§ 1
Weder der Herr, noch der Heilige Geist, noch die Apostel hätten den, der nicht Gott war, jemals Gott ohne Vorbehalt und Einschränkung genannt, wenn er nicht Gott in Wahrheit wäre, noch hätten sie ihrerseits jemand als Herrn bezeichnet außer dem allerhöchsten Gott Vater und seinem Sohn, der die Herrschaft über die ganze Schöpfung von seinem Vater empfing, wie geschrieben steht: „Es sprach der Herr zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis daß ich lege deine Feinde zum Schemel deiner Füße“. D. h. der Vater sprach mit dem Sohne und gab ihm zum Erbe die Heiden und unterwarf ihm alle seine Feinde. Da nun der Vater Herr ist und der Sohn in Wahrheit Herr, so bezeichnet der Heilige Geist mit Recht beide als Herren. Und wenn die Schrift wiederum bei der Zerstörung Sodomas sagt: „Und es regnete der Herr über Sodoma und Gomorrha Feuer und Schwefel von dem Herrn des 219Himmels“, so bezeichnet sie hier ebenfalls den Sohn, der mit Abraham gesprochen hat und von dem Vater die Gewalt empfangen hatte, die Sodomiter wegen ihrer Gottlosigkeit zu bestrafen. Ähnlich heißt es: „Dein Thron, o Gott, steht in Ewigkeit. Ein Szepter der Gerechtigkeit ist das Szepter Deines Reiches. Du liebtest die Gerechtigkeit und haßtest das Unrecht, deshalb hat Dich, o Herr, Dein Gott gesalbt“. Beide nämlich bezeichnete der Heilige Geist als Gott, den Sohn, der gesalbt wird, und den Vater, der salbt. Und ferner: „Gott steht in der Versammlung der Götter, in ihrer Mitte aber richtet er die Götter“. Vom Vater und vom Sohne spricht er und von denen, welche die Kindschaft empfangen haben, und diese sind die Kirche. Das nämlich ist die Versammlung Gottes, welche Gott, d. h. der Sohn selbst, durch sich zustande gebracht hat. Und abermals heißt es von ihm: „Gott, der Herr der Götter, hat geredet und rief die Erde“. Und wer ist der Herr, von dem er sprach: „Gott wird sichtbar kommen, unser Gott, und er wird nicht schweigen“? Das ist der Sohn, der in sichtbarer Gestalt zu den Menschen kam und spricht: „Offenkundig bin ich denen geworden, die mich nicht suchen“. Wer aber sind die Götter? Die, zu denen er spricht: „Ich habe gesagt, Götter seid ihr und Söhne des Allerhöchsten allzumal“, die nämlich, welche die Gnade „der Kindschaft erlangt haben, durch welche wir rufen: Abba, Vater“.
§ 2
Kein anderer also, wie gesagt, heißt Gott oder wird Herr genannt als jener allerhöchste Gott und Herr, der auch zu Moses sprach: „Ich bin, der ich bin. Sage also den Söhnen Israels: Der, welcher ist, hat mich zu euch gesandt“. Sein Sohn ist Jesus Christus, unser 220Herr, der die zu Söhnen Gottes macht, die an seinen Namen glauben. Und abermals spricht der Sohn zu Moses, wenn es heißt: „Ich bin herabgestiegen, dieses Volk zu erretten“. Denn er ist es, der herabstieg und hinaufstieg, die Menschen zu erlösen. Durch den Sohn also, der im Vater ist und in sich den Vater hat, der da ist, hat sich Gott geoffenbart, indem der Vater für den Sohn Zeugnis ablegt und der Sohn den Vater verkündigt. In diesem Sinne spricht Isaias: „Und ich bin Zeuge, spricht Gott der Herr, und der Sohn, den ich erwählt habe, damit ihr erkennet und glaubet und einsehet, daß ich es bin“.
