§ 1
Wir haben somit klar bewiesen, daß das Wort, welches im Anfang bei Gott war, und durch welches alles gemacht worden ist, und das immer bei dem menschlichen Geschlechte weilte, jetzt in den letzten Zeiten gemäß der vom Vater bestimmten Zeit mit seinem Geschöpfe sich vereinte und zum leidensfähigen. Menschen geworden ist. Dadurch ist die Widerrede jener zurückgewiesen, die da behaupten, daß Christus vorher nicht gewesen ist, wenn er in der Zeit geboren ist. Wir haben nämlich gezeigt, daß der Sohn Gottes, der immer bei dem Vater gewesen ist, damals nicht seinen Anfang nahm. Vielmehr faßte er die lange Entwicklung der Menschen in sich zusammen, indem er durch die Inkarnation Mensch wurde, und gab uns in dieser Zusammenfassung das Heil, damit wir unser Sein nach, dem Bild und Gleichnis Gottes, das wir in Adam verloren hatten, in Christo Jesu wiedererlangen möchten.
§ 2
Es war nämlich unmöglich, den einmal besiegten und durch seinen Ungehorsam gefallenen Menschen neu zu schaffen und den Siegespreis ihm zu verleihen, aber ebenso unmöglich konnte der in die Sünde gefallene Mensch das Heil erlangen. Deshalb bewirkte beides der Sohn, der das Wort Gottes war, indem er vom Vater herunterstieg, Fleisch annahm und bis zum Tode 287ging. So erwirkte er uns unsere Erlösung. Mit Bezug hierauf sagt Paulus wiederum: „Sage nicht in deinem Herzen: Wer steigt zum Himmel herauf, um Christus nämlich herabzuholen? Oder wer wird in den Abgrund hinabsteigen, um Christus von den Toten zu befreien?“ Und bald darauf: „Wenn du wohl mit deinem Mund den Herrn Jesus bekennst und in deinem Herzen glaubst, daß Gott ihn auferweckt hat von den Toten, so wirst du selig sein“. Ferner gab er auch den Grund an, weswegen das Wort Gottes dieses getan hat, indem er sagt: „Dazu nämlich hat Christus gelebt und ist gestorben und auferstanden, damit er über die Lebenden und Toten herrsche“. Und wiederum sagt er, indem er an die Korinther schreibt: „Wir aber verkündigen Christum Jesum, den gekreuzigten“. Und später: „Der Kelch der Segnung, den wir segnen, ist er nicht die Teilnahme an dem Blute Christi?“
§ 3
Wer ist es aber, der uns von den Speisen mitgeteilt hat? Der von ihnen erdichtete obere Christus, der sich über den Horos, d. i. Grenze, ausdehnte und ihre Mutter bildete, oder vielmehr der aus der Jungfrau geborene Emmanuel, der Butter und Honig nicht aß und von dem der Prophet sagt: „Ein Mensch ist es, und wer wird ihn erkennen?“ Derselbe wurde von Paulus mit den Worten verkündet: „Ich habe euch nämlich vor allem überliefert, daß Christus gestorben ist für unsere Sünden gemäß den Schriften, und daß er begraben ist und auferstanden ist am dritten Tage gemäß den: Schriften“. Es ist also offenbar, daß Paulus einen andern Christus nicht kennt als den allein, der gelitten hat, begraben worden ist und auferstanden ist, der auch geboren wurde, und den er Mensch genannt hat. Denn als er sagte: „So aber Christus verkündet wird, daß er von den Toten auferstanden ist“, fügt er als Grund für seine Menschwerdung bei: „Denn durch einen Menschen ist der Tod und durch einen Menschen die 288Auferstehung von den Toten“. Und überall, wenn er von dem Leiden des Herrn oder seiner Menschheit und seinem Tode redet, gebraucht er den Namen Christus, wie z. B.: „Verdirb nicht durch deine Speise jenen, für den Christus gestorben ist“. Und wiederum: „Jetzt aber in Christus seid ihr, die ihr einst ferne waret, die nächsten geworden in dem Blute Christi“. Und wiederum: „Christus hat uns erlöst von dem Fluche des Gesetzes, indem er für uns zum Fluche wurde, wie geschrieben steht: Verflucht ein jeder, der am Holze hängt“. Und wiederum: „Und umkommen wird der Schwache an deinem Wissen, dein Bruder, für den Christus gestorben ist“. Damit zeigt er an, daß nicht ein leidensunfähiger Christus auf Jesus hinabgestiegen ist, sondern daß gerade ein und derselbe Jesus Christus für uns gelitten hat, begraben wurde und auferstand, zu den Toten hinabstieg und auffuhr als der Sohn Gottes, der zum Menschensohn geworden ist, wie auch sein Name anzeigt. Denn der Name Christus bedeutet den, der salbt, und der gesalbt worden ist, und die Salbung selbst, in der er gesalbt wurde. Es salbte aber der Vater, gesalbt wurde der Sohn in dem Geiste, der die Salbung ist, gemäß dem Worte des Isaias, der da spricht: „Der Geist des Herrn ist über mir, deswegen hat er mich gesalbt“. Damit weist er hin auf den Vater, der salbt, den Sohn, der gesalbt wurde und den Geist, welcher die Salbung ist.
