§ 1
Ebenso verharren auch die in der Knechtschaft des alten Ungehorsams und sterben, die da sagen, er stamme als bloßer Mensch von Joseph ab. Da sie mit dem Worte Gottes des Vaters noch nicht vereint sind, empfangen sie durch den Sohn auch nicht die Freiheit, wie er selbst sagt: „Wenn der Sohn euch wird aus der Knechtschaft befreit haben, werdet ihr wahrhaft frei sein“. Kennen sie nicht den Emmanuel aus der Jungfrau, so berauben sie sich seines Geschenkes, welches das ewige Leben ist, und empfangen nicht das Wort der Unverweslichkeit, sondern verharren in dem sterblichen Fleische und sind Schuldner des Todes, weil sie die Arznei des Lebens nicht nehmen. Zu ihnen spricht das Wort, indem es auf sein Gnadengeschenk hinweist: „Ich habe gesagt, Götter seid ihr und Söhne des Allerhöchsten alle; ihr aber werdet wie Menschen sterben“. So spricht er zweifellos zu denen, die das Geschenk der Kindschaft nicht annehmen, sondern die Fleischwerdung der reinen Erzeugung des göttlichen Wortes verachten, indem sie den Menschen um die Erhebung zu Gott betrügen und undankbar gegen das Wort Gottes werden, das um ihretwillen Fleisch geworden ist. Dazu nämlich ist das Wort Gottes Mensch geworden und der Sohn Gottes zum Menschensohne, damit der Mensch das Wort in sich aufnehme und, an Kindesstatt angenommen, zum Sohn Gottes werde. Denn anders konnten wir nicht die Unvergänglichkeit und Unsterblichkeit empfangen, als indem wir mit der Unvergänglichkeit und Unsterblichkeit vereint würden. Wie hätten wir aber mit der Unvergänglichkeit und Unsterblichkeit 294vereint werden können, wenn nicht die Unvergänglichkeit und Unsterblichkeit vorher das geworden wäre, was wir sind, damit das Vergängliche von dem Unvergänglichen und das Sterbliche von dem Unsterblichen verschlungen werde und wir die Annahme an Kindesstatt empfingen?
§ 2
Wer wird daher seine Geburt erzählen, da er ein Mensch ist, und wer wird ihn erkennen? Der erkennt ihn, dem der Vater im Himmel es offenbart hat, damit er einsehe, daß der, welcher nicht aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen des Mannes als Menschensohn geboren wurde, Christus, der Sohn des lebendigen Gottes ist. Denn daß überhaupt keiner aus den Söhnen Adams schlechthin Gott genannt oder Herr geheißen wird, das haben wir aus den Schriften nachgewiesen. Alle aber, die nur ein wenig um die Wahrheit sich kümmern, können sehen, daß er allein von allen Menschen, die jemals gewesen sind, im eigentlichen Sinne als Gott und Herr und ewiger König und Eingeborener und fleischgewordenes Wort von allen Propheten und Aposteln und dem Geiste selber bekannt wird. Dies Zeugnis über ihn würden die Schriften nicht ausstellen, wenn er ähnlich wie alle ein bloßer Mensch gewesen wäre. Beide göttlichen Schriften bezeugen aber seine vor allem einzige glorreiche Geburt aus dem ewigen Vater und ebenso seine glorreiche Geburt aus der Jungfrau, und daß er als Mensch ohne Schönheit sein und leiden werde, daß er sitzen werde auf dem Füllen der Eselin, daß er mit Essig getränkt werden; und im Volke verspottet werden würde und in den Tod hinabsteigen, und daß er zugleich der heilige Herr und wunderbare Ratgeber und schön von Gestalt und der starke Geist sein werde, über den Wolken kommend als erster Richter des Weltalls, dies alles haben von ihm die Schriften verkündet.
§ 3
Wie er nämlich Mensch war, um versucht zu werden, so war er auch das Wort, um verherrlicht zu 295werden. Das Wort ruhte, damit er versucht, verunehrt, gekreuzigt werden und sterben konnte; es tat sich aber mit dem Menschen zusammen, damit er siegen, ausharren, sich liebreich erweisen, auferstehen und in den Himmel auffahren konnte. Dieser Sohn Gottes also ist unser Herr und das Wort des Vaters und der Sohn des Menschen. Denn insofern er aus Maria, die von Menschen abstammte und daher selbst ein Mensch war, sein Dasein empfing, ist er der Sohn des Menschen geworden. Deswegen gab auch der Herr selbst uns das Zeichen in der Tiefe und in der Höhe oben, das der Mensch nicht verlangt hatte, weil er gar nicht hoffte, daß eine Jungfrau, die wirklich Jungfrau war, schwanger werden und einen Sohn gebären könne. Und dieser ihr Sohn war der „Gott mit uns“, stieg herunter auf die Erde und suchte das verlorene Schaf, das doch sein eigenes Geschöpf war, und stieg hinauf in die Höhe, um seinem Vater den Menschen, den er gefunden hatte, anzubieten und zu empfehlen, und stand selber als erster von den Toten auf, damit, wie das Haupt, so auch der ganze übrige Leib des Menschen, der das Leben empfangen hatte, nach der für seinen Ungehorsam festgesetzten Zeit der Verdammnis auferstehe, durch die innigste Verbindung erstarkend und gekräftigt durch das Zutun Gottes, indem jedes Glied seinen eigenen und passenden Platz am Körper hat. Denn viele Wohnungen sind bei dem Vater, wie auch viele Glieder am Körper.