§ 1
Gott ist also Mensch geworden, und der Herr selbst wird uns erlösen, indem er das Zeichen der Jungfrau gibt. Falsch ist daher die Deutung derer, die da wagen, die Schrift so zu erklären: Siehe, ein Mädchen wird im Leibe haben und einen Sohn gebären. So übersetzen es Theodotion aus Ephesus und Aquila aus Pontus, beides jüdische Proselyten; ihnen folgen die Ebioniten, 300die da sagen, er sei der natürliche Sohn Josephs. Damit zerstören sie die großartigen Heilspläne Gottes, soviel an ihnen ist, und vernichten das Zeugnis der Propheten, das Gott kundgetan hat. Denn noch vor der babylonischen Gefangenschaft, d. h. bevor noch die Meder und Perser die Herrschaft antraten, wurde es geweissagt und ins Griechische übersetzt von den Juden selbst lange vor den Zeiten der Ankunft des Herrn, sodaß der Verdacht völlig ausgeschlossen ist, die Juden hätten dies so uns zuliebe übersetzt. Hätten sie unsere zukünftige Existenz bloß geahnt und gewußt, daß wir diese Zeugnisse aus den Schriften gebrauchen würden, so hätten sie niemals Bedenken getragen, selbst Ihre Schriften zu verbrennen, die da kundtun, daß auch alle übrigen Völker an dem Leben Anteil haben sollen, und die da zeigen, daß die, welche sich als das Haus Jakobs und das Volk Israel rühmen, von der Gnade Gottes enterbt sind.
§ 2
Bevor nämlich die Römer sich ihres Reiches bemächtigten, als noch die Mazedonier Asien besaßen, da bat Ptolomäus, der Sohn des Lagus, die Jerusalemitaner, ihre Schriften ins Griechische zu übersetzen, weil er seine in Alexandria angelegte Bibliothek mit den vorzüglichsten Schriftwerken aller Länder auszustatten wünschte. Jene nun, die damals noch den Mazedoniern untertan waren, schickten siebzig Älteste, die in den Schriften besonders bewandert waren und beide Sprachen beherrschten, zu Ptolomäus, damit sie seinem Wunsche willfahrten. Um aber sicher zu gehen, und weil er fürchtete, daß sie vielleicht auf Verabredung die Wahrheiten der Schrift in ihrer Übersetzung verbergen möchten, sonderte er sie voneinander ab und ließ alle dieselbe Schrift übersetzen, und so machte er es mit allen Büchern. Als diese nun vor Ptolomäus zusammen kamen und ihre Übersetzungen verglichen, da sagten alle zum Ruhme Gottes und zur Beglaubigung des göttlichen Charakters der Schriften dasselbe mit denselben Worten und denselben Ausdrücken von Anfang bis zu Ende, sodaß auch die anwesenden Heiden erkannten, daß unter göttlicher Inspiration die Schriften übersetzt waren. Und es ist wahrlich nicht wunderbar, wenn Gott bei 301ihnen dies gewirkt hat. Hatte er doch auch nach der siebzigjährigen Gefangenschaft unter Nebukadnezar, als die Juden unter Artaxerxes in ihre Heimat zurückkehrten, da die Schriften verloren gegangen waren, dem Priester Esdras aus dem Stamme Levi eingegeben, daß er sich an alle Reden der früheren Propheten erinnerte and dem Volke das Gesetz wiederherstellte, das durch Moses gegeben war.
