§ 1
Die Vorsehung Gottes erstreckt sich aber auf alles, und deswegen erteilt er auch seinen Rat. Als Ratgeber steht er denen bei, die für ihre Sitten Sorge tragen. Deshalb muß das, was geleitet und geführt wird, auch seinen Leiter erkennen, insofern es wenigstens nicht eitel und unverständig ist, sondern die Vorsehung Gottes fühlt. Deshalb haben auch einige Heiden, die weniger den Eitelkeiten und Vergnügungen dienten und nicht gar so tief in den götzendienerischen Aberglauben versunken waren, durch seine Vorsehung dazu bewegen, wenn auch nur schwach, sich dazu verstanden, zu bekennen, daß der Schöpfer dieser Welt der fürsorgliche Vater aller sei und mit Rücksicht auf uns die Welt leite.
§ 2
Die Häretiker hingegen hielten es für unwürdig, daß Gott straft und richtet, und glaubten, daß sie einen guten Gott ohne Zorn gefunden hätten. Deswegen lehrten sie, daß ein anderer richte und ein anderer erlöse, ohne dabei zu bedenken, daß sie dadurch Verstand und Gerechtigkeit beider aufhoben. Wenn nämlich der Richtergott nicht zugleich gut ist und je nach Verdienst belohnt und bestraft, so wird er weder als ein gerechter noch weiser Richter erscheinen. Wiederum wird der gute Gott, wenn er nur gut ist und nicht prüft, wem er seine Güte zuwenden soll, außerhalb der Gerechtigkeit und Güte stehen, und seine Güte wird als Schwäche erscheinen, wenn er nicht alle erlöst ohne Rücksicht auf das Gericht.
§ 3
319Wenn nun Markion Gott in zwei Teile zerlegt und einen den guten und den anderen den gerechten nennt, so zerstört er in beiden die Gottheit. Denn der Richtergott ist nicht Gott, wenn er nicht zugleich gut ist, und das ist kein Gott, dem die Güte abgeht, und ebenso wenig kann der gute Gott als Gott gelten, wenn er nicht zugleich gerecht ist. Wie können sie auch den Allvater weise nennen, wenn sie ihn nicht zugleich als gerecht bezeichnen? Ist er weise, dann muß er auch prüfen, das Prüfen aber ist eine Sache des Richtens; damit er gerecht prüft, folgt dem Richten die Gerechtigkeit, die Gerechtigkeit erfordert das Urteil, das Urteil aber, wenn es mit Gerechtigkeit geschieht, ist ein Ausfluß der Weisheit. Also muß hinsichtlich der Weisheit der Vater alle Weisheit der Menschen und Engel übertreffen, da er ja über sie alle Herr und Richter und gerecht und Herrscher ist. Er ist nämlich gut und barmherzig und geduldig und rettet, welche es verdienen. So ist seine Güte gerecht und seine Weisheit unbegrenzt; er rettet die, welche er retten muß, und richtet die, welche das Gericht verdienen. Darum kann auch seine Gerechtigkeit nicht grausam erscheinen, da ihr die Güte stets voranschreitet.
§ 4
Die seine Güte in gleicher Weise genossen haben, aber keineswegs dementsprechend gelebt, sondern sich trotz seiner Güte den Lüsten und der Schwelgerei ergeben haben, ja sogar den noch lästern, der ihnen so große Wohltaten erwiesen hat, die wird der Gott richten, der gnädig „seine Sonne über alle aufgehen lässt und regnen läßt über Gerechte und Gottlose“.
§ 5
Da erweist sich doch Plato frömmer als diese, indem er ein und denselben Gott als gerecht und gut bekennt und ihm die Macht über alles und das Gericht zuspricht mit den Worten: „Gott, wie auch das alte Wort sagt, umfaßt den Anfang und das Ende und die Mitte aller Dinge, die da sind, bringt sie glücklich zustande und umgibt sie gemäß seiner Natur; ihm folgt aber beständig die Gerechtigkeit als Rächerin gegen die, welche vom göttlichen Gesetz abweichen“. Und an 320einer anderen Stelle zeigt er ihn als den guten Schöpfer und Urheber des Universums, indem er sagt: „In dem Guten aber entsteht niemals irgend welcher Neid über jemanden“, wodurch er als Anfang und Grund für die Schöpfung des Weltalls die Güte Gottes hinstellt, aber nicht die Unwissenheit oder einen irrenden Äonen oder die Frucht des Fehltrittes oder eine weinende und wehklagende Mutter oder einen andern Gott und Vater.
§ 6
Mit Recht aber wird ihre Mutter über sie wehklagen als die Erfinder und Erdichter solcher Lehren. Haben sie doch so recht auf ihr eigenes Haupt erklärt und gelogen, daß ihre Mutter außerhalb des Pleroma sei, d. h. außerhalb der Erkenntnis Gottes. Und ihre Genossenschaft ist die ungeschlachte, häßliche Frühgeburt geworden; sie nämlich begriff nichts von der Wahrheit, fiel in die Leere und in den Schatten, und leer ist ihre Lehre und schattenvoll. Und wenn ihr Horos ihre Mutter in das Pleroma nicht eingehen ließ, dann nahm sie der Geist nicht in die Ruhe auf. Und wenn ihr Vater die Unwissenheit hervorbrachte, dann bewirkte er in ihnen die Leidenschaften des Todes. Mit diesen Sätzen verleumden nicht wir sie, sondern sie selbst behaupten es und lehren es und rühmen sich dessen. Geheimnisvoll lehren sie von ihrer Mutter, sie sei ohne Vater, d, h. ohne Gott, erzeugt, also ein Weib bloß vom Weibe, d. h. eine Verderbnis aus dem Irrtum.
§ 7
Wir aber flehen, daß sie nicht verharren möchten in der Grube, die sie sich gegraben, sondern sich trennen von einer solchen Mutter, aus dem Bythos herauskommen, von der Leere abstehen und den Schatten verlassen, daß sie rechtzeitig wiedergeboren werden und zur Kirche Gottes sich bekehren möchten, daß Christus in ihnen Gestalt annehme und sie erkennen als den Schöpfer und Urheber dieses Weltalls den allein wahren Gott und Herrn von allem. Dies erflehen wir für sie und lieben sie mit größerem Nutzen, als sie sich selbst zu lieben glauben. Denn da unsere Liebe zu ihnen wahr ist, gereicht sie ihnen zum Heile, wenn sie dieselbe 321nur annehmen. Sie ist aber einer scharfen Arznei ähnlich, die das wilde und überflüssige Fleisch einer Wunde fortbeizt, sie verjagt nämlich ihren Hochmut und Stolz. Deshalb wollen wir versuchen und uns nicht scheuen, mit aller Kraft ihnen unsere Hand entgegenzustrecken. Weiterhin wollen wir dann in dem folgenden Buche die Reden des Herrn anführen, ob wir nicht vielleicht durch Christi Lehre einige von ihnen überzeugen und sie bewegen können, von ihrem argen Irrtum abzulassen und ihre Gotteslästerung aufzugeben, die sie gegen ihren Schöpfer richten, der doch der einzige Gott ist und der Vater unseres Herrn Jesu Christi.
Amen.