§ 1
Andere sagen, Paulus allein, dem das Geheimnis der Offenbarung anvertraut wurde, habe die Wahrheit erkannt. Diese widerlegt Paulus selbst, indem er sagt, ein und derselbe Gott habe dem Petrus das Apostolat der Beschneidung und ihm das der Heiden übertragen. Keinen andern Gott also hatte Petrus wie Paulus, und denselben Gott und Gottessohn, welchen Petrus unter den Juden verkündete, den verkündete auch Paulus unter den Heiden. Denn unser Herr kam nicht bloß, um den Paulus zu erlösen, noch ist Gott so arm, daß er nur einen Apostel gehabt hätte, der die Heilsordnung seines Sohnes erkannte. Und indem Paulus sagt: „Wie schön sind die Füße derer, die Gutes verkünden, die den Frieden verkünden“, bekundet er deutlich, daß es nicht bloß einen, 264sondern mehrere gibt, die die Wahrheit verkünden. Und nachdem er in dem Briefe an die Korinther alle die aufgezählt hatte, die den Herrn nach der Auferstehung gesehen haben, fügt er hinzu: „Ob nun ich oder jene, so verkünden wir, wie ihr geglaubt habt“. Womit er bekennt, daß alle ein und dasselbe verkünden, die den Herrn nach der Auferstehung gesehen haben.
§ 2
Als Philippus den Vater sehen wollte, antwortete der Herr ihm: „So lange Zeit bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt? Philippus, wer mich sieht, sieht auch den Vater. Wie nun sagst du: Zeige uns den Vater? Ich nämlich bin in dem Vater, und der Vater ist in mir, und schon habt ihr ihn erkannt und gesehen“. Wenn nun der Herr ihnen das Zeugnis ausstellt, daß sie in ihm den Vater erkannt und gesehen haben — der Vater aber ist die Wahrheit — dann können nur falsche Zeugen und solche, die sich von der Lehre Christi ganz abgewendet haben, behaupten, jene hätten die Wahrheit nicht erkannt. Wozu nämlich sandte denn der Herr die zwölf Apostel zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel, wenn sie die Wahrheit nicht gekannt haben? Wie predigten denn die Siebenzig, wenn sie nicht zuvor die Predigt der Wahrheit erlernt haben? Oder wie konnte Petrus in Unkenntnis sein, da der Herr selber ihm das Zeugnis gibt, „daß nicht Fleisch und Blut ihm geoffenbart haben, sondern sein Vater, der im Himmel ist?“ Er ist also so wie „Paulus Apostel nicht von Menschen, noch durch einen Menschen, sondern durch Jesum und Gott den Vater“, indem der Sohn sie zum Vater führt und der Vater ihnen den Sohn offenbart.
§ 3
Denen aber, die den Paulus wegen der bekannten Streitfrage an die Apostel verwiesen, gab er nach und zog zu ihnen mit Banabas nach Jerusalem hinauf, und zwar aus dem Grunde, daß auch von jenen die Freiheit der Heiden bestätig würde. Davon spricht er selber im Briefe an die Galater: „Alsdann nach vierzehn Jahren zog ich hinauf nach Jerusalem mit Barnabas und 265nahm auch den Titus mit. Ich zog aber hinauf gemäß der Offenbarung und verglich mit ihnen das Evangelium, das ich unter den Heiden predige“. Und bald darauf: „Eine Stunde unterwarfen wir uns willig, damit die Wahrheit des Evangeliums bei euch verbliebe“. Wenn jemand also nach der Apostelgeschichte sorgfältig die Zeit bestimmen will, in der er nach Jerusalem in der erwähnten Angelegenheit hinaufzog, so wird er auf die von Paulus angegebenen Jahre kommen, so daß die Zählung Pauli mit dem Zeugnis des Lukas über die Apostel völlig übereinstimmt.