§ 3
So sind also getreu und unter dem Beistand Gottes die Schriften übersetzt, durch die Gott unsern Glauben an seinen Sohn vorbereitete und erneuerte. So hat er uns in Ägypten die Schriften unverfälscht bewahrt, wo auch das Haus Jakobs groß wurde, als es vor der Hungersnot in Kanaan floh, und wohin auch unser Herr sich rettete, als er der Verfolgung des Herodes sich entzog. Diese Übersetzung ihrer Schriften ist angefertigt, bevor unser Herr herabstieg, und bevor die Christen sich zeigten. Denn unser Herr wurde erst um das einundvierzigste Jahr der Regierung des Augustus geboren, und viel älter ist Ptolomäus, unter dem die Schriften übersetzt wurden. Als wahrhaft schamlos und frech offenbaren sich also diejenigen, welche jetzt eine andere Übersetzung anfertigen wollen, wo sie aus den Schriften selbst von uns überführt werden und zum Glauben an die Ankunft des Sohnes Gottes gezwungen werden. Sicher aber und nicht erdichtet und allein wahr ist unser Glaube, der den klaren Beweis aus den Schriften für sich hat, die auf die angegebene Weise übersetzt sind, und die unverfälschte Verkündigung der Kirche. Denn die Apostel, die doch älter sind als jene, stimmen mit der genannten Übersetzung überein, und die Übersetzung mit der Tradition der Apostel. Denn Petrus und Johannes und Matthäus und die übrigen alle samt ihren Schülern verkünden alle Worte der Propheten so, wie es in der Übersetzung der Ältesten enthalten ist.
§ 4
Es ist also ein und derselbe Geist Gottes, der in den Propheten gesprochen hat, wo und wie der Herr erscheinen werde, und der in den Ältesten gut übersetzt hat, was gut geweissagt war. Derselbe hat auch durch die Apostel verkündet, daß die Fülle der 302Kindschaftszeiten gekommen und das Reich des Himmels nahe sei und in den Menschen wohne, die an den Emmanuel glauben, der aus der Jungfrau geboren ist. So bezeugen sie selbst, daß bevor noch Joseph mit Maria zusammenkam, die also in ihrer Jungfräulichkeit verblieb, sie als schwanger vom Hl. Geiste erfunden wurde. Und daß der Engel Gabriel ihr sagte: „Der Heilige Geist wird ankommen in dir, und die Kraft des Allerhöchsten wird dich überschatten, deswegen wird das Heilige, das aus dir geboren werden wird, Sohn Gottes genannt werden“. Und zu Joseph sprach der Engel im Traum:”Dies aber ist geschehen, damit erfüllt würde, was gesagt ist von dem Propheten Isaias: Siehe, die Jungfrau wird im Mutterleibe empfangen“. Die Ältesten haben aber die Worte des Isaias so übersetzt: „Und es fuhr fort der Herr zu sprechen zu Achaz: Verlange dir ein Zeichen von dem Herrn, deinem Gotte, in der Tiefe unten oder in der Höhe oben. Und es sprach Achaz: Nicht werde ich fordern noch versuchen den Herrn, und er sprach: Kein Kleines ist es euch, Beschwerde zu machen den Menschen, und wie macht der Herr Beschwerde? Deswegen wird der Herr selbst euch das Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird im Leibe empfangen und einen Sohn gebären, und ihr werdet seinen Namen Emmanuel nennen. Butter und Honig wird er essen; bevor er erkennt oder erwählt das Böse, wird er das Gute eintauschen, denn bevor das Kind das Böse oder Gute erkennt, wird es dem Bösen nicht zustimmen, um das 303Gute zu wählen“. Genau also hat durch diese Worte der Heilige Geist seine Geburt aus der Jungfrau und seine göttliche Wesenheit bezeichnet. Letzteres bezeichnet nämlich der Name Emmanuel, und seine menschliche Natur bezeichnen die Worte: „Butter und Honig wird er essen“, und die Benennung als Kind durch diese Worte: „Bevor er das Gute und Böse erkennt.“ Das alles sind Zeichen eines Menschenkindes. Daß er aber „dem Bösen nicht zustimmen wird, um das Gute zu erwählen“, bezeichnet seine göttliche Natur. So sollen wir ihn also nicht als bloßen Menschen betrachten, der Butter und Honig ißt, noch andrerseits in ihm einen Gott ohne Leib vermuten, wie der Name Emmanuel nahe legen könnte.