§ 3
Wenn aber die Schrift Götter die nennt, welche es nicht sind, dann nennt sie diese nicht schlechthin Götter, sondern gebraucht noch irgend einen Zusatz oder eine Bezeichnung, aus der hervorgeht, daß sie nicht in Wirklichkeit Götter sind. So z. B. bei David: „Die Götter der Heiden sind Bilder von Dämonen“ und: „Fremden Göttern sollt ihr nicht nachfolgen“. Dadurch also, daß sie sagt: Götter der Heiden — den Heiden nämlich ist der wahre Gott unbekannt — und dadurch, daß sie sie fremde Götter nennt, hat sie ausgeschlossen, daß sie wahre Götter wären. Aber auch ihrerseits hat sie gesagt, was sie in Wahrheit sind: Bilder von Dämonen. Und wenn Isaias sagt: „Zuschanden sollen alle werden, die Gott lästern und unnütze Bilder machen; ich bin Zeuge, spricht der Herr“, so hat er abgelehnt, daß es Götter sind, und gebraucht nur diese Bezeichnung, damit wir wissen, von wem er redet. Ebenso spricht Jeremias: „Die Götter, die nicht Himmel noch Erde gemacht haben, sollen von der Erde verschwinden, die unter dem Himmel ist“, und indem er ihnen die Vernichtung wünscht, zeigt er deutlich, daß sie keine Götter sind. Und als Elias ganz Israel auf den Berg Karmel zusammengerufen hatte, sagt er zu dem Volke, 221um es vom Götzendienste abzubringen: „Wie lange werdet ihr noch hinken nach beiden Seiten? Wenn einer der Herr Gott ist, so folgt diesem!“ Und bei dem Brandopfer spricht er so zu den Priestern der Götzenbilder: „Ihr werdet anrufen im Namen eurer Götter, und ich werde anrufen im Namen des Herrn, meines Gottes, und welcher Gott heute uns erhören wird, der ist der wahre Gott“. Mit diesen Worten kennzeichnet der Prophet ihre vermeintlichen Götter als keine wahren Götter, und er bekehrte sie auch zu dem Gott, an den er selbst glaubte, und der in Wahrheit Gott war, wie er ihn auch mit den Worten anrief: „Herr Gott Abrahams, Gott Isaaks und Gott Jakobs, erhöre mich heute, damit dieses ganze Volk hier erkenne, daß Du der Gott Israels bist“.
§ 4
Auch ich also rufe Dich an, Herr Gott Abrahams, Gott Isaaks und Gott Jakobs und Israels, der Du der Vater unseres Herrn Jesu Christi bist, — o Gott, der Du durch die Größe Deiner Barmherzigkeit so freundlich Dich uns geoffenbart hast, der Du die Erde und den Himmel gemacht hast, Du allerhöchster Herr, Du einziger und wahrer Gott, über dem es keinen andern Gott gibt, laß doch durch unsern Herrn Jesus Christus den Heiligen Geist in uns herrschen, lasse doch jeden, der dieses Buch liest, Dich erkennen, daß Du allein Gott bist, in Dir stark werden und abstehen von aller häretischen, gottlosen und frevelhaften Gesinnung!
§ 5
Ebenso scheidet der Apostel Paulus die, welche nicht Götter sind, von dem, der in Wahrheit Gott ist, wenn er sagt: „Wenn ihr einst denen dientet, die nicht Götter waren, so erkennet ihr jetzt Gott und werdet von Gott erkannt“. Und wenn er abermals von dem Antichrist sagt: „Der sich widersetzt und erhebt über alles, was Gott heißt oder göttlich verehrt wird“, so meint er die, welche von denen, die Gott nicht kennen, Götter genannt werden, d. h. die Götzen. Denn 222der Allvater heißt Gott und ist es, und über ihn wird sich der Antichrist nicht erheben, sondern über die, welche Götter genannt werden und es nicht sind. Das bestätigt Paulus selbst, indem er sagt: „Wir wissen, daß ihr Götze nichts ist, und daß kein anderer Gott ist als der eine. Denn wenn es auch solche gibt, die Götter genannt werden, sei es im Himmel oder auf der Erde, so haben wir doch nur einen Gott, den Vater, von dem alles ist, und für den wir sind, und einen Herrn Jesum Christum, durch welchen alles ist und wir durch ihn“. Er unterscheidet also scharf, die Götter genannt werden, es aber nicht sind, von dem einen Gott Vater, aus dem alles ist, und bekannte auch für seine Person auf das bestimmteste den einen Herrn Jesus Christus. Wenn er aber sagt: „Sei es im Himmel oder auf der Erde“, so will er damit nicht, wie manche es deuten, die Schöpfer der Welt bezeichnen, sondern er drückt sich nur ähnlich aus wie Moses, der da sagt: „Du sollst dir kein Bild von Gott machen, weder im Himmel oben, noch auf der Erde unten, noch im Wasser unter der Erde“. Was er aber mit dem Himmel meint, erklärt er selbst, indem er sagt: „Daß du nicht etwa deine Augen zum Himmel erhebest und die Sonne schauest und den Mond und die Sterne und alle Pracht des Himmels, und dich irrest und sie anbetest und ihnen dienest“. Moses selbst, der Mann Gottes, durfte zwar als Gott vor Pharao sich zeigen, aber er wird von den Propheten wahrlich nicht Gott oder Herr genannt; sondern einen treuen Knecht und Diener Gottes nennt ihn der Geist, wie er es in Wirklichkeit auch war.