§ 4
Auch der Herr selbst tat den kund, der gelitten hat. Denn als er seine Schüler fragte: „Für wen halten die Menschen mich, den Menschensohn?“ und als Petrus antwortete: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“, und von ihm gelobt wurde, daß Fleisch und Blut ihm das nicht geoffenbart hat, sondern der Vater, der im Himmel ist, da tat er kund, daß des Menschen Sohn kein anderer ist als Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. „Denn sogleich“, heißt es, „fing er an, zu zeigen den Lernenden, daß jener nach Jerusalem 289gehen muß und vieles dulden von den Priestern und verworfen und gekreuzigt werden und am dritten Tage auferstehen“. Der also von Petrus als der Christus bekannt war, der ihn selig gepriesen hatte, daß der Vater ihm den Sohn des lebendigen Gottes geoffenbart hatte, sagte, daß er vieles leiden müsse und gekreuzigt werden, und darauf schalt er den Petrus, der ihn nach dem Sinne der Menschen für Christus hielt und demnach seinem Leiden sich widersetzte, indem er zu den Jüngern sprach: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir! Wer nämlich seine Seele retten will, wird sie verlieren, und wer sie für mich verlieren wird, wird sie retten“. So sprach nämlich Jesus offenbar als der Erlöser derjenigen, die für seinen Namen zum Tode geschleppt werden und ihre Seelen verlieren würden.
§ 5
Wenn er aber selber nicht gelitten hätte, sondern von dem Jesus fortgeflogen wäre, wie hätte er seine Jünger ermahnen können, das Kreuz auf sich zu nehmen und ihm nachzufolgen, wenn er, wie sie sagen, das Kreuz nicht selber auf sich nahm und sich dem für ihn bestimmten Leiden entzog? Daß er dies aber nicht, wie einige zu erklären wagen, von der Erkenntnis des oberen Kreuzes sagte, sondern von dem Leiden, das er auf sich nehmen mußte und seine Jünger erdulden sollten, zeigen seine Worte: „Wer immer nämlich seine Seele retten wird, wird sie verlieren, und wer sie verlieren wird, wird sie finden.“ Daß aber die Jünger seinetwegen leiden würden, sagte er den Juden mit den Worten: „Siehe, ich schicke zu euch die Propheten und Weise und Lehrer, und aus diesen werdet ihr töten und kreuzigen“. Und seinen Jüngern sagte er: „Vor den Fürsten und Königen werdet ihr stehen um meinetwegen, und aus euch werden sie geißeln und töten und verfolgen von Stadt zu Stadt“. Er kannte also die, welche Leiden erdulden sollten, und die, welche gegeißelt und getötet werden sollten um seinetwegen. 290Also war nicht von einem anderen Kreuze, sondern von dem Leiden die Rede, das er selbst zuerst und dann seine Jünger erdulden sollten, indem er sie noch ermahnt: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet mehr denjenigen, der die Gewalt hat, Leib und Seele in die Hölle zu schicken“ und die zu retten, die ihn bekennen werden! Versprach er doch selber, daß er die vor seinem Vater bekennen werde, die seinen Namen vor den Menschen bekennen würden; daß er aber die verleugnen werde, die ihn verleugneten, und verstoßen, die sein Bekenntnis verstoßen würden. Trotzdem haben sich einige zu solcher Kühnheit verstiegen, daß sie sogar die Märtyrer verachten und sie tadeln, weil sie sich für das Bekenntnis des Herrn töten lassen und alles ertragen, was von dem Herrn vorausgesagt worden ist, und demgemäß wagen, in die Fußstapfen der Passion des Herrn zu treten, indem sie Märtyrer des leidensfähigen Christus geworden sind. Doch diese überlassen wir den Märtyrern selbst. Wann nämlich ihr Blut gefordert werden wird und diese dann Ruhm erlangen, dann werden von Christus verwirrt werden alle, die ihr Martyrium verunehrt haben. Aus des Herrn Wort am Kreuze: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ ergibt sich die Langmut und Geduld und Barmherzigkeit und Güte Christi, Selbst leidend, entschuldigte er noch die, welche ihn mißhandelt hatten. Denn das Wort Gottes, das zu uns sprach: „Liebet eure Feinde und betet für die, welche euch hassen“, hat dies am Kreuze getan, und so weit ging seine Liebe zu dem menschlichen Geschlecht, daß er selbst für die, welche ihn töteten, betete. Wollte aber jemand einen Vergleich zwischen diesen beiden anstellen, so wird er finden, daß dieser viel besser und geduldiger und wahrhaft gut ist, der noch in den Wunden und Schmerzen und den Beleidigungen, die sie ihm 291zufügten, wohltätig ist und das gegen ihn verübte Unrecht vergißt, als der, welcher fortflog und keine Unbilde noch Schmach erdulden wollte.