§ 5
Indem er ferner sagte: „Höret ihr vom Hause Davids“, zeigte er an, daß aus einer Jungfrau von dem Geschlechte Davids jener geboren werden sollte, von dem Gott dem David verheißen hatte, daß er ihm von der Frucht seines Leibes einen ewigen König erwecken werde. Deshalb verhieß er ihm auch aus der Frucht seines Leibes und nicht aus der Frucht seiner Lenden oder Nieren den König — das erstere bezeichnet die schwangere Jungfrau, das zweite den zeugenden Mann und das empfangende Weib. Es schloß also die Schrift bei dieser Verheißung die Genitalien des Mannes aus und erwähnt sie nicht, da der, welcher geboren werden sollte, nicht aus dem Willen des Mannes war. Mit Nachdruck aber betont sie die Frucht des Leibes, um die Geburt dessen zu verkünden, der aus der Jungfrau geboren werden sollte, wie Elisabeth, vom Heiligen Geiste erfüllt, bezeugt, indem sie zu Maria spricht: „Du bist gebenedeiet unter den Weibern, und gebenedeiet ist die Frucht deines Leibes“. So tat der Heilige Geist allen kund, die hören wollen, daß seine Verheißung, er werde aus der Frucht des Leibes den König erwecken, in der Jungfrau erfüllt ist, d.h. in der Geburt Mariens. Die also aus der „Jungfrau“ bei Isaias eine „junge Frau“ machen und ihn den Sohn Josephs sein lassen, die mögen auch die Verheißung, die bei David geschrieben steht, ändern, wo Gott ihm versprach, er werde ihm aus der Frucht seines Leibes ein Hörn erwecken, d. h. das Reich Christi. Aber sie haben die Stelle nicht verstanden, sonst hätten sie auch versucht, diese abzuändern.
§ 6
Mit den Worten: „In der Tiefe unten oder in der Höhe oben“, bezeichnete Isaias, daß der, welcher hinabstieg, derselbe war als der, welcher hinaufstieg, und die 304Worte: „Der Herr selbst wird euch ein Zeichen geben“, weisen hin auf den einzigartigen Charakter seiner Geburt, die nur deswegen so geschah, weil Gott der Herr, der Gott aller, im Hause Davids das Zeichen gab. Was wäre es aber Großes oder überhaupt Kennzeichnendes gewesen, wenn eine junge Frau nach der Empfängnis vom Manne geboren hätte? Das ist doch der gewöhnliche Lauf der Dinge. Weil aber mit Gottes Hilfe ein ganz ungewöhnliches Heil den Menschen werden sollte, darum geschah auch die ungewöhnliche Geburt aus einer Jungfrau, indem Gott dieses Zeichen gab und kein Mensch es bewirkte.
§ 7
Ebenso bezeichnete Daniel, indem er die Ankunft des Herrn voraussah und verkündete, daß er „als ein ohne Hände losgerissener Stein in diese Welt kommen werde“, durch die Worte: „Ohne Hände“, daß nicht durch das Zutun menschlicher Hände, d.h. jener Männer, von welchen die Steine gewöhnlich gebrochen werden, seine Ankunft in dieser Welt erfolgen werde, d.h. nicht durch das Zutun des Joseph, sondern allein, indem Maria mit dem Heilsplan mitwirkte. Dieser „Stein“ nämlich ist von der Erde und besteht durch die Kraft und Kunst Gottes. Deswegen spricht auch Isaias: „So spricht der Herr: „Siehe, ich lege in die Fundamente Sions einen kostbaren, auserwählten, einen Haupt-, Eck- und Ehrenstein“, damit wir verstehen sollen, daß seine Ankunft in menschlicher Gestalt nicht aus dem Willen eines Mannes, sondern aus dem Willen Gottes erfolgt sei.
§ 8
Deshalb warf auch Moses vorbildlich den Stock auf die Erde, damit er dadurch, daß er Fleisch wurde, alle Widerspenstigkeit der Ägypter, die sich gegen die göttliche Anordnung erhob, zurückwies und brach, und damit die Ägypter selbst bezeugen sollten, dies ist der Finger Gottes, der seinem Volke Heil verschafft, und nicht der Sohn Josephs. Denn wenn er bloß der Sohn Josephs gewesen wäre, wie hätte er dann mehr 305vermocht als Salomon oder Jonas oder David, da er doch aus demselben Geschlecht und Stamme war? Wozu hätte er auch den Petrus selig gepriesen, weil dieser erkannt hatte, daß er der Sohn des lebendigen Gotte« sei?
