§ 1
Langmütig also war Gott, als der Mensch fehlte, und sah jenen Sieg voraus, den das Wort für ihn davontragen würde. Denn da die Kraft in der Schwachheit vollendet wurde, zeigte es die Güte Gottes und seine allgewaltige Kraft. Wie er nämlich geduldig hinnahm, daß Jonas von dem Walfisch verschlungen wurde, nicht 296um verschlungen zu werden und gänzlich zugrunde zu gehen, sondern damit er ausgespieen wurde und Gott besser gehorchte und den mehr verherrlichte, der ihm das unerwartete Heil geschenkt hatte, und zu rechter Buße die Niniviten führte, damit sie sich zu Gott, der sie vom Tode errettet hatte, bekehrten, da sie durch das Zeichen erschreckt worden waren, das er an Jonas getan hatte, gemäß dem Worte der Schrift: „Und sie bekehrten sich ein jeder von seinem bösen Wege und von der Ungerechtigkeit, die an ihren Händen war, indem sie sagten: Wer weiß, ob Gott nicht Mitleid haben und seinen Zorn von uns abwenden wird, und wir nicht untergehen werden“: so ließ Gott auch im Anfang zu, daß der Mensch von dem großen Walfisch, welcher der Urheber der Übertretung war, verschlungen wurde, aber nicht um verschlungen zu werden und gänzlich unterzugehen. Vielmehr bereitete Gott die Annahme des Heils sorgfältig vor, die durch das Wort in dem Zeichen des Jonas geschehen sollte für die, welche dieselbe Gesinnung wie Jonas in Betreff Gottes haben und wie jener bekennen and sprechen würden: „Ein Knecht des Herrn bin ich und ich verehre den Herrgott des Himmels, der das Meer und die Erde geschaffen hat“. Denn indem der Mensch wider alle Hoffnung von Gott das Heil empfing, sollte er von den Toten auferstehen und Gott preisen und mit dem Propheten Jonas bekennen: „Ich habe gerufen zu dem Herrn, meinem Gott, in meiner Betrübnis, und er hat mich erhört aus dem Bauche der Unterwelt“. Und immer sollte er verharren in der Lobpreisung Gottes und ohne Unterlaß Dank sagen für das Heil, das er von ihm erlangt hatte, damit kein Fleisch vor dem Herrn sich rühme, noch jemals von Gott die irrige Meinung erhalte, daß eine Unsterblichkeit ihm von Natur aus zukomme, oder von der Wahrheit abweichend, sich in eitlem Stolze brüste, als ob er von Natur Gott gleich wäre. Das wäre ein noch größerer 297Undank gegen den Schöpfer und würde die Liebe Gottes zu den Menschen verdunkeln und den Sinn des Menschen verblenden, daß er nicht mehr fühlte, was Gottes würdig ist, wenn er sich mit Gott vergliche und sich ihm gleich hielte.
§ 2
Das war also die Langmut Gottes, daß der Mensch, durch alles hindurchgehend und seine sittliche Aufgabe erkennend, schließlich zur Auferstehung von den Toten gelangte und aus Erfahrung lernte, woher er erlöst wurde, und immer dankbar gegen Gott war, weil er von ihm das Geschenk der Unvergänglichkeit erlangt hatte und ihn deswegen mehr liebte — wem nämlich viel vergeben wird, der liebt mehr —, sich selbst aber als sterblich und schwach erkannt hatte. Auch sollte er verstehen, daß Gottes Unsterblichkeit und Macht sich so weit erstreckt, daß er auch dem Sterblichen Unsterblichkeit und dem Zeitlichen Ewigkeit verleiht, und alle übrigen Gnadenerweise Gottes begreifen, die sich an ihm offenbarten, und daraus lernen und fühlen, wie groß Gott ist. Denn des Menschen Ruhm ist Gott, das Werk Gottes und das Gefäß seiner Weisheit und Kraft ist der Mensch. Wie der Arzt an den Kranken sich als tüchtig erweist, so offenbart sich Gott an den Menschen. Deswegen sagt auch Paulus: „Es verschloß aber Gott alles im Unglauben, um sich aller zu erbarmen“. Das sagte er nicht von den geistigen Äonen, sondern von dem Menschen, der gegen Gott ungehorsam gewesen und von der Unsterblichkeit ausgeschlossen war, dann aber Barmherzigkeit erlangte, indem er durch den Sohn Gottes allein an Kindesstatt angenommen wurde. Wer nämlich ohne Prahlerei und Aufgeblasenheit die wahre Ehre der Geschöpfe und des Schöpfers, d. h. des allmächtigen Gottes, der allen das Dasein verleiht, im Auge behält, und in der Liebe, Demut und Dankbarkeit verharrt, der wird noch größere Herrlichkeit von ihm empfangen und fortfahrend dem ganz ähnlich werden, der für ihn gestorben ist. Nahm doch auch er die Ähnlichkeit des sündigen Fleisches an, um die Sünde zu verurteilen und 298sie gleichsam aus dem Leibe zu verbannen, den Menschen aber zu seiner Nachfolge aufzurufen, indem er ihn zur Nachahmung Gottes bestimmte und ihm Gott als Richtschnur vorhielt, damit er ihn schaue. So machte das Wort Gottes, das im Menschen wohnte, den Menschen fähig, den Vater zu begreifen, und wurde zum Menschensohne, damit der Mensch sich gewöhne, Gott aufzunehmen, und Gott sich gewöhne, im Menschen zu wohnen nach dem Wohlgefallen des Vaters.