§ 6
Genau dasselbe ist auch denen entgegenzuhalten, die da sagen, er habe nur scheinbar gelitten. Wenn er nämlich nicht in Wahrheit gelitten hat, dann hat auch kein Verdienst, der kein Leiden hat. Er täuscht uns offenbar, wenn er uns zu Beginn des Leidens empfiehlt, uns schlagen zu lassen und die andere Backe darzureichen, wo er nicht zuvor selbst dieses in Wahrheit gelitten hat. Und wie er jene getäuscht hat, um von ihnen für das gehalten zu werden, was er nicht war, so täuscht er auch uns, wenn er uns ermahnt, das zu ertragen, was er selbst nicht ertragen hat. So werden wir über dem Lehrer sein, wenn wir leiden und aushalten, was der Lehrer weder gelitten noch ausgehalten hat. Aber allein Lehrer ist unser Herr, und in Wahrheit gut der Sohn Gottes, und geduldig, da das Wort Gottes des Vaters Sohn des Menschen geworden ist. Er kämpfte nämlich und siegte; denn er war der Mensch, der für seine Väter focht und durch seinen Gehorsam den Ungehorsam aufhob, der den Starken band und die Schwachen löste und seinem Geschöpf Erlösung brachte, indem er die Sünde vernichtete. Denn überaus mild und barmherzig ist der Herr, und er liebt das Geschlecht der Menschen.
§ 7
So näherte und vereinte er, wie wir gesagt haben, den Menschen mit Gott. Wenn nämlich der Mensch nicht den Feind des Menschen besiegt hätte, so wäre nicht gerechterweise der Feind besiegt worden. Und wiederum hätte nicht Gott dem Menschen das Heil verliehen, so würden wir dessen nicht gewiß sein. Und wäre der Mensch nicht mit Gott verbunden worden, so hätte er keinen Anteil an der Unvergänglichkeit erlangen können. Es mußte nämlich der Mittler zwischen Gott und den Menschen kraft seines Verhältnisses zu beiden in Freundschaft und Eintracht beide zusammenführen und die Menschen Gott nahe bringen und die Menschen mit Gott bekannt machen. Aus welchem 292Grunde könnten wir denn teilhaftig sein der Annahme an Kindesstatt, wenn wir nicht durch den Sohn diese verwandtschaftliche Beziehung zu ihm empfangen hätten; wenn nicht sein Wort, Fleisch geworden, sie uns mitgeteilt hätte? Deshalb machte er auch jede Altersstufe durch, um für alle die Gemeinschaft mit Gott wiederherzustellen. Die also sagen, daß er nur scheinbar sich geoffenbart habe, nicht im Fleische geboren und nicht in Wahrheit Mensch geworden sei, die sind noch in der alten Verdammnis und stehen noch unter dem Fluch der Sünde, da nach ihnen der Tod nicht besiegt ist, „der von Adam bis auf Moses herrschte auch über die, welche nicht gesündigt haben nach Art der Übertretung Adams“. Als aber das Gesetz kam und Zeugnis ablegte von der Sünde, daß er ein Sünder ist, da nahm es ihm zwar sein Reich und offenbarte, daß er ein Räuber, aber kein König ist; und zeigte ihn als Menschenmörder, es belastete den Menschen, der die Sünde in sich hatte, und zeigte ihm, daß er des Todes schuldig war. Da nämlich „das Gesetz geistig war“, so offenbarte es nur die Sünde, hob sie aber nicht auf, weil die Sünde nicht über den Geist, sondern über den Menschen herrschte. Wer also die Sünde vernichten und den Menschen von seiner Todesschuld erlösen wollte, der mußte das werden, was jener war, nämlich Mensch. Denn der Mensch war von der Sünde in die Knechtschaft geschleppt und wurde von dem Tode festgehalten. Daher mußte die Sünde von einem Menschen überwunden werden, damit der Mensch des Todes ledig würde. Wie nämlich durch den Ungehorsam des einen Menschen, der zuerst von der jungen Erde gebildet war, die vielen Sünder wurden und das Leben verloren, so mußten auch durch den Gehorsam eines Menschen, der zuerst von einer Jungfrau geboren wurde, viele gerechtfertigt werden und ihr Heil erlangen. So wurde also das Wort Gottes Mensch, wie auch Moses sagt: „Gott, wahrhaft sind seine Werke“. Wäre er aber nicht Fleisch geworden, sondern nur als solches erschienen, so wäre sein Werk 293nicht wahr gewesen. Was er schien, das war er also auch: Gott faßte in sich das alte Menschengebilde zusammen, um die Sünde zu vernichten, den Tod niederzuwerfen und den Menschen lebendig zu machen. Deswegen sind auch „wahrhaft seine Werke“.