§ 9
Außerdem hätte er auch nicht König sein können, wenn er der Sohn Josephs gewesen wäre, noch Erbe nach Jeremias. Joseph nämlich wird aufgeführt als der Sohn des Joachim und Jechonias. Jechonias aber und alle seine Nachkommen waren nach Jeremias von der Königsherrschaft ausgeschlossen. Es heißt daselbst: „So wahr ich lebe, spricht der Herr, wenn geworden wäre Jechonias, der Sohn des Joachim, der König von Juda, ein Siegel an meiner rechten Hand, so hätte ich ihn losgerissen von da und ihn übergeben in die Hand derer, die seine Seele suchten“. Und ferner: „Entehrt ist worden Jechonias wie ein Gefäß, das man nicht mehr gebraucht, verworfen ist er in ein Land, das er nicht kannte. Erde, höre das Wort des Herrn: Schreibe diesen Mann als einen abgesetzten Menschen, weil nicht wachsen wird von seinem Samen einer, der sitzen wird auf dem Throne Davids als Fürst in Juda“. Und wiederum spricht Gott über Joachim, seinen Vater: „Deshalb spricht der Herr so über Joachim, seinen Vater, den König Judäas: Denn nicht wird sein aus ihm einer, der sitzt auf dem Throne Davids, und sein Leichnam wird weggeworfen werden in der Hitze des Tages und in der Kälte der Nacht, und ich werde herabschauen auf ihn und seine Söhne, und ich werde herabbringen auf sie und auf die, welche wohnen in Jerusalem und im Lande Juda, alle Übel, die ich gesprochen habe über sie“. Die ihn also einen Sohn Josephs sein lassen und trotzdem auf ihn ihre Hoffnung setzen, die schließen sich selbst vom Reiche aus und stellen sich unter den Fluch und die Verwünschung, die über Jechonias und seinen Samen ausgesprochen ist. Deswegen nämlich hat der Geist solche Worte über Jechonias 306gesprochen, weil er das voraussah, was von schlechten Lehrern würde gelehrt werden, damit sie wissen sollen, daß er aus seinem Samen, d. h. aus Joseph, nicht werde geboren werden, sondern daß nach der Verheißung Gottes aus dem Mutterleibe Davids der ewige König werde erweckt werden, der in sich alles rekapitulieren würde und die alte Schöpfung in sich auch rekapituliert hat.
§ 10
Denn wie durch eines Menschen Ungehorsam die Sünde ihren Eingang hatte und durch die Sünde der Tod die Überhand gewann, so ist durch den Gehorsam eines Menschen die Gerechtigkeit auf die Welt gekommen und brachte als Frucht für die Menschen, die einst gestorben waren, das Leben. Und wie jener Adam, das erste Geschöpf, aus der unbebauten und noch jungfräulichen Erde — denn noch hatte Gott nicht regnen lassen und noch hatte kein Mensch die Erde bebaut — seine Wesenheit erhielt und durch die Hand Gottes, d. h. durch das Wort Gottes, — denn alles ist durch dasselbe gemacht worden — gebildet wurde, und wie der Herr Schlamm von der Erde nahm und den Menschen bildete, so nahm das persönliche Wort, in sich den Adam rekapitulierend, geziemenderweise aus Maria, die noch Jungfrau war, seinen Ursprung zur Rekapitulierung Adams. Wenn demgemäß der erste Adam als Vater einen Menschen gehabt hätte und aus dem Samen eines Mannes geworden wäre, dann könnten sie mit Recht sagen, auch der zweite Adam wäre aus Joseph geworden. Wenn aber jener von der Erde genommen und von dem Worte Gottes gebildet wurde, dann mußte auch das Wort selbst, Adam in sich rekapitulierend, in seiner Geburt ihm ähnlich sein. Warum nahm aber Gott nicht wiederum den Schlamm, sondern vollzog aus Maria seine Gestaltung? Damit dasselbe Geschöpf gebildet wurde, welches gerettet werden sollte, und in der Rekapitulierung gerade die volle Ähnlichkeit gewahrt wurde.