn sie ganz unbedeutend wären, für Nichts, indem er 358 wähnt, er werde darüber gar nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Gerade dadurch bringt uns der Teufel in seine Gefangenschaft, indem er bewirkt, daß Jeder aus uns sie als völlig unbedeutend für Nichts achtet. Bestrebt euch aber eifrig, in diese Fehler nicht zu verfallen, sondern bewahrt euch mit aller Sorgfalt, damit ihr mit Christus verherrlicht werdet! Ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.