§ 3
Demgemäß ist der Herr selbst jener als Zeichen unseres Heils aus der Jungfrau verheißene Emmanuel. Er war es, der da die erlöste, die aus sich selbst nicht erlöst werden konnten. Auf diese Schwäche des Menschen weist Paulus hin, wenn er sagt: „Ich weiß ja, dass in meinem Fleische nicht das Gute wohnt“. Oder mit anderen Worten: Nicht aus uns, sondern aus Gott ist das Gut unseres Heils. Und wiederum spricht er: “Ich armer Mensch, wer wird mich erlösen von dem Körper dieses Todes?“ Dann nennt er als Erlöser: “Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi“. Dasselbe lehrt auch Isaias: „Werdet stark, ihr müden Hände und ihr schwankenden Knie, ermuntert euch, ihr Kleinmütigen, werdet stark und fürchtet euch nicht: Siehe, unser Gott wird Gericht abhalten und vergelten, er selbst wird kommen und uns erlösen“. Also nicht aus uns, sondern durch Gottes Hilfe sollen wir gerettet werden.
§ 4
Ferner sollte der Erlöser weder bloßer Mensch, noch ohne Leib wie die Engel sein. Denn ausdrücklich sagt Isaias: „Weder ein Älterer noch ein Engel, sondern der Herr selbst wird sie erlösen, denn er liebt sie und schonet ihrer; er selbst wird sie erlösen“. Auch sagt Isaias weiter, daß er ein wahrer, sichtbarer Mensch sein sollte, obwohl er das Wort der Erlösung ist, indem er spricht: „Siehe, du Stadt Sion, unser Heil werden deine Augen sehen“. Ferner zeigt Isaias an, daß der, welcher für uns sterben sollte, nicht bloßer Mensch sein würde, mit den Worten: „Und es gedachte der Herr, der 299Heilige Israels, seiner Toten, die vorher geschlafen hatten im Lande des Begrabens; und er stieg herab zu ihnen, zu verkündigen sein Heil, um sie zu retten“. Ebendasselbe sagt auch der Apostel Amos: „Er selbst wird sich umkehren und sich unser erbarmen, aufheben wird er unsere Ungerechtigkeit und versenken wird er in die Tiefe des Meeres unsere Sünden“. Und indem er den Ort seiner Ankunft bezeichnet, sagt er: „Der Herr sprach aus Sion, und aus Jerusalem ließ er seine Stimme erschallen“. Daß aber aus dem Teile des Erbteils Juda, der nach Süden liegt, der Sohn Gottes kommen werde, der Gott ist, und daß, der aus Bethlehem war, wo der Herr geboren wurde, in alle Lande aussenden werde sein Lob, hat der Prophet Habakuk mit den Worten verkündet: „Gott wird aus Süden kommen und der Heilige von dem Berge Effrem. Es bedeckt den Himmel seine Kraft, und von seinem Lobe ist voll die Erde. Vor seinem Angesicht wird einhergehen das Wort, und auf den Feldern werden schreiten seine Füße“. Damit sagt er deutlich, daß er Gott ist, daß in Bethlehem und vom Berge Effrem, der nach Süden liegt, seine Ankunft sein wird, und daß er Mensch ist. „Es werden daherschreiten auf den Feldern seine Füße“ — das kennzeichnet recht eigentlich den Menschen.